Hidden: Review der Serie

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Man stelle sich vor, man wolle mit der Vergangenheit Schluss machen. Doch sie entzieht sich einem, indem sie ihre Gestalt verändert, um plötzlich erschreckend vertraut zu erscheinen. Harry Venn gerät in ein Spiel aus Vergangenheit und Gegenwart, das eine ganze Regierung zum Fall bringen könnte. 

Hidden ist eine ganz eigene Mischung: schwer zu beschreiben und trotzdem sehr gut; eine Mischung aus sepiafarbenen Landschaften, einem Glas Wein, französischem Baguette, blutigen Erinnerungen und Zahlenreihen, die von einer entfernten, kalten Telefonstimme durchgegeben werden.

Hidden versucht Bildausschnitte, Erkenntnisse, Erinnerungen zu einem Sinn ergebenden Ganzen zusammenzusetzen, ohne dabei ihr wahres Gesicht zu verraten. Ist es ein Film Noir, ein Verschwörungsthriller, eine Liebesgeschichte oder die Geschichte einer Hassliebe zwischen zwei Brüdern? Philip Glenister spielt in Hidden die Hauptfigur Harry Venn, einen Rechtsberater, dessen Leben schon vor langer Zeit aus den Fugen geraten ist. Alles, was er gegenwärtig besitzt und tut, scheint Konsequenz einer prägenden Erinnerung zu sein. Es geht um den Tod seines Bruders Mark, der vor zwanzig Jahren während eines Auftragsjobs erschossen wurde.

Wie man aus etlichen, immer deutlicher werdenden Flashbacks herausbekommt, stand Harry nicht immer auf der richtigen Seite des Gesetzes – und sein Bruder noch weniger: Der Auftragsjob damals war eigentlich ein Auftragsmord. Harrys Leben besteht aus kleinen Jobs, Sex mit der Ex-Frau und gelegentlichem Drogenkonsum. Als er Besuch von der mysteriösen Anwältin Gina Hawkes bekommt, öffnet sich die Wunde wieder, die ihm der Vorfall damals geschlagen hatte. Was ist mysteriös an Gina Hawkes?

Nun: Harry kann so gut wie nichts über sie herausfinden – und dass sie ausgerechnet ihn zu brauchen vorgibt, um einen alten Bekannten aus kriminellen Kreisen vor Gericht verteidigen zu können, stimmt Harry sehr misstrauisch. Aber die Faszination für die Femme Fatale Gina überwiegt. Im Hintergrund dieser keimenden Beziehung weiß Hidden sehr geschickt einen anderen Plot aufzubauen: um eine politische Verschwörung. Londons Straßen werden von brutalen Ausschreitungen erschüttert, und immer wieder hören wir als Voice Over die Telefonstimme, die Codes, Zahlenkombinationen, Auftragsnummern etc. durchgibt oder von anderen Stimmen erhält und Autorisierungen bestätigt.

Hidden schafft es, über alle vier Episoden hinweg die Balance zu halten zwischen der Verschwörung und der komplizierten Beziehung der beiden Hauptdarsteller, die, gefangen in ihrer Vergangenheit, dort Brücken zu bauen versuchen, wo keine erwünscht sind. Warum? In den ersten zwei Episoden lässt der Schöpfer der größtenteils in Belfast gefilmten Serie, Ronan Bennett, gemeinsam mit seiner Produktionscrew in mäßigem Tempo ein Bild aus Hintergrundinformationen und Details vor unseren Augen entstehen, das aber nicht vollständig ist!

Gegen Ende der zweiten Episode und mit der dritten erhöht man allmählich das Tempo, als Harry nach und nach Ginas (Thekla Reuten) Identität herausfindet – sowie die Verwicklungen ihres Adoptivvaters Sir Nigel Fountain (David Suchet) in vergangene und gegenwärtige politische Intrigen. Plötzlich muss Harry feststellen, dass auch seine eigenen Erinnerungen, ja das von ihm Erlebte nur ein unvollständiges Bild zeigen. Die Handlung verschiebt sich nach Paris – teilweise on location gefilmt -, wo Harry tatsächlich einem Geist begegnet: dem Mann namens Hillman, der damals zusammen mit Mark den Auftrag ausführte und anschließend ebenfalls erschossen wurde.

Hillman gehört zu einem Killerkommando, das unter der Führung eines gewissen Jason Styles (Peter Guinness) operiert und im Auftrag des Milliardärs James Morpeth (Matthew Marsh) bestimmte Menschen zu beseitigen scheint. Oder steht nicht nur Morpeth dahinter? Hidden ist nicht nur exzellent inszeniert, sondern ebenso gut gespielt; beim Zuschauen steht man unter Dauerspannung, weil man sich spätestens in der dritten Episode sicher ist: Alles kann eine Frage sein – oder vielleicht doch eine Antwort. Die Spannung steckt in der Unklarheit. Während man in manchen Serien kritisieren muss, dass sie mit ihrer Erzählung nicht recht wissen wohin, kann man Hidden diesen Vorwurf nicht machen. Denn die Serie verspricht nichts.

Sie gleicht ihrem Protagonisten Harry, der bestimmte Kluften einfach nicht schließen kann: Sie lassen sich weder überspringen noch umgehen. Das Ergebnis ist ein Zustand, der dem Verlorensein gleicht, aber sich ihm letztendlich auch entzieht: in eine dauerhafte Bedrohung und immense Spannung ausstrahlende Ungewissheit. Hidden gelingt es, diesen Zustand bis zur letzten Minute nicht in einem Happy End oder Ähnlichem auflösen zu müssen. Genau wie Mark die Tür für Harry offen lässt, lässt die Serie Fragen offen, aber nicht im negativen Sinne. Hidden bietet uns eine exzellente Lektion darüber, dass es nicht auf jede Frage eine Antwort geben und nicht jede Antwort uns zufrieden stellen muss. Beim Zuschauen kommt einem die Frage nach einem Happy End nicht einmal in den Sinn, denn was ist ein Happy End?

Alle Geister begraben zu können – oder sie noch am Leben zu wissen? Hat Mark einen Befehl ausgeführt, als er Morpeth und Styles erledigte, oder war es seine Entscheidung? Ist Wentworth involviert? Wer steckt hinter dem mysteriösen „Helpdesk“, hinter den international operierenden Killerkommandos? Worum ging es bei dem Mord an Ginas Eltern? Was passiert mit Harry? Das bleibt… hidden.

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