Rubicon: No Honesty in Men (1×09)

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Die erste Staffel ist zwar nicht zu Ende, aber ich gebe es zu: Ich hab mit Rubicon wieder von vorne angefangen, Episode für Episode. Dabei startet gerade die neue TV-Season und es bleibt einem kaum Zeit, die Augen zu schließen. Aber der Gedanke an Rubicon hält meine Augen weit offen. Beim wiederholten Zuschauen habe ich etwas entdeckt. Obwohl – das stimmt auch nicht ganz: ich habe viel entdeckt. Und nein, ich hab nicht Rubicon entziffert oder eine von den Produzenten implizierte Bedeutung eindeutig festlegen können.

Aber das Wesentliche weiß ich: Rubicon ist Kunst in Serie. Die AMC-Produktion ist tatsächlich mit solcher Liebe fürs Detail gemacht, mit solcher erzählerischer und audiovisueller Virtuosität, dass sie nahezu jeden Gedankengang möglich macht und jede Verbindung plausibel erscheinen lässt. „Connect the Dots.“ Die Wiederholung ist der Schlüssel. Was meine ich damit? Erst beim zweiten Zuschauen versteht man, was damit gemeint ist, wenn man die Aufforderung Verbindungen herzustellen als Zuschauer annimmt und die Gedanken durch die Welt- und Kulturgeschichte springen oder aber ruhig spazierengehen lässt.

Zeit soll man sich bei Rubicon lassen, nicht weil die Serie zu langsam vorankommt, sondern weil sie zu viele Informationen liefert, wenn man bereit ist, sich auf diesen Fluss einzulassen, ihn zu überqueren. Aber dann gibt es keinen Weg zurück. Genau so wie Cäsar es 49 v. Chr. gemacht hat. Er hat den Fluss Rubicon überquert und mit „Die Würfel sind gefallen“ angekündigt, dass es kein Zurück mehr gibt und die Ereignisse ihren Lauf genommen haben. Auch „No Honesty in Men, Rubicon“ zeigt uns, dass die Ereignisse ihren Lauf genommen haben, und das wird auch den Beteiligten klar.

Dabei geht es nicht nur um die Verschwörung, sondern auch um die persönlichen Geschichten der Figuren. Aus diesem Grund ist die neue Episode auch eine über Beziehungen: Grant hat Eheprobleme, da seine Frau aus ihrem Job entlassen wurde und die Familie in finanzieller Not steckt. Grant kann ihr aber trotzdem nicht erklären, was er tut und warum er mit seinen Fähigkeiten nicht einen anderen Job sucht.

Er ist abhängig, wie alle anderen auch, abhängig von dem, was er tut und was er weiß. Rubicon zeigt uns die Figuren in ihrer Unmöglichkeit aufzuhören. Sie sind verfangen in Verweisketten, wo jede Spur zur nächsten führt und sich alles ständig verschiebt. Sie folgen diesen Verschiebungen und diesen Spuren, um nur noch mehr Spuren zu entdecken. Dabei hinterlässt man selbst Spuren, die von anderen aufgenommen werden. Die Orientierung geht nach und nach verloren.

Und mit der Orientierung geht auch das Vertrauen verloren. Wir sehen Will (James Badge Dale), wie er gar keinem mehr vertrauen kann. Nicht den Menschen, die in seiner Spurensuche involviert sind. Dafür vertraut er einer Unbekannten, seiner Nachbarin. Mitten in der Nacht verlässt er seine Wohnung und geht mit einer Flache Wein und einer Tomate zu ihr rüber. Die Erklärung: „You looked pretty.“ Ob sie Hunger hat, fragt er sie. Kennenlernen nach Wills Art. Will sucht nach einem Zufluchtsort, er rennt weg. Aber mit einem Blick über die Schulter, mit dem Blick in die eigene Wohnung. Denn wie wir wissen und gesehen haben, bietet die Wohnung seiner Nachbarin die perfekte Aussicht in diese Richtung.

Will kann doch nicht von seinen Nachforschungen weg. Die Ereignisse haben ihren Lauf genommen. Welche Rolle darin Andy (Annie Parisse), die Malerin, Nachbarin und jetzt romantische Zuflucht für Will, wohl spielen wird? Das Zusammenspiel zwischen Parisse und Dale demonstriert exzellent die An- und Entspannung der Figuren, ihre Unsicherheit und ihr Begehren. Ist Andy nur fasziniert von Wills Art und von dem, was um ihn herum geschieht, oder steckt mehr dahinter?

Beide beobachten, in derselben Nacht, nachdem sie miteinander schlafen, wie Donald Bloom Wills Wohnung durchsucht und weitere Wanzen platziert. In „Three Days of the Condor“, dem Spionage-Thriller aus dem Jahre 1975, fängt die Figur verkörpert von Robert Redford auch eine Romanze mit einer attraktiven Unbekannten (Faye Dunaway) an. Als Will Andy zu erklären versucht, was er tut, fragt sie ihn: „Like Robert Redford?“ Die Verweisketten gehen aus Rubicon hinaus und führen immer wieder hinein. Es gibt keine Zufälle.

Genau so kein Zufall ist Spanglers Auftauchen am frühen Morgen vor Kales Wohnung. Trotz Wills Verbindung mit Andy muss ich sagen, dass diese Episode Kale und Truxton gehört. Truxton bringt Kale (Arliss Howard) seinen Lieblingstee, „ginseng tea“, und fragt ihn, ob alles in Ordnung ist und man sich über Will Sorgen machen muss. Schon die Art wie Michael Cristofer (Spangler) das Wort „ginseng“ herausstottert, ist grandios. Truxton breitet weiterhin seinen bedrohlichen Schatten auf humorvoll-liebevolle Art aus.

In einer weiteren Szene mit Kale sorgt er für einmalige One-Liner, von „persistence brings vengeance“ (als Kale hartnäckig klopft) über „We take care of our own“ und „You remain the man I met in Syria. The man with blood on his hands. The second thing I admire about you is you don’t ask questions.“ zu „My cereal will get soggy“. Hier verbindet er mit einer imponierenden Leichtigkeit Autorität, Humor und Bedrohung. Er hat alles im Griff. Aber Kale scheint in dieser Episode zu wanken, etwas an Boden zu verlieren. Vielleicht deswegen seine Bemühung, Will bei seiner Untersuchung zu puschen.

Er gibt ihm weitere Hinweise über Tom Rhumer und die Kreuzworträtsel. Eins wissen wir jetzt: Kale und Truxton stecken nicht unter derselben Decke. In der Zwischenzeit findet Katherine (Miranda Richardson) heraus, dass einer der Jungs auf dem Foto Truxton Spangler heißt. Mitten in der Nacht geht sie zu API. Alle kommen sich näher in dieser Episode.
„There’s no trust, no faith, no honesty in men; all perjured, all forsworn, all naught, all dissemblers“, zitiert Truxton (vor Kale) Romeo und Julia und gibt so der Episode ihren Namen. Der Verweiskette folgend kommen wir zu einem anderen Namen in dieser Episode: Da Tanya auf Entzug ist, vertritt sie ausgerechnet Julia, die Übersetzerin. Für Miles die Chance, den Flirt fortzuführen. Welche Chance hat Will der Sache auf den Grund zu kommen? Hat sie überhaupt einen Grund?

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