Breaking Bad: Hermanos (4×08)

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„The Postman Always Rings Twice“: So heißt der Bob Rafelson-Film aus dem Jahre 1981. Allerdings war die erste Verfilmung des gleichnamigen Buchs bereits 1946 und diese erschien in Deutschland mit dem Titel „Die Rechnung ohne den Wirt“. Einem Kapitel des slowenischen Philosophen Slavoj Zizek lassen sich Gedanken entnehmen, die auf Breaking Bads Hermanos mit Gewinn anwendbar sind. Wie dieses Kapitel heißt? “Wenn der Postmann zweimal klingelt” (Slavoj Zitek: Liebe Dein Symptom wie Dich selbst, 1991). Mir geht es um eine – vereinfachte – Variante der Zizek-These, dass ein Brief immer seinen Bestimmungsort erreicht:

a) weil der Bestimmungsort eben dort ist, wo der Brief ankommt;

b) weil Verdrängtes immer zurückkehrt und die Rechnung beglichen werden muss;

c) weil niemand dem Tod entrinnen kann.

Was hat das mit Breaking Bad zu tun? Vor allem die ersten beiden Antworten interessieren uns. Sie sind eng miteinander verknüpft, genauso wie Walter White (Bryan Cranston) und Gustavo Fring (Giancarlo Esposito). Diese beiden verbindet mehr als nur das Geschäft und das Begehren, dem jeweils Anderen ein Ende zu bereiten.

In Flashbacks erzählt uns Hermanos Gus’ Vorgeschichte, Schritt für Schritt und Bild für Bild, bis die für Gus so traumatische Szene am Ende der Episode komplett ist. Verkennen und Verdrängen sind hier die Codeworte. Wir haben oft darüber gesprochen, dass Walter seine eigene Rolle im Ganzen verkennt, dass er die Schuld von sich wegschiebt und anderen aufzuladen versucht. Walters Haltung entspricht der Frage: “Warum ich? Warum tun sie mir das alle an? Womit habe ich das verdient?”

Er sucht nach einem Schuldigen – und findet ihn in Gus. Also: Gus erledigen, und alles wird gut! Als aber Hank Walter in dieser Episode zum Hermanos-Restaurant führt und ihm seine Vermutungen über Gus mitteilt, sagt er ihm eigentlich noch etwas Anderes: dass nämlich Walter selbst der Adressat ist und dem endgültigen Schuldbrief nicht entkommen kann. Genauso wie Gus es Tio mitteilt: im Flashback nach dem Tod der Cousins und bei einem Besuch gegen Ende von Hermanos. Nur Gus selbst wird mit der Wahrheit konfrontiert – ganz am Anfang der Episode, als er zu einem Verhör vorgeladen wird.

Zwar weiß er die Anschuldigungen wegen Gale und des Meth-Geschäfts überzeugend von sich zu weisen, genauso wie Hanks Frage, warum die Existenz eines Gustavo Fring in Chile nirgendwo dokumentiert sei; aber sein Gesicht und seine Haltung im Fahrstuhl erzählen eine andere Geschichte. Wenn man so will, ist ausgerechnet Hank der “Postbote”, das Verbindungselement, das Klingeln.

In Hermanos erleben wir drei einander sehr ähnliche Szenen, sowohl visuell als auch akustisch. Es ist ein wiederholtes Klingeln zu hören, während wir in der ersten Szene Tios Hand und die Glocke im extremen Close-Up sehen, in der zweiten Gus’ leicht zitternde Hand (das Klingeln stammt diesmal vom Fahrstuhl) und in der dritten Walters Hand an der Klingel von Jesses Haus. Alle drei Figuren werden von einer Wahrheit eingeholt und daran erinnert, dass die symbolische Rechnung noch nicht beglichen ist: Egal, was sie tun, der Brief mit der Wahrheit wird sie erreichen, weil sie selbst der Bestimmungsort sind, weil sie alle im selben Boot sitzen. Wir werden wieder an Walters Krebserkrankung erinnert, als er zur Untersuchung muss und einem anderen Patienten erklärt: „Never give up control, live life on your own terms.“ Ein weiterer Hinweis auf Walters Selbsttäuschung, alles unter Kontrolle zu haben.

Aber Hermanos ist nicht hauptsächlich eine Episode über Walter, sondern eher über Gus. Wir erfahren, woher der Name seiner Restaurantkette Los Pollos Hermanos stammt – The Chicken Brothers. Vor einiger Zeit gab es zwei „Chicken Men“, Gustavo Fring und seinen besten Freund aus Chile, den begabten Chemiker Maximilio: Gemeinsam stellten die beiden Freunde dem Kartellboss Don Eladio die Meth-Idee vor. Dieses Treffen endete mit Max’ Tod: durch Kopfschuss aus Tios (Hectors) Hand, vor Gus’ Augen.

Don Eladio (Steven Bauer, „Scarface“ – der Film gehört zu Vince Gilligans Vorbildern, wie er selbst sagt) teilt Gus mit, er lasse ihn am Leben, „because I know who you are“. Noch immer erfahren wir nichts Konkreteres. Interessant wiederum sind die Momente vor Max’ Tod, als er Don Eladio um Gus’ Leben bittet: „I need him.“ Dieselben Worte hat Walter Gus gegenüber wegen Jesse (Aaron Paul) benutzt! Breaking Bads Fähigkeit, an einem solchen Punkt alle Fäden zusammenzuziehen, ist immer wieder bewundernswert.

Ein anderes Klingeln in dieser Episode enthüllt Walter die Wahrheit darüber, dass Jesse ihm gegenüber nicht loyal ist. Zwei ähnliche Close-Ups von Walters und Gus’ Gesichtern werden uns präsentiert, als sie in dieser Episode eine unangenehme Feststellung machen.

Übrigens macht auch Skyler eine unangenehme Erfahrung, die Walter schon hinter sich hat – nämlich mit dem Raum unter dem Fußboden des Hauses, wo sie große Wäschesäcke verstecken müssen: voller Kleidungsstücke, aber auch voller Geld. Damit bekommt Geldwäsche eine sehr sinnbildliche Beschreibung. Dies ist nicht die einzige amüsante Szene in Hermanos: Die zweite findet vor dem gleichnamigen Restaurant statt, als Hank Walter dazu bewegen will, illegal einen GPS-Tracker an Gus’ Auto anzubringen, während ein grinsender Mike die beiden aus einem anderen Auto in der Nähe beobachtet.

„Miss Daisy with binoculars“ nennt er Hank später im Gespräch mit Gus und referiert auf den Film mit Morgan Freeman in der Rolle des Chauffeurs. Tatsächlich ist Walter der Mann hinterm Steuer – aber nicht als Lenker des Ganzen, sondern als Chauffeur, als Angestellter. Walters Worte zu Skyler vor einigen Wochen, dass er derjenige sei, der vor der Tür stehe, wenn es klopfe, erweisen sich letztendlich als wahr: Walt klopft bzw. klingelt tatsächlich – aber er ist auch derjenige, der die Tür dann öffnet.

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