Twin Peaks: The One-Armed Man (1×05)

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Coopers (Kyle MacLachlan) Problem liegt nicht nur darin, dass die Spuren aus seinem Traum im Wachzustand sich nicht als das erweisen, was sie zu sein schienen. Was er übersieht, ist genau diese Verschiebung bei der Übertragung zwischen den Ebenen des Traums und des Wachzustandes. Dazu muss man die eigene Tat einrechnen, die Interpretation, mit der eine Kettenreaktion auslöst werden kann. Nachdem in der letzten Episode Lauras Begräbnis eine Art Stillstand für einige Subplots erzeugte, galoppiert jetzt die Handlung wie entfesselt in alle möglichen Richtungen.

Es ist wie ein Dominostein, der umfällt und eine ganze Reihe weiterer mit sich reiflt. Den Verdoppelungen nicht genug, wird in der Episode  The One-Armed Man noch eine eingeführt. Normas (Peggy Lipton) Ehemann Hank (Chris Mulkey) wird aus dem Gefängnis entlassen. Wie die Zuschauer sehen können, scheint er eine Obsession mit einem Dominostein zu haben und eine Verbindung mit Josie (Joan Chen), die er am Ende der Folge anruft. Zuerst schickt er ihr einen Brief mit der Zeichnung desselben Steins: drei Augen diagonal nach links oder nach rechts – ja nachdem, wie man es betrachtet. Als Josie den Anruf bekommt, ist das Bild von ihr nicht gerade. Es ist gekippt, zuerst nach links und dann, als sie mit Hank telefoniert, nach rechts. So wird eine Diagonale erzeugt, genau wie die auf den Dominosteinen.

Nicht nur bringt diese Inszenierung die beiden in eine Verbindung, über die wir nichts wissen, sondern sie suggeriert Bedrohung. Die wechselnden Richtungen sind nicht zufällig. Wie schon so oft gesehen, legt der Vorspann die beiden Bewegungen nach links (die Kurve) und nach rechts (das langsam flieflende Wasser) fest. Man könnte diese wechselnden Richtungen als eine visuelle Beschreibung der Spannung, des Zweikampfs zwischen Gut und Böse und gleichzeitig als einen Hinweis auf die doppelte Identität der Twin-Peaks-Bewohner sehen.  The One-Armed Man wurde nicht von David Lynch, sondern von Tim Hunter (American-Film-Institute-Kommilitone von Lynch) gedreht, der zwar dem festgelegten Stil folgt, aber auch eine eigene Handschrift zeigt. Sehr auffällig sind die Positionierung von Figuren im Bild und ihre Betonung mit Hilfe von Schärfe und Unschärfe.

Hunter eröffnet die Szenen auch sehr häufig mit einem Close-Up von einem (toten) Objekt wie ausgestopften Tierköpfen, und erst dann setzt sich die Kamera in Bewegung und lässt uns das ganze Bild sehen. Zwei Szenen veranschaulichen die Gesprächsinszenierungen von Hunter am besten: Als Audrey (Sherilyn Fenn) mit Donna über ihre eigene Untersuchung redet, filmt die Kamera den Spiegel ab, in dem die beiden zu sehen sind: Audrey im Hintergrund unscharf und Donna im Vordergrund scharf. Während des Gesprächs behält man den Fokus auf Donna, auch wenn Audrey redet.

Die weißen Wände der Toilette sind von einer roten Linie geteilt, die wiederum von einem Zick-Zack-Muster unterbrochen wird, genau wie das des Fuflbodens aus Coopers Traum.In einer anderen Szene zwischen Ben und Audrey bleiben beide auf Fokus. Dabei wird eine grofle Entfernung (die im Gegensatz zum Inhalt der Szene steht) zwischen den beiden inszeniert. Denn Bens Gesicht ist im extremen Close-Up links im Bild und Audrey mit ganzem Körper rechts im Bild zu sehen. Obwohl die tatsächliche Entfernung nicht groß ist, erscheint sie hier enorm. Der Eindruck wird durch das mehrfache Einrahmen von Audrey verstärkt: Sie ist vom Türrahmen, aber auch von dem Rahmen des Bildes an der Wand umgeben.

Bei solchen Aufnahmen bewegt sich die Kamera auf der Horizontale, während Figuren bei Long Takes, wenn sie gehen und reden, leicht aus der Untersicht gezeigt werden, wie zum Beispiel als Harry, Andy und Cooper zum Schiessstand gehen. Sogar die Eröffnung der Episode – und das führt uns zum nächsten typischen visuellen Vorgehen – geschieht aus der Untersicht. Wir sehen Palmers Haus und links im Bild einen Baum, dessen Äste bedrohlich nach links über dem Haus zu hängen scheinen. Dann wird auf Lauras Portrait geschnitten, und die Kamera bewegt sich weiter nach rechts, um uns eine Skizze von Bob zu zeigen, die nach Sarahs Traumangaben vom Polizeizeichner angefertigt wird.

Sarah und Cooper haben ähnliche Träume, aber können die Figuren aus den Träumen der Realität nicht zuordnen. Als Sarah von dem Medaillon erzählt, wird uns ein extremes Close-Up von Donna gezeigt. Schnitt und … Invitation for Love! Die fiktionale Seifenoper innerhalb der fiktionalen  Twin Peaks -Welt ist in dieser Episode häufiger zu sehen oder wenigstens zu hören, in der Szene mit Ben und Catherine im Motel etwa. Nicht nur verweist sie auf den Seifenopercharakter der Serie, sondern sie veranschaulicht auch, woran Figuren denken oder um welche Probleme es geht. In dieser Szene (aus Invitation for Love) sehen wir und die  Twin Peaks -Zuschauer ein Close-Up von einer Kette, die um den Hals der Protagonistin hängt, die wiederum dieselbe Frisur wie Lucy hat, auf die als Nächstes geschnitten wird.

Lucy ist so durch die Handlung gebannt, dass sie Harry auf seine Anfrage, was im Office los ist, die komplette Handlung der Invitation-Episode erzählt. Man sieht, was für ein flieflender Übergang hier geschaffen wird und gleichzeitig welche Vermischung von unterschiedlichen Ebenen stattfindet. Auch das Humorvolle fehlt nicht, wie in der Szene, als Ben seinem  little Elvis ein Bad gönnen möchte oder während Coopers face to face mit einem Lama. Man kann das auch als eine ironische Anspielung auf seine Faszination mit Tibet und dem Dalai … Lama sehen.

Immerhin ist der Besuch bei dem Tierarzt Dr. Bob Lydecker ein Schritt in die richtige Richtung. Ist der Vogel Waldo der Schlüssel zum Erfolg in der Untersuchung? Auf ihn werden die Ermittler von dem Einarmigen gebracht, der sich als einfacher Schuhverkäufer erweist. Auf dem fehlenden Arm hatte er ein Tattoo mit dem Namen  Bob. Ist er tatsächlich unschuldig? Waldo jedenfalls gehört Jacques Renault, und wie Coopers Vorgesetzter Gordon Cole (David Lynch als Telefonstimme) ihm mitteilt, wurden an Lauras Körper Bissspuren von einem Vogel festgestellt. Auflerdem war in dem Magen der Toten ein Pokerchip aus dem One Eyed Jack. Das führt uns zu Benjamin Horne (Richard Beymer), der nicht nur an den Drogengeschäften beteiligt ist, sondern auch Leo (Eric DaRe) dafür bezahlt, um das Sägewerk und damit auch Josie zu beseitigen. Leo führt übrigens eine rote Corvette. Währenddessen finden Cooper und Co. das blutige Shirt von Leo in Renaults Wohnung, das wiederum von Bobby dort platziert wurde. Invitation to solve the murder of Laura Palmer?

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