Breaking Bad: Sunset (3×06)

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„Name one thing that is not negotiable“, sagt Walt (Bryan Cranston) zu dem Immobilienmakler, der ihm die Musterwohnung samt einem unglaublichen ABQ-Gemälde vermieten soll. Die Antwort ist: Ja, Walt! Es lässt sich nicht über die Tatsache verhandeln, dass Breaking Bad einfach ein Kunstwerk ist! Sunset ist Fernsehen zum Genießen – über die Grenzen von Moral und Poesie.

Nehmen wir das allererste Bild: Im Close Up sehen wir ein Schildchen an einem Autorückspiegel hängen, beschriftet mit „Homeland Security“. Durch die Bewegung des Autos verdreht sich das Schildchen und wir können die Rückseite betrachten. Dort ist ein Bild von vier Indianern mit Gewehren zu sehen und die Überschrift „Fighting Terrorism Since 1492“.

Zuerst dachte ich: was für ein gnadenloser Witz. Aber dann schneidet man auf den Fahrer des Polizeiautos: Der Polizist ist ein Einheimischer, ein Indianer. Hier kommt der Witz zur vollen Entfaltung und beweist, worin Breaking Bads Genialität liegt. Nicht nur in der herausragenden visuellen Erzählweise, sondern in der Ambivalenz, mit der erzählt wird. Sind die Indianer die Terroristen oder die Terroristenbekämpfer? Ist der Polizist stolzer amerikanischer Ureinwohner oder sarkastischer Staatsdiener? Nur dieser kleine Ausschnitt ist mehrere Seiten Überlegungen Wert.

Breaking Bad beschreibt Situationen und Figuren, aber was für eine Art der Beschreibung ist das? Nein, es ist keine realistische – kein einfaches Festhalten von Ereignissen, sondern eine „description without place“, wie es Wallace Stevens nennt. Sie ist typisch für Kunst und kreiert als Hintergrund des Beschriebenen einen eigenständigen einmaligen Raum. Die Ereignisse, die dort stattfinden, schöpfen ihre Wirkung auf uns nicht aus einer tatsächlichen Realität, der sie entspringen, sondern sie sind dekontextualisiert, sind ihre eigene Realität innerhalb unserer Wahrnehmung, sind die halluzinatorischen Sonnenuntergangsbilder von Breaking Bads ABQ.

Wenn Breaking Bads Orange immer „orangener“ wird, ist es Zeit für … Santa Muerte, aus dem Schatten der Gnadenlosigkeit aufzutauchen und, vor sich Heisenbergs Skizze tragend, hinter sich die Opfer einer glänzenden Axt zurückzulassen. Dass die Cousins axtabhängig sind, war uns allen schon klar, aber dass sie so weit kommen, ein Wort von sich zu geben, erfordert definitiv besondere Umstände.

Ein solcher Umstand ist die stundenlange Präsenz der beiden in Gus’ Restaurant, die Gus’ Frage provoziert, was sie wollen – die mit einem „You know!“ quittiert wird. „Sunset“ lautet Gus’ Versprechen. Breaking Bad hat nie viele Worte gebraucht, um viel zu erzählen und die Spannung bei den Zuschauern ins Unerträgliche zu treiben. Obwohl – ich finde, dass es sich nicht wirklich um Spannung im herkömmlichen Sinne handelt. Es ist eine Spannung, die in Paralyse mündet. Man starrt paralysiert die ABQ-Wüstenlandschaft an und fühlt sich wie das Paar Schuhe, welches im Teaser einer früheren Episode an dem Rohr baumelte.

Während Jesse (Aaron Paul) sich den guten alten Schuh der Meth-Produktion und -distribution zusammen mit Badger und Skinny wieder anziehen will, scheint für Walt ein neues Kapitel begonnen zu haben. In diesem Kapitel akzeptiert er, wer er ist: „I am the man that I am, and this just is what it is“, sagt er zu Walter Jr. „Call me crazy, but I’m actually feeling really good about the future.“ Und welcher Mann bist du, Walt?

Trickreich, wie die Serie ist, lässt man Walter zwar sein Dasein akzeptieren, aber immer noch nicht Jesses Punkt erreichen: Ich bin der Böse und ich akzeptiere es. Walt bewertet das eigene Dasein zu keinem Zeitpunkt, sondern verbringt die Episode im „Sunset“ der blau schimmernden Kühlschränke voller Meth, das er zusammen mit seinem neuen Assistenten Gale (David Costabile – Damages, The Wire, Flight of the Conchords) produziert hat.

Gale ist der zu perfekte Assistent, der die Chemie verehrt, Hochschulzeugnisse aufzuweisen hat, und den perfekten Kaffee kocht. Die Musik-Szenen mit ihm und Walt, als sie Meth kochen, zwischendurch Schach spielen und sich zum Abschluss – nach getaner Arbeit – ein Glas Wein und Walt Whitmans „When I Heard the Learn’d Astronomer“ gönnen, sind große audiovisuelle Klasse. Apropos audiovisuelle Klasse und Walt Whitman: Als Hank mit Marie telefoniert, berichtet er ihr, dass es mit dem Fall Jesse nicht weiter gehe. Sie meint, sie hätte eine Idee, wer ihm weiter helfen könnte. Auf die Frage „Who?“ erfolgt ein Schnitt auf ein Buch mit dem Cover „Walt Whitman: Leaves of Grass“ – gelesen von Walt. Sein Handy klingelt und Hank ist dran. Man kann nicht anders, als solche kleine audiovisuelle Feinheiten genießen!

Das Geniale an Sunset ist, Walts Anwesenheit auf zwei Hälften zu verteilen. Wie schon beschrieben, verbringt er die erste im neuen Labor – und die zweite im alten! Im RV, zusammen mit seinem alten Assistenten Jesse! Denn Hank folgt Jesse bis zum RV, den Walt auf den Schrottplatz bringen und verschrotten lassen will, eben damit Hank ihn nie findet. Die eigenen Spuren aus der Partnerschaft mit Jesse lassen sich aber nicht so schnell verwischen. Als Jesse Walt im RV zur Rede stellt, taucht Hank auf … und Jesse und Walt sind gezwungen sich in dem Wohnwagen einzuschließen.

Was folgt, ist Breaking Bad-Old School: Jesse und Walt zusammen im RV. „This is my own private domicile and I will not be harassed…Bitch!“, ruft Jesse in etwas abgewandelter Form die Worte, die Walt ihm zuflüstert, um Hank davon abzuhalten, den RV zu stürmen! Und sie schaffen ihn tatsächlich weg – aber um welchen Preis!

Noch nie war Hank so nah dran, seinen Schwager als Heisenberg zu entlarven. Und noch nie seit El Paso war Hank dem Tode so nah.

Santa Muerte – El Paso holt ihn wieder ein, denn die letzte Szene präsentiert uns Gus und die Cousins, die beim herrlichen ABQ-Sonnenuntergang Hanks Schicksal besiegeln. Hank als Zwischenmahlzeit, um die Mordlust der Brüder zu stillen… Die Lust nach weiteren Breaking Bad-Episoden ist definitiv nicht zu stillen!

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