Breaking Bad: Full Measure (3×13)

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Ohne große Mysterien zu flechten, hat uns die derzeit beste TV-Serie gezeigt, wie man Zuschauer in die Irre führen und überraschen kann. Dass wir uns an den Teddy und seine Präsenz in der zweiten Staffel erinnern, wissen die Autoren und lassen uns rätseln, was das Wiederholungsmotiv in der dritten Staffel sein könnte. Ich persönlich ließ mich von dem Teddy-Auge in den ersten Episoden in die Irre führen und habe übersehen, dass das Objekt der Wiederholung zwar eng mit dem Teddy verbunden, aber kein Teil von ihm ist. Ich spreche von… Walts (Bryan Cranston) Windschutzscheibe, die sich einfach weigert, heil zu bleiben. Sie ist das Motiv, das uns daran erinnert, dass die Entscheidungen, die Walt getroffen hat, irreparabel sind.

Daraus ergibt sich ein zweites Motiv: Die glänzende Axt, die im direkten und übertragenen Sinne über Walts Kopf hängt. Die metaphorische Axt hat Walt letztendlich nicht übersehen. Gus hingegen – abonniert auf die Rolle desjenigen, der Walt den Rat gibt, nie denselben Fehler zweimal zu machen – folgt seinem eigenen Ratschlag selbst nicht: er rechnet nicht damit, dass Walt das Aufblitzen der Axt unter der Morgensonne von Albuquerque bemerkt. Während sich Gus in Sunset mit den Cousins Showdown-artig beim Sonnenuntergang traf, trifft er am Anfang von in Sunrise auf Walt. Entschuldigung! Auf Heisenberg!

Ein atemberaubender Moment, als Walt den schwarzen Hut aufsetzt und als einziger schwarzer Fleck in der Panoramaaufnahme der stillen Gegend durch das genauso stille Feld zu dem anderen Auto geht – im Wissen, dass es Walts letzte Schritte sein können. Aber nicht Heisenbergs! Sind das die Aufnahmen, die wir in der zweiten Staffel im Narcocorrido-Musikvideo gesehen haben?

Nachdem wir die komplette dritte Staffel über im Grunde dem Chemielehrer, dem fleißigen Mitarbeiter Walt beim Kochen zugeschaut haben, nimmt nun – genauso wie in der zweiten Staffel – Heisenberg das Heft in die Hand: Wieder bleibt er Walts einzige Rettung. Der Anfang der Staffel konstruierte die Frage Walts an Heisenberg: Was hast du getan? Das Ende formuliert eine Bitte: Tu etwas für mich!

Wir müssen uns fragen: Wer war zuerst da – Heisenberg oder Walt? Sehr gelungen scheinen mir diesbezüglich die Flashback-Aufnahmen aus der Zeit, da Walt und Sky (beide noch jung und komplett anders aussehend, vor allem Walt) ihr zukünftiges Haus zum ersten Mal betreten. Die Familie muss sich entscheiden, ob das Haus gekauft wird. Sky (Anna Gunn) ist dafür, aber Walt will einen drauflegen: warum übervorsichtig und überlegt handeln – er möchte ein größeres Haus: „Nowhere to go but up.“

Später in der Episode bekommen wir die gleichen Bilder zu sehen – diesmal aber ist das Haus bewohnt. Eine Kameradrehung, die exakt der aus dem Flashback entspricht, zeigt uns Sky, die den Tisch deckt, und Walt, der das Baby füttert. Sie haben das Haus doch genommen. Heißt das, Walt hat sich damit abgefunden, als Walt nicht über seinen Schatten springen zu können? War dies die Geburtsstunde Heisenbergs?

Die Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft stellt die Serie nicht nur anhand visueller Ähnlichkeiten, sondern auch über einen Scherz her. Der Immobilienmakler fragt Walt, ob sie im Labor irgendetwas Cooles mit Lasern machen. Schnitt. Walt ist tatsächlich ins Laser-Business involviert – Laser Base. Wir erinnern uns an Sauls Danny-Vorschlag. Nun, wie man sieht, befindet sich in Laser Base kein Danny, sondern ein Jesse (Aaron Paul), den Walt dort vor Gus versteckt. Übrigens finde ich die Entscheidung gut, im Finale auf Skys Teilnahme an Walts Geschäften, Hanks und Marys Probleme etc. zu verzichten, um sich auf Heisenberg vs. Gus zu konzentrieren:

Gus (beim Treffen am Anfang): „Are you asking me if I ordered the murder of a child?“

Heisenberg: „I would never ask you that.“

Vince Gilligan & Co. haben Walt und Jesse bisher regelmäßig in die kompliziertesten Situationen gebracht, aber noch nie war es so eng: denn die Gefahr durch Krazy-8 oder Tuco scheint nicht annähernd so schlimm wie das Aufblitzen der Axt, das sich in Gus’ Brille spiegelt. Vor allem da wir wissen, wie tödlich Mike sein kann, nachdem wir ihn in dieser Episode etliche Kartell-Killer haben beseitigen sehen. Was uns wiederum sagt, dass Heisenberg nicht Gus’ einziges Problem bleiben wird. Angesichts dessen versucht er, sich mindestens dieses eine im Laufe des Finales vom Hals zu schaffen. Die Szene, in der Victor Walt vor seinem Haus abfängt und ihn auffordert, ins Auto zu steigen, erinnert an das Ende der Staffel-2-Premiere, als Tuco und Jesse Walt abholten.

Aber Gus hat, genauso wie damals Tuco, die Rechnung ohne Heisenberg gemacht. Der nämlich ist klüger und gefährlicher, als man denkt (oder denken möchte). Das “man” bezieht sich nicht nur auf Gus, sondern auch auf uns Zuschauer: Die Arbeit an Walts Figur zahlt sich für die Autoren in dem Moment aus, als Walt von Mike und Victor in die Enge getrieben wird und Jesse anruft – angeblich um ihn Gus zu verkaufen und so sein eigenes Leben zu retten. Ich muss zugeben: ich habe wirklich geglaubt, dass Walt Jesse verrät. Diese geschickte Konstruktion aber ermöglicht es, dass Walts Plan in Erfüllung geht. Denn wir erinnern uns an das Gespräch in Laser Base:

Jesse: „So what do we do?“

Walt: „You know what we do.“

Während Gus glaubt, einen Plan zu haben, und Gale auf Walts Abschied vorbereitet, hat Walt das längst erkannt und sich entschieden, Gale zu opfern, um sich selbst zu retten. Dabei erinnert er Jesse daran, dass er ihm das Leben rettete und fragt, ob Jesse bereit sei, jetzt seins zu retten. In dieser Hinsicht klingt Walts triumphierendes „Yes“, mit dem er Mike klar macht, mit dem Telefonat nicht nur Jesse gewarnt, sondern ihn damit zu Gale geschickt zu haben, äußerst grausam!

Nicht nur im Gus’ Fall holt die eigene Aussage jemanden ein, sondern auch in Jesses. Am Anfang der Staffel sagt er zu Walt: „I’m the bad guy.“ Damit liegt er, wie wir alle wissen, eigentlich falsch, aber am Ende doch richtig. Denn Mr. White vollendet den Prozess, den er bei Jesse in Gang setzte: ihn zum „bad guy“ zu machen. Er schickt ihn, Gale zu erschießen – und Jesse tut es mit Tränen in den Augen.

An dieser Stelle wird es natürlich Diskussionen geben: Die Kamera schwenkt leicht, bevor Jesse schießt, und alles wird abgeblendet. Hat er ihn also wirklich erschossen? Vincent Gilligan, der die Episode geschrieben hat und Regie führte, sagt Folgendes: „That is not intentional. I did not see it that way when I was directing. It’s not wrong for you to think he shot this guy.“

Breaking Bad: ich ziehe meinen schwarzen Hut vor dir!

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