Breaking Bad: Box Cutter (4×01)

Standard

Breaking Bad ist nach einer längeren Pause wieder da. Diese Pause hat die Serie zwar um den Emmy-Wettbewerb gebracht, aber wenn man sich die Eröffnungsepisode der neuen Staffel anschaut, dann darf das Emmy-Rennen Breaking Bad herzlich egal sein. Warum? Weil die AMC-Serie gegenwärtig über jeder Konkurrenz steht. Man kann es, der Episode angemessen, nur so ausdrücken: Breaking Bad macht wieder einmal einen sauberen Schnitt, wie mit einem Cutter – und lässt die Konkurrenz fallen.

Box Cutter spielt zwischen oben und unten, zwischen Bildern aus extremer Übersicht und solchen aus extremer Untersicht. Es gibt kaum ein Dazwischen – bis auf das Fallen in orange-roter Farbe. Box Cutters Teaser ist wie das Auspacken eines Weihnachtsgeschenks: Willkommen bei Breaking Bad, Staffel vier! Genau so sehen wir in Rückblenden Gale das neue Laborequipment auspacken – mit Hilfe eines giftgrünen Cutters, der im Laufe der Episode mehrmals in Nahaufnahme zu sehen sein wird.

Diesen Cutter benutze nicht nur ich als Metapher für Breaking Bads Erhabenheit im Drama-Bereich, sondern die Serie selbst setzt ihn als Metapher für Abgeschlossenheit ein. Es gibt keinen Weg zurück. Der nämlich ist abgeschnitten, und die Beteiligten finden sich dort wieder, wo sie nach einem sauberen Schnitt nur sein können: Unten! „We are all on the same page“, sagt Jesse am Ende der Episode zu Walter.

Als Walter im Finale der dritten Staffel Jesse losschickte, um Gale (David Costabile) umzubringen, geschah dieser endgültige Schnitt: als nämlich Jesse (Aaron Paul) dann tatsächlich abdrückte. Walter (Bryan Cranston) hatte erkannt, dass der Fall nicht mehr zu stoppen sein würde, also kümmerte er sich nur um eins: das Überleben des Falls. Michael Slovis wiederum, Kameramann der AMC-Serie (Adam Bernstein führte Regie in Box Cutter), kümmert sich darum, dass die Erzählung von Vince Gilligan & Co. stets zu einem visuellen Fluss wird.

Breaking Bad “baut” seine Erzählung nicht um Unterhaltungen zwischen Figuren herum oder zumindest mit ihrer Hilfe; man benutzt nicht die Figuren, um uns explizit oder implizit die Story zu erzählen oder uns zu sagen, was sie fühlen. Breaking Bad zeigt es uns. Die Serie erlaubt uns niemals, einen Schritt zurückzutreten oder gar den Blick abzuwenden von dem Schmerz, den die Figuren empfinden, wie hier zum Beispiel Jesse: Seinen unbeschreiblichen Schmerz lässt uns die Serie fühlen, indem sie ihn zeigt und verbale Beschreibungsversuche gar nicht erst unternimmt.

Box Cutter dürfte für seine 47 Minuten Nettozeit ziemlich wenige Dialog- bzw. Monologseiten im Drehbuch gehabt haben. Aber man kennt die AMC-Serie seit jeher so, dass sie gern in Bildern erzählt. Die Stille wird nur von durchdringenden Geräuschen durchbrochen: die Chemikalien im Labor, fließendes Blut, das Atmen von Sauls Wachmann – Geräusche, die zwar von Leben zeugen, aber zugleich das Gefühl einer fließenden Grenze vermitteln, deren Überschreiten den Tod bedeutet. Es sind die Details, die wichtig sind, genauso wie die einzelnen Schritte des Kochprozesses. Die Perfektion dieses “kleinen” Erzählens ist es, was jeder Breaking Bad-Episode ihre 99-prozentige Reinheit beschert: das blaue Leuchten eines perfekten Produkts.

Gale kann nur 96 Prozent Reinheit versprechen, wie er Gus in den Rückblenden erklärt. Letztendlich rettet er damit Walter, indem er Gus dazu bewegt, doch noch mit Walter ins Geschäft zu kommen. Innerhalb kürzester Zeit, allein mit dem Teaser nämlich, schafft es Breaking Bad, nicht nur Abschied von einer Figur zu nehmen, sondern an ihre Charakterzüge und Vorlieben zu erinnern, sie noch sympathischer zu machen und den von Walter befohlenen und von Jesse ausgeführten Mord noch grausamer erscheinen zu lassen.

Die Kamera gewährt uns dabei – auch dies typisch für die Serie – immer wieder eine Dosis Zeit, um zu raten, um in Unsicherheit zu schweben. Man zeigt nicht gleich das Ergebnis von Jesses Tat bzw. ob er sie überhaupt verübt hat, sondern durchwandert in mehreren Close-Up-Aufnahmen von Gegenständen Gales Wohnung, während eine Stimme aus dem Off mit der Polizei spricht und schließlich ein wütender Victor die Wohnung betritt. Erst dann sehen wir aus extremer Übersicht den toten Gale auf dem Fußboden.

Danach bringt Victor Jesse (im roten T-Shirt) zu Walter und Mike ins Labor. Die Bilder dort sind sehr schattenlastig, nur der Hintergrund schimmert in Hellblau, und der rote Fußboden sticht einem buchstäblich ins Auge. Die rote Farbe erscheint beinah klebrig, so dass man sich davor scheut, diesen Fußboden zu betreten. Gleichzeitig ist Rot die traditionelle Farbe der Theatervorhänge. Hier werden sie zur Seite gezogen, damit ein klaustrophobisches Kammerspiel uns den Atem rauben kann.

Währenddessen veranstaltet Skyler (Anna Gunn) selbst ein Theaterspiel, um in die Wohnung des vermissten Walter zu gelangen. Nicht nur simuliert sie vor dem Schlüsseldienst Atemnot, sondern setzt sogar das Baby als Druckmittel ein.

Davor aber entfernt sie Walters Auto vom Grundstück, um möglichen unangenehmen Fragen aus dem Weg zu gehen. Man sieht, wie sehr Skyler auf krimineller Ebene mitzudenken bereit ist und im Grunde fast unbemerkt einen nächsten Schritt tut – hinein in eine von ihrem Ehemann kreierte, moralisch verkommene Welt. Sie tut das aus praktischen Gründen, aber dasselbe konnte man damals auch von Walter sagen… In Walters Schublade findet Skyler das Teddy-Auge (mit grüner Iris, so grün wie der Cutter), das wir seit dem Anfang der dritten Staffel nicht mehr gesehen haben. Dieser Fund wirkt wie eine noch engere Verbindung zwischen den beiden, wie ein Blick auf Skyler, der sie zum Teil des Ganzen zu machen droht.In einer kleinen Szene sehen wir einen von Paranoia besessenen Saul (Bob Odenkirk), während Marie (Betsy Brandt) nach wie vor um Hanks (Dean Norris) Lebensgeister kämpft. Aber sich nach oben zu ziehen ist schwer, wie man bei Hank sieht, als er seinen Körper hochstemmt, um die Bettpfanne darunter zu bekommen. Wäre es nicht leichter, einfach unten zu bleiben? Mittendrin in der metaphorisch-buchstäblichen Sch…?

Im Labor warten alle auf Gus (Giancarlo Esposito). Auf Walters Bitte hin, mit dem Kochen anfangen zu dürfen, beginnt Victor damit, um zu beweisen, wie gut er mittlerweile den ganzen Prozess verinnerlicht hat – und Walter wird um so klarer, wie nah er und Jesse am Tod entlang geschrammt sind. Er begreift, dass Half Measures oder auch Full Measures diesmal nicht geholfen hätten, sondern nur „Extreme Measures“, wie er im nächsten Moment Gus gegenüber behauptet, der gerade eingetroffen ist (im roten Hemd). Und wieder einmal schiebt Walter die Schuld von sich: Gus sei für Gales Tod verantwortlich. Wie reagiert Gus auf Walts Monolog? Gar nicht. Er sagt minutenlang kein einziges Wort; die Kamera und unser Blick mit ihr folgen ihm in mehreren Close-Ups bei seinen ruhigen Handlungen.Er zieht einen rot-orangen Schutzanzug an, nimmt den grünen Cutter in die Hand und schneidet dann, ohne jegliche Gefühlsregung, vor Jesses, Walters und Mikes (Jonathan Banks) Augen Victor die Kehle durch. Die Leiche lässt er den Zuschauern vor die Füße fallen; das Blut spritzt überall hin, der Fußboden bekommt eine dunklere Schattierung. Gus’ Handeln gleicht dem der Serie insgesamt: Schonungs- und wortlos wirft man uns und Walter das Ergebnis so mancher chemischer Verbindungen vor die Füße, die man in die Wege geleitet hat und die “Entscheidungen” heißen. Alles hat Konsequenzen – und es kann einfach nicht für alle gut enden, wie es sich Walter lange Zeit eingeredet hat.„Well, get back to work“, lauten die einzigen Worte, die Gus für Walter und Jesse übrig hat, nachdem er sich umgezogen hat. Ihre erste Aufgabe: Victors Leiche zu entfernen, mit Hilfe eines weißen Behälters und Säure. Immerhin haben sie Erfahrung damit.Danach sehen wir die beiden frühstücken, bekleidet mit den gleichen Kenny-Rogers-T-Shirts. Der Größen-Aufkleber („Large“) haftet immer noch auf Walters Brust.

Kurz darauf sehen wir Walter nach Hause gehen und mit Skyler reden. Er trägt blutrote Sneakers und weiße Jeans, die ihm eindeutig eine Nummer zu groß sind. Auch für Walt war die Welt, in die er sich begab und die er selbst mitgestaltete, eine Nummer zu groß. Aber man kann hineinwachsen… bis zu dem Zeitpunkt, wo es schließlich “passt”, wo aus den 96 Prozent plötzlich 99 Prozent geworden sind. Breaking Bad ist zurück: zu 100 Prozent – und damit eine Nummer zu groß für die TV-Landschaft.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s