Boardwalk Empire: Under God’s Power She Flourishes (2×11)

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Die Boardwalk Empire-Geschichte ist tatsächlich Geschichte – und damit meine ich eine “Es-war-einmal”-Geschichte auf mehreren Ebenen. Die HBO-Serie basiert nicht nur auf tatsächlichen Ereignissen, sondern sie basiert auf der eigenen Vergangenheit. Was ist damit gemeint? Die neue Episode liefert den Punkt, an dem sich ein Kreis schließt. Dieser begann mit Sophokles, ging dann zu John Webster über, um wieder bei Sophokles und seinem Ödipus zu landen. Bezogen auf die Referenzen innerhalb dieser Episode muss man sich fragen, was nächste Woche im Finale drankommt: The Revenger’s Tragedy vielleicht?

Jimmy (Michael Pitt) und Nucky (Steve Buscemi) die einander gleichsam zerstören und untergehen? Oder wird es nur Jimmy sein? Oder gar keiner, wenn Jimmy doch irgendwie den Weg zurück zu Nucky findet? Ein Hindernis ist ja aus dem Weg geräumt, nämlich der leibliche Vater, der Commodore. Aber Gillian bleibt: wie ein Schatten über Jimmys Leben, der das Licht von ihm fern hält. Die Schatten der Vergangenheit und diejenigen der eigenen Schuldgefühle sind es auch, die Margaret langsam, aber sicher in den religiösen Wahnsinn treiben. Emilys Krankheit hat sie über Bord geworfen, wo sie sich inmitten der Wellen genauso verhält wie der Mann aus Nuckys Parabel über die Rettungsboote und den Rettungsring.

Sowohl die Handlung als auch solche Parabeln betreffend, setzt sich Boardwalk Empire mit den Wurzeln der eigenen Erzählung auseinander. Die Figuren sprechen darüber wie Nucky und Margaret über Parabeln; man kreiert einen gleitenden Übergang aus Wort, Sound und Bild zwischen Vergangenheit und Gegenwart. In dieser Woche bekamen wir in Showtimes Homeland am Anfang der Episode den exzellenten Einsatz eines solchen Verfahrens geboten – hier konstruiert nun Boardwalk Empire mit Hilfe solcher flüssiger Übergänge die komplette Erzählung. Und die geht so: Es war einmal ein Jimmy Darmody in Princeton, der sich für englische Literatur interessierte, ein Mädchen namens Angela schwängerte und mit seiner Mutter schlief.

Dann brach er auf in den Krieg nach Europa und kam verändert zurück. Aber war es der Krieg oder die Nacht mit Gillian, die die Veränderung herbeiführte? „There’s nothing wrong, baby. There’s nothing wrong with any of it“, sagte Gillian zu Jimmy. Boardwalk Empire will weniger provozieren als uns die Wurzeln einer Tragödie zeigen. Unser Blick wandert zwischen Vergangenheit und Gegenwart; Wort und Sound schaffen flüssige Übergänge, als ob man sich in einem Traumzustand befände, der von Angelas Abschied eingeleitet wird.

Wir sehen am Anfang Jimmy und Angela im Bett, und sie nimmt Abschied von ihm – aber es ist kein Traum, sondern eine Erinnerung. Fast immer werden die Übergänge in der Episode von den Geräuschen eines abfahrenden Zuges begleitet. Ein Abschied und eine Rückkehr. Der Abschied von Jimmys Unschuld als Mensch. Und die Rückkehr zu der Erinnerung an alte Sünden – nicht nur Jimmys, sondern auch Margarets oder aber Van Aldens. Denn Nuckys farbiger Diener erzählt ihm von Van Aldens Mord an dem Agenten Sebso.

Bevor aber Ester Randolph diesen Hinweis in eine Verhaftung umsetzen kann, flieht Van Alden. Jimmy hingegen kann angesichts Angelas Tod den Erinnerungen nicht entfliehen, egal wie viel Alkohol und Kokain er zu sich nimmt. Dann geht er auf Gillian los, aber der Commodore fällt ihm mit einer Lanze in den Rücken… und so schließt sich der ödipale Zirkel. Jimmy ersticht den Commodore. Aber Gillians Hand bleibt um seine Schultern, und somit kann der Alptraum kein Ende finden. Sein Sohn geht am Ende zu ihm und sagt, er hätte einen schlimmen Alptraum gehabt. Jimmy antwortet: „me too“. Aber Jimmys Alptraum erstreckt sich über sein ganzes Leben…

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