Rubicon: Wayward Sons (1×12)

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Rubicons Kameramann Michael Slovis sagt, die AMC-Produktion sei eine Serie für Menschen, die gern Bücher lesen. Um es mit Truxton Spangler (Michael Cristofer) in Wayward Sons zu sagen: „Indeed!“ Rubicon kombiniert das Feeling des Bücherlesens mit dem Betrachten von Gemälden.

Die Rubicon-Produzenten wollten den Zuschauern zu „suspenseful and literary experience for the audience“ verhelfen. In meinen Augen ist es ihnen gelungen. Rubicon braucht weder glamouröse Locations in mehreren Ländern noch High-Tech-Genies und High-Tech-Ausstattung, um die Welt in letzter Sekunde zu retten. Mutig übermittelt Rubicon eine andere Botschaft: Diese Welt ist nicht zu retten.

Dabei beschwört die Serie jedoch weder apokalyptische Szenarien herauf, noch arbeitet sie sich an Schwarz-Weiß-Oppositionen wie Gut und Böse ab. Sie seziert den Kern dieser Welt auf der Suche nach ihrem Antrieb: unter dem Mikroskop, mit Ruhe fürs Detail, mit all der Zeit, die das eben braucht.

Mit einem Stift, einem Blatt Papier und dem menschlichen Gehirn sucht Rubicon nach Verbindungen und Antworten. Und siehe da: In Zeiten cineastischer Spektakelwettkämpfe wirkt eine Aufnahme von Miles, der mit einem Zettel in der Hand durch die Zimmer rennt, spannender als ein Feuergefecht!

Den Spuren folgen, lautet die Parole. Aber wo führen sie hin? Zu einem Mann wie Truxton Spangler, der in seinem Büro sitzt und lächelt, nachdem er der Welt einen Schub verpasst hat, um noch mehr Macht zu bekommen? Die “Guten” verlieren in Rubicon. Sie kommen zu spät: weil das Spiel für sie zu komplex ist. Weil sie nicht die nötige Erfahrung mitbringen. Weil sie zu wenige sind. Weil ihre Beteiligung an diesem Spiel es erst recht in Bewegung gesetzt hat und sie es nicht ungeschehen machen können. Weil ihnen klar umrissene, “böse” Gegenspieler fehlen.

Will & Co. werden immer schon zu spät gekommen sein. Rubicon erzählt vom Spurenlesen – und von einem Verdacht, den die französische Philosophie spätestens seit Jacques Derrida in unser heutiges Denken eingebracht hat: Die Spuren verweisen… auf weitere Spuren. Und die wieder auf Spuren. Ihr Ursprung, die Wahrheit, entzieht sich – und bleibt entzogen. Wer in dieses Verweisspiel eingreift, wird selbst Teil des Spiels, hat es niemals ganz unter Kontrolle.

Warum also müssen Will und sein Team zu spät kommen? Weil sie noch immer daran glauben, dass Grenzen existieren, die niemals jemand überschreitet: egal, wieviel Profit und Macht das brächte. Sie gehen davon aus, dass manche den Rubicon überqueren – Kateb, die Bösen, Caesar – manche aber keinesfalls: das eigene Unternehmen, Kale, Spangler. Wills Irrtum liegt der ganzen Geschichte voraus: er liegt in seiner Haltung zur Welt, seinen ethischen Überzeugungen.

In dieser Episode wird endlich die Geschichte der historischen Rubicon-Überschreitung erzählt: von Kale (Arliss Howard) für Katherine (Miranda Richardson). Kale ist einer der großen Erzähler Rubicons (sein Gegenpol: Truxton Spangler): In einer der ersten Episoden sagte er über sich selbst, er denke innerhalb eines idealistischen, am Guten orientierten Rahmens. Nun: das gilt mindestens ebenso für Will. Er ist unglaublich klug, passt aber seine Fähigkeiten in jenen Rahmen ein. Er muss lernen, in Maßstäben zu denken, die der Situation nach Caesars Rubicon-Überquerung angepasst sind, während er immer glaubte, noch davor zu stehen: die Überschreitung ist nicht zu verhindern, sie ist – immer schon – geschehen.

Die Überquerung des Flusses von A nach B ist das Eine. Das Andere: das Fließen selbst. Rubicon erzählt uns durchaus von zwei Sorten Menschen: von solchen, die das Beste für ihr Land und ihre Mitmenschen wollen, und solchen, die das Beste für sich selbst wollen. Aber: diese Abgrenzung ist selbst ein Fluss, fließend, instabil und unverlässlich. „Do not mistake fluidity for chaos“, sagt Truxton am Anfang der Episode zu seinen Partnern. Das bedeutet: es muss nicht unbedingt apokalyptisches Chaos entstehen, wenn beide Seiten ineinander überfließen – nur im Denken derer, die in Schwarz-Weiß-Kategorien denken.

Caesars Überqueren des Rubicon bedeutete das Ende des römischen Imperiums in seinem bisherigen Zustand. Auch das Imperium United States zerbröckelt in Rubicon – weil die Menschen, die das Unheil verhindern könnten, nicht über ihre Denk-Rahmen hinaus gelangen. Wenn man es dann bemerkt, ist es zu spät – genau wie bei Caesar. „It’s started“, sagt Truxton.

Wills Position innerhalb des Spiels machte ihn blind dafür, dass seine Züge schon mitberechnet sind. Erinnern wir uns an den Teaser mit Ed und Will, die im Park Schach spielen: Will missversteht Eds Spiel-Metaphorik. Es geht nicht darum, die Spielregeln zu kennen, sondern daran zu denken, dass vielleicht gerade die eigenen Züge dem Gegner zum Sieg verhelfen können: Das Spiel umfasst, umrahmt beide Seiten. Es wird nicht von einer gesteuert.

Konsequenterweise sieht sich auch Truxton selbst mit Bewegungen konfrontiert, die er nicht erwartet hätte: etwa Kales Parteinahme für Will. Geradezu schizophren steht er zwischen dem sachlichen, klaren Wissen um seine Position auf dem Schachbrett – und dem unkontrollierbaren Fließen der Emotionen.

Immer wieder: Kale, David, Will – was bedeuten sie Truxton wirklich? Lässt sich diese Frage überhaupt noch beantworten? Gibt es eine Balance zwischen Objektivität und der Bereitschaft, sich innerlich noch anrühren zu lassen? Truxtons zitternde Hände am Fenster: zeigen sie uns echtes Empfinden für Kale, Will und David? Oder nur einen Augenblick der Angst davor, dass der Plan fehlschlagen könnte?

Wie uns Wayward Sons zur Vollendung dieses Plans führt, ist jedenfalls grandios. Sein ausführendes Organ, Kateb, haben wir bis jetzt nie zu Gesicht bekommen – bis auf die ersten Minuten dieser Episode. Aber beschrieben wird Kateb nicht so sehr durch seine visuelle Präsentation, sondern durch die Parallelerzählung, in der ihm die Befragungen seiner Freunde und Verwandten in New Jersey ein Gesicht geben. Schmerzvoll die Erinnerungen an Joe Purcell / Kateb seitens dieser Menschen – und ebenso schmerzvoll der Gedanke, dass er aus ihrem Leben verschwunden ist, um Böses anzurichten. „Carry on, my wayward son!“ So spielt Katebs Musik.

Schmerzvolle Kontraste: von Beginn an haben sie Rubicons bildliche Sprache geprägt. Obwohl Kateb in Texas gezeigt wird und Will und Grant nach New Jersey fahren – offene Landschaften, große, offene Befragungsräume – bleibt das Thema der Begrenzung und Einrahmung immer präsent. Will, Katherine und Kateb befinden sich in kleinen Räumen, getaucht in bräunliche Färbung: gefangen. Die Außenwelt kann man nur durch einen bestimmten Rahmen sehen – etwa, aus der Perspektive des rauchenden Truxton, durch einen Fensterspalt. Bestes Bild der Episode: Grant befragt Katebs Highschool-Freundin Virginia; gegen die weißen Wände der Cafeteria sind die beiden als Silhouetten zu sehen: allein auf der Suche nach Wahrheit in einer Welt, die sich nicht einrahmen lässt.

Und Will? Immer kommt er pünktlich, zu jedem kleinen Termin – aber zu großen, wichtigen Ereignissen gelingt ihm das niemals. Nicht, als seine Familie starb, und nicht, als Kateb die Grenze in die USA überquert. Zu spät fand Will heraus, was es mit David und den Kreuzworträtseln auf sich hatte: David starb. Zu spät findet er heraus, was Kateb vorhat: nämlich in dem Augenblick, da es gerade geschehen ist! Die Öl-Geschichte – die Verschwörer wollen ihre Positionen im ölreichen Nigeria stabilisieren – erscheint da beinah nebensächlich…

Der Blutfleck in Wills Wohnung, den er am Anfang der Episode wegwischt, kann nicht weggewischt werden. Es ist kein Zufall, dass wir Will die ganze Episode lang mit einem Blutfleck am Kopf sehen. Der Fleck ist er selbst: sein eigenes Versagen – nicht das des Cleaners, der den Fleck nicht beseitigt hat: mit Will überlebt auch sein Makel. Will hat, im übertragenen Sinne, tatsächlich Blut an den Händen – weil er zu spät gekommen ist, wieder einmal.

Am Ende bricht er zusammen: ein leises Irrewerden an der Wucht des Spiels.

In meinen Augen wäre Wayward Sons ein gutes Finale der ersten Staffel gewesen – ich habe wirklich keine Ahnung, wohin uns das tatsächliche Finale noch führen wird.

Meet me in St. Louis?

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