Game of Thrones: Garden Of Bones (2×04)

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Äpfel mit Birnen vergleichen. Oder sollte ich besser sagen: Äpfel mit Pfirsichen? Unausweichlich drängen sich für die Kenner der Vorlage Vergleiche auf bei Game of Thrones: zwischen Buch und Verfilmung, vor allem in einer Episode wie Garden of Bones, die interessante Veränderungen vornimmt. Ich weiß: ich habe selbst versprochen, Abstand von solchen Vergleichen zu nehmen und mich in diesen Texten nur um die Besprechung der neuen Episoden zu kümmern. Aber damit wir uns wirklich ein gutes Bild davon machen können, wie die Game of Thrones-Produzenten ihre Erzählung präsentieren – und vielleicht auch, warum -, müssen wir uns mit Äpfeln und Pfirsichen beschäftigen, zwischen Äpfeln und Pfirsichen unterscheiden.

Das heißt: zwischen dem Verlauf der Erzählung als Buch und ihrer Umsetzung auf der Leinwand resp. dem Bildschirm, so dass die Mischung für den Zuschauer stimmt. Der wichtigste Unterschied zwischen beiden liegt im Blick auf die Ereignisse. Im Buch ist es ein Blick “mit”: mit Aryas Augen, mit Tyrions Augen, mit Catelyns etc. In der Verfilmung ist es ein Blick “auf” die Ereignisse, für den man gar keine richtige Vorlage hat. Das bedeutet unausweichlich das Hervorheben von Szenen, die im Buch wie kleine Details wirken, oder das Schaffen neuer Szenenkonstellationen, um bestimmte Gemütszustände oder Figurencharaktere zu veranschaulichen, da ja die Zuschauer nicht das Privileg genießen, im Kopf der Protagonisten zu stecken. Man kann sicher lange darüber streiten, was davon gelungen ist und was nicht, aber man sollte nicht vergessen, dass sowohl ein Apfel als auch eine Birne  oder ein Pfirsich Früchte sind. Also liegt die Differenz in unseren Geschmacksnerven! Für meinen Geschmack stellt die vierte Game of Thrones-Episode eine ziemlich fur/fru-chtbare Angelegenheit dar, ob im direkten oder im übertragenen Sinne. Die Eröffnungsszene – der plötzliche Flash von dem Direwolf-Gesicht, dann Schnitt auf die ausgeweidete Leiche – bietet ein Sinnbild für die dargestellte Welt: Sobald man ihr den Rücken dreht, das Licht ausmacht etc., fletscht sie die Zähne und beißt zu. Gnadenlos: Ohne Licht kein Schatten – und umgekehrt. Dort, wo sich der Garden of Eden zu befinden scheint, ist der Garden of Bones nicht weit. Sie fallen zusammen – so wie in Qarth, der berühmten Stadt, in der Dany und ihre Leute ihre Überlebenschance sehen.

Aber Qarth ist wie ein fauler Apfel: Man muss extrem aufpassen, in welche Hälfte man beißt, um nicht tot im “Garden of Bones” zu enden, den so genannten Feldern um Qarth herum. Daenerys, deren Serien-Reise sich schneller voran bewegt als in den Büchern, sieht sich mit Überheblichkeit und beinahe einem Erniedrigungsversuch konfrontiert, aber sie steht ihre Frau und findet Zugang zu diesem Garden of Eden; wie ein solcher nämlich sieht Qarth tatsächlich aus, als die Pforten geöffnet werden. Den paradiesischen Apfel bekommt Dany von einem gewissen Xaro Xhoan Daxos (Nonso Anozie) überreicht. Ist er auch die biblische Schlange? Werden wir noch sehen! Während die Drachen nur in Daenerys’ vor Wut sprühenden Augen zu sehen sind, können wir durch die Einführung einer weiteren Location betrachten, was das Drachenfeuer anrichten kann. Aryas Reise nämlich (auch zügiger als im Buch) führt nach Herrenhal, wo nicht nur die Schatten der Vergangenheit lauern, sondern auch der von The Mountain, The Hounds Bruder, samt seiner Horde aus “Kriegsverbrechern”.

Während in Danys Handlungsstrang die Grausamkeit hinter der Fassade lauert, erscheint sie hier als offene Wunde, als Grimasse der Westeros-Realität. Sie nagt an ihr wie der Folterer aka The Tickler an der Frucht (Apfel oder Birne?). An diesem Punkt nimmt Game of Thrones eine inhaltliche Änderung vor: Arya wird Tywins Mundschenk, nachdem er auf den ersten Blick erkannt hat, dass sie ein Mädchen ist. Aber diese Abweichung vom Buch vertauscht lediglich Äpfel mit Birnen – aka Pfirsichen. Nicht nur bringt man so mehr von Tywin in die Erzählung hinein, sondern man erhöht die Gefahr der Enthüllung Aryas als Stark-Kind. Und wie wir wissen, schenkt Arya nicht unbedingt jedem nach dem Munde ein, woraus sich stets interessante Situationen ergeben. Ihre Gute-Nacht-Liste wird auch immer länger…

Man kann Tywins Entscheidung, die Folter zu unterbinden, nach den Horrorszenen in Herrenhal als eine Art Gnadenakt sehen, aber letztendlich gehorcht sie ganz einfach praktischem Denken. Hier zieht Game of Thrones eine schöne, inner-familiäre Parallele zwischen Vater und Sohn, zwischen Tywin und Tyrion. Um in der Sprache dieses Textes zu bleiben: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Oder doch? Der Akt des Falls, der Nicht-Akzeptanz bringt unausweichlich Verschiebungen mit sich. Auch Tyrion verübt somit in dieser Episode einen Gnadenakt, aber nicht nur aus purem Pragmatismus, sondern auch von Herzen. Nachdem Robbs Armee den Lannisters die nächste Niederlage verpasst hat… Übrigens: Die schon erwähnte Eröffnungssequenz – Direwolf-Angriff, Schnitt auf Tote – umgeht höchst elegant eine teure, Zeit raubende Schlacht-Inszenierung, indem sie, beeindruckend und perfekt, in ein paar schnellen Bildern das Gefühl von Unausweichlichkeit und Gnadenlosigkeit zusammenfasst.

Joffreys Gnadenlosigkeit bzw. Grausamkeit wird in dieser Episode weiter ins Extreme getrieben und führt zum ersten offenen Schlagabtausch mit Tyrion. Joffrey erniedrigt Sansa im Thronsaal, als Tyrion und Bron eintreffen und Tyrion sie “befreit” – für den Moment. Die Szene beweist ein weiteres Mal Game of Thrones’ visuelle Kunstfertigkeit darin, Emotionen und Gefühle innerhalb der Erzählung zu vermitteln. Als Sansa vor dem Thron kniet, steht Tyrion neben ihr; trotz seines Körpers ist sogar er in diesem Augenblick größer als Sansa. Nicht nur wird Sansas Misere unterstrichen; vielmehr betont die Geste, mit der ihr Tyrion die Hand zum Aufstehen reicht, seine wirkliche Größe in dem Augenblick, da er Sansa wieder über sich hinausragen lässt. Als einziges Mitglied der Lannister-Familie neben seinem Vater ist Tyrion zu großen Taten fähig, aber gleichzeitig bereitet sein großes Herz ihm Probleme. Um Joffrey zu “kurieren” – den heranwachsenden König von seinem “Druck” zu befreien -, schickt er ihm zwei Prostituierte. Aber Tyrion hätte auf Brons Weisheit hören sollen: There’s no cure for being a cunt. Ein fauler Apfel kann nur weiter verrotten und nie frisch und schmackhaft werden. Auf verstörende Weise werden die Grausamkeiten in Herrenhal mit Joffreys Sadismus verbunden. Während The Tickler beim Folter-Anordnen und -Betrachten einen Apfel (eine Birne?) genießt, isst eine der Prostituierten einen Apfel in Joffreys Bett, ohne zu wissen, dass er gleichsam ihre Henkersmahlzeit darstellt. Ein grausames Statement in Sachen “gnadenloser Genuss”!

Brutalität und Gnade. Wir kehren zurück zum Schauplatz der Schlacht vom Anfang der Episode, wo Robb auf eine gewisse “Talisa” (Oona Chaplin) trifft, die sich um einen verletzten Lannister-Soldaten kümmert… mit einer Knochensäge, um sein Leben zu retten.  Die Kenner des Buchs können schon vermuten, um welche Frau sich bei Talisa handelt – und ich werde nicht weiterhin spoilern, sondern diese Veränderung der Buchvorlage zum Anlass nehmen, um hervorzuheben, was sie wirklich ist: nämlich eine wichtige Anmerkung innerhalb der Episode, die wir schon letzte Woche aus Varys’ Mund hörten. Wer ist schuld an Neds Tod? Der Mann, der hier sein Bein verlor? Wie wirkt sich Robbs Rachefeldzug auf “normale” Menschen, auf die Zivilbevölkerung aus? Wie sieht das “big picture” aus? Warum müssen Menschen in den sauren Apfel beißen, die für seinen Geschmack nicht verantwortlich sind?

Garden of Eden und Garden of Bones: Diese Kombination findet ihren nächsten Höhepunkt in dem Treffen zwischen Littlefinger und Catelyn (auch abweichend von der Vorlage), in dessen Verlauf er zuerst Annäherungsversuche startet und ihr anschließend Neds Überreste (Knochen) überreicht. Nicht nur eine stark emotionsgeladene Szene, sondern auch ein weiterer Beweis für Littlefingers Begehren (nach dem verbotenen Apfel Catelyn)… und gleichzeitig für seine Schwäche.  Renlys Schwäche liegt wiederum darin, das Leben und den Krieg als einen süßen, reifen Pfirsich zu sehen, der für ihn zum Pflücken bestimmt ist. Die einzige Änderung, die mir in dieser Episode nicht gefällt, betrifft die Begegnung zwischen Renly und Stannis. Im Buch bietet Renly spielerisch Stannis einen Pfirsich an, eine Geste, in der sich der Unterschied zwischen den beiden Brüdern vollständig zeigt. Nicht Äpfel mit Pfirsichen vergleichen! Während Renly wie die im Licht gereifte Frucht erscheint, ist Stannis der  buchstäbliche saure Apfel. Stannis’ Leben ist ein Schatten dessen, was Renly besitzt. Aber der Schatten fällt nicht weit vom Licht: Melisandre (Carice van Houten) tut den nächsten Schritt, um das Licht mit Schatten zu erlöschen. Mit Davos’ Hilfe kommt sie  Renly nah genug, um die Frucht/Furcht ihrer Beziehung mit Stannis bzw. mit ihrem Lord of Light zu gebären: einen Schatten, eine Grimasse des Lichts, die Macht bedeutet in einer Welt, in der die Äpfel kalt serviert werden.

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7 responses »

  1. Bei dieser Folge hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass ich im Alter sensibler werde – die Grausamkeiten sind mir echt nah gegangen. Obwohl ich beispielsweise die Zombies-fressen-Menschen-Szenen in The walking dead einwandfrei sehen kann, ging mir diese “subtile” Grausamkeit deutlich mehr an die Substanz.
    Das Ende ist natürlich ein Schocker vorm Herren, und ich bin wirklich megaglücklich, dass ich die Bücher nicht kenne – so überrascht mich die Serie schon massiv und genau das reizt mich an ihr so sehr. Nichts ist so wie es scheint und in jedem Char steckt mehr als auf den ersten Blick sichtbar.

    Und die Folge, in der Joffrey sterben wird (und ich hoffe stark, dass das kommen wird!) wird jetzt schon meine Lieblingsfolge sein. Was für ein kleiner, kranker, perverser, sadistischer Bastard! Hochachtung vor der schauspielerischen Leistung von Jack Gleeson!

  2. Du machst den selben Fehler wie Dany: Die Stadt heißt Qarth und nicht “Quarth”. So lassen sie dich nie rein in die tollste Stadt, die es je gab und je geben wird! 😉

  3. hehe … es ist scho witzig .. ich schau die Serie mit meiner Frau und die hat die Bücher auch nicht gelesen, im Gegensatz zu mir. Sie meinte das gleiche – das die Folgen echt hart sind und sie die Dinge ned ansehen kann bzw. die Grausamkeit gar nicht erst im Kopf haben will. Dabei geht es eben viel mehr um das, was sich eben im Kopf abspielt.
    Ich hab mich immer wieder dabei ertappt, wie ich vergleichen wollte und ich finde es sehr gelugen wie hier geschrieben wurde. Ob Apfel oder Birne – Buch oder Serie – beides sind Früchte und können süß schmecken. Es ist halt ein anderer Geschmack und jeder hat hierbei seine Vorlieben !!

  4. Ich finde die Serie seit der ersten Folge einfach nur Hammer geil. Ich sauge quasi jede Folge auf und bin immer wieder überrascht wenn die Folge zu Ende ist. Ich habe kein Zeitempfinden wenn ich GoT schaue. Das schaffen wirklich nur ganz ganz wenige Serien oder Filme.
    Bin schon super gespannt wie das ganze so weiter geht.
    Deine Reviews Vlado runden das ganz perfekt ab 😉
    Thx

  5. “Aber der Blick auf Qarth war wirklich großartig!”

    Ja, in der Tat. Qarth erinnert zudem noch frappierend an Gemälde von Claude Lorrain. 😉

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