Breaking Bad: Crawl Space (4×11)

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Walter: „I’m done explaining myself.“

Gus: „You are done.“

Crawl Space bewegt sich vom ersten dieser Sätze zum zweiten. Die Äußerungen gehören zu unterschiedlichen Szenen, und die Bewegung erfolgt nicht als Kriechen (crawl) in Slow Motion, sondern als Feuerwerk aus brillanten Momenten, vor dem es kein Verstecken gibt. Auch für Walter (Bryan Cranston) gibt es kein Versteck mehr, keinen Ausweg. Alle Brücken, die er sich gebaut zu haben glaubte, scheinen verbrannt.

„What have I done?“ Dieser Satz könnte (und sollte) aus Walters Mund kommen, stammt aber (wenn ich mich nicht täusche) aus dem Film „The Bridge on the River Kwai“. Diesen Film schaut Tio Hector im Heim, als Gus ihm wieder einen Besuch abstattet: Dank Jesse (Aaron Paul) haben sowohl Gus als auch Mike den Ausflug nach Mexiko überlebt. Gus bringt Tio Don Eladios Kette und die Nachricht, dass die Salamancas mit Tios Tod für immer ausgelöscht sein werden. Jeder seiner Verwandten ist jetzt tot, und Gus’ Rache ist vollbracht. Übrigens: Mark Margolis’ großartige wortlose Performance als Tio wirkt jedes Mal wie eine kleine Demonstration von Breaking Bads Kunst, ohne Worte brillant zu erzählen und vor allem Emotionen zu vermitteln.

Der Stillstand bzw. die Stille in Breaking Bad ist nie wirklich still; sie erzählt, sie entblößt Emotionen, macht unseren Blick aufmerksam, buchstäblich nach der rohen Essenz dieser Emotionen suchend, nach ihren extremen Schattierungen. So rauscht Crawl Space dahin als emotionale Achterbahn, die für Walter an die Wand rast – oder besser gesagt, nach draußen: in die glühende Wüstensonne.

Von Anfang an kreiste Breaking Bad um die Thematik der Grenzen: Grenzen in jedem erdenklichen Sinne, offene und geschlossen Räume, Endgültigkeit und Abgeschlossenheit, Hauswände und die Grenzenlosigkeit der Wüste. Walter handelte von Beginn an systematisch über seine Grenzen hinaus. Die Begrenztheit seiner Existenz durch die Krebsdiagnose befreite ihn von moralischen Grenzen und ließ ihn einen Weg einschlagen, von dem es kein Zurück gibt – nicht nur für ihn, sondern für alle, die ihm nahe stehen. Das macht ihm Gus höchstpersönlich klar, als Gus’ Leute ihn in die Wüste bringen. Walter reagiert panisch, als er erfährt, dass Jesse ohne ihn gekocht hat, und will mit ihm reden, aber Jesse ist fertig mit Walter. Genauso Gus: „You are done.“ Walter realisiert aber, dass er “nur” gefeuert und nicht gleich beseitigt wird: dank Jesse.

Für Hank jedoch, der im Begriff ist, die Wäscherei unter die Lupe zu nehmen, gibt es keine Rettung mehr. Gus droht, Walters ganze Familie zu töten, falls der ihn daran hindern sollte, Hank zu beseitigen. Während der gesamten Szene, die meist aus der Übersicht gefilmt und gleichsam als Panoramabild präsentiert wird, treiben Wolken über den Köpfen der Beteiligten dahin; sie befinden sich mal im Licht, mal im Schatten. Hell und Dunkel.

Auch Skyler (Anna Gunn) macht einen weiteren Schritt aufs Dunkle zu: Sie beauftragt Saul, Leute zu Ted zu schicken, um ihn zur Vernunft zu bringen, nachdem dies ihr selbst wiederholt misslungen ist. In einer für Breaking Bad typischen Slapstick-Szene erleidet nun Ted bei seinem Fluchtversuch einen (vermutlich tödlichen) Hausunfall: Der eigene Teppich zeigt ihm die Grenze einer selbstgefälligen Existenz.

Der Rest der Episode ändert den Laufstil: von Achterbahn zu tollwütigem Hund, der von der Kette gelassen wurde. Walter ist außer Rand und Band geraten und fordert von Saul die Nummer des Mannes, der ihm und seiner Familie neue Identitäten verschaffen kann. Der Preis: eine halbe Million. Außerdem soll Saul einen anonymen Anruf tätigen, um die Polizei Hanks wegen zu warnen. Als Walter unter den Hausfußboden kriecht, um an das Geld zu kommen, stellt er fest, dass es nicht mehr da ist – jedenfalls nicht in der vorherigen Größenordnung. Skyler muss ihm mitteilen, dass sie es… Ted gab!

Diese Aussage lässt buchstäblich die Grenzen von Walters Verstand explodieren. Unten im Dreck liegend, bricht er in eine Mischung aus Heulen, Schreien und Lachen aus. Das Lachen nimmt dann die Überhand, als sich die Kamera in einer faszinierenden Einstellung von ihm entfernt: nach oben, Richtung Hausdecke. Walter wird immer kleiner, eingerahmt von der kleinen Tür im Fußboden. Er ist jetzt still. Durch den pulsierenden Sound hat man das Gefühl, die Wände würden zittern und alles in sich und über Walter zusammenfallen. Ein Bild der Unausweichlichkeit, mit der die Serie schon anfing und zu der sie jetzt mit voller Wucht zurückkehrt.

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