Whitechapel: Episode 4 (3×04)

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Weitere Opfer kommen angeschwommen und die Ermittler bekommen die erste heiße Spur. Aber handelt es sich um einen oder mehrere Mörder? Chandler wird gezwungen eine persönliche Entscheidung zu treffen. 

Man’s natural character is to imitate; that of the sensitive man is to resemble as closely as possible the person whom he loves, hat der Marquis de Sade einmal gesagt. Und Edward Buchan (Steve Pemberton) teilt seinem Chef DI Chandler (Rupert Penry-Jones) mit: 1772. Two prostitutes were given aniseed balls laced with Spanish fly…by THE MARQUIS DE SADE!

In den vier bis jetzt gefundenen Torsen kann Dr. Llewellyn Spuren des seltenen Gifts Cantharidin nachweisen, dem unter dem Namen “Spanische Fliege” seit Jahrhunderten aphrodisierende Wirkung nachgesagt wird. Für die Giftzubereitung ist eine Substanz von Nöten, die aus einer bestimmten Käferart extrahiert werden kann. Whitechapels Bilder in den Szenen-Übergängen wirken tatsächlich wie Insekten, die das Auge des Betrachters in Unruhe versetzen: Bruchstücke, Ausschnitte, Collagen, deren verschwommene Existenz das Gefühl eines Krabbelns, eines heimtückischen Angriffs vermittelt, den man am wenigsten erwartet.

Etwas später sagt Buchan, bei Persönlichkeitsspaltungen bewahre das Gehirn Geheimnisse vor sich selbst. In diesen und in de Sades Worten verbirgt sich die Lösung des Falls. Nur, wie Miles Buchan vorwirft, sehen alle den Wald vor lauter Bäumen nicht. Vielleicht, weil sie unbedingt etwas sehen wollen – so wie Chandler oder Buchan in seinen Archiven. Sowohl Miles als auch Ed und Joe sind in dieser Episode verloren: der eine in Schlaflosigkeit, der andere im Archiv, wo die Last der Vergangenheit ihn langsam erdrückt; und Joe verliert sich im Sinnieren über eine Möglichkeit. Gibt ihm das Leben in Mina tatsächlich eine Chance? Nun, der Verlauf der Untersuchung bringt die Stimmung zum Kochen: Als das Team undercover den Nachtclub besucht, wird Mina von dem Vampir-Fetischisten entführt. Und Joe erfährt, dass ihm Mina nicht gleicht – ähnlichem Handeln und ähnlichen Ansichten zum Trotz. Mina ist in sich verschlossen; ihre Beziehungen zu Kollegen sind rein beruflich, vollkommen unpersönlich.

Für sie sind die Toten Arbeit: nicht weniger, aber auch nicht mehr. Für Joe bedeutet seine Arbeit die Beschäftigung mit Menschlichkeit: mit ihrem Fallen und ihrem Fehlen. Joes Beziehung zu seinen Kollegen, vor allem zu Miles, ist, wie Mina in der vorherigen Episode richtig erkannt hat, familiär: von Mensch zu Mensch, basierend auf Vertrauen. Joe vertraut Miles, als Mina ihn vor der Wahl stellt. Wir befinden uns zusammen mit der Kamera hinter Joes Rücken und sehen über seine Schultern hinweg links und rechts Miles und Mina stehen, die auf ihn einreden. Obwohl Joe glaubte, beide behalten zu können, lassen sich links und rechts nicht zusammenbringen. Ganz anders steht es um zwei Briefe, die die Ermittler als Beweisstücke bekommen: Sie sollen von einem Pärchen stammen, das die besagten Käfer bestellt hat. Joe aber entdeckt, dass beide Schriftstücke – obwohl extrem unterschiedlich aussehend – von derselben Person stammen. Oder auch nicht?

Ein Körper kann zwei Personen beherbergen, die nicht einmal von einander wissen. Die Ermittler landen am Ende dort, wo sie schon einmal waren, und können eine weitere Frau retten – aber weder den Mann, der sie geliebt hat, noch denjenigen, der sie töten wollte. Joe verzweifelt schier darüber, den Opfern Namen, Gesichter zu geben, sie identifizieren und ihre Geschichten damit abschließen zu können. Aber wie uns die Prämisse von Whitechapel ein weiteres Mal lehrt, liegt die Antwort in Geschichte als Historie, die nichts anderes ist als die Ansammlung tödlicher menschlicher Begehren. Dennoch besteht die Chance der Lektüre: Joes Blick wandert zu einer Gemälde-Reproduktion an der Wand der Chocolaterie, welches John Keats’ Isabelle aus dem Gedicht Isabella or The Pot of Basil zeigt. Es sei ein schreckliches Bild, hatte ihm Nathan gesagt, der unsterblich in Ella verliebt war. Er nehme es immer wieder ab, doch nach jedem nächsten Blackout sei es wieder da… Nun wird Joe klar, wo sich die Köpfe der Toten befinden.

And she forgot the stars, the moon, and sun,

And she forgot the blue above the trees,

And she forgot the dells where waters run,

And she forgot the chilly autumn breeze;

She had no knowledge when the day was done,

And the new morn she saw not: but in peace

Hung over her sweet Basil evermore,

And moisten’d it with tears unto the core.

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