Boardwalk Empire: A Dangerous Maid (2×03)

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A Dangerous Maid: Das Musical gibt es tatsächlich; geschrieben von George und Ira Gershwin, wurde es in Atlantic City im Jahre 1921 uraufgeführt und gilt als das erste vollständig als Musical verfasste und komponierte Stück. In der Boardwalk-Episode seines Namens wird hingegen die erste direkte Nucky-Commodore-Auseinandersetzung uraufgeführt. Doch wird dabei, wie so typisch für die HBO-Serie, der Eindruck erzeugt, dass die unterschiedlichen Handlungsstränge von gleicher Wichtigkeit sind und nicht nebeneinander herlaufen, sondern ineinander überfließen: teilweise so unauffällig, dass man das Ganze als einen einzigen Hauptstrom den Horizont ausfüllen sieht.

A Dangerous Maid bildet einen Strom aus Familiengeschichten, voller Interaktionen zwischen Eltern und Kindern – zwischen dem, was war, und dem, was geworden ist. Auch in Margarets Leben taucht ein Schatten auf, der nicht direkt mit Nuckys (Steve Buscemi) jetziger Situation zu tun hat. Sehr schön wirkt das allerletzte Bild der Episode: Margaret steht mitten auf der Treppe, ihr Schatten ist an der Wand zu sehen. Sie steht genau in der Mitte ihres Lebens, inmitten eines unausweichlich weiter fließenden Stroms.

Ihre Interaktion mit den Hilfskräften in Nuckys Haus bestätigt die Problematik dieser Stellung: Wie sie stand Margaret einmal ganz unten auf der ersten Treppenstufe; nun hat sie den Weg bis zur Mitte geschafft. Dort unten aber liegt ihre Vergangenheit, liegen ihre irischen Wurzeln. Denn sie erfährt mit Hilfe einer Detektivagentur, dass der Rest ihrer Familie sich inzwischen in Brooklyn befindet und dass eines der Mädchen vor zwölf Jahren für tot erklärt wurde.

Einmal abgesehen von dem anderen Namen: Ist, war dieses Mädchen Margaret? Welche Geheimnisse gibt es noch dort unten? Margarets Hadern mit der Frage, wer sie ist und wer sie sein will, wird durch diese Enthüllung um so schmerzvoller. Steht sie selbst auf dem Weg nach oben in der Mitte der Treppe – oder nur ihr Schatten? Sie bleibt stehen und zögert. Ist ihr Platz dort oben, wo die Mächtigen am Tisch sitzen und ihre Intrigen flechten? Wie sie schon unter Beweis gestellt hat, kann sie sowohl Nuckys starke und kluge Stütze sein als auch das Dienstmädchen, das nur dafür sorgen will, dass ihre Kinder zu essen bekommen. Wenn man aber ganz oben auf der Treppe steht, kann ein möglicher Fall tödliche Konsequenzen haben.

An dieser Stelle möchte ich einen versteckten Schnitt vollführen, wie Boardwalk Empire es selbst gern tut: auf den Handlungsstrang mit Van Alden und Lucy nämlich. Auch dort spielt die Treppe eine Rolle. Im Gegensatz zu Margaret befindet sich Lucy auf der obersten Stufe und spielt anscheinend mit dem Gedanken, sich nach unten zu stürzen, um ihre qualvolle Existenz zu beenden. Denn im Grunde ist sie Van Aldens Gefangene – und die Gefangene ihrer Schwangerschaft. Er erlaubt ihr keinen Kontakt mit der Außenwelt, kein Ausgehen, bevor das Kind da ist. Ihre einzige Ablenkung besteht in dem Script, das ihr ein Freund vorbeigebracht hat: A Dangerous Maid – doch Van Alden nimmt es ihr weg.

Wieder einmal liefert Michael Shannon eine großartige Leistung ab: Wir sehen, wie Van Alden zwischen rigorosem Religionsfanatismus und Sympathie für Lucy schwankt. Aus diesem Grund schenkt er ihr tatsächlich einen Plattenspieler (Victrola), um sie gleichzeitig bei der Stange zu halten und ihr eine Freude zu bereiten. Denn ihr Leben fühlt sich an, als hätte man gerade eine neue Platte aufgelegt: Von all dem „fun“, den sie mit Nucky hatte, ist nur noch ein Spiegel geblieben, zu dem sie sprechen kann. Sie hat nur sich selbst – Ourselves Alone. Hat Nucky auch nur noch sich selbst im Kampf gegen den Commodore?

Auch bezüglich New York und Chicago geht es um Familiengeschichten. In New York scheint der Graben zwischen Rothstein, Lucky und Lansky immer tiefer zu werden, während Al Capone nach Atlantic City kommt – nicht nur um Nucky mitzuteilen, dass das Geschäft mit Chicago nicht mehr läuft, sondern auch, um sich um den Nachlass seines kürzlich verstorbenen Vaters zu kümmern. Es ist nicht viel übrig, denn der Vater hat sein ganzes Leben lang als Barbier geschuftet, ohne es zu etwas zu bringen. Nichtsdestotrotz scheint Capone, wie sein Besuch bei Jimmy zeigt, mehr für seinen verstorbenen Vater übrig zu haben als Jimmy für seinen beiden noch lebenden.

Tatsächlich kommt es zu einem Aufeinandertreffen der drei: in Babette’s Restaurant, wohin Nucky mit Margaret geht, nur um Jimmy und den Commodore dort vorzufinden. Übrigens: wieder einmal ein netter Schnitt von Lucys Schallplatte auf den runden Durchgang, durch den Nucky und Margaret Babette’s betreten.

Den Höhepunkt der Episode bildet Nuckys “Ausraster” im Restaurant: eine grandiose Vorstellung von Steve Buscemi. Wie wir schon öfter feststellten, besitzt Nucky, wenn er die Maske des Politikers abnimmt, eine beinah magnetische Anziehungskraft, die den kompletten Raum zum Erstarren bringt. Jimmy begegnet Nucky zwar Auge in Auge, aber wie wir in dieser Episode aus seinem eigenen Mund hören, herrscht in seinem Inneren Unsicherheit. Als seine Frau ihn etwas später fragt: „How was dinner with your father?“, antwortet er: „Which one?“

A Dangerous Maid hinterlässt zwar einen ruhigen Eindruck, hat aber dennoch die Qualität eines Unruhestifters auf jeder Handlungsebene: eine Vorbotin kommender Ereignisse… ?

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