Breaking Bad: Abiquiu (3×11)

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Manche würden sagen, dass Breaking Bad eine kleine Geschichte erzählt, die frei ist von Mysterien, von Fragen über Gott und die Welt. Und das stimmt – aber unter einem positiven Zeichen. Denn für mich hat Breaking Bad – und dafür denke ich mir eine neue dramaturgische Kategorie aus – das kleine Erzählen perfektioniert. Um in den Genuss dieses kleinen Erzählens zu kommen, muss man sich ein klein wenig Mühe geben; man darf keinen Satz einer Figur überhören und keinen Zigarettenstummel mit Lippenstift daran übersehen. Es ist einfach erstaunlich, wie die Serie als Ganzes arbeitet: wie sie ihre eigene Zeit kreiert und sie mit Ereignissen füllt, die uns den Gefühlszustand der Figuren oder aber ihre Entscheidungen auf unaufdringliche Art und Weise verständlich und nachvollziehbar machen.

Der Episodentitel Abiquiu referiert auf die kleine Stadt in New Mexico, in der Georgia O’Keeffe gearbeitet und gelebt hat. In einem Flashback sehen wir dort Jesse (Aaron Paul) und Jane (Krysten Ritter), die O’Keeffes Ausstellung besuchen. Übrigens: Breaking Bads Flashbacks sind nicht nur Erinnerungen, sondern präsentieren – zeitlich nicht-linear – Ereignisse, die den linearen Ablauf der Serie selbst füllen. O’Keeffe malte eine Tür immer und immer wieder, indem sie jedes Mal etwas veränderte: sei es die eigene Position (und damit ist nicht nur die physische Vorstellung gemeint), sei es die Beschaffenheit der Tür.

Laut Jesse hat sie versucht, sie „richtig“ hinzubekommen, während Jane ihm erklärt: „Sometimes you get fixated on something and you might not even get why. You open yourself up and go with the flow, wherever the universe takes you. … That door was her home and she loved it. To me, that’s about making that feeling last.“ Auch Jesse möchte ein solches Gefühl festhalten: die Erinnerung daran, wie Jane ihre Zigarette ausmachte und in den Autoaschenbecher steckte – mit Lippenstift daran: Der perfekte Moment für Jesse. Diese Szene spielt nicht nur mit unserer Aufmerksamkeit als Breaking Bad-Zuschauer – fand sie wirklich statt? –, sondern auch mit Walts „I am sorry!“ Richtung Jesse aus der letzten Episode und seiner Erklärung des perfekten Moments, in dem er hätte sterben sollen. Damit wird uns gezeigt, dass sowohl Walt als auch Jesse ihren perfekten Moment verpasst haben und ihn mit der Wiederholung des Immergleichen einzuholen versuchen. Parallel dazu sind sie auf dem besten Wege, denselben Fehler zweimal zu begehen – alles von vorne zu starten.

Der Zigarettenstummel mit dem Lippenstift ist das einzige Zeichen dafür, das Jesses Erinnerung „wahr“ ist. Aber mit dieser Erinnerung verhält es sich wie mit O’Keeffes Tür: die war ihr Zuhause in Abiquiu, das sie liebte und in liebevoller Erinnerung bewahren wollte. Die Jane in diesem Teaser ist diejenige Jane, die Jesse liebte und die er in Erinnerung behalten möchte – wenigstens das. An diesem Punkt macht es keinen Unterschied, ob diese Szene stattgefunden hat oder nicht… „Tatsächlich“ sagte Jesse damals den Besuch der Ausstellung ab, um mit Walt zu kochen – 4 Days Out: „Why couldn’t I have just gone to Santa Fe?“ Und eine Episode später sind Jesse und Jane wieder auf Drogen, was mit Janes Tod endet. Ich glaube, in Mandala fragt er sie, ob sie den Besuch nachholen wollen, und sie sagt: „Sure.“ Ist es dazu gekommen? Wie auch immer…

Wichtig jedenfalls: die Selbstreferenz, die die Serie hier ausführt. Wir erinnern uns, was im Teaser von Mandala passierte: Combo wurde von dem kleinen Kind erschossen! Ja, Breaking Bads Welt ist klein, zuverlässig und… gnadenlos gegenüber seinen Figuren, die denselben Fehler zweimal machen. Meiner Meinung nach bildet genau dieses „denselben Fehler zweimal machen“ den verbalen roten Faden der Episode, der von keinem anderen als Gus Fring (Giancarlo Esposito) geknüpft wird. Wie aber soll man diesen Fehler aufspüren – bzw. erst einmal herausfinden, ob es wirklich das zweite Mal ist?

Um das zu klären, beginnen wir mit Review-Flashbacks, die die gerade geschriebenen Zeilen erklären:

In Breaking Bad gibt es eigentlich keine noch so kleine Szene, die einen später nicht einholt. Erinnert ihr euch an Bogdans Augenbrauen? An Walts zweiten Job im Car Wash? Nun: ich musste tatsächlich die Augenbrauen hochziehen, als Sky (Anna Gunn) das Auto vor die Autowaschanlage fuhr. Sie und Walt sind an den Punkt gekommen, wo alles anfing: wo sie als Partner anfingen, gegen den Krebs und für ihre Familie zu kämpfen. Jetzt sind sie Partner in Crime. Denn Sky vervollständigt in dieser Episode ihre Entwicklung, die sie schon seit Mas durchmacht. Genauso wie wir realisieren mussten, wie Gus die Fäden zieht und was für ein Imperium er regiert, stellen wir nun fest, dass Sky auf ihre eigene Art ebenfalls längst „broken bad“ ist und inzwischen ihre eigene Entschuldigung dafür gefunden hat, indem sie das Geld für Hanks Therapie braucht: „Married couples can’t be compelled to testify against one another … so there’s that.“

Zu Walts Erstaunen hat sie die Scheidungspapiere nie eingereicht! Sie sind noch verheiratet. Und Skyler wünscht, eine führende Rolle zu übernehmen, da sie Sauls Talent beim Geldwaschen nicht traut. Hier handelt Breaking Bad wieder auf Meta-Meta-Ebenen: Sky kennt sich als Buchhalterin aus – hatte sie ihren Chef und Nicht-mehr-Liebhaber Ted noch tadelnd auf allzu offensichtliche Betrügereien hingewiesen und den Eindruck vermittelt, als könne sie als Angestellte kaum damit leben („I cannot sign that.“), schlägt sie nun ihrem Noch-Ehemann vor, wie man noch besser betrügt. Man könne die Geldwäsche durchführen, erklärt sie Walt, indem man Bogdans Car Wash kaufe; das wäre eine nachvollziehbare Investition für einen Menschen wie Walt. Plötzlich befindet sich Walt zwischen zwei Geschäftspartnern. Saul: „Yoko Ono’s plan: There’s no Danny.“ Damit ist gemeint, dass man jemanden braucht, der das fiktive Geschäft führt, etwa Sauls Bekannten Danny. Skys Vorschlag für Walt und Gegenschlag für Saul: „I will bet the ‚Danny’! If I’m in this, I’m going to do it right.“

Bevor sie Walt das mitteilt, wird er zum Abendessen eingeladen. Warum erwähne ich dieses Abendessen mit Skyler und Walter Jr.? Weil die ganze Episode eigentlich um zwei Abendessen herum konstruiert ist, die auf ähnliche Art und Weise durch die Fenster gefilmt werden: Das erste in Whites Haus, das zweite, als Gus Walt zum Abendessen einlädt. Die Fenster enthalten, wie einzelne Panels, je eine Figur. Sowohl im ersten als auch im zweiten Fall geht es um Partner und Partnerschaft. Kann man sich gegenseitig vertrauen? Gus knüpft an seine Einladung den Wunsch, Walt möge ihm bei der Zubereitung des Essens helfen. Er benutzt dasselbe Wort, das man bei der Meth-Produktion benutzt: „cook“. Dabei gibt er ihm ein Messer und hält es auf elegante Art und Weise so, dass die Spitze zu Gus’ Bauch zeigt. Demonstriert er damit Walt, dass er ihm vertraut? Jedenfalls nutzt er das Abendessen, um Walt über sein „neues“ Leben zu beraten: „Never make the same mistake twice!“

Die Frage ist: was genau ist damit gemeint? Als Gus den Satz ausgesprochen hat, wird auf Jesse geschnitten. Meint Gus also Jesse? Oder meint damit Breaking Bad uns gegenüber Jesses Tun in dieser Episode? Denn um Badger und Skinny zu zeigen, dass der Verkauf in der Gruppe funktioniert, lässt er sich mit deren neuem Mitglied Andrea ein. Um dann herauszufinden, dass sie ein Kind hat. Wundervoll gespielt von Aaron Paul, wird uns wieder Jesses weiche Seite demonstriert, die wir aus der Beziehung mit Jane kennen und an die uns der Teaser erinnert hat. Und dann… erfährt Jesse, dass Andreas kleiner Bruder Tomas derjenige war, der Combo erschossen hat! Genau an dieser Straßenecke findet Jesse Tomas wieder…

Während sich die Serie eine Zeitlang mit den Konsequenzen bestimmter schlechter Entscheidungen beschäftigte, nimmt sie sich jetzt der schlechten Konsequenzen der Konsequenzen an: „Never make the same mistake twice.“

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