Boardwalk Empire: Peg of Old (2×07)

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Eigentlich ist bei Boardwalk Empire alles beim Alten – und gleichzeitig bewegt sich die Handlung mit Peg of Old einen Riesenschritt voran. Was die HBO-Serie hier macht, ist mittlerweile typisch: Obwohl wichtige Ereignisse geschehen, vermeidet es Boardwalk Empire, das ganze Gewicht auf die eine Seite zu verschieben, sich auf dieses Wichtigste für die Story zu konzentrieren. Man lässt es beinahe still ablaufen, nebenbei. Das heißt nicht, dass wir es nicht bemerkten und die Entwicklungen kein dramatisches und emotionales Gewicht besäßen.

Nein: Es bedeutet, dass die Autoren wieder einmal das Kunststück vollbringen, jedem einzelnen Nebenplot Achtung zu schenken, ohne dadurch einem zentralen Ereignis seine Wichtigkeit zu rauben. Man könnte sogar behaupten, dass die Nebenhandlungen dieses Ereignis umso bedeutender machen. Es handelt sich natürlich um die Geschichte zwischen Nucky (Steve Buscemi) und Jimmy (Michael Pitt). In dieser Episode eskaliert sie, ohne dass die beiden diese Eskalation bewusst erstrebt hätten. Während Nucky mit seinem Gerichtsprozess beschäftigt ist, findet im Haus des Commodore ein Treffen zwischen Jimmy, Capone, Luciano, Lansky, Doyle, Richard und Eli statt.

Eli taucht mit Verspätung auf, aber er ist derjenige, der das Treffen auf den Punkt bringt: Jesus Christ, just kill him! Er ist mit seinem Bruder Nucky fertig, er will ihn tot sehen. Plötzlich findet sich Jimmy in der Position wieder, die er um jeden Preis vermeiden wollte. Alle warten auf sein Einverständnis, da sie Elis Idee als den richtigen Weg sehen. In diesem Moment konfrontiert uns Boardwalk Empire über Jimmys Figur mit der zentralen Problematik der Serie: Die zentralen Figuren versuchen, jede Entscheidung, die sie treffen, moralisch zu begründen – eine Art Erklärung, einen Ausweg zu finden, der die Entscheidung rechtfertigt.

Letztendlich versteckt man hinter Rationalität das Irrationale, geleitet von Gefühlen und Emotionen. Manchmal geschieht aber auch das Umgekehrte: Die Rationalität einer Entscheidung verdrängt das, was man fühlt. Jimmy will Nuckys Tod eigentlich nicht, zumindest nicht im Moment, aber er sieht sich gezwungen zu diesem Entschluss. Am Ende der Episode sagt er zu Nucky, bevor der Auftragsmörder auftaucht: „Doesn’t make a difference if you’re right or wrong. You just need to make a decision.“ In meinen Augen steht dieser Satz, wenn auch unauffällig, in direkter Verbindung mit dem Plot um Margaret (Kelly Macdonald), der anderen “Eskalation” in dieser Episode – vor allem mit einem Satz, den sie vor ihrem wieder gefundenen Bruder Eamoinn (Tony Curran) ausspricht: „Am I the only sinner you’ve ever met?“

Als Margaret nach Brooklyn reist, um endlich ihre Familie zu treffen, wird sie von ihren Schwestern warmherzig, aber vom Bruder abweisend empfangen. Er hat ihr nie verziehen, dass sie unehelich schwanger wurde, das Geld der Familie stahl und weglief. Sein Verständnis von Verrat bildet sich aus religiösen Vorbehalten, während es Margaret als Verrat empfindet, die eigene Familie nicht vor der Außenwelt zu beschützen.

There’s no one here who knows you, sagt er zu ihr, als er sie wegschickt. Dieses Erlebnis führt Margaret direkt in die Arme von Owen Sleater, der gerade den Mord an einem alten Rivalen beging – in einer blutigen, aber perfekt inszenierten Auseinandersetzung – und mit seinen Worten unbewusst die richtigen Saiten in Margaret berührt. Margaret “befiehlt” ihn dann in ihr Bett. Ich bin gespannt, zu welchen Komplikationen dieser Vorfall führen und wie Margaret damit umgehen wird.

Boardwalk Empire handelt hier von dem Problem, sich zwischen eigenen Lebensanforderungen und moralischen Grenzen außerhalb familiärer und religiöser Vorgaben zurechtzufinden.

Das führt uns gleichzeitig zu dem letzten Puzzleteil, das die Episode abrundet: zu der Geschichte um Van Alden und Lucy. Durch diese Geschichte führt die HBO-Serie geschickt eine neue Figur ein, die sich auf Anhieb Respekt verschafft, sogar Van Aldens. Es handelt sich um Esther Randolph (Julianne Nicholson), die vertretende Staatsanwältin, die Nuckys Fall in die Hand nimmt. Ihr trockener Sinn für Humor funktioniert irgendwie perfekt im Lichte von Van Aldens (Michael Shannon) Geradlinigkeit. Van Alden: „I am a married man.“ Randolph: „There goes my dream.“

Der Anfang einer Unterhaltung, während die Boardwalk Empire-Autoren Van Alden gleichsam aus dem Zauberhut hervorziehen: Sie holen ihn heraus aus seinem Zustand der wandelnden Karikatur und bewegen ihn wieder dorthin, wo er hingehört, in die vorderste Frontlinie gegen Nucky Thompson. Als Lucy zu Nucky geht, um Geld zu fordern, erkennt Nucky seine Möglichkeit und versucht, Van Alden mit seinem Geheimnis zu erpressen. Doch Lucy lässt Van Alden mit dem Baby allein und verschwindet spurlos. Und Van Alden entscheidet sich, als er zum ersten Mal das Baby auf dem Arm hält und nach einem passenden Namen sucht, diesen Teufelskreis zu beenden.

In diesem Moment ist er ein gebrochener Mann und kann sich diese Tatsache selbst eingestehen. Er gibt Randolph alles, was er über die fast zwei Jahre über Nucky gesammelt hat. Wenn nicht für sich, dann für Abigail…

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