Breaking Bad: Green Light (3×04)

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Vielleicht ist es Einbildung, aber in dem derzeit besten Drama im Fernsehen, scheint jedes Detail (aber wirklich jedes) mit dem anderen in Verbindung zu stehen, wenn auch nicht auf dem ersten Blick und wenn des Öfteren auf einem höchst metaphorischen Niveau. Zum Beispiel, das Tempo, mit dem die Handlung vorankommt, ist alles andere als schnell. Sie ist sogar schleppend, langsam wie eine … Schildkröte.

Erinnern wir uns: „Tortuga“! Und die Serie referiert aus ihren vielen Untersichtperspektiven (Kamera filmt oft aus der so genannten Froschperspektive, aber bei Breaking Bad werden wir es ab jetzt Schildkrötenperspektive nennen) nicht nur auf die El Paso-Handlung und auf Hank (Dean Norris) hin, sondern auf sich selbst als Erzählung. Die Schildkröte ist schneller als der Hase, weil Breaking Bad gerade in der Langsamkeit die erzählerische Wucht entwickelt. Die Serie ist wie ein Buch, in dem man immer wieder zurückblättern kann und sich die Bestätigung holen, dass sogar jedes Bild (wenn auch so unwichtig) seine Bedeutung hat und nicht vergessen bleibt, sondern wie aus dem Nichts, sich uns zu einem bestimmten Zeitpunkt erschließt.

Fangen wir bei dem allerersten Bild in Green Light an: Aus der Untersicht wird die Wand einer Tankstelle gefilmt und rechts im Bild sind ein Paar Schuhe zu sehen, die an einem verrosteten Rohr hängen. Dann aus einer anderen Perspektive wird die komplette Wand gezeigt, sodass man einen Blick auf den Geldautomaten (ATM), der dort steht, bekommt. Zufällig? Nicht bei Breaking Bad! Hier haben jeder Gegenstand und jede Figur ihre Rolle. Apropos, Figur: Die Serie hat es gefühlvoll geschafft, Mike als Sauls Helfer, aber als Gus’ treuen Mitarbeiter einzuführen, der in dieser Episode mehrere Auftritte hat.

Es scheint so als würde er beruhigend auf Menschen wirken – „I like it“ (über seinen Job) – und sogar Saul wirkt in Mikes Anwesenheit für ein paar Minuten relativ still. Die Ruhe, die Mike ausstrahlt, wirkt beunruhigend, Guerrero Style (Human Target), genauso wie die Aufnahmen, die er Saul aus dem Haus der Walters bringt. Ich fand die Entscheidung der Autoren, uns zusammen mit Saul und Mike, Walts Reaktion auf Skylers “I.F.T” nur hören anstatt sehen zu lassen, absolut gelungen. Denn dadurch wirkt die tragische Hässlichkeit dieser Szene noch stärker, ohne dabei die Figuren eine Art bloßstellen zu müssen.

Dafür wird Hank bzw. seine Angst nach El Passo zurück zu gehen, in dieser Episode bloß gestellt, denn er legt sich weiterhin, genauso wie Walt, selbst die Steine in den Weg. Bei Hank sind die gleichen Selbsttäuschungsmechanismen am Werk. Er ergreift kurz vor Abflug nach El Paso, die Möglichkeit doch noch zu bleiben, indem er sich am einzigen Rettungsring, der ihm übrig geblieben ist, festhält: Heisenberg! Durch das Meth, das Jesse als Bezahlung der Tochter des Tankwarts andreht, ist der Heisenberg-Stoff wieder auf ABQs Straßen aufgetaucht. Und ob Walter es zugeben will oder nicht, ist „Heisenberg“ auch sein Rettungsring.

Oder bleibt ihm etwas Anderes übrig? Vielleicht ein Fikus, mit dem er Ted Beneckes Fenster zerschmettern kann? Walts mehrfache Ausraster in dieser Episode sind genauso tragisch, wie auch lustig. Er bekommt nicht mehr die Füße auf den Boden, genauso wie die Schuhe an dem Rohr! „I’m talking with Ted“, erklärt er der entsetzten Skyler (Anna Gunn), als er mühsam versucht die Pflanze hochzuhieven, um Beneckes Fenster zu zerschmettern. Anstatt ihn sich mit Ted prügeln zu lassen, beobachten wir Walts gescheiterten Versuch überhaupt an Ted zu gelangen, der wiederum sich in seinem Büro versteckt: Awesome!

Genauso wie die holprige Auseinandersetzung zwischen Walt und Saul, die durch Mike von ihrer Peinlichkeit erlöst werden. Aber damit ist Walks Amoklauf in dieser Episode nicht beendet. In einer den Atem anhaltenden (mehrere Sequenzen ohne Ton) Welt, gestört nur von den gelegentlichen unwichtigen Geräuschen wie dem Sausen des ABQ-Windes, ist der Chemielehrer Walter White außer sich. Er versucht als Walter White, Grenzen zu überschreiten, aber wird in die eigenen Schranken zurückgewiesen, wie in der Szene mit der Schulleiterin, die er versucht zu küssen und als Folge gefeuert wird.

Sehr geschickt werden die Figuren in Entscheidungen gedrängt, die schlecht sind und noch schlechtere Auswirkungen haben werden. Und so kommen wir zu der wichtigsten Szene in dieser Episode, dem Treffen zwischen Walt und Jesse (Aaron Paul). Langsam, aber sicher bringt die Serie die zwei Hälften des Koch-Duos wieder zusammen: „You’re good at a lot of things, son“, sagt Walt, als er versucht Jesse vom Kochen abzubringen. Aber dass Jesse es schon getan hat, sein eigenes Rezept benutzt – an dieser Stelle übernimmt Heisenberg die Oberhand und wir sehen ihn auf dieselbe Art und Weise sich fühlen und reagieren, wie bei der Geschichte mit Gretchen und Elliott, deren Erfolg auf Walts Arbeit basiert.

Heisenberg ist das Einzige, was Walt übrig geblieben ist. Dasselbe gilt für Jesse. Aaron Pauls Darstellung muss in dieser Episode hervorgehoben werden, denn seine Szene mit dem Mädchen an der Tankstelle ist ein Beispiel dafür, wie weit er und zu welchen Abgründen er die Figur tragen kann. Jesses stechend blaue Augen, die in dieser Szene hervorgehoben werden, sind leer, verträumt, aber gefühllos.

Und Skyler hat das Gefühl, dass mit jeder Episode immer mehr Menschen sie hassen. Ihr Gesichtsausdruck im Kopierraum sagt alles. Ist Ted Benecke der Ausweg? Der fließende Übergang aus dem Kopierraum und den Geräuschen des Kopierers zu den Sexgeräuschen aus Beneckes Schlafzimmer – den Sexualakt können wir nur als eine vage Spiegelung in den eingerahmten Fotos von Teds Kindern sehen – ist wieder einmal glänzende audiovisuelle Leistung des Breaking Bad-Teams. Genauso wie das letzte Bild, in dem alles wieder zu einem feinen Erzählpaket verschnürrt wird. Heisenberg hat grünes Licht!

Übrigens: Hat jemand das Teddy-Auge gesehen? Und wo sind die Cousins? Vermutlich kriechen sie auf dem Asphalt vor Walts Haus mit einem Stück Kreide in der Hand!

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