Game of Thrones: The Ghost of Harrenhal (2×05)

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Anyone can be killed! Diese Worte hören wir aus Aryas Mund; sie bilden nicht nur einen der geflügelten Sätze in Game of Thrones (zusammen mit Winter is coming!), sondern beschreiben die Essenz der Erzählung. Man erinnere sich daran, welchen Aufruhr der Tod von Ned Stark verursachte: einer Figur in der ersten Staffel, die dem Zuschauer sehr nah gerückt, ja beinahe eine Hauptfigur war. Im Game of Thrones-Universum kann jeder sterben. Niemand ist hier sicher. Ob man viele Feinde hat oder nur einen einzigen, ist letztendlich egal – es zählt der Wunsch, jemanden tot zu sehen. Ob man allein auf dem Schlachtfeld steht oder von hunderttausend Soldaten umgeben, macht für den sich heranschleichenden Tod keinen Unterschied.

So fällt am Anfang der Episode Renly: von der Hand des Schattens, den ihm Melisandre schickte. Auf ihren Wunsch stirbt derjenige mögliche König, der die größte Aussicht auf Erfolg hatte. Somit hat Stannis freie Bahn, um Richtung King’s Landing zu marschieren. Aber er muss eine Entscheidung treffen – so sehr er sich auch dagegen sträubt, über das zu sprechen, was Melisandre tat und Davos mit eigenen Augen bezeugen kann. Im Grunde fragt Davos Stannis danach, was er will, was er wünscht: selbst König sein – oder von Melisandres in der Nacht rot leuchtendem Schatten regiert werden? Somit verzichtet er für den Angriff auf King’s Landing auf ihre Anwesenheit. Was wünschen / wollen die Beteiligten? Sind sie bereit, ihre eigenen Pläne dafür abzuändern? Darum dreht sich The Ghost of Harrenhal und pendelt dabei zwischen Harrenhal und Qarth, zwischen Arya und Dany: denn die Geschichten der beiden Mädchen sind zentral für die Aussage der Episode und der Serie als Ganzes.

Die Geschehnisse nach Renlys Tod erzeugen eine Art Verknüpfungspunkt zwischen  Dany und Arya – nicht vom Inhaltlichen her, sondern vom Thematischen. Nach Renlys Tod sehen wir eine erschütterte, ja zutiefst betroffene Brienne, und Catelyn rettet ihrer beider Leben, in dem sie Brienne zur Flucht überredet. So kommt es in den Wäldern zu einer höchst emotionalen Szene zwischen den beiden Frauen (großartig: Gwendoline Christie und Michelle Fairley), als Brienne in Catelyns Dienst tritt und ihr Treue schwört. Sie hegt nur einen Wunsch: Stannis zu töten und damit Renly zu rächen. Catelyn muss ihrerseits schwören, ihr diesbezüglich nicht im Wege zu stehen. Eine Szene zwischen zwei Frauen, die ihre Emotionen in der Regel zurückhalten; umso mehr Gewicht bekommt ihre Konversation. Man hat das Gefühl, als würden beide von innen her glühen, als bestünden sie nur aus Herz. Nun, es sind meistens die Frauenfiguren in Game of Thrones, die das Feuer im Herzen tragen, was diese Episode aufs Neue beweist. Die Serie vergisst darüber nicht die handlungsübergreifende Frage danach, woher Macht kommt und wie sie zu halten ist. Feuer ist Macht, lautet hier die Antwort: Feuer im Herzen, Drachenfeuer oder aber magisches; sei es Melisandres Feuer oder das der Alchemisten in King’s Landing, das so genannte wildfire.

Davon erfährt Tyrion durch Lancel, seinen neuen Spitzel in Cerseis Gemächern, und übernimmt nach einem Besuch bei den Alchemisten kurzerhand die Aufsicht über die Produktion. Feuer kann Macht bedeuten, aber nur, wenn man es zu lenken weiß – ansonsten vernichtet es einen selbst. Tyrion erkennt das und stellt sarkastisch und gleichzeitig betroffen fest, dass die Bevölkerung für jedes Unheil und für die Misere, in der sie steckt, ihn verantwortlich macht. Der mächtige Schatten an der Wand, über den wir letztes Mal sprachen, kann schnell schwinden, wenn man das Licht des Feuers aus einem ungünstigen Winkel darauf lenkt. North of the Wall, inmitten von Schneemassen und Felsen (nicht mehr in Irland gefilmt, sondern in Island), bereiten sich die Rangers der Nachtwache an einem Hügel namens “Fist of the First Men” darauf vor, möglichen Angriffen der wilden Horden des King Beyond the Wall standzuhalten, während Jon auf eigenen Wunsch zu einer Mission aufbricht: mit dem Ranger Halfhand, übrigens laut den Büchern einem der erfahrensten überhaupt. Kann das Feuer in Jons Herz der Kälte widerstehen?

Bei Theon lautet die Antwort auf dieselbe Frage vermutlich Nein; und Brans Träume von Fluten, in denen Winterfell versinkt, könnten sich bewahrheiten, als Theon den Weg Richtung Winterfell wählt, um sich vor seinem Vater und dessen Männern zu beweisen. Auch Dany muss zwischen zwei Wegen wählen, einem vermeintlich leichten und einem schweren. Wir sehen in der ersten Qarth-Szene, wie ihr Drache – zum wiederholten Mal: er ist der technischen GoT-Abteilung absolut gelungen, um nicht zu sagen, richtig niedlich geworden! – Flammen auszustoßen und sich so seine Fleischmahlzeit zum Verzehr zuzubereiten lernt. Auf dem Menü für Dany selbst steht mit Xaros Heiratsantrag King’s Landing: Schiffe, Gold, Armee. Und nicht nur Xaro umwirbt Dany, sondern auch ein Gesandter der Warlocks, der sie in das “House of Undying” einlädt. Die Gefahren lauern überall, warnt Jorah eine mysteriöse Frau, deren Gesicht von einer Maske aus Mosaiksteinen verhüllt ist.

Jorah überzeugt Dany davon, das Angebot abzulehnen – aus praktischen und rein persönlichen Gründen, da er für die Mutter der Drachen Liebesfeuer im Herzen hegt. Daenerys erkennt, dass sie ebenso wie ihr Drache lernen muss, das Feuer in sich selbst zu lenken: sich das “Futter” vorzubereiten, bevor sie es “verspeist”. Wie ihre Drachen-Kinder muss sie noch wachsen, bevor sie DIE Königin werden kann. Diese Unterscheidung benennt auch Margaery in einer kurzen Szene mit Littlefinger: Sie will nicht eine Königin, sondern DIE Königin sein. Jorahs Anmerkung gegenüber Dany trifft insoweit zu, als er durch die Liebe zu ihr erkennt, dass sie ein anderes Herz hat als ihre Targaryen-Vorfahren und somit die besten Voraussetzungen, um an Macht zu kommen und sie zu behalten: mit Feuer von innen und von außen, das die Herzen in Westeros gewinnen kann. Herzen gewinnen und nicht kaufen: das ist Dany. Aber wie ihr Drache muss sie zuerst lernen, das Feuer in sich selbst zu nutzen!

Man kann nicht wirklich behaupten, dass Arya Tywins Herz gewonnen hätte; aber die Szene zwischen den beiden, als er mit seinem Kriegsrat beisammen sitzt, gehört zu den besten der Episode. Beide kommen sich im Gespräch näher, nicht nur mit Hilfe der Worte, sondern auch der Kamera. Die Einstellungen wechseln von Medium-Shot über Close-Up zu extremen Close-Ups von der Augenpartie der beiden. Tywin fragt sie, woher sie komme – und zu Aryas Nachteil gereicht ihr das brodelnde Feuer, das sie schon immer in ihrem Herzen trug. So brachte sie nie die Geduld und die Zeit auf, um von Maester Lywin die Geschichte von Westeros zu lernen… Nur zu leicht kann also Tywin ihre Lüge entlarven und feststellen, dass sie aus dem Norden kommt. Er fragt nach Robb, um bestätigt zu bekommen, worin dessen Stärke liegt: nämlich darin, die Herzen seiner Untergebenen gewonnen zu haben. Aber: Jedermann kann getötet werden, lautet Aryas ehrliche Antwort auf Tywins Frage, ob sie an Robbs Unsterblichkeit glaube. Sie hält Tywins Blick in diesem Moment stand, und in den sich verdichtenden Schnitten zwischen Aryas und Tywins Augenpartien verdichtet sich jener Satz zu einem Statement der Serie selbst. Jaqen, der mysteriöse Mann aus dem Käfig, den Arya vor dem Feuer rettete, taucht plötzlich als Lannister-Soldat in Harrenhal auf. Sie verrät ihn nicht, und er erklärt sich bereit, seine Schuld zu begleichen: Arya darf sich drei Tode wünschen. Drei Namen von ihrer Gute-Nacht-Liste. Durch diese Beziehung zu Jaqen beginnt Aryas wirkliche Reise. Zu sich selbst? Oder – von sich selbst fort? Es fällt ja auf, wie der Fremde von sich selbst und von Aria ausschließlich in der dritten Person spricht: unpersönlich. Manchmal scheint es klüger, das Feuer in sich zu bändigen, um in dieser Welt überleben zu können. Aryas erster Wunsch: The Tickler, mit dessen Tod auch die Episode endet. Warum eigentlich er, fragen sich bestimmt die Zuschauer? Weil Arya Arya ist – sie selbst, so wie Dany. Sie handelt aus dem Herzen und mit einem Herzen für andere; somit ist sie bereit, den ersten Wunsch zu verbrauchen, um eine direkte Bedrohung für alle Gefangenen in Harrenhal zu beseitigen. Nach einer vergleichsweise ruhigen Episode hat man am Ende das Gefühl, wie Tyrion auf einer Unmenge von Wildfire zu sitzen und sich zu fragen, wer dieses Lauffeuer in den verbleibenden fünf Episoden am besten zu lenken wissen wird…

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One response »

  1. Tolle Episode, noch bessere Review. Hier gelingt es dir wirklich gut, Inhalt und Interpretation geschickt zu verknüpfen. Großartig! 😀

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