Justified: The Gunfighter (3×01)

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Diese Eröffnungsepisode nimmt die Ereignisse an dem Punkt auf, an dem wir Raylan Givens (Timothy Olyphant) und all die anderen, nicht weniger interessanten Figuren zurückließen. Zumindest die, die noch am Leben waren…

Allerdings macht Justified einen dreiwöchigen Zeitsprung: von Raylan auf dem Krankenbett zu Raylan auf dem Schießstand. Seine schmerzhaften Versuche, das Ziel zu treffen, stehen im direkten Gegensatz zum Inhalt der Episode, wo jedes Wort und jede Kugel treffen.

Schon oft habe ich es in den Justified-Reviews erwähnt, aber hier wiederhole ich es noch einmal: Einer Unterhaltung zwischen Boyd Crowder (Walton Goggins) und Raylan Givens könnte ich stundenlang zuhören und -sehen, denn sie bieten jedes Mal Darsteller-Chemie und Sprachpoesie vom Feinsten.

Sie enden zwar oft weniger “fein”, kombinieren aber stets einen hohen Unterhaltungsfaktor mit einem unbemerkten Vorwärtsschub der Handlung. Schon früh hatte es Justified ja geschafft, eine Welt aufzubauen, die funktioniert – wie von allein: Man braucht keine “künstlichen” Eingriffe, um sie voran oder in eine bestimmte Richtung zu treiben. Sie atmet selbständig.

Viele US-Kritiker sagen, man könne die Gründe dafür, dass die FX-Serie Justified so gut funktioniert, nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Nun, es verhält sich mit Justified wie mit der Kunst selbst: Es ist schwer zu erklären, warum man die Serie schön findet und genießt. Anders ausgedrückt: Man findet eine Szene cool, nur um etwas später zu erfahren, was sie wirklich bedeutet – und sofort entsteht ein noch breiteres Grinsen im Gesicht. So ging es mir, als ich am Ende sah, warum Boyd am Anfang auf Raylan losging…

Justified handelt von Intelligenz und dem damit verbundenen Witz, von Schlitzohrigkeit. Vielleicht findet man Justified gerade deswegen so gut, weil, die FX-Serie es schafft, den Hut neben der Pflanze liegen zu lassen – im selben Bild. Genau das zeigt sich am Beispiel der Raylan-Boyd-Unterhaltungen.

Visualisiert sieht es so aus wie auf dem Bild, das ich The Gunfighter entnommen habe und hier als Großbild benutze: Der Hut und die Pflanze können friedlich nebeneinander existieren, aber das sagt nichts über ihre wahre Natur aus. Der Hut könnte einem Gunfighter gehören, und die Pflanze könnte Marihuana sein. So steckt in jeder Unterhaltung die Schönheit der Co-Existenz der Worte… und gleichzeitig ihr Problem miteinander.

Wie bei Boyds und Raylans Beziehung: Sie wollen miteinander sein und umgehen, können das aber nicht im selben Wort. Dennoch führt jede Unterhaltung nicht in eine Sackgasse, wie man denken könnte, sondern zu einem manchmal schmerzhaften Status Quo. Sie miss-verstehen einander, um ihre Ziele zu erreichen. Das geschieht auch in der Unterhaltung am Anfang dieser Episode, als Boyd von Raylan eine Entschuldigung dafür fordert, dass er sein Wort nicht hielt und ihm Dickie auslieferte. Denn Dickie schoss letztendlich auf Ava, und Boyd rettete Raylans Leben.

Auf dem diesjährigen Presstour-Panel von Justified erzählte Goggins, dass er Boyd-Raylan-Szenen so angehe, als würden die beiden Männer einander tatsächlich lieben. Interessanterweise wählt Olyphant, seinen eigenen Worten nach, genau das gegenteilige Gefühl…

Die Unterredung zwischen Raylan und Boyd am Anfang dieser Episode endet mit einer Prügelei, die Raylan zu Boden bringt; aber das breite Grinsen beider, als Boyd schließlich abgeführt wird, spricht Bände, deren Inhalt in der allerletzten Szene zum Tragen kommt. Justified hat immer schon sehr vom Dialog profitiert. Das wirkt nie erzwungen: Jede Figur legt Wert auf das Gesagte, auf die Worte. Raylan natürlich voran, erzählen diese Menschen einander ständig Geschichten und setzen ihre Sprache geschickt ein.

Justified verleiht dem Ausdruck „You give me your word“ eine andere Bedeutung, die uns an den Genuss des geschickten Sprachumgangs erinnert und nicht nur an den Umgang mit der Waffe. Zu letzterem scheint Raylan in nächster Zukunft nicht kommen zu wollen… und auch nicht zu können: Durch seine Verletzung sind Treffsicherheit und Schnelligkeit erst einmal verschwunden. Art will Raylan hinter dem Schreibtisch sehen: „You can’t run, you can’t shoot…“

Aber Raylan kann sprechen, Unterhaltungen führen, andere vor-führen; seine Schlitzohrigkeit ist nach wie vor seine Waffe. Außerdem braucht ihn Tim, da die Spur in einem Mordfall zu Wynn Duffy (Jere Burns) zu führen scheint. Also wird Raylan zum zweiten Mal in kürzester Zeit zum Wortbruch gezwungen. Er hatte aber Duffy versprochen: „The next conversation we have, ain’t gonna be a conversation.“

Ich bin froh, dass Wynn Duffy anscheinend eine größere Rolle spielen wird, denn er gehört definitiv zu den Bösewichtern in der Serie, die Raylan tatsächlich unter die Haut gehen. Außerdem bedrohte er schon einmal Winonas Leben, das Leben der Frau, die Raylans Kind erwartet. Tims Reaktion auf Raylans Versuch, Duffy zu meiden: „This is a different conversation.“ Es dreht sich alles um die Unterhaltung, das Gespräch, den Wortwechsel. Duffy ist zu einem längeren Gespräch allerdings nicht geneigt: „I would love to be of more help but I’ve got to get back to watching women’s tennis.“

Apropos Frauentennis: Keiner anderen als Ava, die sich ebenfalls von ihrer Schussverletzung erholt, gebührt die Ehre, uns einen perfekt ausgeführten Vorhandschlag zu präsentieren. Da Boyd im Gefängnis sitzt und Devil und Arlo den Handel mit Mags’ Gras vermasseln, will Boyd die verrottete Ladung verbrannt wissen. Devil weigert sich, Boyds durch Ava übermittelten Befehl auszuführen, und bekommt die Bratpfanne ins Gesicht. Arlo: „You didn’t have to do that, Ava.“ Ava: „Of course I did. Otherwise I wouldn’t have done it.“

Ava hat immer schon unter Beweis gestellt, dass sie die Pfanne schwingen kann. Übrigens ist die Inszenierung von Ava und Winona nach wie vor ein Augenschmaus: Winona (Natalie Zea) in sepia-braunen Farben, oft in mildes Licht getaucht; nur ihr Gesicht wird zum Glänzen gebracht, als wolle man das sprichwörtliche Strahlen werdender Mütter unterstreichen. Ava (Joelle Carter) kommt kontrastreicher daher, um die kantigen Seiten ihres Charakters hervorzuheben, und Lila… steht ihr einfach gut!

Emmitt Arnett, dem Dixie-Mafia-Handlanger in der Stadt, steht der Tod gut, den ihm Harlans neue Größe Robert Quarles (Neal McDonough) gibt. Quarles gehört der Detroit-Mafia an, und in seinen blauen Augen findet sich nichts als Gnadenlosigkeit: Er weiß, wie das Spiel gespielt wird. Ein geschickter Rhetoriker, ob mit Word oder Waffe, ist immer willkommen in Justified! Das gilt nicht für einen anderen Bösewicht, mit dem Raylan in der Eröffnungsepisode doch noch seinen Showdown bekommt: Fletcher Nix (Desmond Harrington, Dexter), genannt Ice Pick Nix, der sadistische Spielchen liebt.

Zwar nennt er sie fair, schummelt aber letztendlich, um der Beste und Schnellste zu sein. Der Grund: Er mag einfach gern töten! Als er Raylan und Winona in ihrem Zimmer überrascht, fordert er Raylan zu jenem Spiel am Tisch auf, wobei die Waffe in der Mitte liegt und Winona von zehn an rückwärts zählen muss.

Ich gebe zu, am Ende dieser spannend inszenierten Auseinandersetzung so gelacht zu haben wie lange nicht mehr: Um Nix auszuspielen, benutzt Raylan in seiner Rolle des zukünftigen Familienvaters einfach Winonas Dekoration, die Tischdecke (auf die sie selbst früher in der Episode referiert). Diese Szene stellt nicht nur einen Bezug zu den Szenen aus der Pilotepisode her, sondern liefert auch eine schöne Metapher über die Serie selbst und ihre Entwicklung…

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