Monthly Archives: May 2012

Twin Peaks: Review der Pilotenepisode (1×01)

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Twin Peaks geschah vor 20 Jahren. Die Pilotepisode sorgte für Furore in der Fernsehwelt. Vielleicht scheinen die  Twin Peaks -Bilder vielen von euch alt und von einem niedrigen Production Value zeugend. Dasselbe gilt für die Sets und die Ausstattung, aber nichtsdestotrotz haben die zwanzig Jahre alten Bilder nicht nur eine inhaltliche, sondern auch visuelle Qualität, die es hier aufzuzeigen gilt. Über  Twin Peaks wurden schon viele Bücher geschrieben, und damit das Review hier nicht auch zu einem Buch wird, werde ich auf eine Wiedergabe der Handlung verzichten. Die Handlung gleicht dem Fluss aus dem Vorspann: Sie gibt vor, langsam und schwermütig ihre Details preiszugeben, aber auf der anderen Seite stellt sie uns fast unauffällig innerhalb kürzester Zeit eine komplette Kleinstadt vor, nur anhand eines traurigen Ereignisses, des Todes von Laura Palmer.

Das Beziehungsgeflecht, das die Autoren David Lynch und Mark Frost vor den Augen der Zuschauer flechten, ist von enormer Dichte. Im Ort Twin Peaks, wie schon der Name verrät, ist alles doppelt, zu zweit, gespiegelt und auch wieder nicht. Viele Figuren haben einen Partner – oder sogar zwei -, und oft ist der eine Partner der Figur gleich und der andere völlig unterschiedlich. Die Verdoppelung der Objekte, die für David Lynchs Arbeit so typisch ist, fängt schon hier mit der Hälfte des Medaillons an, das auf dem Video zu sehen ist. Es ist ein Geheimnis in jedem Detail versteckt, und jede Figur führt mehr oder weniger ein Doppelleben. Der Vorspann ist wie eine Traumsequenz, in der Lynch Natur und Industrie in einem flieflenden Beisammensein inszeniert. Dieser Eindruck wird auch auf der auditiven Ebene unterstützt, auf der Komponist Angelo Badalamenti im Laufe des Piloten die unterschiedlichen Themen präsentiert und sie bestimmten Figuren und Situationen zuordnet.

Hinzu kommen die Live-Performance der Sängerin Julee Cruise, die in  Twin Peaks auf der Bühne des Roadhouse ihre eigenen Songs darbietet.Die Töne tanzen zwischen Unschuld und Grauen, zwischen Geheimnis und Trauer. Dabei gleicht die erste Hälfte der Pilotepisode einem lang gezogenen Schrei nach Befreiung. Befreiung vor dem Stillstand, in den der Tod von Laura Palmer diese kleine Stadt und ihre Bewohner geworfen hat.  Twin Peaks ist eine Serie über das dunkle Geheimnis eines strahlenden Mädchens. Die beiden Seite jeder Figur und jedes Objekts, die in der Serie nach und nach entfaltet werden, sind visuell über die flimmernden Lichter angedeutet, wie zum Beispiel in der Leichenhalle oder in der Szene als die Log Lady mit dem Lichtschalter die Beleuchtung unterbricht.

Und eins der sich wiederholenden Bilder im Piloten ist das der Ampel, die im Dunkeln der Nacht ihre Farben wechselt. Die Farben korrespondieren direkt mit der Handlung: Das Rot scheint sich auf den Satz  Fire walk with me zu beziehen (im späteren Verlauf der Serie noch auf etwas anderes), gelbe Farbe spiegelt die Atmosphäre in Ben Hornes Hotel, wo sich viele Szenen abspielen, und das Grün steht für die Bäume. Die Bäume in Twin Peaks, die die Geheimnisse hüten und sich bedrohlich im Wind zur Seite neigen. Sie sind im Piloten in einzelnen Aufnahmen zu sehen, die hinzugefügten Ausschnitten gleichen.

Die Nacht, in der die Ampel die Farben wechselt, ist sehr dunkel, so dunkel wie manche der Seelen der Bewohner und so dunkel wie der Telefonhörer, der uns im Close-Up gezeigt wird, als Lauras Mutter ihn in ihrem Entsetzen und ihrer Trauer fallen lässt. Und die Trauer und das Entsetzen in der ersten Hälfte des Piloten wirken umso stärker, da Lynch das Überbringen der Nachricht von Lauras Tod mittels der Inszenierung und nicht mit Worten in Szene setzt. Erst der Schuldirektor spricht es aus, und seine Stimme füllt die leeren Schulkorridore. Erst nach dem Eintreffen von Agent Cooper fängt man damit an, die kleinsten Objekte, die Details, mit Sinn zu füllen: ein Donut hier, eine Tasse Kaffee da, ein Hirschkopf und etwas Unbeschreibliches in der allerletzten Szene, in der Sarah Palmers Vision gezeigt wird – und man vielleicht aufmerksamer den Spiegel im Hintergrund betrachten sollte…

Whitechapel: Episode 6 (3×06)

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Während Joe weiterhin an der ersten Theorie festhält, hegt Kent einen grausamen Verdacht. Miles wiederum sieht den Zeitpunkt gekommen, um mit Joe Klartext zu reden, während der maskierte Mann erneut zuschlägt. 

In vielen Produktionen, wo ein Serienmörder im Zentrum zu stehen scheint, wird immer wieder nach Spuren und Zeichen gesucht, um den “Autor”, der sie hinterlassen hat, ausfindig zu machen, ihn zu überführen. Den Begriff “Spur” könnte man auf zweierlei Weisen beschreiben. Die erste entspricht der herkömmlichen kriminologischen Herangehensweise: dem “Lesen” von Spuren unter der Voraussetzung, dass sie zu einem Täter, zur Wahrheit führen. Die zweite Art, Spuren zu lesen, zieht ein Sich-Verlieren in Verweisketten nach sich, womit in Whitechapel bisher Ed Buchan am heftigsten zu kämpfen hat: Man stellt fest, dass jede Spur zu einer anderen führt. Während Buchan daran fast verzweifelt, scheint sich Joe unbewusst danach zu sehnen: Statt dass die Spur aus Anderem ableitbar wäre, führt umgekehrt alles auf sie zurück.

Damit ist eine gewisse Traurigkeit verbunden, die Trauer über den menschlichen Makel, die man auch in der Vorspann-Melodie von Whitechapel mitklingen hört. In Kombination beider Spurenlese-Techniken müssen nun Joe und sein Team die Spur hinter der Spur finden, die schließlich zu demjenigen führt, der die Spuren hinterlässt. Je nach den am Tatort hinterlassenen Spuren unterscheiden die Kriminalisten im Prinzip zwischen Modus operandi (dem, was der Täter tut, während er die Tat begeht) und Handschrift. Ersterer ist dynamisch, was heißt, dass er sich ändern kann. Es ist nicht zu erwarten, dass ein Verbrecher in seiner “Karriere” die Taten immer auf dieselbe Art und Weise begeht: er verbessert sich.

Was aber die Handschrift genannt wird, betrifft im Gegensatz zum Modus operandi das, was der Täter tun muss, um sich zu verwirklichen: sein Begehren. Es ist statisch, es ändert sich nicht, weil es etwas Anderes ausdrückt: das, was wirklich hinter den Taten steht. Als in dieser finalen Episode der dritten Staffel der maskierte Mann erneut versucht, die Psychologin Morgan Lamb zu ermorden – und erneut scheitert -, ist eines klar: Es muss eine persönliche Verbindung zwischen ihnen bestehen. Kent führt diese Annahme ins Extreme, indem er Morgan als mögliche Komplizin des Maskenmanns behandelt – ohne zu bemerken, dass er damit auf sein eigenes Begehren hinweist. Die Nebenhandlung um das Spukhaus und den geflohenen Massenmörder Mantus schrammt zwar hart am Slapstick entlang, aber Whitechapel hat diese Seite immer an sich gehabt; sie reizt uns Zuschauer nicht allzu sehr, sondern ergänzt irgendwie das Ganze.

Und dieses Ganze schwankt zwischen Licht und Schatten, zwischen Erleuchtung und Dunkelheit. Es geht nicht so sehr um die Beziehung zwischen Miles und Joe, die trotz kleiner Krisen intakt bleibt, sondern um diejenige zwischen Joe und sich selbst. Er glaubt, auf der richtigen Spur zu sein, während und indem er Morgan immer näher kommt. Sie bringt ihm sogar einen Trick bei, der ihm hilft, seine Kontroll-Neurose im Zaum zu halten… oder besser: im Gummiband. Zwischen Lydia Leonard und Rupert Penry-Jones herrscht diese gewisse Chemie, die den Zuschauer schließlich zwiegespalten sitzen lässt: Einerseits ist ihr tragischer Tod konsequent und stellt den Fall noch einmal in ein anderes Licht, denn ironischerweise hatte Kent doch Recht mit seiner Vermutung, es seien zwei Täter.

Andererseits – und damit sind wir wieder beim Licht – boten Joe und Morgan mit ihrem Kuss im erleuchteten Raum eine Art Aufatmen, eine aufschwebende Hoffnung innerhalb der dunklen Whitechapel-Bilder und Geschichten. Wir hätten Joe (und uns) gewünscht, diese Atmosphäre längere Zeit genießen zu dürfen, aber die Spuren sind  unaufhaltsam: Hat man einmal angefangen mit ihrer Lektüre, gibt es kein Entkommen. Sie führen für Joe, der nach Morgans Tod in sich zusammenbricht, Richtung Fluchtpunkt des Bildes: in die Dunkelheit, die ihn in sich einlässt und mit der diese dritte Staffel endet.

Ob er wieder herauskommen wird – für eine vierte Staffel Whitechapel?

Whitechapel: Episode 5 (3×05)

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Ein neuer Fall lässt Whitechapel verstummen, und Joe stürzt sich in die Ermittlungen, ohne auch nur im mindesten an die eigene Sicherheit zu denken. Währenddessen sieht sich Buchan gezwungen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. 

Whitechapel schlägt mit dieser Episode das letzte Kapitel dieser dritten Staffel auf und startet damit auch den dritten Anlauf, für DI Joseph Chandler eine passende Partnerin zu finden. Aber das ist kein leichtes Unterfangen, wie man deutlich sieht – und der Gedanke daran scheint Joe noch weiter in die Isolation zu manövrieren als sonst. Nicht in Isolation von der Umwelt oder von seinen Kollegen: Chandler sucht den Kontakt regelrecht. Doch er sucht ihn als einen, der ihm das Eintauchen in Geschichten über das Unaussprechliche ermöglicht. Das Unaussprechliche haust unter den Betten kleiner Kinder: die Stimme aus dem Kissen, mit Rammsteins Worten aus einem bekannten Song gesprochen.

Das, was wir selbst unter dem Bett verstecken, was wir verbannen und dadurch maskieren – so dass es uns dann seinerseits als Übernatürliches wieder heimsucht, obwohl es immer schon bei uns zu Hause gewesen sein wird. Noch schneller als sonst wechseln die Bilder, die uns kurze Einblicke in das Dasein des Täters bieten. Sie scheinen nicht mehr nur ein Hintereinander von Oberflächen vor unseren Augen zu entfalten, sondern mehrere Oberflächen zu zeigen, die ineinander verflochten zu sein vorgeben. Dabei stellt das Wort “Schnitt” eine doppelte Figur dar, die zugleich trennt und verbindet. Der Schnitt “näht” auch Bilder zusammen. Wegen der Schnelligkeit überlappen sie sich, können nicht mehr aufeinander warten. Es entsteht der Eindruck einer Gleichzeitigkeit von Mehrerem, die das Auge nicht aufheben, nicht einrahmen kann. Wir Zuschauer sind bemüht, diese Überschwemmung mit Versatzstücken zu „lesen“, Bedeutung herauszuholen. So werden wir dadurch selbst zu Produzenten, werden mit eingeschrieben, mit eingekritzelt. Genauso sind Joe und sein Team Teil dessen, was sie untersuchen. Und das Vernähen von etwas, das getrennt ist und zugleich verbindet, wird am Ende der Episode noch einmal grausam vorgeführt.

Die Taten bekommen ihren “Sinn” von den Ermittlern – und hinterlassen sie dann einsam, allein mit den Bildern menschlicher Grausamkeit, die sie nicht verhindern konnten, denen sie stattdessen sogar einen nachträglichen Sinn verliehen haben. Whitechapel zeigt uns Ed Buchan kurz vor dem Zusammenbruch: Noch immer wirft er sich den Tod der zwei Mädchen beim letzten Fall vor. Wir sehen ihn in einer Sitzung mit einer Psychologin. Währenddessen wird im Büro gefeiert, ähnlich wie in der Eröffnungsepisode der Staffel. Hauptperson ist derselbe Detective – nur gibt es dieses Mal seine Scheidung zu feiern! Joes Sehnsucht nach einem Fall, der diese Party unterbricht, wird befriedigt, als ein Mord gemeldet wird. Alles weist darauf hin, dass ein Mann aus der geschlossenen Anstalt entkommen ist und seine blutigen Taten fortsetzt.

Obwohl: “blutig” trifft es nicht ganz. Dieser Täter will nicht Blut fließen lassen, will nicht die Schreie seiner Opfer hören, sondern er will Schweigen: absolutes, endgültiges Schweigen. Die Beschreibung “zum Schweigen bringen” ergibt sich bei ihm aus dem Töten der Metapher. London After Midnight, Tod Brownings Horror-Film aus dem Jahre 1927, scheint die Inspiration des Mörders zu sein: Er trägt eine Furcht erregende Maske und versetzt nach und nach Whitechapel in Panik. Zum Verstummen bringen will er alle, eine Wirklichkeit schaffen wie im Film – nicht unbedingt der Handlung entsprechend, sondern der Beschaffenheit der Produktion: Stummfilm!

Das nächste Opfer soll ausgerechnet Buchans Psychologin sein. (Warum aber? War sie denn so laut?) Doch sie kommt davon. Interessanterweise – und hier zieht die Serie die Parallele in einer kurzen Begegnung zwischen den beiden – sind es Buchan und Joe, die nicht davonkommen: jeder auf seine Weise. Sie scheinen abzugleiten und diese Bewegung nicht aufhalten zu können. Im Gegensatz zu Buchan will sich Joe das nicht eingestehen; er stellt seine Situation so dar, dass er das Alleinsein mit den Toten akzeptiert habe und damit zurechtkomme. Am Ende der Episode jedoch wird er in einem vom Mörder inszenierten Spiel fast selbst getötet… und sieht sich dann konfrontiert mit den vernähten Lippen des Opfers, die sich nicht mehr trennen konnten, um zu den Ermittlern zu sprechen und so Verbindung mit ihnen aufzunehmen.

Werden wir im Staffelfinale erfahren, ob der Täter tatsächlich der entflohene Kranke ist – und wohin der persönliche Weg für die Protagonisten führt? Es bleibt spannend!

Whitechapel: Episode 4 (3×04)

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Weitere Opfer kommen angeschwommen und die Ermittler bekommen die erste heiße Spur. Aber handelt es sich um einen oder mehrere Mörder? Chandler wird gezwungen eine persönliche Entscheidung zu treffen. 

Man’s natural character is to imitate; that of the sensitive man is to resemble as closely as possible the person whom he loves, hat der Marquis de Sade einmal gesagt. Und Edward Buchan (Steve Pemberton) teilt seinem Chef DI Chandler (Rupert Penry-Jones) mit: 1772. Two prostitutes were given aniseed balls laced with Spanish fly…by THE MARQUIS DE SADE!

In den vier bis jetzt gefundenen Torsen kann Dr. Llewellyn Spuren des seltenen Gifts Cantharidin nachweisen, dem unter dem Namen “Spanische Fliege” seit Jahrhunderten aphrodisierende Wirkung nachgesagt wird. Für die Giftzubereitung ist eine Substanz von Nöten, die aus einer bestimmten Käferart extrahiert werden kann. Whitechapels Bilder in den Szenen-Übergängen wirken tatsächlich wie Insekten, die das Auge des Betrachters in Unruhe versetzen: Bruchstücke, Ausschnitte, Collagen, deren verschwommene Existenz das Gefühl eines Krabbelns, eines heimtückischen Angriffs vermittelt, den man am wenigsten erwartet.

Etwas später sagt Buchan, bei Persönlichkeitsspaltungen bewahre das Gehirn Geheimnisse vor sich selbst. In diesen und in de Sades Worten verbirgt sich die Lösung des Falls. Nur, wie Miles Buchan vorwirft, sehen alle den Wald vor lauter Bäumen nicht. Vielleicht, weil sie unbedingt etwas sehen wollen – so wie Chandler oder Buchan in seinen Archiven. Sowohl Miles als auch Ed und Joe sind in dieser Episode verloren: der eine in Schlaflosigkeit, der andere im Archiv, wo die Last der Vergangenheit ihn langsam erdrückt; und Joe verliert sich im Sinnieren über eine Möglichkeit. Gibt ihm das Leben in Mina tatsächlich eine Chance? Nun, der Verlauf der Untersuchung bringt die Stimmung zum Kochen: Als das Team undercover den Nachtclub besucht, wird Mina von dem Vampir-Fetischisten entführt. Und Joe erfährt, dass ihm Mina nicht gleicht – ähnlichem Handeln und ähnlichen Ansichten zum Trotz. Mina ist in sich verschlossen; ihre Beziehungen zu Kollegen sind rein beruflich, vollkommen unpersönlich.

Für sie sind die Toten Arbeit: nicht weniger, aber auch nicht mehr. Für Joe bedeutet seine Arbeit die Beschäftigung mit Menschlichkeit: mit ihrem Fallen und ihrem Fehlen. Joes Beziehung zu seinen Kollegen, vor allem zu Miles, ist, wie Mina in der vorherigen Episode richtig erkannt hat, familiär: von Mensch zu Mensch, basierend auf Vertrauen. Joe vertraut Miles, als Mina ihn vor der Wahl stellt. Wir befinden uns zusammen mit der Kamera hinter Joes Rücken und sehen über seine Schultern hinweg links und rechts Miles und Mina stehen, die auf ihn einreden. Obwohl Joe glaubte, beide behalten zu können, lassen sich links und rechts nicht zusammenbringen. Ganz anders steht es um zwei Briefe, die die Ermittler als Beweisstücke bekommen: Sie sollen von einem Pärchen stammen, das die besagten Käfer bestellt hat. Joe aber entdeckt, dass beide Schriftstücke – obwohl extrem unterschiedlich aussehend – von derselben Person stammen. Oder auch nicht?

Ein Körper kann zwei Personen beherbergen, die nicht einmal von einander wissen. Die Ermittler landen am Ende dort, wo sie schon einmal waren, und können eine weitere Frau retten – aber weder den Mann, der sie geliebt hat, noch denjenigen, der sie töten wollte. Joe verzweifelt schier darüber, den Opfern Namen, Gesichter zu geben, sie identifizieren und ihre Geschichten damit abschließen zu können. Aber wie uns die Prämisse von Whitechapel ein weiteres Mal lehrt, liegt die Antwort in Geschichte als Historie, die nichts anderes ist als die Ansammlung tödlicher menschlicher Begehren. Dennoch besteht die Chance der Lektüre: Joes Blick wandert zu einer Gemälde-Reproduktion an der Wand der Chocolaterie, welches John Keats’ Isabelle aus dem Gedicht Isabella or The Pot of Basil zeigt. Es sei ein schreckliches Bild, hatte ihm Nathan gesagt, der unsterblich in Ella verliebt war. Er nehme es immer wieder ab, doch nach jedem nächsten Blackout sei es wieder da… Nun wird Joe klar, wo sich die Köpfe der Toten befinden.

And she forgot the stars, the moon, and sun,

And she forgot the blue above the trees,

And she forgot the dells where waters run,

And she forgot the chilly autumn breeze;

She had no knowledge when the day was done,

And the new morn she saw not: but in peace

Hung over her sweet Basil evermore,

And moisten’d it with tears unto the core.

Whitechapel: Episode 3 (3×03)

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Während sich Miles als frisch gebackener Vater feiern lässt, finden sich in Londons Straßen Überreste einer grausamen Tat. Im Laufe der Ermittlungen trifft Chandler auf eine Kollegin, die ihn an jemanden erinnert. 

Mit dem zweiten Fall der neuen Staffel begibt sich Whitechapel erneut in die dunklen Abgründe menschlichen Seins. Körperteile werden gefunden, die auf eine Vergiftung der Opfer hinweisen, bevor die Körper zerstückelt wurden. Und Vergiftung ist in diesem Fall nicht als „schonende“ Vorgehensweise zu betrachten: Das benutzte Gift ließ die Betroffenen (ausschließlich Frauen) unter buchstäblichen Höllenqualen sterben. Sie müssen sich gefühlt haben, als würden sie von innen verbrennen, sagt die Gerichtsmedizinerin zu Chandler (Rupert Penry Jones) und Miles (Phil Daves).

Die einzige Spur führt zu einem… Fuchs: Der nämlich hatte seinerseits einen Arm aufgespürt… Aus der Fuchsperspektive bekommen wir anfangs Whitechapels Straßen zu sehen, während Joe und der Rest des Teams Miles’ Tochter feiern: Einige Monate sind seit dem letzten Fall verstrichen. Aber Whitechapel lehrt uns, dass Zeit hinsichtlich menschlicher Grausamkeit irrelevant ist. Was schon einmal geschehen ist, geschieht wieder und wird wieder geschehen. Buchan kann denn auch zwei Verbindungen zu früheren Fällen herstellen. Seinen Arbeitsplatz besuchen wir in dieser Episode häufiger – und kann man schon dort kaum mehr den Fuß hineinsetzen, ohne in Kartons festzustecken, so führt der Fuchs die Ermittler zu einem alten Haus, das die ungebetenen Besucher unter Kisten und alten Gegenständen förmlich begräbt.

Die Besitzerin, die wie ein mittelalterliches Gespenst erscheint, leugnet die Morde. Sie ist nur daran interessiert, zu sammeln, Sachen zu behalten, zu bewahren – die Leiche ihres an Krebs verstorbenen Ehemannes inklusive. Die Episode präsentiert einen interessanten Kontrast zwischen dem unheimlichen, vollgestopften und mit Fallstricken versehenen Haus, wo die Ermittler einen Großteil der Episode verbringen, und Buchans (Steve Pemberton) Kellerräumen, dem Polizeiarchiv, wo sich die Kisten und Papierstapel nur so häufen. Dieser Kontrast nämlich erweist sich auf den zweiten Blick als Parallele: Auf der einen Seite steht die scheinbar wahllos gehortete Sammlung als – für uns und die Ermittler – Spur ins Nichts, die nur zu anderen Spuren führt; kein Leser außer der Sammlerin selbst kann sie entziffern.

Das Archiv vermag zwar zu einem Muster zu führen, zu einer Anordnung menschlicher Begehren und den daraus resultierenden Taten – doch auch hierfür bedarf es der geübten Augen eines geeigneten Spuren-Lesers, der das Material gesichtet und angeordnet hat und die benötigten Akten allererst (wieder)findet. Whitechapels Suche kann man als klassisches Whodunnit bezeichnen: Es wird nach dem „Wer“ gesucht. Aber was Whitechapel besonders macht, ist die Tatsache, dass das „Whodunnit“ stets mit einem „Whoareyou“ verknüpft wird: Gesucht werden auch die Suchenden selbst, auf einer persönlichen Ebene. Diese zweite Doppelepisode führt eine weitere Frau als potentielles „love interest“ für Joe ein. Im Vergleich zu Lizzie, der aufdringlichen, etwas schlampigen Laborantin, deren Wohnung Chandler einen Schock versetzte, ist DI Mina Norroy (Camilla Power) eine gleichrangige Kollegin: Nicht nur steht sie in der Polizeihierarchie auf derselben Ebene wie Chandler, sondern sie ist ihm auch im Persönlichen ähnlich.

Die extremen Close-Ups von ihren Händen, die minutiös Dinge handhaben und anordnen, und das Sprachspiel („Maybe we have a match“), verbunden mit Miles’ breitem Grinsen, lassen eine Möglichkeit ahnen… Es kommt im Laufe der Episode sogar dazu, dass beide zusammen etwas trinken gehen, während Miles Probleme mit dem Wachbleiben hat. Sein ständiges Einschlafen während der Arbeit treibt Joe in den Wahnsinn. Nur: angesichts des nächsten Fundes bleibt ihm wenig Zeit, darüber nachzudenken. Wie schon bei der Verfolgung des Fuchses auf Londons nächtlichen Straßen steht Joe Chandler an der Spitze einer Jagdgesellschaft – und wieder scheint ihm eine Lady zur Seite zu stehen, obwohl die Jagd doch eigentlich traditioneller Lieblingssport der Gentlemen ist…

Whitechapel: Episode 2 (3×02)

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Haben es Chandler und sein Team tatsächlich mit übernatürlichen Ereignissen zu tun, oder führt sie ihre Einbildungskraft auf die falsche Spur? Plötzlich fühlt sich niemand in Whitechapel mehr sicher. 

Obwohl ich über die Jahre hinweg wirklich viele Krimiserien verfolgt habe, hat es die erste Doppelepisode dieser dritten Whitechapel-Staffel geschafft, mich in Spannung zu versetzen – und außerdem auf interessante Weise die übernatürlich erscheinende Geschichte auf einen menschlichen Makel zurückzuführen. Damit erfüllt die ITV-Serie die selbst gestellte Aufgabe, über die ich letzte Woche sprach, nämlich den Zwang der Geschichte zur Wiederholung zu kartographieren: eine Geschichte, die von menschlichen Verhaltensmustern, Zuständen, Begehren berichtet, die immer schon da gewesen sein werden.

Als sich in Whitechapel weitere exakt gleich ablaufende Morde ereignen, heißt es für Chandlers Team, nach Abweichungen, Verschiebungen zu suchen, um die Antwort zu finden. Eine solche Abweichung führt Chandler zum Ziel, nämlich sein eigener Zustand: Jedes Mal, wenn Joe versucht, seine sozialen Kontakte zu vertiefen, sieht er sich durch irgendein Detail an den Fall erinnert und gezwungen, die Szene – sei es der Pub oder Lizzies Wohnung – fluchtartig zu verlassen, um die Jagd nach dem Mörder fortzusetzen. Dabei hält Whitechapel geschickt die Balance zwischen der Präsentation der eigenen (Chandlers) Teufel und derjenigen, die in dem Verbrecher hausen, ohne ins Absurde abzudriften oder unnötig viel Slapstick zu erzeugen.

Das Böse ist nichts Neues und kommt nicht von außen, sondern es befindet sich hinter den eigenen Wänden, im buchstäblichen und im metaphorischen Sinne. Die leeren Räume hinter den Wänden der Häuser, wo der Mörder verharrt, sind wie ihr – und wie das menschliche – Unbewusste, das Grausames verbergen kann. Aber dieses Grausame hat immer eine Entstehungsgeschichte, die vor seiner Einnistung liegt, und diese Geschichte können Chandler & Co. schließlich nacherzählen, rekonstruieren. Marcus Salter ist trotz seiner teuflischen Erscheinung nicht der gesuchte Täter; seine Flucht beweist lediglich, dass das Übernatürliche nicht einmal zu existieren braucht, um das alltägliche Leben zu beeinflussen: Es genügt, dass die Menschen an es glauben. Die Serie selbst versäumt bei alledem nicht, Miles’ (Phil Davis) und Joes (Rupert Penry Jones) Privatleben weiterzuerzählen – trotz der spannenden Jagd nach dem Mörder.

Für Miles gibt es diesmal gute Nachrichten: Anstatt um das Leben seiner Frau zittern zu müssen, dürfen sich beide gemeinsam auf… ein weiteres Kind freuen! Bei Chandler sieht es privat weniger rosig aus, obwohl er sich dank Miles’ Hartnäckigkeit überwindet und ein Date mit Lizzie verabredet, der Laborantin, die ihm schöne Augen machte. Dabei muss man erwähnen, dass sich bereits am Tatort eine ziemlich nahe Begegnung der beiden ereignet, die Chandler in klaustrophobische Panik versetzt. Das geschieht interessanterweise nicht, als er dem Mörder in den engen Hohlräumen folgt… Chandler begegnet dem Anderen unterschiedlich: je nachdem, ob es um soziale Kontakte mit „normalen“ Menschen geht oder um das Andere als das Böse, die Grenzüberschreitung. Das Müllsammeln im Büro und das Ausschalten der Lampen werden ihm dabei keine Balance bringen… Wir dürfen gespannt sein: darauf, wie es mit ihm und Miles weiter geht, und auf den nächsten Fall in Whitechapel.

Whitechapel: Episode 1 (3×01)

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Dunkler und nachdenklicher als in der zweiten Staffel kehrt Whitechapel zurück: mit tieferen Einblicken in die Psyche seiner Protagonisten und einem grausamen Fall, den Chandler und seine Detectives lösen müssen.

Bedeutungsschwangere Klaviertöne berichten unserem Gehör von einer Unausweichlichkeit, von grausamer menschlicher Geschichte, die sich unaufhaltsam zu wiederholen scheint. Whitechapel führt mit dieser dritten Staffel seinen Gedanken weiter, dass Zeit letztlich irrelevant ist, wenn es um den menschlichen Makel geht. In der fiktionalen Whitechapel-Welt geschehen Verbrechen, die schon einmal geschahen. Bildet das Wissen über schon Geschehenes die Grundlage für dessen Wiederholung? Ist nun aber der vierfache Mord, den Chandler und Miles (Phil Davis) untersuchen müssen, eine Kopie der grausamen Ratcliffe Highway Murders aus dem Jahre 1811 – oder doch ein Original? Wo liegt der Unterschied?

Vielleicht darin, wer dahinter steht – welches Menschenbild in welchem Kontext? Am Anfang der Episode, während Detective Mansells (Ben Bishop) Hochzeit  gefeiert wird, schlägt Chandler Miles vor, Buchan als eine Art Krimi-Archivar fest einzustellen: als Verbindung zur Geschichte. Dabei spricht Chandler darüber, Geschichte wie eine Karte zu verwenden, die man auf die Gegenwart legt, wodurch man die Routen erkennbar macht, die menschliche Grausamkeit nimmt und nehmen kann. Es geht um eine Kartographie des Zwangs der Geschichte zur Wiederholung, da sie von menschlichen Verhaltensmustern, Zuständen, Begehren berichtet, die immer schon da gewesen sein werden. Diese Entscheidung Chandlers (Rupert Penry-Jones), Buchan (Steve Pemberton) offiziell einzusetzen, demonstriert – zusammen mit dem neuen Vorspann und den Übergangsbildern zwischen unterschiedlichen Szenen in der Episode – sehr gut Whitechapels Arbeit mit Vergangenheit und Gegenwart.

Die Oberfläche zittert, kann ihre Ganzheit und ihre Zeit nicht behalten, zerfließt in andere Bilder, in Neu und Alt. Dieses Zer- oder Zusammenfließen kann aber durchaus Verschwinden bedeuten, so wie in dem Bild aus Minute 9:20 dieser Episode: Zwei identische Bildhälften, auf welchen ein fahrendes Polizeiauto zu sehen ist, scheinen durch die schnelle Vorwärtsbewegung zusammenzufallen, und das Auto verschwindet. An seinem eigenen Fluchtpunkt ergreift das Bild die Flucht. Was Whitechapels Fälle interessant macht, ist die Suche nach der Verschiebung innerhalb des Gleichen. Die Morde sind nicht einfach Kopien, sondern erlangen in einem neuen, verschobenen Kontext eine neue Bedeutung. Dazu aber braucht es jemanden, der sie „lesen“ kann! Aus diesem Grund gilt es für Chandler & Co, die in einem neuen Büro untergebracht wurden, die in Grau und Grün getauchten Bilder zu ordnen, zwischen Neu und Alt zu unterscheiden.

Die Szene, als Buchan vor dem ganzen Team Gleichheit zwischen Früher und Heute zu erzwingen versucht, ist in dieser Hinsicht sehr wichtig. Chandler macht ihm klar, dass die Morde an dem Schneider und seinen drei Mitarbeitern nicht unbedingt eine Copycat-Tat seien und man sie in neuem Licht betrachten müsse. Aber ob ihm das „neue“ Licht gefallen wird? Benutzt die Gegenwart die Vergangenheit nur als Maskerade? Im Zuge der Verhaftung von Marcus Salter, dem Bruder des Getöteten, scheint Chandler zunächst Recht zu behalten; der aber flieht später auf unerklärliche Weise aus seiner Zelle und hinterlässt mit seinem Erscheinungsbild tiefe Beunruhigung. Whitechapel scheint mit diesem ersten von drei Fällen, die in Zwei-Episoden-Einheiten abgehandelt werden, das Territorium des Aberglauben und Übernatürlichen betreten zu wollen, um eine interessante psychologische Studie abzuliefern. Dabei geht es nicht nur um den Täter, sondern ebenso um seine Verfolger: um Chandler & Co., die mit ihren eigenen Ängsten und Problemen zu kämpfen haben.

Aus diesem Grund nimmt sich die Erzählung in dieser Episode Zeit, um Miles und Chandler im Gespräch miteinander über ihr Leben nachdenken zu lassen: zwei ungleiche Partner und doch Freunde, die an einer je eigenen metaphorischen Wegscheide stehen. So wie Chandler in dieser Episode – schön inszeniert – an einer tatsächlichen Straßenkreuzung steht und seinem Kollegen von früheren Ritualen beim Begraben von Toten erzählt. Mit dieser ersten Episode zeigt die ITV-Serie, dass sie genau weiß, wohin der Weg führt – und dass jede Wiederholung Neues mit sich bringen kann.

Whitechapel: Review der zweiten Staffel

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Joseph Chandler und sein Team leiden nicht nur unter dem ihnen angehängten Versagen im Ripper-Fall, sondern auch unter der Langeweile des Polizeialltags ohne spektakuläre Fälle. Aber nicht mehr lange. Die Frage ist nur, wie hoch der Preis ist, den man dafür bezahlt, der Gefahr hinterher jagen zu dürfen…

Someone is recreating the Krays’ crimes. It’s not about pretence or an act. It’s about being… A KRAY! So lauten die Worte eines gewissen Edward Buchan (Steve Pemberton), den wir in der ersten Staffel der britischen ITV-Produktion Whitechapel als „ripperologist“ kennen lernen durften: als den Mann, der der Polizei im Jack-the-Ripper-Fall dank seiner immensen historischen Kenntnisse eine große Hilfe war. Auch in dieser zweiten Staffel ist er mit von der Partie, genauso wie alle anderen bekannten Figuren. Wieder widmet sich die Erzählung einem Copycat-Fall, der auf historischen Vorfällen beruht, und versucht, Vergangenheit und Gegenwart dramatisch-humorvoll zu verbinden.

Produziert von David Boulter (He Kills Coppers) und Sally Woodward Gentle, versetzt uns die Serie in die sechziger Jahre, als die Kray-Zwillinge ein kriminelles Imperium aufbauten und den Osten von London in Angst und Schrecken versetzten. Es scheint so, als wären Ronnie und Reggie Kray auferstanden, denn die Stadt wird von einer Welle der Gewalt überrollt – und der Name „Kray“ wird lauter und lauter geflüstert! Joseph Chandler, der nach seinem „Versagen“ im Ripper-Fall als Nur-DI bei Miles & Co. bleiben muss und auch will, scheint die Sache ganz gelegen zu kommen. Er hatte sich bei Anderson über das Fehlen interessanter Fälle beschwert („I am inert!“) und von ihm das Versprechen erhalten, dass es bald sehr interessant würde. Aber der Fall könnte zu interessant sein… und damit zu gefährlich? Chandler, Miles – der sich von dem Ripper-Angriff gerade erholt hat -, McCormack und Kent bekommen einen neuen Kollegen namens Finley Mansell, der sich rasch ins Team einfügt, während Fitzgerald auch in dieser Staffel die Rolle des Verräters vorbehalten bleibt.

Eigentlich ist alles beim Alten – nur die Art, wie die Serie den Fall behandelt, hat sich etwas verändert. Und nicht unbedingt in eine positive Richtung. Sowohl die Darstellung der Kray-Zwillinge als auch der Verlauf der Untersuchung hat eine Prise Slapstick mehr abbekommen, als der Serie gut tut – so dass das Ganze an manchen Stellen ins Lächerliche zu kippen droht. Das Gefühl von Mysterium ist nahezu verschwunden und wird durch holprig kreierte politisch-kriminelle Verschwörungen ersetzt, die zu keinem Zeitpunkt Spannung aufkommen lassen. Allerdings gefiel mir die Auflösung am Ende, die mit dem Slapstick-Charakter der Präsentation gut harmoniert und so die Story auf den letzten Drücker abrundet. Was diese zweite Staffel interessant und sehenswert macht, ist weniger der Kray-Fall als die Dynamik zwischen Miles und Chandler (Rupert Penry-Jones).

Schon die erste Szene am Tatort bildet einen bewussten Kontrast zu der entsprechenden aus der ersten Staffel: Beide sind am Tatort, aber dieses Mal ist Miles derjenige, der die Fassung verliert und eine regelrechte Panikattacke erleidet. Nicht nur Chandler, der hartnäckiger und unsicherer als je zuvor an den Fall herangeht, verliert hier immer wieder den Boden unter den Füßen, sondern auch Miles. Denn wir bekommen Einblick in seine persönliche Geschichte, die in direkter Verbindung mit den echten Kray-Brüdern steht. Auf visueller Ebene werden die Erschütterungen im Innenleben der Figuren, die jeden Moment krankhafte Formen annehmen können, von gelblichen Bildern begleitet, die auch bei dem Handlungsstrang um den Chef der Einheit gegen das organisierte Verbrechen zur Anwendung kommen: DCI Cazenove (Peter Serafinowicz).

Die gelbe Farbe, entweder als Gesichtsfärbung oder in Form von unterschiedlichen Gegenständen im Bild (bis hin zur quietschgelben Wand in einer Szene), dominiert die Palette und verleitet dem Ganzen einen beinahe übernatürlichen Charakter, was dem Kray-Fall gut zu Gesicht steht. Chandler und Miles sind dem Spiel streckenweise nicht gewachsen und finden sich im Laufe der Erzählung immer wieder einmal wie der Esel auf dem Parkplatz wieder. Aber wenn Esel eine herausragende Eigenschaft haben, dann ist es Hartnäckigkeit! Trotz aller Erschütterungen scheinen am Ende sowohl Miles als auch Chandler als Charaktere einen Schritt nach vorn gemacht zu haben – und aufeinander zu. Die gelbe Farbe weicht am Ende dem roten Schimmern eines Kaminfeuers, vor dem sich Anderson und Chandler im letzten Bild die Hände schütteln. Aber wer für wen die Hand ins Feuer legen will und wer mit dem Feuer spielt, wird sich in der dritten Staffel zeigen, die auf ITV ausgestrahlt wird und zwei unterschiedliche Fälle in jeweils drei Episoden abhandeln wird.

Whitechapel: Review der ersten Staffel

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Dunkle Schatten der Vergangenheit scheinen im Osten Londons auferstanden zu sein und wecken Erinnerungen an grausame Taten. Die zuständige Mordkommission hat nicht nur mit der Mordserie zu kämpfen, sondern auch mit einem neuen Vorgesetzten, der ganz eigene Vorstellungen vom Arbeitsalltag hat.

Besser später als nie, lautet in diesem Fall das Motto. Denn Whitechapel ist schon seit Längerem ein heißer Kandidat für ein Review – und immer wieder habe ich es hinausgeschoben. Mittlerweile befindet sich die britische ITV-Produktion aus den Federn von Ben Court und Caroline Ip kurz vorm Start der dritten Staffel. Die zwei bisherigen Staffeln umfassen je drei Episoden, die sich mit einem Copycat-Fall befassen. Das erste Dreierpack widmet sich keinem Geringeren als Jack The Ripper, der in seinem Heimatviertel Whitechapel auferstanden zu sein scheint… Whitechapel ist auf den ersten Blick ein Krimi, wie wir sie zu Hunderten kennen.

Der junge, aufstrebende Detective Inspector Joseph Chandler (Rupert Penry-Jones) wird von seinen wohlwollenden Vorgesetzten und Förderern zur herkömmlichen Polizeiarbeit in der Mordkommission abgeordnet – doch nur, um ihn nach erfolgreicher Aufklärung eines ‘Quotenfalles’ um so schneller nach oben weiterreichen zu können, dorthin, wo die Herren in Ledersesseln sitzen und Whiskey mit viel Eis trinken. Eisige Atmosphäre erwartet Chandler auf dem Revier, denn dort sehen die „normalen“ Polizisten Überflieger wie ihn nicht gern. Es kommt zu Reibereien zwischen Chandler und dem Team, dem er wie aus heiterem Himmel vor die Nase gesetzt wird. Vor allem der Cop-Veteran Detective Sergeant Miles (Phil Davis) hat ein Problem mit dem neurotischen Chandler.

Wie gesagt: Bis zu diesem Punkt klingt alles nach einem gewöhnlichen Krimi. Aber Whitechapel ist mehr als das. Schon in den ersten zwanzig Minuten entsteht eine ganz eigene Mischung, die nicht nur den bissigen britischen Humor, sondern einen gewissen, Gänsehaut erzeugenden Hauch von Mysterium zu bieten hat, gekoppelt an brillante darstellerische Leistungen. Es ist bewundernswert, mit welcher Liebe zum Detail die Autoren jede Nuance der Charaktere zum passenden Zeitpunkt ins Spiel bringen, um dadurch eine nahezu familiäre Atmosphäre zu schaffen – inmitten des Horrors einer Mordserie. Nach nur einer Episode erscheinen einem die Beteiligten wie alte Bekannte. Auch der Mörder könnte ein alter Bekannter sein – eben Jack the Ripper persönlich: auferstanden aus den Schatten der Vergangenheit. Die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart gelingt zunächst nicht den Detectives, sondern einem anderen Typus von Detektiv – einem, der seine Antworten in den Geschichtsbüchern sucht und findet, auf alten, ausgeblichenen Buchseiten und Zeitungsblättern, die von grausamen Taten berichten.

Es handelt sich um einen “ripperologist” namens Edward Buchan (Steve Pemberton): einen Hobby-Kriminologen, der sich auf die Geschichte Jack the Rippers spezialisiert hat und gegenüber Chandler und Miles behauptet, dass die neuen Morde dessen grausame Taten zu viktorianischen Zeiten exakt kopieren. Während Miles ihn abwimmelt, weckt seine Theorie Chandlers Interesse. Dank der visuellen Gestaltung (Regie in der ersten Staffel führte SJ Clarkson) verstärkt sich das Gefühl eines Zusammenfalls von Vergangenheit und Gegenwart. Im Bild überlappen sich Auszüge alter Berichte, Zeitungsseiten und Fotos mit Bildausschnitten von den neuen Tatorten und kurzen Einblicken in die Wege einer dunklen Figur durchs nächtliche London. Dieser zeitweiligen Unordnung der Bilder korrespondiert direkt die Unordnung und Schlamperei auf dem Revier, die Chandler in den Wahnsinn treibt, so dass er sich zur Beruhigung regelmäßig die Schläfen mit Tiger Balm einreiben muss. Extreme Über- und Untersicht wechseln einander ab, während wir Chandler und sein Team auf ihre nächtlichen Ausflüge begleiten.

Die Handlung in dieser ersten Staffel spielt vorwiegend nachts; die wenigen Lichtquellen sind meistens im Bild zu sehen, wie Straßenlaternen oder Stehlampen. Meistens wird seitliches Licht benutzt, das die Figuren zur Hälfte im Dunkeln und zur anderen Hälfte im Hellen stehen und miteinander und mit der stockenden Untersuchung hadern lässt. Es dauert eine gute Weile, bis man zueinander und zur Wahrheit findet. Another fast tracker, murmelt Miles über Chandler, als dieser zum ersten Mal auf dem Revier auftaucht. Nun, Chandler hat selbst einiges anzumerken bezüglich seiner neuen Kollegen – vor allem ihre Arbeitsethik und Körperhygiene betreffend: „Haven’t you heard of showers? Get yourselves organized. Self-discipline. Self-respect. Deodorant.“ Wenn man nun aber zu organisiert ist, zu sauber, zu diszipliniert – so dass man unter dem Gewicht der einem auferlegten Aufgabe den Selbstrespekt vergisst?

Hinter dem geschniegelten Überflieger Chandler verbirgt sich ein gutherziger, schüchterner und pflichtbewusster Neurotiker, der unter Sauberkeits- und Ordnungszwang leidet und der noch nie an einem Tatort war – schon gar nicht an einem so grausamen wie dem in Whitechapel, wo er zum ersten Mal auf Miles trifft, den erfahrenen, raubeinigen, aber ebenso gutherzigen ‘Skip’. Dort beginnt nicht nur die Reise durch die Vergangenheit, sondern auch eine Freundschaft, die beide Männer zu der Erkenntnis führen wird, dass manche Dinge niemals vergehen. Zum Beispiel menschliche Grausamkeit…

Fringe: Brave New World – Part 2 (4×22)

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Where is Peter? Auf diese Frage kommt mit dem Finale die Antwort. Sie lautet: Bei Olivia. Es ist keine überraschende Antwort, aber dafür eine höchst zufrieden stellende. Denn wir haben schon oft darüber gesprochen, dass Finge unter anderem eine Liebesgeschichte ist, eine Geschichte über das Suchen und Finden, eine Geschichte  über die Welt als Ereignis, welches man aus dem Blickwinkel der “Zwei” erlebt. Und so bekommen wir Olivia und Peter zu sehen, Hand in Hand ins kalte Wasser springen. Dieser Sprung ist aber keiner ins Ungewisse. Sie können ihn nur zusammen vollbringen, denn nur zusammen ist ihre Wahrnehmung dieser Welte(n) vollständig. Peter “schwingt” mit der Frequenz der roten Welt und Olivia der blauen. Man könnte sagen, dass hier Peter Olivia (“the power”) navigiert. Jetzt, wo die Brücke zwischen den Welten nicht mehr existiert, ist Olivia die Brücke. Sie ist die einzige, die ohne   zusätzliche Hilfsmittel überqueren kann und diejenige, die auch alles zerstören kann. Wir erfahren, dass Olivia Bells “power source” ist. You had the power all along my dear, lauten die Worte von Glinda the Good Witch aus The Wizard of Oz. Hier kommen sie aus Nina Sharps Mund.

Auf mehreren metaphorischen Ebenen kann man die Fringe-Erzählung lesen, wenn man Lust dazu hat. Fringe navigiert uns Zuschauer durch die unterschiedlichen Windungen der eigenen Erzählung und deren Positionierung innerhalb anderer medialer Erzählungen und gleichzeitig führt die Serie ihre Figuren zu sich selbst. Für dieses Durchs-Leben-Navigieren braucht man Orientierungspunkte, wie zum Beispiel Familie und Freunde. Es ging bei Finge nie darum, uns große Erkenntnisse über “Gott und die Welt” zu präsentieren, sondern uns die Schönheit von Vorhandenem aufzuzeigen, unsere Sicht auf die Welt zu navigieren.

In der berüchtigten LSD-Episode sah man Bell und Walter an Bord eines Zeppelins, wo Bell Folgendes sagte: We should circumnavigate the currents.

Die beiden sind jetzt an Bord eines Schiffes und Bell ist bereit, die Welt in den Zerfall und dadurch in die Auferstehung als eine seiner Meinung nach bessere zu navigieren. Obwohl er versucht seinen alten Freund und Weggefährten für diesen extremen Schritt zu begeistern, steuert Walter gegen die von Bell gewählte Richtung. Dabei, wie wir erfahren, gehörte die Idee mit der Geburt einer neuen Welt aus der Katastrophe der vorhandenen erschreckenderweise Walter selbst. Um sich von dieser Vision zu befreien, ließ Walter Teile seines Gehirns entfernen. Aber bevor wir uns der Auseinandersetzung zwischen den beiden “mad scientists”, Bell und Bishop, widmen, kommt ein anderes “Fringe-Event”, nämlich Jessica Holt. Sie gehört zu den Figuren, die nicht das sind, was sie zu sein scheinen. Wie es sich erweist, hilft sie Bell und sorgt dafür, dass Olivia auf Hochtouren kommt, um September zu retten. Dieser ist auf einem Stück Fußboden gefangen, dank den runischen Zeichen, die Jessica dort platziert hat. Wenn ich mich nicht täsuche, ist es eine neue Erkenntnis, dass Observer mit “übernatürlichen” Mitteln bekämpft werden können? Ganz abgesehen davon, wie man diese Information werten will, ist sie hier Mittel zum Zweck. Als Jessica mit einer Spezialwaffe (Bells Kreation) September trotz seiner Schnelligkeit trifft, ist Olivia gefragt, um die nächsten Kugeln abzufangen. Nicht nur stoppt sie diese, sondern befördert sie zurück zum Absender, zu Jessica. An diesem Punkt muss man nicht nur bezüglich dieser Szene, sondern auch der Serie selbst, an den geflügelten Satz aus Lacans Schriften denken – “Der Brief erreicht immer seinen Bestimmungsort”!

Für Jessica endet das Übersenden von Botschaften mit ihrem Tod nicht. Sie wird “befragt”, so wie im Piloten damals Nina Sharp die “Befragung” von Olivias totem Partner befahl. Jessicas Aufwachen kann man definitiv als ein Fringe-Event bezeichnen: Das Überlappen der zwei Stimmen und die sich in unterschiedliche Richtungen drehenden Augen hatten es in sich! Viel wichtiger noch ist ihre “Kindheitserzählung”: “My bicycle is blue and it has a little chimey bell!” Während Peter, Olivia und Nina weiterhin aus Jessica herauszubekommen versuchen, wo Bell ist, richtet sich dieser Satz an uns Zuschauer. Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr Fringe die treuen Zuschauer in die Erzählung miteinbezieht: Die Farbe Blau und die Klingel, wobei “bell” natürlich uns direkt zu William Bell und seiner Glocke führt. Wenn der Postmann zweimal klingelt…

In Fringe gibt es immer ein zweites Mal, sei es eine zweite Chance, sei es ein Doppelgänger, sei es ein zweites Universum oder aber das wiederholte Läuten der Glocke. Zu diesem kommen wir, nachdem Olivia und Peter es an Bord schaffen und Walter zu einer Verzweiflungstat gezwungen wirdt. Er nimmt den Luger aus Bells Vitrine und schießt … Olivia in den Kopf. Wird damit Walter zu Mister X? Im Grunde “bricht” damit Walter Bells Gotteshand die Finger. Im Vergleich zu den etlichen “mad scientists”, mit welchen uns Fringe im Laufe der Zeit konfrontierte, ist Bell keiner, der aus Liebe oder aus dem Streben nach Liebe handelt. Er sieht sich über die Liebe erhaben.

Es fällt auf, dass im ersten Teil des Finales Walter von der Uhr seines Onkels Heinrich erzählte, jetzt den Luger benutzt und der Glyph in dieser Episode “PURGE” lautet. Außerdem gab es im Nazi-Deutschland auch eine Glocke, eine Geheimwaffe. Vermutlich beziehen sich diese kleinen Hinweise auf das Eintreffen der Observer…

Diejenigen, die die Sache mit dem Zitronenkuchen als ein Vorwegnehmen kommender Ereignisse sahen, werden in dieser Vermutung bestätigt. Nachdem Walter Olivia erschießt, schafft sie die Auferstehung aus eigener Kraft bzw. dank dem Cortexiphan.

Am Ende überstürzen sich die Ereignisse: Bell fleiht mit Hilfe der Glocke, Olivia lebt wieder und sie ist so gut wie Cortexiphan frei und schwanger, Peter hat ein Haus für die beiden gefunden und die Fringe Divison bekommt von der Regierung alles was der frisch gebackene General Broyles’ Herz begehrt.

Ich werde den Eindruck nicht los, dass die Fringe-Autoren doch für ein mögliches Ende bereit waren. Trotzdem fehlt nicht der Cliffhanger, als September in Walters Labor auftaucht, um eine Warnung auszusprechen.

Werden wir in der fünften Staffel einen Zeitsprung erleben? War Olivias Tod der Tod, von dem September sprach? Werden wir die rote Welt wiedersehen? Wo ist William Bell? Fragen über Fragen in einem Fringe-Universum, wo es auf jede Frage zwei Antworten gibt…