Boardwalk Empire: Family Limitation (1×06)

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Family Limitation macht eine Sache eindeutig klar: Die Lieblingserzählweise der HBO-Serie und ihrer Figuren ist die Parabel – angefangen mit Chalkys Monolog (Anastasia) über Jimmys (Nights in Ballygran) bis zu Al Capones und Margarets in dieser sechsten Episode. Parabel ist hier nicht nur im literarischen Sinne gemeint, sondern auch im strikt geometrischen: Das Leben der Figuren in Boardwalk Empire verläuft wie die Kurve einer Parabel – mal sind sie oben, mal unten, und dazwischen ereignen sich nur freier Fall und atemberaubender Aufstieg.

Sehr gut wird uns dies mit den ersten Bildern der Episode veranschaulicht. Die Szene besitzt inhaltlich keine immense Bedeutung, aber visuell schon. Wir befinden uns auf der Promenade. Die Kamera (und unser Blick mit ihr) steigt empor und eröffnet den Blick auf das muntere Treiben dort unten. Es ist fast eine Top-Angle-Aufnahme (extreme Aufsicht), die uns Überblick verschafft. Dann fährt die Kamera plötzlich nach unten, ganz tief, bis zum Boden, und zeigt aus der extremen Untersicht einen Mann mit einem Geldumschlag.

Er wird dann in einer Slow-Motion-Verfolgung in eine Falle gelockt, bekommt einen Schlag auf den Kopf und fällt zu Boden. In diesem Moment sind wir wieder durch die Kamera an seinen Blick gekoppelt. Wir befinden uns auf dem Boden und blicken Richtung Himmel, dorthin, wo wir uns zum Anfang der Szene befanden. Damit sind wir innerhalb kürzester Zeit an beiden “Enden” einer geometrischen Parabel gewesen.

Jeden Moment kann sich etwas ändern, denn was die Boardwalk Empire-Figuren zu sein versuchen und was sie tatsächlich werden, kann sich im Handumdrehen wandeln. Sie können sich im Himmel oder auf dem Boden befinden. Aber sie versuchen, gut zu sein, den freien Fall zu vermeiden. Sind sie so gut, wie sie vorgeben?

Nucky (Steve Buscemi) verspricht Margaret und so mancher anderen Figur, dass Houdinis Bruder eine Show in Atlantic City präsentieren wird: „He’s just as good!“ “Just” ist hier das Problemwort, das in direkter Verbindung zum Titel der Episode steht: zu “limitation”. Die Akteure können andere und sich selbst nur begrenzt belügen, denn sie werden in dieser Episode mit der Wahrheit konfrontiert.

Lucky Luciano wird mit der Wahrheit konfrontiert, dass die Frau, mit der er schläft, nicht Jimmys Frau ist, sondern Jimmys Mutter. Margaret (Kelly Macdonald), die sich dafür entscheidet, Nuckys Geliebte zu werden und ihn für sich und die Kinder sorgen zu lassen, glaubt in der Gesellschaft aufzusteigen und Nuckys Liebe ganz für sich zu haben – nur um zu erfahren, dass sie vielleicht nur eine weitere Konkubine ist.

Innerhalb der Episode verbringen wir eine Menge Zeit in Chicago, wo Jimmy und Capone dank Jimmys Plan für Torio die irische Konkurrenz beseitigen. Das bringt Jimmy zwar Torios Respekt ein, aber auch Capones Eifersucht. Auch Capone belügt Andere (bezüglich seiner Heldentaten im Krieg) und sich selbst (bezüglich seines gehörlosen Kindes), aber durch Jimmy wird er mit der Wahrheit konfrontiert.

Nucky sagt zu sich selbst, als das nackte Mädchen vor ihm kniet: „I try to be good, I really do.“ Aber er sagt nicht nein zu ihr. Diese Szene steht in Verbindung mit der Eddies Aussage vor Margaret über Nucky als „very nice man“, von der direkt auf Nucky geschnitten wird, der Luciano konfrontiert und ihn anschreit: „Greasy cocksucker!“

Boardwalk Empire lässt keine Figur aus und schließt die Parabel mit Agent Van Alden (Michael Shannon), der von seinem Chef keine Unterstützung bekommt. Statt dessen wird ihm unterstellt, dass vielleicht die persönliche Komponente Margaret Schröder eine gewichtige Rolle in seiner Untersuchung spiele. Er leugnet das vor sich und Anderen, aber wir sehen ihn mit dem Gürtel ein Bestrafungsritual an sich selbst durchführen: wegen seiner unreinen Gedanken über Margaret.

Dieses Review möchte ich abschließen mit zwei Zitaten von Jimmy und Margaret, die die beiden “Enden” der Boardwalk Empire-Parabel bilden. An ihrem Anfang steht Jimmys hoffnungsvolle Aussage gegenüber Capone: „They’re finding new things everyday“; am anderen Ende Margarets Schlusssatz ihrer Story gegenüber Lucy: „Maybe your cunny isn’t quite the draw you think it is.“

Boardwalk Empire zwischen Hoffnung und Wahrheit.

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