Boardwalk Empire: Broadway Limited (1×03)

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In einer kurzen Szene spricht Jimmys Mutter mit Nucky (Steve Buscemi) und fragt ihn, warum er sich nicht an sein Versprechen hält, ihren Sohn von Problemen fern zu halten. Nucky antwortet, er sei doch kein Gott. Diese Szene korrespondiert direkt mit dem Ende der Episode. Broadway Limited zeigt uns, dass Nucky – ob Gott oder nicht – dem Leben eines jeden Menschen, mit dem er in Berührung kommt, seinen Stempel aufdrückt: er hinterlässt Spuren, markiert, signiert. Solche wie die schmutzigen Spuren auf dem Teppich in der Hotellobby, auf die Nucky in der letzten Szene blickt?

Wir sehen, dass Nucky einen neuen Whisky-Deal mit dem Farbigen Chalky White (Michael K. Williams) aushandelt. Mit sofortigen Konsequenzen: einer von Chalkys Leuten wird vor seinem eigenen Gebäude gelyncht und aufgehängt. Ich finde es hervorragend, wie diese dritte Episode alle Handlungsstränge miteinander verbindet – wie eine Fotostrecke von Bildern, die auf einem Negativfilm nacheinander an unseren Augen vorbeiziehen. Visuell wird das mit Hilfe “simulierter” Kameraschwenks dargestellt: Wenn sich die Erzählung von einem Handlungsort zum anderen bewegt, schwenkt die Kamera von links nach rechts; im Bild erscheint ein vertikaler schwarzer Balken, der den Schnitt versteckt, so dass man als Zuschauer den Eindruck eines fließenden Übergangs wie zwischen zwei eingerahmten Fotos bekommt.

Diese fotografische Simulation korrespondiert direkt mit Jimmys Leben, das sich als eine Simulation erweist: von diesem Leben existieren keine Fotos. Im Fotoalbum sind nur Bilder seiner glücklich aussehenden Frau und seines Kindes zu sehen. Jimmy muss in dieser Episode feststellen, dass es in Atlantic City keinen Platz für ihn gibt: Nucky schickt auch ihn weg.

Warum?

Weil zu viele von Nuckys Feinden hinter Jimmy her sind. Mit Hilfe einer brutalen Foltermethode gelingt es FBI-Agent Van Alden (Michael Shannon), aus dem einzigen Überlebenden der Waldschießerei Informationen herauszuholen – ein Wort, um genau zu sein: Jimmy. Parallel dazu sehen wir, dass Rothstein und die New York-Mafia dieselben Informationen zugespielt bekommen – und sich aufmachen, Jimmy zu beseitigen. Also: Jimmy (Michael Pitt) passt nicht mehr aufs Bild, er muss von ihm verschwinden.

Wir sehen ihn im Zug nach Chicago. Ich vermute, hier bewegt sich die Handlung in Richtung Al Capone und Chicago-Mafia. Danach sehen wir, wie Jimmys Frau zum ersten Mal den neuen Staubsauger benutzt, den ihr Jimmy geschenkt hat: Sie saugt, nachdem sie den (auch von Jimmy stammenden) Tannenbaum weggeworfen hat. Putzt sie die Spuren weg, die ihr Ehemann in ihrem Leben hinterlassen hat?

Lucy Danziger (Paz de la Huerta), Nuckys Freundin, ist – wenn auch unbewusst – im Begriff herauszufinden, was wirklich in Nuckys Leben Spuren hinterlassen hat. Als sie darüber spricht, dass er sich glücklich schätzen solle, keine Kinder zu haben, zeigt uns die Kamera den traurig-melancholischen Gesichtsausdruck des mächtigsten Mannes in Atlantic City. Lucy macht sich Sorgen wegen Nuckys Interesse an Margaret (mit zwei Kindern) – und stattet Margaret (Kelly Macdonald) einen Besuch ab: an deren neuem, von Nucky organisierten Arbeitsplatz in der Boutique. Der Besuch dient nur einem Zweck: Margaret zu demütigen. Wird Nuckys Eintritt in Margarets Leben auch zu schmutzigen Abdrücken auf dem Teppich führen, wie sie das letzte Bild der Episode zeigt?

Dieses Bild nun hält die komplette bisherige Erzählung fest – wie auf einem Foto. Nucky geht ins Trockene, da es draußen regnet, aber auf dem Weg in die eigene “Komfortzone” hinterlässt er matschige Abdrücke. Als er im Fahrstuhl steht, blickt er auf diese Abdrücke (und wir blicken mit ihm). Dann zeigt uns die Kamera sein nachdenkliches Gesicht, eingerahmt von einem Rhombus des Fahrstuhlgitters. Die Fahrstuhltür schließt sich, von rechts nach links, wie ein Kameraschwenk Richtung Abspann. Mit einem Van-Alden-Zitat können wir das Schließen der Tür begleiten: „And they shall have no rest, day nor night, they who worship the beast.“

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