Whitechapel: Episode 1 (3×01)

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Dunkler und nachdenklicher als in der zweiten Staffel kehrt Whitechapel zurück: mit tieferen Einblicken in die Psyche seiner Protagonisten und einem grausamen Fall, den Chandler und seine Detectives lösen müssen.

Bedeutungsschwangere Klaviertöne berichten unserem Gehör von einer Unausweichlichkeit, von grausamer menschlicher Geschichte, die sich unaufhaltsam zu wiederholen scheint. Whitechapel führt mit dieser dritten Staffel seinen Gedanken weiter, dass Zeit letztlich irrelevant ist, wenn es um den menschlichen Makel geht. In der fiktionalen Whitechapel-Welt geschehen Verbrechen, die schon einmal geschahen. Bildet das Wissen über schon Geschehenes die Grundlage für dessen Wiederholung? Ist nun aber der vierfache Mord, den Chandler und Miles (Phil Davis) untersuchen müssen, eine Kopie der grausamen Ratcliffe Highway Murders aus dem Jahre 1811 – oder doch ein Original? Wo liegt der Unterschied?

Vielleicht darin, wer dahinter steht – welches Menschenbild in welchem Kontext? Am Anfang der Episode, während Detective Mansells (Ben Bishop) Hochzeit  gefeiert wird, schlägt Chandler Miles vor, Buchan als eine Art Krimi-Archivar fest einzustellen: als Verbindung zur Geschichte. Dabei spricht Chandler darüber, Geschichte wie eine Karte zu verwenden, die man auf die Gegenwart legt, wodurch man die Routen erkennbar macht, die menschliche Grausamkeit nimmt und nehmen kann. Es geht um eine Kartographie des Zwangs der Geschichte zur Wiederholung, da sie von menschlichen Verhaltensmustern, Zuständen, Begehren berichtet, die immer schon da gewesen sein werden. Diese Entscheidung Chandlers (Rupert Penry-Jones), Buchan (Steve Pemberton) offiziell einzusetzen, demonstriert – zusammen mit dem neuen Vorspann und den Übergangsbildern zwischen unterschiedlichen Szenen in der Episode – sehr gut Whitechapels Arbeit mit Vergangenheit und Gegenwart.

Die Oberfläche zittert, kann ihre Ganzheit und ihre Zeit nicht behalten, zerfließt in andere Bilder, in Neu und Alt. Dieses Zer- oder Zusammenfließen kann aber durchaus Verschwinden bedeuten, so wie in dem Bild aus Minute 9:20 dieser Episode: Zwei identische Bildhälften, auf welchen ein fahrendes Polizeiauto zu sehen ist, scheinen durch die schnelle Vorwärtsbewegung zusammenzufallen, und das Auto verschwindet. An seinem eigenen Fluchtpunkt ergreift das Bild die Flucht. Was Whitechapels Fälle interessant macht, ist die Suche nach der Verschiebung innerhalb des Gleichen. Die Morde sind nicht einfach Kopien, sondern erlangen in einem neuen, verschobenen Kontext eine neue Bedeutung. Dazu aber braucht es jemanden, der sie „lesen“ kann! Aus diesem Grund gilt es für Chandler & Co, die in einem neuen Büro untergebracht wurden, die in Grau und Grün getauchten Bilder zu ordnen, zwischen Neu und Alt zu unterscheiden.

Die Szene, als Buchan vor dem ganzen Team Gleichheit zwischen Früher und Heute zu erzwingen versucht, ist in dieser Hinsicht sehr wichtig. Chandler macht ihm klar, dass die Morde an dem Schneider und seinen drei Mitarbeitern nicht unbedingt eine Copycat-Tat seien und man sie in neuem Licht betrachten müsse. Aber ob ihm das „neue“ Licht gefallen wird? Benutzt die Gegenwart die Vergangenheit nur als Maskerade? Im Zuge der Verhaftung von Marcus Salter, dem Bruder des Getöteten, scheint Chandler zunächst Recht zu behalten; der aber flieht später auf unerklärliche Weise aus seiner Zelle und hinterlässt mit seinem Erscheinungsbild tiefe Beunruhigung. Whitechapel scheint mit diesem ersten von drei Fällen, die in Zwei-Episoden-Einheiten abgehandelt werden, das Territorium des Aberglauben und Übernatürlichen betreten zu wollen, um eine interessante psychologische Studie abzuliefern. Dabei geht es nicht nur um den Täter, sondern ebenso um seine Verfolger: um Chandler & Co., die mit ihren eigenen Ängsten und Problemen zu kämpfen haben.

Aus diesem Grund nimmt sich die Erzählung in dieser Episode Zeit, um Miles und Chandler im Gespräch miteinander über ihr Leben nachdenken zu lassen: zwei ungleiche Partner und doch Freunde, die an einer je eigenen metaphorischen Wegscheide stehen. So wie Chandler in dieser Episode – schön inszeniert – an einer tatsächlichen Straßenkreuzung steht und seinem Kollegen von früheren Ritualen beim Begraben von Toten erzählt. Mit dieser ersten Episode zeigt die ITV-Serie, dass sie genau weiß, wohin der Weg führt – und dass jede Wiederholung Neues mit sich bringen kann.

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