Rubicon: The Truth Will Out (1×07)

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Falls ich mich nicht komplett versehen habe, verzeichnet Rubicon im Moment bessere Ratings als Mad Men und Breaking Bad am entsprechenden Punkt ihrer ersten Staffeln. Eine Tatsache, die den Verantwortlichen bei AMC bestimmt nicht entgehen wird. Ja, ich schreibe diese Zeilen mit Hoffnung – aber auch mit einer gewissen Angst, dass Rubicon vielleicht nicht verlängert wird und wir mit einem Kleeblatt in der Hand, an einer verlassenen Haltestelle auf einen Zug wartend, der nicht kommt, zurückgelassen werden.

Rubicons Zug ist zum Glück noch längst nicht abgefahren, sondern nimmt mit dem Fortschreiten der Staffel immer mehr Fahrt auf. Dabei bleibt sich die Serie treu: sie erhöht nicht das Tempo der Handlung, sondern das Tempo erhöht sich in unseren Zuschauerköpfen. Rubicon gleicht einem beidseitig beschrifteten Stückchen Papier, das zerknüllt auf der Straße liegt und bei jedem Windstoß ein anderes Wort vor unseren Augen entblößt. Die Aufgabe? Die einzelnen Wörter zu einem Sinn ergebenden Text zusammenzutragen.

Dieser Vergleich soll nicht den Eindruck erwecken, Rubicon sei vom Winde verweht. Nein: die Serie bewegt sich mit einer Zielgenauigkeit, die selbst Scharfschützen wie Leroy Jetro Gibbs (NCIS) schätzen würden.

In The Truth Will Out befiehlt das FBI einen Lockdown im American Policy Institute und sucht nach einem Maulwurf. Aus diesem Grund müssen sich die Mitarbeiter einem Lügendetektortest unterziehen, was so manches Problem mit sich bringt.

Bevor wir uns den “Enthüllungen” widmen, möchte ich den wieder einmal wortlosen Teaser hervorheben, in dem wir Zuschauer unseren Mitdenk-Test absolvieren. Rubicons Kameraarbeit ist von der ersten bis zur letzten Sekunde hervorragend, aber es ist immer wieder bewundernswert, wie viel Zeit sich die AMC-Produktion dafür nimmt, den Denkprozess einer Figur zu beschreiben: mit Hilfe einer langsamen Kamerafahrt oder wechselnden Perspektiven zwischen dem Blick auf die Figur und dem Blick der Figur auf etwas.

Damit wird zugleich der Denkprozess seitens der Zuschauer gefordert: Woran mag Will (James Badge Dale) in diesen ersten Sekunden wohl denken, als ihn die Kamera geradezu federleicht im Close-Up umkreist? Sein Blick fällt auf die Gegenstände in seiner Wohnung, die zum Verstecken der Wanzen dienten. Mitten in der Nacht geht Will in sein Büro – mit einem bestimmten Verdacht: In der Eule auf seinem Schreibtisch steckt auch eine Wanze.

Und genau hier fängt die Episode an: Die Wanze in der Eule! The Truth Will Out bewegt sich von diesem Punkt A zu einem Punkt B, an dem die Wanze während der FBI-Untersuchung plötzlich verschwunden ist, und dann zu … Punkt A zurück – am Ende befindet sich die Wanze wieder an ihrem alten Platz. Die Episode bekommt dadurch eine abgeschlossene Struktur, die das Gefühl, das in Will emporsteigt, widerspiegelt: Es gibt kein Entkommen, man wird zum Gefangenen des eigenen Blicks.

Die Wanze wird an dieser Stelle zu einem blinden Fleck im Sichtfeld, der die klare Sicht trübt und dem Blick des Beobachters nicht erlaubt, an seiner Stelle etwas zu sehen, weil er von der Stelle selbst schon seinerseits angeblickt wird. Daher ist Wills Frage berechtigt: „Who do we work for?“ Trotz aller Nachforschungen und Anstrengungen kann Will keine klare Sicht erlangen, da er sich selbst aus dem Gesamtbild nicht herausnehmen kann: sein Blick ist dem Bild eingeschrieben: An der Stelle “Wer ist hinter mir her?” kann er nichts sehen, denn er wird von dort aus schon angeblickt.

Den Beweis dafür findet er in Spanglers Office, während dieser den Lügendetektortest absolviert: Spangler (Michael Cristofer) steht mit Atlas McDowell in Verbindung und lässt Will beschatten, genauso wie er es zuvor mit David und Ed Bacroft gemacht hat. Kale Ingram (Arliss Howard) erwischt Will in Truxtons Büro – wieder einmal erleben wir einen dieser spannungsgeladenen, intensiven Momente, grandios von beiden Schauspielern inszeniert. Zum wiederholten Mal macht Kale Will klar, wie er auf andere wirkt, wie unbeholfen er das Spiel spielt.

James Badge Dale wiederum spielt perfekt Wills Fall in den Abgrund der Machtlosigkeit und der Entrüstung über die Welt, in der die Machtvollen die Machtlosen zermalmen, ohne es auch nur zu registrieren. Die tägliche Arbeit, die man absolviert und die in diesem Fall Will und seine Kollegen verrichten, ist im Grunde nichts anderes als eine Beschäftigungsstrategie, die ihre kaum zu verbergende Panik vor dieser Welt kaschiert. Spanglers Widmung an die Chefs der Abteilungen klingt wie eine Offenbarung: „I know you all barely know each other, and we like to keep it that way, but…“ Die Mitarbeiter haben nichts miteinander gemeinsam – bis auf ihre brillanten Fähigkeiten, Daten auszuwerten und Verbindungen herzustellen.

Rubicon zeigt auf, dass besondere Klugheit aus einem Menschen eine neurotische, unglückliche und schwer zugängliche Person machen kann, die zu viel trinkt (Tanya, Lauren Hodges), die Ehefrau betrügt bzw. zu betrügen beabsichtigt (Grant, Christopher Evan Welch) oder durch die Trennung von seiner Frau (Miles, Dallas Roberts) so durcheinander kommt, dass geheime Informationen im Taxi liegen bleiben. In den Köpfen dieser Menschen scheinen die Senkrechten aus dem weißen Treppenhaus des Gebäudes mit den vorbei huschenden Horizontalen der Autobahn zu kollidieren, die man hinter Wills und Miles’ Rücken durchs Fenster sieht.

Neurotisches Resultat: die langsamste Geheimdienstuntersuchung der TV-Geschichte, die nicht durch zwei Minuten Recherche oder den genialen Zug eines Computergenies entschieden wird. Wills Team macht in dieser Episode zwar einen kleinen Fortschritt im Fall George, aber von einer Lösung sind wir noch weit entfernt.

Immer wieder bringt Rubicon Seiten des beschrifteten Stückchens Papier in unser Blickfeld: Will, David, Katherine, Kale, den Fall George, vielleicht sogar die hübsche malende Nachbarin, die Will am Ende durch das Fenster beobachtet… Aber wir können nicht den ganzen Text lesen. Seine Lesbarkeit entzieht sich – in den Schatten, den die Kleeblätter werfen!

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