Breaking Bad: Shotgun (4×05)

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Walter (Bryan Cranston) als Drogenhersteller und sein eigener Boss Heisenberg. Walter als genialer Mitarbeiter. Walter als Familienoberhaupt. Walter als Beschützer und Ersatzvater für Jesse? Shotgun schießt Stückchen für Stückchen von Walters Ego ab; sie zerfallen in einzelne Kristallteilchen, so wie das Eis, das Jesse (Aaron Paul) im Labor gegen Ende der Episode klein hackt. Dem entsprechend endet Shotgun mit Walters selbstzerstörerischer Ohnmacht: Ihm wird vor Augen geführt, dass er von den anderen Beteiligten in keiner der aufgezählten Rollen so gesehen wird, wie er sich selbst sieht.

Im Teaser der Episode rasen wir auf Reifenhöhe durch ABQs Straßen; aus dem Off, dem Auto, ist Walters wütende Stimme zu hören: Er telefoniert mit Saul. Walter ist zu allem bereit, um Jesse zu holen oder zu rächen. Er steuert direkt auf das Los-Pollos-Restaurant zu und hinterlässt zu Hause Skyler (Anna Gunn) eine Nachricht, die in dem Moment als Abschied gemeint ist: „I love you!“ Nur: Jesse will nicht gerettet werden! „Where are you going?“, fragt Walter am Telefon. „Beats me“, antwortet Jesse.

Nach diesem furiosen Anfang nimmt Breaking Bad das Tempo heraus, und wir verbringen die Hälfte der Episode mit Jesse und Mike. Zwar sind wir immer noch mit dem Auto unterwegs, aber dies ist eine ruhige Fahrt – so ruhig und langweilig, als wolle Mike Jesse mit Schweigen und Ruhe umbringen. Als sie in die Wüste hinausfahren, wird Jesses Langeweile durch ein Spannungsmoment unterbrochen, da er um sein Leben fürchtet – aber die Schaufel, die Mike aus dem Kofferraum holt, soll nur eine Geldlieferung aus dem Wüstenboden graben. Wie schon manch einer unserer Leser letzte Woche vorausgesagt hat, soll Jesse Mike bei einem Job helfen.

Die Orte, die Jesse und Mike besuchen, um die Geldlieferungen abzuholen, sind wunderschön gefilmt, obgleich verlassen und dem Verfall preisgegeben.Nachdem beim letzten Stopp nur Jesses schnelle Reaktion ihn und Mike von einem Überfall bewahrt, verstehen wir, was hinter der ganzen Geschichte steckt: Sie wurde von Gus inszeniert, um Jesse, dessen Dasein aussieht wie die Orte, die sie besuchen, ein neues Gefühl zu geben, ihn fester an das Geschäft zu binden. Und es funktioniert: „I was out with Mike, helping make pickups“, sagt er anschließend im Labor zu Walter. „Two dudes tried to rob us and I saved the stash. I took care of business, just like I’m taking care of business right now. I guess I have two jobs now. You wanna stand there dicking around or you want to suit up and get to work?“ So schnell kann sich der Spieß umdrehen: Man erinnere sich an Walters tönende Worte aus der letzten Episode, dass er der einzige professionell Handelnde sei!

Im Grunde verpasst Gus Jesse ein neues Selbstbild. Und parallel dazu hackt er die Beziehung zwischen Jesse und Walter langsam, aber sicher in Stücke und isoliert Walter immer mehr. Gus übernimmt, als unsichtbarer Dritter, Walters Rolle als der Mann, der Jesses Leben verändert und überhaupt lebenswert macht. Auf viel subtilere Weise, ohne dass Jesse es überhaupt bemerkt – anstatt sich selbst in den Vordergrund zu stellen, wie es Walter zu tun pflegt. Diesen chemischen Prozess versteht Gus besser als Walter.

Was Skyler missversteht, ist die Nachricht auf dem Anrufbeantworter, die sie abhört, nachdem sie und Walt den Car-Wash-Deal finalisiert haben. In einem höchst emotionalen Moment endet alles im Schlafzimmer. Aber mit Skyler obenauf! Danach bietet sie ihm sogar an, wieder einzuziehen. Walter antwortet nichts darauf – nur um am nächsten Morgen von Junior zu erfahren, dass sein Einzug am Dienstag erwartet würde: Wieder einmal hat Skyler die Entscheidung für ihn getroffen. Er steht in der Küche, mehr oder weniger wortlos, und sein Blick sucht Halt – um schließlich bei dem Kaffeebecher in Juniors Hand innezuhalten, den Becher mit der Aufschrift „Beneke“.

Auch im Labor liegt die Entscheidungsgewalt nicht mehr allein bei Walter. Als er droht, nicht weiterzuarbeiten, bis sein Partner zurückgebracht wird, taucht einfach Gus’ neuer Helfer auf. Frustriert trinkt Walter beim Abendessen mit Marie und Hank ein Glas Wein nach dem anderen, nur um sich dem Wortschwall am Tisch zu entziehen. Dann aber erzählt Hank wieder einmal von Gale und bezeichnet ihn als extravagantes Genie. Immer wieder zeigt die Kamera, wie schon letzte Woche, Walter aus der Untersicht. Eigentlich werden solche Einstellungen benutzt, um eine Figur machtvoll erscheinen zu lassen. Bei Walt jedoch sehen wir Ohnmacht.„All that brilliance looks like nothing more than copying. Probably of someone else’s work. Maybe he’s still out there“, sagt er zu Hank, den wir früher in der Episode die Heisenberg-Files zurückgeben sahen. Hank auf die eigene Spur zu hetzen und dadurch auf Gus’, scheint Walters einzige Möglichkeit, sich wieder in den Vordergrund zu spielen, wo er seiner Meinung nach hingehört. Die letzten Minuten zeigen uns Hank am Tisch mit den kompletten Heisenberg-Akten: Er hält ein Blatt in der Hand, eine Aufnahme aus Gales Habseligkeiten. Sie zeigt einen Los-Pollos-Hermanos-Umschlag, auf dem eine Nummer steht. Nun darf Hank darüber grübeln, was ein Vegetarier wohl mit Hähnchen anfing…

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