Twin Peaks: Review der Pilotenepisode (1×01)

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Twin Peaks geschah vor 20 Jahren. Die Pilotepisode sorgte für Furore in der Fernsehwelt. Vielleicht scheinen die  Twin Peaks -Bilder vielen von euch alt und von einem niedrigen Production Value zeugend. Dasselbe gilt für die Sets und die Ausstattung, aber nichtsdestotrotz haben die zwanzig Jahre alten Bilder nicht nur eine inhaltliche, sondern auch visuelle Qualität, die es hier aufzuzeigen gilt. Über  Twin Peaks wurden schon viele Bücher geschrieben, und damit das Review hier nicht auch zu einem Buch wird, werde ich auf eine Wiedergabe der Handlung verzichten. Die Handlung gleicht dem Fluss aus dem Vorspann: Sie gibt vor, langsam und schwermütig ihre Details preiszugeben, aber auf der anderen Seite stellt sie uns fast unauffällig innerhalb kürzester Zeit eine komplette Kleinstadt vor, nur anhand eines traurigen Ereignisses, des Todes von Laura Palmer.

Das Beziehungsgeflecht, das die Autoren David Lynch und Mark Frost vor den Augen der Zuschauer flechten, ist von enormer Dichte. Im Ort Twin Peaks, wie schon der Name verrät, ist alles doppelt, zu zweit, gespiegelt und auch wieder nicht. Viele Figuren haben einen Partner – oder sogar zwei -, und oft ist der eine Partner der Figur gleich und der andere völlig unterschiedlich. Die Verdoppelung der Objekte, die für David Lynchs Arbeit so typisch ist, fängt schon hier mit der Hälfte des Medaillons an, das auf dem Video zu sehen ist. Es ist ein Geheimnis in jedem Detail versteckt, und jede Figur führt mehr oder weniger ein Doppelleben. Der Vorspann ist wie eine Traumsequenz, in der Lynch Natur und Industrie in einem flieflenden Beisammensein inszeniert. Dieser Eindruck wird auch auf der auditiven Ebene unterstützt, auf der Komponist Angelo Badalamenti im Laufe des Piloten die unterschiedlichen Themen präsentiert und sie bestimmten Figuren und Situationen zuordnet.

Hinzu kommen die Live-Performance der Sängerin Julee Cruise, die in  Twin Peaks auf der Bühne des Roadhouse ihre eigenen Songs darbietet.Die Töne tanzen zwischen Unschuld und Grauen, zwischen Geheimnis und Trauer. Dabei gleicht die erste Hälfte der Pilotepisode einem lang gezogenen Schrei nach Befreiung. Befreiung vor dem Stillstand, in den der Tod von Laura Palmer diese kleine Stadt und ihre Bewohner geworfen hat.  Twin Peaks ist eine Serie über das dunkle Geheimnis eines strahlenden Mädchens. Die beiden Seite jeder Figur und jedes Objekts, die in der Serie nach und nach entfaltet werden, sind visuell über die flimmernden Lichter angedeutet, wie zum Beispiel in der Leichenhalle oder in der Szene als die Log Lady mit dem Lichtschalter die Beleuchtung unterbricht.

Und eins der sich wiederholenden Bilder im Piloten ist das der Ampel, die im Dunkeln der Nacht ihre Farben wechselt. Die Farben korrespondieren direkt mit der Handlung: Das Rot scheint sich auf den Satz  Fire walk with me zu beziehen (im späteren Verlauf der Serie noch auf etwas anderes), gelbe Farbe spiegelt die Atmosphäre in Ben Hornes Hotel, wo sich viele Szenen abspielen, und das Grün steht für die Bäume. Die Bäume in Twin Peaks, die die Geheimnisse hüten und sich bedrohlich im Wind zur Seite neigen. Sie sind im Piloten in einzelnen Aufnahmen zu sehen, die hinzugefügten Ausschnitten gleichen.

Die Nacht, in der die Ampel die Farben wechselt, ist sehr dunkel, so dunkel wie manche der Seelen der Bewohner und so dunkel wie der Telefonhörer, der uns im Close-Up gezeigt wird, als Lauras Mutter ihn in ihrem Entsetzen und ihrer Trauer fallen lässt. Und die Trauer und das Entsetzen in der ersten Hälfte des Piloten wirken umso stärker, da Lynch das Überbringen der Nachricht von Lauras Tod mittels der Inszenierung und nicht mit Worten in Szene setzt. Erst der Schuldirektor spricht es aus, und seine Stimme füllt die leeren Schulkorridore. Erst nach dem Eintreffen von Agent Cooper fängt man damit an, die kleinsten Objekte, die Details, mit Sinn zu füllen: ein Donut hier, eine Tasse Kaffee da, ein Hirschkopf und etwas Unbeschreibliches in der allerletzten Szene, in der Sarah Palmers Vision gezeigt wird – und man vielleicht aufmerksamer den Spiegel im Hintergrund betrachten sollte…

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