Breaking Bad: Cornered (4×06)

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Während die ersten Sekunden dieser Episode laufen, glaubt man, die falsche eingeschaltet zu haben. Denn der Anfang von Cornered ist absolut identisch mit dem von Bullet Points! Kalte blaue Qualmfäden schweben von links in den schwarzen Bildschirm hinein. Ist es wieder Mike, der im Truck sitzt? Doch nein, diesmal sitzen zwei andere Männer dort – mit Maschinengewehren in der Hand. Als der Truck gestoppt und überfallen wird, leistet sich Breaking Bad einen typischen, schwarz-metaphorischen Scherz.

Der Unterschied zum Teaser von Bullet Points liegt in der Sinneswahrnehmung. Ging es dort ums Sehen – um Licht, Farbkontraste, Innen und Außen, um eine Grenze, die jederzeit von Kugeln durchsiebt werden kann –, so geht es hier, in Cornered, um Luft, ums Atmen, darum, ausweglos in einem Raum eingeschlossen zu sein. Die Kartell-Leute leiten die Abgase des Trucks direkt in den Laderaum. Gus’ zwei Männer ersticken qualvoll, nachdem sie vergeblich die Wände durchsiebt und nach Luft geschnappt haben.

Auch Walter White (Bryan Cranston) befindet sich in einem solchen Raum, in eine Ecke gedrängt, sowohl in seinem Kopf als auch in jedem seiner Lebensbereiche. Und zwar ironischerweise genau deswegen, weil er taub und blind ist: dafür, was wirklich draußen passiert, was andere zu ihm sagen. „I am not in danger. I am the danger!“ sagt er zu Skyler (Anna Gunn), als sie ihn mit seinem Auftritt bei Hank und Marie konfrontiert, ihren Ängsten freien Lauf lässt und korrekte Mutmaßungen wegen Gale anstellt. „Who are you talking to right now? Who is it that you think you see?“ schreit er. Gute Frage, Walter.

An diesem Punkt nimmt Walter genau die Position ein, die er so lange um jeden Preis geleugnet hat. „I am the one who knocks!“ Jetzt, in die Ecke getrieben, sieht er in Heisenbergs Identität die einzige Möglichkeit, Luft zu holen. Auch in der Szene mit Bogdan im Car Wash setzt sich Walter gegen Bodgans Versuche zur Wehr, ihn immer wieder zu erniedrigen.

Skyler wiederum flieht. Die wieder einmal brillanten Wüstenbilder zeigen sie in einer rührenden Szene mit Holly am Four-Corners-Monument, wo sie eine Münze wirft, um sich für eine Richtung zu entscheiden. Aber obwohl die Münze zweimal auf Colorado fällt, kehrt Skyler schließlich nach Hause zurück. Nur um festzustellen, dass Walter Junior einen roten 2011 Dodge Charger von seinem Vater bekommen hat. War es nicht auch ein Charger, in dessen Kofferraum die Cousins eine glänzende Axt zu hüten pflegten? „I just worry that he’ll blame you for this“, sagt Walter zu Skyler und macht denselben Fehler immer und immer wieder. Er schwenkt zu den so genannten Half Measures um, gefangen zwischen Walter White und Heisenberg. Entweder Boss sein oder nicht! Kein Dazwischen!

Sowohl Bogdans Rede über das Boss-Sein als auch das Abendessen mit Gus in der letzten Staffel zeigen Walter, was es hieße, dieser Boss zu sein: Dinge auf sich nehmen zu können, dazu zu stehen, Fehler nicht zu wiederholen und sich in die Köpfe anderer versetzen zu können. „You tell Gus to blame me, not them“, sagt Walter im Labor zu Tyrus, als dieser die drei Frauen aus der Wäscherei wegführt – Walter hatte ihnen Geld gegeben, um für ihn das Labor zu putzen. „He does“, antwortet Tyrus.

Zu sehr im eigenen Kopf gefangen, um sich in die Köpfe anderer zu versetzen: das ist und bleibt Walters Problem. Wie er Jesse mitteilt, erkennt er durchaus, was sich hinter Jesses neuem Job versteckt. Er kann aber seinerseits auf Gus’ Setups und Schachzüge nur reagieren – nicht agieren. Dabei sieht sich Walter jedoch als die einzige Schachfigur, deren Platz sich einzunehmen lohnt, die wichtig ist. Er übersieht den Rest, die Wichtigkeit jeder einzelnen Figur, deren jeweiligen Wert für das Spiel: „This whole thing, all of this, it’s all about me!“

Das galt vielleicht für die Anfänge von Breaking Bad: jetzt allemal nicht mehr. Walters und Jesses Bindung hat sich gegenwärtig darauf reduziert, was sie zusammen taten, für und mit einander. Obwohl Walter nach wie vor auf diesen Bund pocht, scheint sich Jesse daraus befreien zu wollen, wie er es schon einmal versucht hat. Vielleicht dieses Mal mit Erfolg? Nachdem er Mike bei einem Job tatsächlich große Hilfe leisten konnte, bekommt er von Gus auf die Frage „Why me?“ Folgendes zu hören: „I like to think I see things in people.“ Dieses Kompliment hebt sich in Jesses Ohren vermutlich vorteilhaft ab von Walters erzwungenem in One Minute. Für Gus wäre ein loyaler Jesse eine gute Unterstützung bei den kommenden Ereignissen. „Ready to talk?“ lautet die Nachricht des mexikanischen Kartells. Ja, Gus ist bereit.

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