Justified: Harlan Roulette (3×03)

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„Next one is coming faster“, sagt Raylan am Ende dieser Episode zu Duffy, nachdem er ihm mit der Hand eine Kugel auf die Brust geworfen hat. Nicht nur ist dies eine wunderbare Inszenierung und “Coolness” im Spitzenbereich, sondern es erinnert uns an die Kugelmetapher, über die wir schon in der ersten und der zweiten Staffel gesprochen und gestritten haben. Es ging um die Metaphorik der Kugel, die immer ihren Bestimmungsort erreicht. Diese Kugel muss sich nicht unbedingt im materiellen Sinne, sondern kann sich auch als Wort, als Geste, als Blick manifestieren – und damit als Versprechen.

Solche macht Raylan Givens (Timothy Olyphant) gern und versucht sie auch zu halten. Er macht seine Versprechen verbindlich, genauso wie Kugeln verbinden. Aber warum besteht die Verbindung zwischen den männlichen Protagonisten in herumirrenden und -suchenden Kugeln, die früher oder später ihren Bestimmungsort erreichen werden? Weil sie, um endlich den thematischen Boden dieser Episode zu betreten, im gewissen Sinne “Abhängige” sind. Sie spielen für ihr Leben gern Harlan Roulette! In einer stillen Szene in der Bar, die Boyd (Walton Goggins) im Handumdrehen übernommen hat, fragt ihn Devil, welcher Boyd er jetzt sei, welchem Boyd er folgen solle.

Damit werden wir an den Weg erinnert, den Boyds Figur bisher bestritten hat – immer dem eigenen, tatsächlichen Standpunkt einen Schritt voraus. Mit Poker-Terminologie beschrieben, liegt Boyds Stärke im perfekten Leveling: Er kann haargenau abschätzen, auf welchem gedanklichen Level sich sein Gegner befindet, um selbst stets eins drüber und damit den besagten Schritt voraus sein zu können. Nur sein alter Freund Raylan bereitet ihm immer wieder Schwierigkeiten. Warum? Weil Raylan selbst ähnlich handelt – mit dem Unterschied, dass er als begabter Geschichtenerzähler seine Zuhörer genau dahin manövriert, wo er sie haben will.

Auch der neue Mitstreiter in Harlan, der Mann aus Detroit, zeigt in dieser Episode, dass er die Fähigkeiten zum Mitspielen besitzt. Er verfährt wiederum etwas anders als Raylan und Boyd, indem er Anderen das Gefühl gibt, Oberwasser zu haben – während er selbst die Asse im Ärmel trägt, in Gestalt der Kugeln seiner im Ärmel versteckten Pistole und seines Scharfsinns. Er spielt schmutzig, könnte man sagen, aber Regeln sind fließend – wie die Tischdecke, die Raylan ganz sachte an sich heranzog, um dem Ice-Pick-Nix-Spielchen ein Ende zu bereiten.

Mit dieser dritten Episode etabliert Justified in gewissem Sinne die Spielregeln, und wir beobachten, wie sich in Harlan ein Dreieck zu bilden scheint – mit etlichen Variablen darin. Eine Spielhierarchie, denn wie gesagt: Diese Männer sind spielsüchtig. Sie wollen die beste Hand, wollen die anderen ausspielen. Und die Kugeln, die sie aufeinander abschießen? Nun, die finden unterwegs auch andere Ziele, während sich die unterschiedlichen Gruppierungen zu organisieren beginnen.

„That is why it’s called organized crime“, sagt Quarles aka The Carpetbagger zu Duffy, als er ihm erklärt, wie er das Oxy-Business zwischen Harlan und Detroit betreiben will. Quarles, der seine Taxi-Driver-Inspiration in dieser Episode bestätigt, setzt den Pfandleiher Mr. Fogel auf Raylan an. Fogel gehört zu Duffys Leuten und spielt mit seinen drogensüchtigen Mitarbeitern gern “Harlan Roulette”. Da Fogels Truppe, allen voran Raylans alter Bekannter Wade (James LeGros), die Aufmerksamkeit des Marshals auf sich gezogen hat, kann Quarles nur gewinnen: Entweder erwischen sie Raylan – oder er erwischt Fogel & Co.

Übrigens wird Fogels Rolle großartig gespielt von Pruitt Taylor Vince, der schon in Touching Evil zusammen mit Jeffrey Donovan eine grandiose Leistung bot. Ich fand es geradezu schade, dass dieser Auftritt so kurz war, denn Fogel und Wally Beckett (Eric Ladin, The Killing) verpassen einander die Kugel, anstatt gegen Raylan anzutreten. Da Fogel die Phrase „break bad“ benutzt und Moira Walley-Beckett als Autorin bei Breaking Bad arbeitet, gebe ich den US-Kritiker-Kollegen Recht: es könnte sich um einen Insiderwitz handeln…

Marshal Raylan Givens mag Insiderwitze und stattet Duffy einen Besuch ab, um ihm zu verkünden, dass jetzt die Konversation stattfinden werde, die er ihm damals versprochen habe, und zwar mit Kugeln. Nach einem kurzen Treffen und einem ersten kleinen Deal mit Limehouse (Mykelti Williamson) sehen wir Boyds Plan Form annehmen, als Johnny wieder die Bühne betritt und Unterstützung mitbringt, während Dickie Bennett („You’re gonna have to h-h-hold your horses.“) solche im Gefängnis gebrauchen könnte: Der Wärter, der sein Gespräch mit Boyd abhörte, will an Mags’ Geld herankommen…

Das Spiel kommt in Schwung mit dieser Episode. Anders gesagt: Die Revolvertrommel wurde gedreht, und das Roulette kann beginnen.

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