Twin Peaks: Die Geschichte

Standard

Wieso  Twin Peaks und wieso David Lynch? Fernsehgeschichtlich betrachtet ist die Tatsache sehr interessant, dass gerade ein Auteur (Autorenfilmer) und vor allem ein Regisseur, einen Umbruch im Denken ¸ber das Medium Fernsehen Anfang der 90er Jahre wenn nicht einläutete, dann zumindest ermöglichte. Denn genau das ist Lynch mit der Serie  Twin Peaks gelungen. Aufgrund der Tradition, die immer den Drehbuchautor in den Mittelpunkt stellt (eine Tradition aus den 50ern und 60ern, als das Fernsehen noch stark an dem Theater orientiert war – die Zeit der Adaptionen), wunderte sich die Branche, was ein Independent-Kinoregisseur beim Drehbuchautorenmedium zu suchen hatte.

Sehr wichtig für Lynchs Entscheidung waren die kreativen Freiräume, die das US-Fernsehen seinen Autoren seit den Tagen der groflen Theater-Anthologieserien wie  Kraft Television Theater oder  Playhouse 90 immer wieder einräumte. Zwar schauten im Prinzip die Regisseure wie blofle Erfüllungsgehilfen aus, aber es war nirgendwo festgeschrieben, dass ein Regisseur nicht die Chefrolle bei einer Produktion übernehmen darf. David Lynch – sein Autorstatus als Regisseur folgte ihm auch auf dem TV-Bildschirm, obwohl Mark Frost ( The Six Million Dollar Man ) für das Drehbuch verantwortlich war und Lynch nur als Co-Autor fungierte.

Insgesamt waren zwölf Regisseure an  Twin Peaks beteiligt, und Lynch selber führte bei nur sechs Episoden Regie. Frost und Lynch reichten 1988 ein Konzept für eine Serie bei ABC ein und bekamen grünes Licht für eine Pilotepisode. Dass ein Independent-Regisseur in einer TV-Produktion nicht auf seinen Stil verzichten muss, dafür hat es in Europa schon etliche Beispiele gegeben: Rainer Werner Fassbinder mit  Berlin Alexanderplatz oder Edgar Reitz mit  Heimat haben die Zuschauer vor den Bildschirmen gefesselt. Auch in Schweden und Groflbritannien gab es Vorbilder für erfolgreiche Arbeit eines Kino-Auteurs im Fernsehen: Ingmar Bergman mit  Fanny und Alexander und Jon Amiel mit  The Singing Detective .

Diese Beispiele haben gezeigt, dass das andere Medium kein Hindernis sein muss, sondern durchaus seine Voreile hat. Das hat sich auch David Lynch von der Arbeit an einer TV-Serie versprochen. Die Länge und dadurch die Möglichkeit, eine Geschichte zu erzählen, befreit von dem Zwang der Spielfilmbegrenzung, reizten den Regisseur. Abgesehen von Michael Manns  Miami Vice und Steven Bochcos  Hill Street Blues , die in den 80ern ästhetisch und inhaltlich einen frischen Wind über die verstaubte amerikanische Serienlandschaft wehen lieflen, gab es damals kaum Durchbrüche in diesem Bereich.Der Arbeitstitel der Lynch/Frost-Serie war zunächst  Northwest Passage und wurde erst im Verlauf der Arbeit in  Twin Peaks abgeändert. Obwohl Lynch beim Piloten Regie führte und am Drehbuch mitschrieb, wird oft vergessen, dass  Twin Peaks nicht nur die Serie des berühmten Regisseurs war, sondern auch zum gleichen Teil von Mark Frost, der ihm als ein serienerfahrener Partner zur Seite stand.

Mark Frost hatte schon einen Writers’ Guild Award für seine dreijährige Arbeit als Autor und Story Editor bei  Hill Street Blues bekommen sowie eine Emmy-Nominierung. Im Mai 1989 fand eine Vorf¸hrung des Piloten (Lynch drehte ihn in nur 21 Tagen ab) vor internationalen Verkäufern statt und sorgte für immenses Interesse. Die Serie wurde schliefllich in 55 Länder verkauft. Und überall war der Claim in der Presse: Wer hat Laura Palmer getötet? Weltweit fieberten die Zuschauer mit – mit Ausnahme von Deutschland, aber die Geschichte kennen wir schon…

In Amerika legte  Twin Peaks einen fulminanten Start hin, nachdem ABC eine ganze Staffel aus sieben Folgen (jede 47 Minuten) in Auftrag gab. Nachdem Lynch und Frost die Figuren und die Dramaturgie der Geschichte festgelegt hatten (zum Beispiel, dass jede Folge die Ereignisse eines Tages und einer Nacht beschreibt), schrieben Harley Peyton und Robert Engels an den weiteren Drehbüchern. Die Presseberichte und die Reaktionen bei den Uraufführungen auf dem Festival in Telluride, Colorado, auf dem Miami Film Festival sowie beim TV-Festival in Monte Carlo waren so positiv, dass die ABC-Verantwortlichen unsicher wurden und den Start zweimal verschoben. Man befürchtete, eine Serie für einen engen Kreis von Kinoliebhabern in Auftrag gegeben zu haben und kein Produkt für die breite Masse.

Dazu kam noch die Unmöglichkeit, die Serie einem bestimmten Genre zuzuordnen: War das eine Seifenoper oder ein Krimi, Mystery oder einfach intelligente Unterhaltung für ein anspruchsvolles Publikum? Am 8. April 1990 startete endlich  Twin Peaks und brachte eine Quote von 33 Prozent – rund 35 Millionen Zuschauer!  Twin Peaks wurde zu einem Medienereignis, und pro Folge blieben konstant 15 Prozent der Zuschauer dabei und genossen eines der ersten Produkte mit dem Label Quality Television, wie wir es heute kennen: ein komplexes Ganzes, ein perfektes Zusammenspiel aus Drehbuch, Musik (komponiert von Angelo Badalamenti und mit musikalischen Themen für einzelne Figuren) und visueller Inszenierung, die die in sich differenzierten Figuren ins Rampenlicht rückten.

Ungewöhnlich war auch die Tatsache, dass insgesamt zweiunddreiflig Charaktere eingeführt wurden, die bis zum Schluss der Serie mit von der Partie waren, darunter hochkarätige Filmschauspieler wie Kyle MacLachlan, Miguel Ferrer, David Duchovny, Kiefer Sutherland – alle spielten FBI-Agents -, Mädchen Amick, Lara Flynn Boyle und sogar Popsänger (David Bowie und Chris Isaak). Sogar Lynch selbst trat als Agent Gordon Cole auf. Rückwirkend betrachtet ist es interessant, dass alle aufgezählten Agentendarsteller später eine Karriere im TV-Bereich gemacht haben und die meisten davon ebenfalls als Agenten: Miguel Ferrer etwa in Crossing Jordan, David Duchovny in  The X-Files oder Kiefer Sutherland, der für seine Rolle des Jack Bauer in  24 einen Golden Globe und einen Emmy bekommen hat.

Zur Popularität der Serie trug natürlich auch Lynchs Filmkarriere bei, die Anfang der 90er ihren Höhepunkt erreichte. Während der Ausstrahlung der ersten  Twin Peaks -Staffel erhielt er die Goldene Palme in Cannes für den besten Film ( Wild at Heart ).  Twin Peaks war für vierzehn Emmys nominiert, zwei Mal gewann die Serie – für den besten Schnitt (Duwayne Dunham) und die besten Kostüme (Patricia Norris). Im Januar 1991 wurde  Twin Peaks mit drei Golden Globes ausgezeichnet: Lynch und Frost als Autoren der besten Dramaserie, Kyle MacLachlan (Agent Cooper) als bester Hauptdarsteller und Piper Laurie als beste Nebendarstellerin (Catherine Martell).

Dann orderte ABC nach den dreizehn Folgen der zweiten Staffel noch neun Folgen. Die 30. Episode, bei der Lynch wieder Regie führte, blieb die letzte. Der Marktanteil sank ab Folge 18 (Ende der Laura-Palmer-Geschichte) auf zehn Prozent und darunter, so dass die Serie nicht noch einmal verlängert wurde. Es wird spekuliert, dass der Sender sich einmischte und den Verlauf der Geschichte beeinflusste.  Twin Peaks jedoch war nicht darauf angelegt, eine Endlosserie zu sein – eigentlich sollte mit der Aufdeckung von Laura Palmers Mörder Schluss sein. Die zweite Staffel war umso verwirrender für das Publikum. Auch die Programmierung war schuld am Quotenrückgang: Die Serie wechselte zuerst vom Donnerstag-Sendeplatz auf Sonntag und dann wieder zurück…

Trotzdem bleibt Twin Peaks ein TV-Ereignis, das die komplette Branche inspiriert und teilweise zu einem gewissen Umdenken geführt hat. Aus diesem Grund werde ich mir jede einzelne Episode vornehmen und … nach Laura Palmers Mürder suchen.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s