Shameless: Review der US-Pilotenepisode (1×01)

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In einem Arbeiterviertel Chicagos brennt, umgeben von fröhlichen Menschen, ein Auto. Handelt es sich um ein Verbrechen? Oder um das Suchen und Finden von Schönheit in einem nicht schönen Leben? 

Wir Menschen brauchen Drama in unserem Leben. Unwiderstehliches Verlangen nach Drama treibt uns an. Aus diesem Grunde lieben wir Geschichten, die uns mit Drama versorgen! Kurt Vonnegut – meiner Meinung nach einer der größten amerikanischen Schriftsteller aller Zeiten – lieferte hierfür vor ein paar Jahren eine scherzhafte Erklärung: die Menschen seien der Auffassung, das Leben müsse wie diese Geschichten sein… und genau darin liege das Problem!

Anhand eines Diagramms beleuchtete Vonnegut das Verhältnis zwischen dem menschlichen Leben und fiktionalen Geschichten: Unsere Lebenszeit verläuft von links nach rechts, das emotionale Befinden von unten nach oben: von Depression bis Glück. Im Vergleich zu fiktionalen Erzählungen, die dramatisch-emotionale Höhepunkte und weltbewegende Ereignisse vor unsere Augen bringen – Vonneguts Beispiele reichen von Aschenputtel bis zum Katastrophenfilm -, ereignen sich in unserem dahin fließenden Leben… normale Dinge. Nichts Weltbewegendes eben.

Unser Leben verläuft um die Mitte dieser Skala, ohne große Sprünge nach oben oder unten. In den seltensten Fällen ereignet sich etwas, wovon die menschliche Geschichte berichten wird. Aber: laut Vonnegut sind wir durch die dramatischen Geschichten in Büchern und Filmen geneigt zu glauben, auch unser Leben müsste dramatische Höhen und Tiefen aufweisen!

Da dem in aller Regel nicht so ist, täuschen wir entweder Drama vor, wo es keines gibt – oder sind und bleiben süchtig nach… noch mehr Geschichten, mit deren Hilfe wir unsere eigene Bedeutungslosigkeit verdrängen können.

Auch mit diesen einleitenden Anmerkungen ist nichts Weltbewegendes geleistet: aber sie führen uns zu dem Punkt, an dem die neue Showtime-Serie ansetzt. Sie erzählt von der Mitte der Skala, von der Bewegung des Lebens – ohne großes Drama. Die kleinen Höhen und Tiefen, die Details stehen hier im Brennpunkt. Man könnte denken, es handele sich um eine Tragödie: denn letztendlich ist Bedeutungslosigkeit tragisch. Doch ebenso wie bei der frisch eingestellten FX-Serie „Terriers“ – die aus diesem Grund nur wenige Zuschauer fand – handelt sich nicht um eine Tragödie, sondern um eine Farce.

Marx schrieb über die Ereignisse unserer Geschichte, dass sich Dinge zuerst als Tragödie ereignen, um sich später als Farce zu wiederholen. Wir sprechen hier nicht auf politischer, sondern auf rein menschlicher Ebene: „Shameless“ wird warmherzig und liebevoll erzählt und großartig gespielt und gefilmt. Die cinematische Qualität der US-Serie besticht gerade durch ihre Unauffälligkeit. Man wird in die Geschichte der mehrköpfigen Gallagher-Familie hinein gesaugt, ohne es zu merken.„Shameless“ basiert auf der gleichnamigen britischen Serie, kreiert von Paul Abbott. Mit dem als Mitarbeiter an seiner Seite hält sich John Wells, ausführender Produzent der US-Variante, ziemlich getreu an das Original. Das behaupten jedenfalls die Kenner des britischen Shameless, zu welchen ich leider nicht gehöre! Nichtsdestotrotz kann ich die in einem von Chicagos Multi-Kulti-Arbeitervierteln situierte Erzählung durchaus genießen.

Seit „Fargo“ bin ich ein Fan von William H. Macy, und obwohl er im Piloten als Gallagher-Familienoberhaupt nicht viel zu tun bekommt, halte ich ihn für die perfekte Besetzung – zwar verschläft er einen Großteil seiner Screentime betrunken auf dem Fußboden, aber eben sehr überzeugend! Eine ganze Woche lang hat Frank Gallagher einen Job in einem Geflügelverarbeitungsbetrieb gehabt, aber seit einem Unfall mit einem fliegenden kopflosen Huhn ist er, wie er sagt, arbeitsunfähig. Zwar wird das von den Behörden in Frage gestellt, aber Frank kümmert’s nicht: Er trinkt – und schläft auf dem Fußboden.

Ansonsten hören wir am Anfang der Episode sein Voice Over liebevoll von seiner Familie erzählen: von der älteren Tochter Fiona (Emmy Rossum), die die Familie zusammenhält, von den Teenager-Söhnen Lip (Jeremy Allen White) und Ian (Cameron Monaghan) und von den Kleinen – Debbie (Emma Kenney), Carl (Ethan Cutkosky) und Liam. Die sexsüchtigen Nachbarn, Krankenschwester Veronica (Shanola Hampton) und Barmann Kev (Steve Howey), sind im Grunde auch Teil der Gallagher-Familie: immer hilfs- und party-bereit.

Franks Arbeitsunfall bildet eine schöne Metapher über ihn selbst als Kopf der Familie. Kopfloses Huhn – kopflose Familie… Um Franks An/Abwesenheit herum ist das Familienleben aufgebaut – wortwörtlich: der Tag beginnt damit, dass alle um Frank herumgehen, der auf dem Fußboden schläft. Liebevoll legt die kleine Debbie ein Kissen unter Franks Kopf.

Fiona ist diejenige, die den neuen Kopf der Familie bildet. Sie hält sie zusammen und kommt nicht dazu, sich selbst zu bemitleiden. Das Leben muss weiter gelebt werden – und in „Shameless“ bleibt sowieso kaum jemandem Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Wozu auch? Es ist, wie es ist! Im Piloten verliert auch Fiona den Kopf. Aber dafür ist Steve verantwortlich, den sie in der Disco kennen lernt. Wird er der Lichtblick in ihrem Leben sein, der dramatische Höhepunkt? Genau davor hat Fiona Angst…

Wovor wir keine Angst haben müssen: bei „Shameless“ reinzuschauen und enttäuscht zu werden. Am besten legt man sich (mit einem Kissen unter dem Kopf) auf den Fußboden, schaltet ein und genießt das Herz erwärmende und schmunzeln machende Erzählen der neuen Showtime-Serie. Dann nämlich befindet man sich ganz oben auf Vonneguts Skala – wenigstens für eine Stunde!

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