Boardwalk Empire: What Does the Bee Do? (2×04)

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Boardwalk Empire ist Kunst. Die HBO-Serie macht eine Liebeserklärung an eine Epoche, aber auch an die Kunst als solche. Aus diesem Grund bewegen sich die Bilder und die Erzählstränge wie Wolken in Magrittes Bildern, die De Chiricos Schatten werfen. Sie spielen mit Licht und Perspektive und zeigen uns dabei selten das wahre Gesicht einer Figur. Um das zu erkennen, muss man einen langen Weg gehen, tief ins Innere – als ginge man tief hinein in die Fluchtpunkte von De Chiricos Bildern. Dabei kann man sich leicht verlieren: wenn man die Perspektive verliert, wenn man realisiert, dass ein Fluchtpunkt ein Nichts ist, das sich immer weiter und weiter entzieht.

Jede Wahrheit ist in Boardwalk Empire nur die halbe Wahrheit. Jedes Gesicht, das man sieht, sieht man nur zur Hälfte, während die andere im Schatten bleibt. In dieser Hinsicht kommt What Does The Bee Do? als typische Boardwalk Empire-Episode daher, die die Handlung in kleinen Schritten vorantreibt, während sie die Schattenseiten aufzeigt, die leeren Fluchtpunkte der Figuren entblößt. Also: kurz innehalten und lauschen, zum Beispiel dem Gespräch zwischen Richard (Jack Huston) und Angela (Aleska Palladino) über Kunst und über Gefühle, die auf dem Weg verloren gingen.

Jimmys Frau ist das Mädchen aus De Chiricos Bildern, von dessen Plänen nur ein melancholischer Alltag übrig geblieben ist und das in Richard vielleicht eine andere einsame Seele gefunden hat, mit der es sprechen kann. Das beruht auf Gegenseitigkeit, denn auch Richard ergreift die Möglichkeit, aus sich herauszugehen – oder eher in sich zu gehen und darüber zu sprechen, was er dort gefunden hat und was er dort vermisst. Die Inszenierung dieser Begegnung – als Richard zurückkommt, um doch noch für ein Porträt zu posieren -, lässt einen als Zuschauer fast den eigenen Herzschlag vergessen.

Zumeist wechseln extreme Close-Ups, von seinem gesunden Auge oder seinem Mund, mit Medium Shots: Richard auf dem Stuhl sitzend, umrahmt von dem Fenster hinter ihm. Als er schließlich die Maske abnimmt, gestattet er Angela mit seiner gleichzeitigen Erzählung über seine Schwester den tiefsten Einblick, den wir bisher in ihn bekommen haben. Angelas Gesicht zeigt dabei weder Erschrecken noch Mitleid; sie bewegt die Augen kein Stückchen weg von ihm und versucht mit dem Pinsel Richard Harrow einzufangen, die Schönheit im Horror hervorzuheben.

Wir haben oft darüber gesprochen, dass viele Bilder der ersten Staffel, als Standbild genommen, Reproduktionen von nie gemalten Magritte-Bildern gleichen. In der zweiten Staffel nun scheint die Serie das Schaffen Giorgio de Chiricos zu thematisieren, den Magritte übrigens stark beeinflusst hat. Dabei bekomme ich den Eindruck, dass die HBO-Serie nicht so sehr das Aussehen der Bilder zitiert, sondern die ganz eigene Atmosphäre bei de Chirico, die Melancholie des Alltages mancher Figuren, die in den Schatten gedrängt wird. Abgesehen natürlich von den offensichtlichen Referenzen auf den Surrealismus im Allgemeinen sowie den Horror des Ersten Weltkrieges, der die Bewegung inspirierte.

Auch die Beziehungen der Serienfiguren untereinander haben immer zwei Seiten. So bei Gillian und dem Commodore, dem nächsten in dieser Episode, der ein halbes Gesicht hat bzw. bekommt. Als Gillian spärlich bekleidet für ihn tanzt, endet das Ganze mit einem Schlaganfall, der den Commodore mit einer gelähmten Körper-, also auch Gesichtshälfte zum Gefangenen seines Bettes macht – und vor allem zum Gefangenen dessen, was er wirklich ist. Am Ende der Episode spricht Gillian darüber, wie er sie damals vergewaltigte; unter Tränen beginnt sie ihn zu schlagen, genau die Gesichtshälfte zu treffen, die er noch fühlen kann. Jede Geschichte hat zwei Gesichter.

Sogar die von Van Alden. Die beiden Agenten, die für ihn arbeiten, wollen hinter sein Geheimnis kommen, was in einer verbrannten Gesichtshälfte für Agent Clarkson resultiert: Als sie das Lagerhaus untersuchen wollen, fliegt es in die Luft. Die Explosion geschieht in Nuckys Auftrag – aber um Jimmy und dem Commodore zu schaden, nicht den beiden Agenten. Owen Sleater hat die Bombe gebastelt. Es scheint, als hätte Nucky einen begabten Mann gefunden! Margaret hegt diesbezüglich gemischte Gefühle. Immer noch wirkt sie hin und her gerissen, was ihre Stellung betrifft, und ihre Wut auf die Dienerinnen wächst. Einen Teil des Problems scheint eben Sleater auszumachen, dem Katie schöne Augen macht und der Margaret, obwohl sie es nicht einmal sich selbst eingesteht, ebenfalls interessiert. Mich würde interessieren, wofür Margaret all das versteckte Geld braucht…

Zweischneidig entwickelt sich auch das Geschäftliche. Sowohl Nucky (mit Rothstein) als auch Jimmy (mit Manny Horvitz, gespielt von William Forstyle) schließen Deals über Alkohollieferungen via Philadelphias Hafen ab, was definitiv zu einer größeren Auseinandersetzung führen wird. Wer wird daraus als Sieger hervorgehen? Gegenwärtig deutet alles auf Nucky hin, der die Sache mehr und mehr unter Kontrolle zu bekommen scheint – vor allem mit Hilfe von Prostituierten, die aus… Philadelphia importiert wurden.

Dafür hadert Chalky White (Michael Kenneth Williams) mit seiner Stellung innerhalb der Community und mit der Unmöglichkeit, Rache für den Angriff seines Lagerhauses üben zu können. Seine Familie bekommt eine Gesichtshälfte zu sehen, die sie nicht sehen will, die jedoch da ist und Nucky an etwas stets erinnert: „Pretty clear who the field nigger is.“

Mit einem Glas in der Hand sollte man sich zurücklehnen, die Wolken und die Schatten anschauen, die sie werfen, und auf die nächste Episode warten.

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