Boardwalk Empire: Boardwalk Empire (1×01)

Standard

Wenn der Himmel dunkelblau wird und ein goldenes Glitzern die Bildschirmoberfläche elektrisiert, dann kommt ein Sturm auf uns zu. Martin Scorsese, Steve Buscemi, Autor Terence Winter (The Sopranos) und HBO: Wie klingt das? Schon bei der Aufzählung klingen bei manchen die Emmy-Glocken. Hinzu kommt, dass HBO nur für den 70-minütigen Piloten von Boardwalk Empire rund 20 Millionen ausgegeben hat. Wie sieht das Ergebnis aus?

Wie „Sergio Leone“s „Once Upon a Time in America“ in serieller Form. Boardwalk Empire spielt in der Zeit der Prohibitions-Ära in Amerika (1920). Die neue HBO-Serie malt, ähnlich wie AMCs Mad Men, nicht nur ein Gesellschaftsporträt, sondern benutzt die Ereignisse als Folie, um die Story eines Mannes zu erzählen. Boardwalk Empire basiert auf Nelson Johnsons Buch “Boardwalk Empire: The Birth, High Times, and Corruption of Atlantic City” und verliert keine Zeit, um uns zu demonstrieren, worum es hier geht:

Der Pilot zeigt die unmittelbare Reaktion auf die Prohibition – von den einfachsten Menschen bis zu den hochrangigen Politikern in Atlantic City; ethische Dilemmata und kriminelle Machenschaften in einer Welt, deren Zukunft ungewiss ist. Im Zentrum der Geschichte steht Enoch “Nucky” Thompson (Steve Buscemi), der so etwas wie Atlantic Citys Schatzmeister abgibt. Eigentlich ist er ein so genannter “Fixer”: ein Mann, der sich um alles kümmert, der alles in Ordnung bringt (“fixt”).

Boardwalk Empire möchte offenbar kein Doku-Drama sein, sondern eher eine historische Fantasie. Historischen Dokumenten zufolge war der wirkliche Nucky ein Mann wie ein Bär, der sein kriminelles Tun kein bisschen anzweifelte. Steve Buscemi, der seit „Fargo“ auf meiner Top-Liste steht, bringt in seine Darstellung der Figur Ambivalenz, Sarkasmus, Zweifel, Ungewissheit, Leichtigkeit, aber auch gleichzeitig Unbehagen. Buscemis Leistung lässt den Zuschauer jedes Stückchen von Nuckys Emotionen mitempfinden.

Nucky ist umgeben von ebenso interessanten Figuren, die das Bild des damaligen Gangstermilieus vervollständigen. Sein Bruder ist der korrupte Polizeichef Elias (Shea Whigham), und schon im Piloten bekommt es Enoch mit schillernden Namen der Unterwelt zu tun: Arnold Rothstein (Michael Stuhlbarg), “Lucky” Luciano (Vincent Piazza) und dem jungen Al Capone (Stephen Graham). Für Nucky arbeitet Jimmy Darmody (Michael Pitt), der gerade aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt ist und sich nicht mit der Rolle des Chauffeurs begnügen will.

Boardwalk Empire wechselt sehr geschickt von verstrickten Unterweltbeziehungen und epochalen Veränderungen hin zu den kleinen Dramen, kleinen intimen Momenten. Im Piloten liefert man diese Abwechslung anhand der Sub-Plots um Jimmy und Margaret Schroeder (Kelly MacDonald). Die schwangere Margaret lässt sich von Thompsons Rede vor der Women’s Temperance League anrühren; später besucht sie ihn und bittet ihn um Hilfe. Wir erfahren, dass Nucky vor Jahren seine Frau verloren hat; die Ehe blieb kinderlos.

Grandios spielt Buscemi in den Szenen mit Margaret die Verbitterung, die tief unter seinem alltäglichen Tun vergraben liegt. Aber die besten Szenen hat er meiner Meinung nach, wenn er allein ist und die Kamera seine Figur für unseren Blick erarbeitet. Sie nähert sich im extremen Close-Up den wässrigen Augen Buscemis; im nächsten Moment fährt sie zurück und gibt den Blick auf das ganze Gesicht frei, wo jeder Funken Zweifel, Reue, aber auch Genuss sichtbar wird. Atlantic Citys Promenade ist nicht nur mit Liebe zum Detail inszeniert, sondern Nuckys Figur scheint mit ihr zu verschmelzen. Er gehört dazu – und ist gleichzeitig überrascht, gar verbittert über diese Tatsache.

Zwei Szenen fallen besonders auf; sie erzählen mehr über die Figur als alle Dialoge zusammen. Die erste: Nucky steht vor dem Fenster des Baby Incubators (“See Babies That Weigh Less Than Three Pounds!” lautet die Überschrift), die Kamera filmt ihn dann von innen, so dass er in der linken Bildhälfte am Fenster- und Bildrahmen steht. Danach geht er zum Geländer und bleibt dort stehen, mit Blick aufs Meer. Aus einem Low Angle heraus (sehr typisch für den Piloten und für Scorseses Arbeiten) nähert sich die Kamera seinem Gesicht, dann filmt sie ihn von hinten. Die Farbe seiner Augen ist jetzt die Farbe des Meeres, die vor unserem und seinem Blick liegt. Er steht wieder links im Bild, als einzige Vertikale. Der Rest sind die Horizontalen des Meeres, des Geländers und der Bank, die sich rechts im Bild befindet.

Die Zeit wird eingefroren. Das Bild könnte auch von „René Magritte“ stammen: In dieser Aufnahme werden die Emotionen aufgefangen und wie auf einer zeitgenössischen Postkarte präsentiert, so dass man beim Zuschauen einen salzigen Geschmack im Mund bekommt.

„What does the future hold for you?“ Diese Überschrift steht am Schaufenster einer Wahrsagerin auf der Promenade. Nucky nähert sich und wirft einen Blick hinein. Die Kamera filmt ihn auf dieselbe Art wie beim Baby-Schaufenster: „What does the future hold for you?“

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s