True Art: Der Vorspann von HBO’s True Blood

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Der Vorspann bzw. der kunstvoll gestaltete Vorspann galt lange Zeit als eine Domäne des Kinofilms. Im Fernsehen verband man das Wort „Vorspann“ immer mit den Titeln: Wer spielt mit, wer führt Regie etc. Mit dem tiefen Vordringen der heutigen fiktionalen TV-Serie in den Bereich der filmischen Arbeit bzw. der filmischen Kunst bemüht man sich nun, den Serienvorspann entsprechend kunstvoll zu gestalten. Aber dass ein Vorspann schön aussieht, ist nicht alles. Die primäre Funktion des Vorspanns besteht darin, in kürzester Zeit einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, den Zuschauer mitzureißen und ihm gleichzeitig Informationen über Serieninhalt und -beschaffenheit zu liefern, ihm so zu sagen ein Versprechen zu machen.

Für die HBO-Serie „True Blood“ hatten sich der Autor Alan Ball und die Firma Digital Kitchen (die auch für die Titelsequenz von „Six Feet Under“ verantwortlich ist) etwas Besonderes überlegt. Der Grundgedanke der Arbeit war es, neue Bilder zu kreieren, anstatt fertige Bilder aus der Serie zu benutzen. Ball wollte im Vorspann die Natur selbst als Raubtier erscheinen lassen, uns das Verdrängte und gleichzeitig Begehrte vor Augen führen, das Heilige neben dem Profanen zeigen.

Die Titelsequenz beginnt unter der Oberfläche eines Sumpfs. Die Kamera zeigt einen „unnatürlich“ aussehenden Fisch, dann fährt sie zur Oberfläche, auf der schon die ersten Titel tanzen: Anna Paquin. Es folgen Bilder aus der louisianischen Einöde. Die Farben sind schäbig, verwahrlost.

Danach überlappen sich Bilder von sich auf dem Boden wälzenden nackten Körpern und Szenen religiöser Exzesse, Tierkadavern, Straßenunruhen und Unfällen. Dabei stammen die zumeist schwarz-weißen Nachrichtenbilder und die Tieraufnahmen aus den Archiven, während der Rest (also 2/3 des Materials) von Creative Director Matt Mulder, Producer Morgan Henry und den Kameramännern Trevor Fife und Matt Clark zusammengestellt wurde. Zusammengestellt heißt hier, dass alle einfach durch Louisiana fuhren und alles filmten, was ihnen spannend erschien. Sie wollten ein unreflektiertes, direktes Bild von der Umgebung und von tagtäglichen Ereignissen dort entstehen lassen. Oder, wie es Creative Director Mulder in einem Interview beschreibt: Um ihre „freaky footage“ zu erreichen, haben sie sich selbst hin und wieder in Gefahr gebracht.

„We basically got ourselves into trouble – drinking with Cajuns, firing rifles, eating interesting stuff off a grill – and filmed as much as we could“.

Viele der Aufnahmen wurden mit einer Super-8-mm-Kamera gemacht, da die Crew viel Wert auf eine gewisse Authenzität legte, die man mit 35 mm oder mit digitaler Technologie schwer erreichen kann. Man kann die Bilder in der Postproduktion natürlich „dreckiger“ gestalten, aber das hätte nicht dem Ansatz der True Blood-Kameramänner entsprochen, zwar kunstvoll zu arbeiten, aber auf natürliche Art und Weise. Und das mitten in der digitalen Ära – und von einer Firma, die Digital Kitchen heißt.

Wie erreicht man ohne Special Effects, dass Bilder ineinander schrumpfen, zu zerfallen scheinen und sich wieder glätten? Die Digital Kitchen-Crew setzte eine Technik ein, die sich Polaroid Emulsion Lift nennt und darin besteht, dass man mit Hilfe von warmem Wasser die Emulsion von der Rückseite eines Polaroidfotos entfernt, so dass das Bild zu anderen Oberflächen transferiert werden kann. Der Übergang, den wir im Endprodukt zwischen Bildern sehen, geschieht, indem man das letzte Bild von einer Aufnahme nimmt und das erste von der nächsten, sie „aufkocht“ und ein Polaroidfoto von den beiden sich überlappenden Bildern schießt. Das Foto wird dann, wie schon beschrieben, bearbeitet und auf eine nasse, von unten beleuchtete Glasoberfläche gelegt. Dann wird es mit Hilfe von Pressluft zum „Tanzen“ gebracht. Auf diese Art und Weise wollte man das Stadium der Transformation bebildern, das in der Serie eine so große Rolle spielt. So ist auch die Aufnahme vom Titel „True Blood“ entstanden.

Der Titelsong beschreibt in gewissem Sinne die Arbeit der True Blood-Filmcrew: „I wanna do bad things with you.“

Ein Versprechen…

Die kochenden, einander überlappenden Bilder des Vorspanns vermitteln den Eindruck, als würden wir Zuschauer dem Prozess einer Verwandlung, einer Transformation von einem Ding in ein anderes beiwohnen – wie wenn eine Schlange aus ihrer alten Haut schlüpft und in ein anderes Stadium ihres Lebens eintritt. Bilder von lasziven, sich am Boden oder an einander reibenden Körpern werden aus dem Point of View eines Raubtiers gezeigt, wie wir es aus alten Horrorfilmen kennen, was gleichzeitig Blutdurst und Perversität verkörpert. Ein gieriger Point of View –  unser Point of View als Zuschauer!

In True Bloods Vorspann wird nicht nur die ganze Thematik der Serie in brodelnden Bildmetaphern zusammengefasst, sondern dieser Vorspann ist einfach Kunst – blutige Kunst!

 

 

Quelle: American Cinematographer, Interviews mit Alan Ball und Matt Mulder;

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3 responses »

  1. Der Vorspann ist wirklich gelungen. Allerdings wird er mit der Zeit aber auch etwas “nervig”, wenn zu Beginn jeder Episode der gleich lange Vorspann gezeigt wird. Hier sollte man sich meiner Meinung den anderen Serien anpassen und auch eine kürzere Version davon anbieten. Zumindest in einigen Episoden.

  2. Ich glaube, das ist zusammen mit Game of Thrones der einzige längere Vorspann, den ich nicht vorspule und stets lauthals dazu mitsinge und -jaule.

    “I wanna do bad things with you. Ahuuuuuuuuuuuuu!”

  3. Hast du zufällig den Original Interview Artikel? Ich schreibe gerade meine Diplomarbeit über diese Vorspann und kann jedes Bisschen hilfe gebrauchen 😉
    Toller Artikel übrigens!

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