Breaking Bad: Caballo Sin Nombre (3×02)

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In unseren TV-Zeiten, da zahlreiche Serien ein Riesenensemble an Figuren brauchen, um komplexe und spannende Erzählungen zu kreieren, demonstriert Breaking Bad zum wiederholten Mal, warum derselbe Hauptdarsteller zwei Emmys in Folge bekommen kann und wie man mit wenigen Mitteln und einer Handvoll Figuren unter der brennenden Sonne New Mexicos grandioses Drama entfalten kann.

„Brennen“ ist in dieser Episode so etwas wie ein Codewort. Walters (Bryan Cranston) Augen brennen, angefangen mit dem Spray des Polizisten, dessen Befehlen er sich am Anfang der Episode widersetzt, und endend mit dem Shampoo am Schluss der Episode. Die Chemikalien suchen Walt heim, ob er sich nun weigert zu kochen oder nicht: nach wie vor ist Walt Breaking Bad! Man könnte die Episode auch The World according / responding to Walter White nennen, denn genau das passiert hier.

Walt kann sich nicht damit abfinden, dass die Welt auf seine Handlungen reagiert: in den meisten Fällen führen „böse“ Handlungen zu einem „bösen“ Echo. Was den Chemielehrer so sehr erschüttert, ist, dass die Welt seine Handlungen registriert hat und als „böse“ einstuft: Sein Tun war weniger schlimm, so lange niemand es so nannte. Die Produzenten von Breaking Bad fanden wieder einmal eine geniale visuelle Umsetzung für Walters Frust in der Szene, in der er die riesige Pizza aufs Garagendach schmeißt: „I can’t be the bad guy.“

Aber von allen Seiten richten sich Zeigefinger auf Walt – in Caballo Sin Nombre („Horse with No Name“ das Lied, das Walt am Anfang singt) vor allem der von Tio. Wir erinnern uns an Tucos geliebten Onkel im Rollstuhl, der, als wir ihn zum letzten Mal sahen, den Ausdruck „auf etwas scheißen“ gegenüber der US-Polizei in die Tat umsetzte: expressiv eben. Die zwei wortlosen, im Breaking Bad-Drehbuch als Cousins bezeichneten Mexikaner besuchen Tio im Altersheim und können nun auch noch mit Hilfe eines Ouija-Spiels folgende zwei Worte aus ihm herauspressen: Walter White. Tio, the angriest uncle in the world: sein Hass auf Heisenberg ist so vernichtend, dass sogar die Cousins beeindruckt sind. Szenen, in denen kein Wort gesagt wird, sind Breaking Bads Spezialität und Meisterleistung.

Übrigens: wenn die beiden Figuren (the Cousins) auch übertrieben und sogar surreal gezeichnet sind, so werden sie doch teuflisch gut präsentiert. Zuerst glichen sie in dem letzten Bild von No Mas zwei Dämonen, dem Feuer (des brennenden Trucks) entsprungen; jetzt tauchen sie in glänzenden neuen Anzügen bei Tio auf, um sich auf diabolisch-wortlose Art und Weise den Namen von Heisenberg zu holen. Es dauert nicht lange, bis sie in Walts und Skys Schlafzimmer mit einer neuen glänzenden Axt warten. Während Walt duscht und die beiden vor der Tür sitzen, betrachtet der eine das Teddy-Auge, das plötzlich in Walts Koffer auftaucht. Während der Teddy in der letzten Episode eine Art McGuffin spielte, ist dieses Auge eine Erinnerung – nicht nur daran, dass Walts Handlungen von der Welt „gesehen“, registriert werden, sondern auch an die Wahrheit, die Walt verkennt und nicht akzeptieren will.

Er und Jesse (dank Walt) verkörpern zugleich das Verdrängte ihrer Mitmenschen, ihrer Umwelt: man will sie ausblenden, aber sie kommen immer wieder zurück – nach Hause. In dieser Episode kehrt auch Jesse nach Hause zurück, indem er mit Sauls (Bob Odenkirk) Hilfe das Haus seiner Tante von seinen eigenen Eltern zum halben Preis erpresst. Jesse (Aaron Paul) ist zu dem geworden, was Walt aus ihm gemacht hat – und macht wiederum andere dafür verantwortlich, etwa seine Eltern, die ihn damals aus dem Haus warfen, so dass er in Janes (Krysten Ritter) Nachbarwohnung zog. Sehr schön sind in dieser Episode die beiden „Coming Home“-Momente inszeniert: Jesse hat die Schlüssel und marschiert unter den entsetzten Blicken seiner Eltern durch die Eingangstür rein, wohingegen Walt durch ein Loch kriecht.

Währenddessen zeigt Skyler (Anna Gunn) Ted Beneke (Christopher Cousins), wie er die Löcher in seinen Finanzbüchern stopfen kann. Skylers Isolation, vor allem aufgrund Walter Jr.’s Vorwürfen und Ablehnung, treibt sie auf den dunklen Pfad, den sie ihrem Noch-Ehemann so sehr übel nimmt. Einzige Rechtfertigung: sowohl emotional als auch finanziell bleibt ihr keine andere Wahl. (Und wie war das noch mal mit Walts Rechtfertigung? Wer übersieht hier was?)

Die Episode stellt folgende Frage: Wie lange kann Walt die Wahrheit übersehen? Die beiden stillen Mexikaner werden im letzten Moment irgendwie zurückgepfiffen, aber keine Frage: sie werden wiederkommen. Zwar haben sie bisher kein einziges Wort gesagt, aber sie sind die ultimative Verkörperung dessen, was Walt selbst verdrängt – und das zurückkommt und Walt heimsucht. Die neuen Breaking Bad-Episoden demonstrieren eindrucksvoll die Logik des Freudschen Phantasmas (Freud erläutert das anhand der drei Phasen von „Ein Kind wird geschlagen“). Übertragen auf Breakling Bad, würde die endgültige Phase in diesem Verdrängungsprozess lauten: Meth wird gekocht.

Aber sie hat zwei vorangehende Phasen. Die erste: Jemand kocht Meth! Die zweite (wahre) Phase: Ich koche Meth. Die dritte Phase, die endgültige Form des Phantasmas, neutralisiert das Subjekt (wer kocht?) zu dem unpersönlichen: Es wird Meth gekocht. Für Walt ist das (wahre) „Ich koche Meth“ traumatisch. Aus diesem Grund erfolgen die stetigen Bemühungen um Rationalität, aber das Verdrängte lässt sich nicht zudecken. Walt versucht seine Schuld und seinen Frust in dieser Episode wegzusingen, aber der besungene Heisenberg steht ihm im Weg.

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