Twin Peaks: Traces to Nowhere (1×02)

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It’s like I’m having the most beautiful dream and the most terrifying nightmare all at once , sagt Donna (Lara Flynn Boyle) zu ihrer Mutter, als sie von ihrer Liebe zu James (James Marshall) erzählt. Vielleicht gibt es keinen schöneren Satz, um  Twin Peaks zu beschreiben.  Traces to Nowhere ist eine meiner Lieblingsepisoden, weil sie uns so viel erzählt – und gleichzeitig so viel verschweigt. Sie verläuft absolut harmonisch auf allen Ebenen: auf der kriminalistischen, der mysteriösen und der humorvollen. Die Harmonie zwischen all den Ebenen, die nur ein einziges Mal gebrochen wird, entsteht nicht nur dank der Dialoge und der schauspielerischen Leistungen, sondern dank der visuellen Umsetzung. David Lynch flechtet unaufhörlich eine Art visueller Merkmalsmatrix, die die Handlung vorantreibt. Vor allem stößt man immer wieder auf bestimmte Kamerafahrten, die Figuren mit einander in Verbindung bringen. Die Eröffnungskamerafahrt durch Coopers (Kyle MacLachlan) Zimmer – wir hören seine Stimme zu Diane (Aufnahmegerät) sprechen, aber sehen ihn nicht – ist langsam, der Flufl ununterbrochen (ohne Schnitte), nur die Richtung auf der Vertikalen ändert sich.

Es ist eine wellenartige Bewegung, von unten nach oben und von rechts nach links. Genauso wie man in die Stadt Twin Peaks kommt – die Kurve nach dem Schild führt nach links. Die Kamera inspiziert Coopers gesamtes Zimmer, bis sie schlieflich bei ihrer letzten Bewegung, von oben nach unten, ihn selbst zeigt – verdreht! Er hängt von der Decke (Morgen¸bungen), und aus diesem Grund sehen wir zuerst seine Füße. Ähnliches macht die Kamera in Szenen mit Audrey Horne (Sherilyn Fenn) – sie schwenkt durch den Raum, in dem sie sich befindet, bis sie ihre Füße erreicht, um dann langsam mit dem vertikalen Schwenk zu ihrem Gesicht zu gelangen. Beim Frühstück trifft Audrey auf Agent Cooper – man sieht, dass ihre verf¸hrerische Art auch auf Cooper wirkt. Diese Begegnung ist die erste von einer ganzen Reihe in dieser Episode, bei welchen Cooper von Twin Peaks’ Bewohnern gesagt bekommt, wie viel Gutes Laura (Sheryl Lee) getan hat – sie war Tutorin, sie brachte alten Leuten das Essen etc.

Coopers Reise durch Lauras Vergangenheit, wie sie ihm erzählt wird, ist gleichzeitig eine Reise von einer Portion Kaffee und Kuchen zur nächsten:  You know, this is – excuse me – a DAMN fine cup of coffee. Mit Coopers Figur entfalten die Autoren nicht nur die kriminalistisch-mysteriöse Seite ihrer Geschichte, sondern bringen auch humorvolle Elemente hinein. Sein Umgang mit Menschen und Erzählungen und mit seinem Umfeld, der anders ist, als man es von einem FBI-Agenten erwartet hätte, lässt diese Mischung aus Humor und Trauer zwei Seiten derselben Münze sein. Als er am Telefon mit einem Kollegen über den Mord und das Begräbnis von Laura spricht, fügt er noch hinzu:  they’ve got a cherry pie that’ll kill ya!

Und wenn wir Cooper in das Sheriff’s Office folgen, sehen wir alle mit M¸ndern voller Donuts, so dass sie beim Sprechen mit ihm nuscheln m¸ssen. Diese Leichtigkeit unterbricht Badalamenti auf der auditiven Ebene im nächsten Moment mit dunklen, traurigen Tönen, als die Autopsieergebnisse berichtet werden. Dank Coopers Kaffeereise treffen wir wieder auf fast alle Bewohner, aber nicht bei allen ist der Kaffee gut. Als Harry (Michael Ontkean) und Cooper Josie besuchen, muss der den beiden servierte Kaffee wieder weg, denn Pete berichtet Folgendes:  There was a fish in the percolator. Ein Hinweis auf die Geschichte, die sich um das Sägewerk dreht?

Anscheinend haben Ben (Richard Beymer) und Catherine (Piper Laurie), nicht nur etwas miteinander, sondern sie planen auch etwas. Bens Anspielungen, bevor er Catherines rot lackierte Zehen küsst, zielen nicht nur aufs Feuerlegen, sondern sie erinnern uns an den Satz  Fire walk with me! Rot dominiert das Bild, denn auch Josies (Joan Chen) Lippen und ihr Kleid tragen dasselbe Rot wie bei Catherine. Als Donna sich mit Sarah Palmer (Grace Zabriskie) trifft, werden die Harmonie und die Kontinuität der Erzählung zum ersten Mal unterbrochen. Nachdem zwischen den beiden auf dem Sofa sitzenden Frauen hin und her geschnitten wurde (Schnitt-Gegenschnitt), wiederholen beide denselben Satz:  I miss her so much!

Dann wird Lauras Gesicht auf Donnas projiziert; während der Soundtrack in Fahrt kommt, murmelt Mrs.Palmer mit weit geöffneten Augen:  Laura? Oh, Laura. My baby, oh Laura, baby… Sie umarmt Donna fest, und ihre Augen weiten sich plötzlich noch mehr. Sie fängt an, nach Luft zu schnappen (wie ein Fisch). Schnitt – und die Kamera zeigt uns, was sie sieht: Einen langhaarigen Mann, den wir nicht kennen. Er ist nicht Teil des Twin Peaks-Universums, wie es uns bisher dargestellt wurde. Er befindet sich nicht einmal im Zimmer, wo die beiden Frauen sitzen – dort steht kein Bett. Wo ist er? Wer ist er? Sarahs Schrei bringt erneut den Zustand unvorstellbaren Schmerzes zum Ausdruck, aber auch Entsetzen. Der Mann sieht uns an. Am Ende der Episode dürfen wir zuschauen, wie die Hälfte des Medaillons wieder auftaucht. Zuhören aber dürfen wir nicht: Lauras Psychiater, der das halbe Medaillon bei sich hat, hört sich Bänder von Gesprächen mit Laura an – und genau an dem Punkt, an dem Laura anfängt, über  the mystery man zu erzählen, setzt er die Kopfhörer auf…

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