17th Precinct: Review der Pilotenepisode

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Die von NBC nicht in Serie gegebene Geschichte aus der Feder Ron Moores brachte es nur auf eine Pilotepisode, die den Zuschauer in eine magische Welt an den Grenzen zwischen Phantasie und Philosophie entführt. Dort klärt die Polizei Verbrechen auf ungewöhnliche Weise auf. 

Wie wäre es mit einer fiktionalen Welt, die ganz anders funktioniert, als wir es von TV-Serien im Bereich des Übernatürlichen kennen? Oft trifft man auf Konstellationen, in welchen das Übernatürliche als Ausnahmezustand und nicht als die Regel dargestellt und empfunden wird. Daraus schöpfen Magie und übernatürliche Kräfte ihre faszinierende Wirkung, sowohl für die TV-Figuren als auch für uns Zuschauer. Was aber, wenn das Übernatürliche sein “Über-“‚ verliert?

Wie wäre es mit einer Welt, die auf Magie und Zauber beruht und die von Visionen und Gefühlen geleitet wird anstatt von Vernunft, von „something they call science“? Macht Logik die Welt leichter oder schwerer zu ertragen? Wann ist man in der Position, darüber zu urteilen? Wenn die Gesellschaft einen in sie erhoben hat? Auf welcher Grundlage aber? Müsste man nicht aus sich herausgehen, um sich selbst und die Welt neutral betrachten zu können? Wenn Magie alle Antworten brächte und die logischen Kausalketten überflüssig machte: wäre das ein Fortschritt oder ein Rückschritt, was unser Denken betrifft?

Kann man überhaupt zwischen Fühlen und Denken eine Grenze ziehen? Machen Gefühle uns blind, oder öffnen sie uns die Augen? Angesichts all dieser Fragen wundert es uns nicht, Ron Moores Unterschrift unter der Produktion zu erblicken. Und etliche „Battlestar Galactica“-Schauspieler machen diesen Piloten vollends zu einer „Battlestar Galactica“-Reunion.

In „17th Precinct“ spürt man schon im Piloten, wie Moore versucht, sich von einer anderen Ausgangsposition aus mit Themen zu befassen, die „Battlestar Galactica“ durch Raum und Zeit begleiteten. Das Voice Over des Deputy Chief Inspector Wilder Blanks (Eamonn Walker, zuletzt großartig in der leider nach einer Season gecancelten FX-Serie „Lights Out“) spricht zu uns in den Eröffnungssekunden: „Oil, electricity, coal: the power that drives modern society. But what if science had never been invented? What if we relied on… magic? What if plants and fire powered our world? And what if the police solved crimes in ways that we can’t imagine? This is 17th Precinct.“ Dann treffen wir auf die Detectives Bosson (James Callis) und Longstreet (Jamie Bamber). Sie untersuchen den Mord an einem Mann im North-Beach-Distrikt der City of Excelsior.Die Tatortarbeit beobachten wir aus der extremen Obersicht, wie von vielen Krimi-Procedurals gewohnt. Aber hier enden auch schon die Ähnlichkeiten, denn in der Welt von 17th Precinct hat auch die Sprache ihr “Über-“‚ verloren: ihr Übernatürliches, ihre bildliche Beschreibungsfunktion von Handlungen. „To take a picture“ wird hier wörtlich ausgeführt: Der Detective greift mit bloßer Hand Richtung Tatort und legt die Hand dann auf ein leeres Blatt. Dort erscheint prompt die Fotografie.

Mit Hilfe magischer Kräfte werden auch Blutspuren analysiert; man folgt dem Blut buchstäblich vom letzten zum ersten Tropfen und damit dem Verlauf des Mordes. An der Stelle, denke ich, hätte die Serie einige Zuschauer verloren, die sich mit dergleichen Zaubertricks nicht anfreunden können! Was in den Augen einiger als cool erscheint, stempeln andere schlicht als lächerlich ab. Aber eine solche Serie muss nicht von der Visualisierung von Magie leben, sondern von der Geschichte, die erzählt wird, und von den Figuren, die darin vorkommen. An nur einer Episode lässt sich allerdings kaum ablesen, mit welcher Gewichtung „17th Precinct“ seine Kombination aus Procedural-Plots und übergreifender Geschichte gestaltet hätte.

Apropos Krimi-Procedurals: „17th Precinct“ nimmt eine von „CSI: Crime Scene Investigation“s Hauptaussagen wörtlich – “Mit den Toten sprechen”. Für diese Rolle hat Moore ein weiteres „Battlestar Galactica“-Mitglied parat, nämlich Tricia Helfer in der Rolle von Dr. Morgana Kurlansky, einer Gerichtsmedizinerin mit pechschwarzen Haaren – oder besser gesagt, einer Nekromantin, wie man sie in dieser Welt wohl nennen könnte. In meinen Augen gehört Tricia Helfer zu den unterschätzten Schauspielerinnen im TV-Geschäft; gerade „Battlestar Galactica“ liefert den Beweis dafür!

Unter den Klängen von Massive Attacks Teardrop (dieser Song dient dann als sich wiederholendes Motiv im Piloten) spricht Morgana für ein paar Sekunden mit dem Toten: Donald Pynchon, Executive Prophet der Stadt. Sie erfährt, dass Rache den Mord motivierte. Aber es scheint mehr dahinter zu stecken. Der Chief des 17th Precinct, Wilder Blanks, wird von Visionen verfolgt, die eine Stimme begleitet: „An old foe has returned to strike at our way of life.

Wie Blanks am Ende der Episode erzählt, handelt es sich um eine Gruppierung, die als The Stoics bekannt ist und diese Welt verändern will: Sie soll von Logik, von rationalem Denken geleitet werden und nicht von Intuitionen, Gefühlen, Visionen und Prophezeiungen.The Stoics wollen Objektivität anstatt Subjektivität. Um der wieder erwachten Gefahr zu begegnen, holt Blanks eine alte Bekannte namens Mira Barkley (Stockard Channing) an Bord, die früher einmal im Morddezenat tätig war. Sie muss mit Neuling James Travers (Matt Long) zusammenarbeiten – unter der Aufsicht von Blanks rechter Hand und Miras alter Flamme Lisa, jetzt Liam Butterfield (Esai Morales): „I’m not Lisa anymore, inside or out.“ Nach der Einführung aller Figuren und einigen Einblicken in das Leben der Stadt (Energieversorgung durch Pflanzen, Autos ohne Lenkrad, das Internet ist buchstäblich zum Greifen nah usw.) begleiten wir beide Detective-Teams, während sie ihre Fälle untersuchen.

Letztendlich werden die Ermittler an denselben Punkt geführt: Jemand scheint die führenden Köpfe der Stadt zu ermorden. Inmitten dieser Erkenntnis steht eine Prophezeiung, die Pynchon vor seinem Tod aussprach und die von derselben Verdammnis handelt, die Blanks in seinen Visionen sah. Es sind aber nicht nur Zukunftsvisionen, sondern auch Erinnerungen an eine Vergangenheit, von denen Wilder Blanks Morgana in den Abschlussminuten erzählt (beide haben ein Verhältnis).

An diesem Punkt kann man den geflügelten BSG-Satz buchstäblich hören: „All this has happened before, and all this will happen again.“ Eine Kugel erreicht immer ihren Bestimmungsort, im metaphorischen und im buchstäblichen Sinne, denn Kugeln sind das Mittel, dessen sich The Stoics hier bedienen. Begleitet von dem schweren Gefühl der Unausweichlichkeit, ist „17th Precinct“ definitiv eine Serie, die eine Geschichte zu erzählen gehabt hätte – nebst passenden Figuren, um sie auszufüllen. Leider wird die Kugel dieses Projekts weiter und in alle Ewigkeit herumirren…

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