Whitechapel: Episode 5 (3×05)

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Ein neuer Fall lässt Whitechapel verstummen, und Joe stürzt sich in die Ermittlungen, ohne auch nur im mindesten an die eigene Sicherheit zu denken. Währenddessen sieht sich Buchan gezwungen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. 

Whitechapel schlägt mit dieser Episode das letzte Kapitel dieser dritten Staffel auf und startet damit auch den dritten Anlauf, für DI Joseph Chandler eine passende Partnerin zu finden. Aber das ist kein leichtes Unterfangen, wie man deutlich sieht – und der Gedanke daran scheint Joe noch weiter in die Isolation zu manövrieren als sonst. Nicht in Isolation von der Umwelt oder von seinen Kollegen: Chandler sucht den Kontakt regelrecht. Doch er sucht ihn als einen, der ihm das Eintauchen in Geschichten über das Unaussprechliche ermöglicht. Das Unaussprechliche haust unter den Betten kleiner Kinder: die Stimme aus dem Kissen, mit Rammsteins Worten aus einem bekannten Song gesprochen.

Das, was wir selbst unter dem Bett verstecken, was wir verbannen und dadurch maskieren – so dass es uns dann seinerseits als Übernatürliches wieder heimsucht, obwohl es immer schon bei uns zu Hause gewesen sein wird. Noch schneller als sonst wechseln die Bilder, die uns kurze Einblicke in das Dasein des Täters bieten. Sie scheinen nicht mehr nur ein Hintereinander von Oberflächen vor unseren Augen zu entfalten, sondern mehrere Oberflächen zu zeigen, die ineinander verflochten zu sein vorgeben. Dabei stellt das Wort “Schnitt” eine doppelte Figur dar, die zugleich trennt und verbindet. Der Schnitt “näht” auch Bilder zusammen. Wegen der Schnelligkeit überlappen sie sich, können nicht mehr aufeinander warten. Es entsteht der Eindruck einer Gleichzeitigkeit von Mehrerem, die das Auge nicht aufheben, nicht einrahmen kann. Wir Zuschauer sind bemüht, diese Überschwemmung mit Versatzstücken zu „lesen“, Bedeutung herauszuholen. So werden wir dadurch selbst zu Produzenten, werden mit eingeschrieben, mit eingekritzelt. Genauso sind Joe und sein Team Teil dessen, was sie untersuchen. Und das Vernähen von etwas, das getrennt ist und zugleich verbindet, wird am Ende der Episode noch einmal grausam vorgeführt.

Die Taten bekommen ihren “Sinn” von den Ermittlern – und hinterlassen sie dann einsam, allein mit den Bildern menschlicher Grausamkeit, die sie nicht verhindern konnten, denen sie stattdessen sogar einen nachträglichen Sinn verliehen haben. Whitechapel zeigt uns Ed Buchan kurz vor dem Zusammenbruch: Noch immer wirft er sich den Tod der zwei Mädchen beim letzten Fall vor. Wir sehen ihn in einer Sitzung mit einer Psychologin. Währenddessen wird im Büro gefeiert, ähnlich wie in der Eröffnungsepisode der Staffel. Hauptperson ist derselbe Detective – nur gibt es dieses Mal seine Scheidung zu feiern! Joes Sehnsucht nach einem Fall, der diese Party unterbricht, wird befriedigt, als ein Mord gemeldet wird. Alles weist darauf hin, dass ein Mann aus der geschlossenen Anstalt entkommen ist und seine blutigen Taten fortsetzt.

Obwohl: “blutig” trifft es nicht ganz. Dieser Täter will nicht Blut fließen lassen, will nicht die Schreie seiner Opfer hören, sondern er will Schweigen: absolutes, endgültiges Schweigen. Die Beschreibung “zum Schweigen bringen” ergibt sich bei ihm aus dem Töten der Metapher. London After Midnight, Tod Brownings Horror-Film aus dem Jahre 1927, scheint die Inspiration des Mörders zu sein: Er trägt eine Furcht erregende Maske und versetzt nach und nach Whitechapel in Panik. Zum Verstummen bringen will er alle, eine Wirklichkeit schaffen wie im Film – nicht unbedingt der Handlung entsprechend, sondern der Beschaffenheit der Produktion: Stummfilm!

Das nächste Opfer soll ausgerechnet Buchans Psychologin sein. (Warum aber? War sie denn so laut?) Doch sie kommt davon. Interessanterweise – und hier zieht die Serie die Parallele in einer kurzen Begegnung zwischen den beiden – sind es Buchan und Joe, die nicht davonkommen: jeder auf seine Weise. Sie scheinen abzugleiten und diese Bewegung nicht aufhalten zu können. Im Gegensatz zu Buchan will sich Joe das nicht eingestehen; er stellt seine Situation so dar, dass er das Alleinsein mit den Toten akzeptiert habe und damit zurechtkomme. Am Ende der Episode jedoch wird er in einem vom Mörder inszenierten Spiel fast selbst getötet… und sieht sich dann konfrontiert mit den vernähten Lippen des Opfers, die sich nicht mehr trennen konnten, um zu den Ermittlern zu sprechen und so Verbindung mit ihnen aufzunehmen.

Werden wir im Staffelfinale erfahren, ob der Täter tatsächlich der entflohene Kranke ist – und wohin der persönliche Weg für die Protagonisten führt? Es bleibt spannend!

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