Breaking Bad: ABQ (2×13)

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Wenn man etwas über Erzähltechniken und Filmkunst lernen möchte, dann ist es wirklich nicht nötig, Tausende von Büchern zu lesen – einfach „Breaking Bad“ gucken! Bot die erste Staffel ein “stilles” Kammerspiel mit exzellenten Darstellern, das jeder Theaterbühne auf der Welt würdig war, so lieferte die zweite ein Emotions-, Erzähl- und Bilderfeuerwerk ab. Wenn man so will, ist die Serie einfach vollkommen. Sie zeigt uns Figuren- und Handlungsstrang-Entwicklungen, die mitzuerleben schmerzlich ist. Warum schmerzlich? Weil „Breaking Bad“ schwer zu ertragen ist. Und das ist nicht im Geringsten negativ gemeint. Die Serie entblößt die menschliche Seele und zeigt ihren “rohen Inhalt”, die „unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ (Kundera).

Schon in Verbindung mit „Supernatural“ hatte ich über das Schicksal geschrieben – und wie wir darauf Einfluss nehmen. And here it comes again … Das Schicksal hat einen denkwürdigen Auftritt in „Breaking Bad“s Finale („ABQ“). Endlich verstehen wir, was hinter all den Teasern im Laufe dieser zweiten Staffel steckt. Sie zeigten uns Bilder vom Ende: buchstäblich. Das heißt nicht, dass die komplette Serie am Ende stünde; sie ist vielmehr an einem Endpunkt angelangt. Der Höhepunkt eines Konflikts ist erreicht – und jetzt kann man das endgültige Finale, das laut Erfinder und Showrunner Vince Gilligan in Staffel vier zu erwarten ist, in Angriff nehmen.

Ja, das Schicksal macht ein deutliches Statement bezüglich Walts (Bryan Cranston) Entscheidungen. Denn wenn man sich über Erzählung als eine Verkettung von Ursache und Wirkung unterhalten will, dann bitte schön:

Walt ist in „Breaking Bad“ derjenige, der alles, aber wirklich alles, was geschah, in Gang setzt und zu diesem Ende bringt. Er macht Jesse (Aaron Paul) zu seinem Partner, was dazu führt, dass Jesse sein Haus verliert. Deswegen zieht Jesse neben Jane (Krysten Ritter) ein – und verliebt sich in sie.

Walt zwingt dann Jesse, den gemeinsamen Handel zu erweitern, was zu Combos Tod führt (verstörende Bilder, als ein Kind ihn erschießt!). Jane findet über Jesse zu den Drogen zurück, da sie ihm in seiner Trauer und seinem Entsetzen über Combos Tod nahe sein möchte – ihre Droge allerdings ist Heroin, das sie nun ihrerseits Jesse schmackhaft macht. Wieder ist es Walt, der, um Jesse zu wecken, Jane auf den Rücken rollt – und dann zusieht, wie sie an ihrem Erbrochenen erstickt.

Kurz davor hat sich Walt, ohne es zu wissen, an der Bar mit Janes Vater Donald (John de Lancie) unterhalten: über die Schwierigkeiten des Vater- und Onkelseins, wobei Walt von Jesse als seinem Neffen spricht. Offenbar nähert er sich der Rolle eines Ersatzvaters für Jesse: Dieses Gespräch bringt Walt dazu, noch einmal zu Jesse zu fahren, um mit ihm zu sprechen – Jesse, im Heroinschlaf, wacht nicht auf, und dafür lässt Walt Jane sterben, womit er das Elend seines “Sohnes” an Donalds Tochter rächt. Dass er ihm damit zugleich seine große Liebe genommen hat – Jesses Chance auf ein eigenes “Familienleben” – wird ihm erst später klar.

Die Trauer über Janes Tod führt dazu, dass Donald einen entscheidenden Fehler bei seinem Job als Fluglotse begeht: Zwei Flugzeuge stoßen über ABQ (Albuquerque) zusammen… und ein rosa Teddy fällt vom Himmel direkt in Walts Pool. Ja: genau der Teddy, den wir in etlichen Teasern halb verbrannt im Pool schwimmen sahen.

Seven Thirty-Seven Down Over ABQ.

– Übrigens war der Teddy bereits kurz in dem verlassenen Motel zu sehen, wo Walt den Deal mit Gus abwickelte (laut Gilligan war das einfach ein Scherz fürs Publikum). Genau der Teddy, der die gleiche Farbe wie Walts Pullover nach der Operation hat: Es dürfte jedem aufgefallen sein, dass Walt plötzlich seine grün-beigen Klamotten abgelegt hat und jetzt einen erdbeerrosa Pulli trägt – nebst einem Kinn- und Schnurrbart. Ein Zeichen der physischen Besserung – neben der wir im Laufe der zweiten Staffel seinen seelischen Verfall beobachtet haben: sein rücksichtsloses Beibehalten des “zweiten Lebens” als harter “meth cook” Heisenberg.

War „Breaking Bad“ in der ersten Season eine interessante Serie mit genialem Hauptdarsteller, so rückte in der zweiten die komplette Serie auf Bryan Cranstons Niveau nach – und heraus kam, wie schon gesagt, die derzeit beste Serie im Fernsehen. Ich betrauerte vor einer Weile die im Fernsehen fehlenden schonungslosen Cop-Serien wie „The Shield“ und „The Wire“ – und bekam als Antwort „Breaking Bad“.

Das ist zwar keine Cop-Serie, aber gnadenloser als jede solche. Parallelen zu „The Sopranos“ oder „Dexter“ liegen auf der Hand: „Breaking Bad“ handelt von einem Mann, der ein liebender Ehemann und Vater ist und gleichzeitig ein Krimineller, ein Monster. Die Serie erzählt von der menschlichen Fähigkeit, das Monströse zu rationalisieren: einer Eigenschaft, die zu den schlimmsten Ereignissen der menschlichen Geschichte geführt hat, wie dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust oder dem Genozid in Kambodscha. Alles nach dem Prinzip: “Sie hätten mich umgebracht, wenn ich nicht mitgemacht hätte.” In Walts Fall: “Ich hatte keine Wahl, sonst wäre ich gestorben und meine Familie verhungert.”

Seven Thirty-Seven Down Over ABQ.

Wir werden Zeugen von Walter Whites Bemühungen, rationale Erklärungen dafür zu finden, ein Monster bleiben zu können – ohne das “menschliche” Leben aufgeben zu müssen, was fast noch schlimmer ist. Denn in dieser zweiten Staffel geht es Walt gesundheitlich immer besser und seelisch immer schlechter: Sein fortschreitender Genesungsprozess entzieht ihm den Grund dafür, das zu tun, was er tut. Doch er macht trotzdem weiter und findet immer wieder neue Entschuldigungen für sich selbst: die anstehende Operation, die Gefahr eines Rückfalls…

Fakt ist: Seit er einmal von Heisenbergs Existenz “gekostet” hat, von dieser so ganz anderen männlichen Existenz, genügt ihm sein bisheriges Dasein als braver Familienvater einfach nicht mehr. Als Drogenbaron fühlt er sich lebendig, selbstbewusst, mächtig: als Mann. So kehren die „Breaking Bad“-Autoren die ursprüngliche Prämisse, die Walt sogar sympathische machte, um. Man bekommt den Eindruck, als hätte er im Zuge seiner Entwicklung zum Drogenboss deren eigentlichen Grund gefunden: Er hat alles für sich getan, um im Angesicht des Todes lebendig zu sein. Und genau das ist es, was ihn am Leben erhält: Wenn Walt die 737,000 Dollar zusammenbekommen hat, wird er einen neuen rationalen Grund finden, um noch mehr Geld machen zu “müssen”.

Als Ergebnis fällt ein rosa Teddy vom Himmel. Man hat sich gewundert und die Zuschauer haben viel darüber gerätselt, was die schwarz-weißen Teaser mit dem halb verbrannten rosa Teddy in Walts Swimmingpool eigentlich zeigen. Als Walt den neuen Boiler installierte, dachte man: das wird eine gewaltige Explosion geben. Dann aber – und in Verbindung mit dem (übrigens genialen) Narcocorrido-Musikvideo – konnte man auch vermuten, dass das mexikanische Kartell irgendwann die Nase voll haben würde von Heisenberg.

Nachdem schließlich Jesse und Jane (schon die Namensgebung ist hier absichtlich) zu einem unzurechnungsfähigen, drogenabhängigen Pärchen mutierten, vermutete man die beiden in den Leichensäcken. Dann wiederum bekamen Walt und Skyler (Anna Gunn) ihre Tochter, und uns beschlich der grausame Gedanke, dass es sich bei dem Teddy um ein Spielzeug des Neugeborenen handeln könnte… Nichts von alledem geschah – und nach den letzten „Breaking Bad“-Sekunden blieben mit Sicherheit alle Zuschauer mit weit aufgerissenen Augen und Mündern vor den Bildschirmen sitzen.

Seven Thirty-Seven Down Over ABQ.

Dieser Finalcoup war von langer Hand geplant, wie Vince Gilligan in einem Interview für New York Star Ledger erzählt. Die Zahl 737 bezeichnet nicht nur die Summe (in Tausend), die sich Walt ausrechnet, um seine Familie abzusichern (737,000 Dollar), sondern sie hat zwei weitere Funktionen. Erstens ist sie das erste Wort eines Satzes, der sich aus der Kombination der Titel aller Episoden in der zweiten Staffel, die mit einem schwarz-weißen Teaser beginnen, zusammensetzt: Sie lauten „Down“, „Over“ und das Finale „ABQ“. Zweitens ist 737 die Bezeichnung für ein Flugzeugmodell, was auf den Flugzeugcrash hinweist. Das souveräne Spiel mit symbolisch-metaphorischen Verweisketten ist es, was „Breaking Bad“ so komplex und abgerundet erscheinen lässt. Ein Beispiel: Walts Meth wird aufgrund seiner blauen Farbe “Blue Sky” genannt. Seine Frau heißt Skyler, was mit Sky abgekürzt wird. Und Sky(ler) explodiert und verlässt Walt, bevor Minuten später auch der “echte” Himmel (sky) explodiert und auf Walter “fällt” (metaphorisch gesprochen). Am Ende dieser Staffel explodiert also tatsächlich alles: Walts Familienleben und der ganze Lügenballon, den seine Entscheidungen aufgebläht haben.

Nicht nur die Farbe des Teddys liefert eine Verbindung zu Walt (in seinem rosa Pulli): das Close-Up von dem sich im Wasser drehenden Plüschtier mit seiner heilen und seiner verbrannten, augenlosen Hälfte zeigt metaphorisch Walt selbst zu Staffelende: Die ein Hälfte seines Seins heil – und die andere schwarz, verbrannt. Welche welche ist, lässt sich kaum sagen: Zwar sitzt der Familienvater Walt unversehrt und genesend am Pool, während seine Heisenberg-Existenz aufgeflogen, die Heimlichkeit zerstört scheint. Doch umgekehrt gilt: Sein Familienleben liegt in Scherben – und sein Himmel, Sky(ler), will nichts von Heisenberg wissen, dessen Name nicht einmal fällt, der also noch immer “heil” und unversehrt bleibt: Der Himmel fällt auf Walt, nicht auf Heisenberg. – Die zwei neben dem Pool liegenden Leichen sind familienfremde Kollateralschäden – die Walt/Heisenberg jedoch letztendlich verursacht hat, indem er Janes Tod als Kollateralschaden in Kauf nahm.

Seven Thirty-Seven Down Over ABQ.

In der Szene, als Walter Junior (RJ Mitte) – “Flynn” – vor den Kameras über den Erfolg seiner SaveWalterWhite.Com-Aktion erzählt und beteuert, was für ein Held sein Vater sei („He’s just decent, and he always does the right thing, and that’s how he teaches me to be.“), kann man buchstäblich hören und sehen, welchen seelischen Schmerz Walt verspürt. Einer von vielen grandiosen Bryan Cranston-Momenten in dieser Staffel. – Übrigens: die Seite http://www.savewalterwhite.com ging nach der Premiere der Episode wirklich online und spendet das gesammelte Geld an die National Cancer Coalition.Es ist aber nicht nur Bryan Cranston, der sich hier einen zweiten Emmy erspielt, sondern der komplette Cast MUSS für einen Emmy nominiert werden.

Aaron Paul (Jesse) liefert eine großartige Leistung ab: Die Entwicklung, die Jesse von einem “bösen” Jungen zu jemandem, der nur lieben und geliebt werden möchte, durchmacht; seine Hilflosigkeit in der gnadenlosen Welt des Drogenhandelns; seine Liebe zu der ebenso “kaputten” Jane – all das nimmt man seiner zutiefst rührenden Performance ab.

Wenn man so will, durchlaufen Walt und Jesse ab dem Punkt ihres Zusammentreffens eine Entwicklung in die jeweils umgekehrte Richtung: Walt von “gut” zu “böse”, Jesse vom “bad boy” zum Opfer. Hank (Dean Norris), Marie (Betsy Brant) und Skyler (Anna Gunn) sind einfach eine geniale Besetzung dieser einfachen, aber auch genial gestrickten Geschichte. Nicht zu vergessen die Auftritte von Crazy-8 und Tuco. Die Geschichte um den letzten eröffnete wiederum die Bühne für Dean Norris’ grandiose Darstellung des traumatisierten Hank.

Seven Thirty-Seven Down Over ABQ.

Da wir gerade bei Hank sind, muss man an die Szene in Hanks Office denken, als er seinem Team mitteilt, dass seiner Meinung nach Heisenberg noch “da draußen ist”. Kurz davor hat er die Spendenaktion für seinen Schwager angekündigt, indem er eine Spendendose mit Walts Foto hochgehalten hat: In dieser Sekunde nahm Walts Foto genau die Stelle an der Tafel ein, wo ein leeres, WANTED überschriebenes Bild Heisenbergs Platz kennzeichnet. Nicht nur in dieser Szene leistet das „Breaking Bad“-Team hervorragende kinematographische Arbeit. Man denke nur an die hypnotischen Close-Ups im schwarz-weißen Teaser und an die Galerie-reifen Aufnahmen aus der Wüste von New Mexico. Worauf in „Breaking Bad“ auch auffällig Wert gelegt wurde, ist das Sounddesign. Was wir hören, ist wirklich der Soundtrack von Walts Leben: die Geräusche vom Poolfilter, das Mischen der Zutaten fürs Meth, das gurgelnd-spritzende Eindringen der Chemo-Medikamente in seine Venen.

Seven Thirty-Seven Down Over ABQ.

Definitiv war „ABQ“ das beste Staffelfinale dieses TV-Jahres. Ein riesiges Dankeschön an Vince Gilligan und die „Breaking Bad“-Crew für dieses Kunststück, für diesen TV-Genuss, den uns die Serie bereitet hat.

Ich erwarte ungeduldig die dritte Staffel – aber, um es mit Tuco zu formulieren: „Heisenberg says: RELAX!!!“ Es ist beruhigend zu wissen, dass die Serie auf einem Kabelsender läuft und dadurch die Autoren die Freiheit haben, uns Zuschauer in aller Ruhe an unsere Grenzen zu führen. Sie arbeiten, laut US-Presse, in einem Raum, in dem es nicht einmal eine Uhr gibt: einfach nichts anderes außer einer Tafel und einem einzigen kleinen Fenster, das zu Burbank Airport schaut, wo Flugzeuge Richtung Himmel abheben…

Was wohl an der Tafel steht? Seven Thirty-Seven Down Over ABQ, yo!! – ?

Brillante Serie:
Bad things happening as a result of bad decisions.


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