Breaking Bad: Kafkaesque (3×09)

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Was haben Walt und Gus gemeinsam? Sie gehören zu den Menschen, die sofort erkennen würden, was sich hinter jenem Gemälde verbirgt, welches Natascha Krupskaya mit einem jungen Mann im Bett zeigt und den Titel “Lenin in Warschau” trägt (ein alter Witz). Während die meisten Museumsbesucher fragen, wo denn nun Lenin sei – genau wie man sich fragt, was Breaking Bad mit Lenin zu tun hat -, wissen Walt und Gus, dass er… in Warschau ist (und infolgedessen eben nicht auf dem Bild). Mit einem kleinen Unterschied: Gus würde lächelnd seinem Wunsch Ausdruck verleihen, dass hoffentlich das Wetter in Warschau gut ist. Und Walter (Bryan Cranston) würde sagen: Der junge Mann hilft bestimmt Frau Krupskaya, das Bett zu beziehen…

In Kafkaesque treffen die beiden Schachspieler Gus und Walt aufeinander, aber entscheiden sich letztendlich für einen Kompromiss, der Walt 15 anstatt 12 Millionen pro Jahr bringen soll. Ende offen! Pro Jahr? Was ist mit den drei Monaten? Von Anfang an hat Gus geplant, die Kontrolle über das Südwest-Drogengeschäft zu übernehmen – und dieser Plan involviert Walt. Als der sich Gus’ Strategie klar macht, bleibt ihm nichts als Anerkennung: „I would have done the same“. Gleichzeitig wirft ihn diese Erkenntnis komplett aus der Bahn – mit anderen Worten, aus der Spur: Um ein Haar lässt Walt das Auto unkontrolliert in den Gegenverkehr rauschen. An dieser Stelle merkt man deutlich, dass der Rausch der guten alten Breaking Bad-Tage, als das Kochen von Meth Walt zum Leben erweckte, vergangen ist: an seine Stelle sind Ernüchterung, Unsicherheit und Angst getreten. Walt weiß nicht mehr, in welcher Welt er lebt – und wohl auch nicht mehr, wer er ist bzw. sein soll.

Interessanterweise stellt er Jesse (Aaron Paul) diese Frage: „What world do you live in?“ Nachdem sich Jesse erst einmal darüber aufgeregt hat, dass eine der Meth-Kisten etwas zuviel enthält und Walt diese kleine Menge, die Geld bedeutet, einfach so “verschenkt”, macht er Walt klar, wie viel Gus in den drei Monaten eigentlich verdient: 96 Millionen. Aber das Bild von beiden, Jesse und Walt, von der Welt, in der sie leben, ist „messed up“. Jesse will kein Mitarbeiter sein, sondern ein Krimineller. Er will nicht die Geborgenheit des Geschäfts, sondern das Risiko, denn aus einer rein menschlichen Perspektive gibt es für ihn keine Geborgenheit mehr: Jane ist tot und sein Ersatzvater Heisenberg, der Verantwortliche für Jesses Misere, hat ihn derselben willentlich überlassen. Beim Treffen der 12-step-Gruppe erzählt Jesse diese seine Geschichte – wenn auch auf “kafkaeske” Art und Weise.

Er erzählt von einer Holzkiste, an der er im Werkunterricht der High School arbeitete – so lange, bis sie perfekt war: das war sie ihm wert. Und dann tauschte er sie für… Gras ein. Damit teilt uns Jesse mit, dass er die Tatsache akzeptiert, den Lauf seines Lebens den Drogen angepasst zu haben und diesem Fluß bis zum Ende folgen zu wollen. So, wie der blaue Meth-Fluss aus dem Vorspann einen visuellen Übergang zwischen der grandiosen Los Pollos-Werbung und dem Fluss der Meth-Produktion und -Distribution markiert: „One taste and you will know!“ Da Jesse herausgefunden hat, wie er Meth unbehelligt entwenden kann, möchte er diesen blauen Fluss nun grausamerweise in die Rehab-Gruppe leiten – mit der Hilfe von Badger und Skinny Pete. Drogen an Menschen zu verkaufen, die auf Entzug sind: „That’s messed up“, um es mit Jesses eigenen Worten zu sagen. That’s Kafkaesque, die Episode der erzählten Geschichten.

Hobby-Schriftstellerin Skyler (Anna Gunn) hat auch eine in petto, in der Walter… ein Gambler ist: ein ziemlicher erfolgreicher. So erfolgreich, dass er Hanks (Dean Norris) Behandlung bezahlt. Sky bringt Walt dazu, indem sie ihn mit der Hoffnung auf Versöhnung erpresst. Sie erfindet seine neue, fiktionale Gambler-Existenz übrigens für Marie, die ihr in ihrer hysterischen Ratlosigkeit die Geschichte abkauft, während Walter genauso gespannt zuhört wie Marie selbst. Zeit, Verantwortung zu übernehmen, Walt – oder, mit Badgers Worten: „Darth Vader had responsibilities. He was responsible for the Death Star.“

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