Monthly Archives: May 2012

Shameless: Review der US-Pilotenepisode (1×01)

Standard

In einem Arbeiterviertel Chicagos brennt, umgeben von fröhlichen Menschen, ein Auto. Handelt es sich um ein Verbrechen? Oder um das Suchen und Finden von Schönheit in einem nicht schönen Leben? 

Wir Menschen brauchen Drama in unserem Leben. Unwiderstehliches Verlangen nach Drama treibt uns an. Aus diesem Grunde lieben wir Geschichten, die uns mit Drama versorgen! Kurt Vonnegut – meiner Meinung nach einer der größten amerikanischen Schriftsteller aller Zeiten – lieferte hierfür vor ein paar Jahren eine scherzhafte Erklärung: die Menschen seien der Auffassung, das Leben müsse wie diese Geschichten sein… und genau darin liege das Problem!

Anhand eines Diagramms beleuchtete Vonnegut das Verhältnis zwischen dem menschlichen Leben und fiktionalen Geschichten: Unsere Lebenszeit verläuft von links nach rechts, das emotionale Befinden von unten nach oben: von Depression bis Glück. Im Vergleich zu fiktionalen Erzählungen, die dramatisch-emotionale Höhepunkte und weltbewegende Ereignisse vor unsere Augen bringen – Vonneguts Beispiele reichen von Aschenputtel bis zum Katastrophenfilm -, ereignen sich in unserem dahin fließenden Leben… normale Dinge. Nichts Weltbewegendes eben.

Unser Leben verläuft um die Mitte dieser Skala, ohne große Sprünge nach oben oder unten. In den seltensten Fällen ereignet sich etwas, wovon die menschliche Geschichte berichten wird. Aber: laut Vonnegut sind wir durch die dramatischen Geschichten in Büchern und Filmen geneigt zu glauben, auch unser Leben müsste dramatische Höhen und Tiefen aufweisen!

Da dem in aller Regel nicht so ist, täuschen wir entweder Drama vor, wo es keines gibt – oder sind und bleiben süchtig nach… noch mehr Geschichten, mit deren Hilfe wir unsere eigene Bedeutungslosigkeit verdrängen können.

Auch mit diesen einleitenden Anmerkungen ist nichts Weltbewegendes geleistet: aber sie führen uns zu dem Punkt, an dem die neue Showtime-Serie ansetzt. Sie erzählt von der Mitte der Skala, von der Bewegung des Lebens – ohne großes Drama. Die kleinen Höhen und Tiefen, die Details stehen hier im Brennpunkt. Man könnte denken, es handele sich um eine Tragödie: denn letztendlich ist Bedeutungslosigkeit tragisch. Doch ebenso wie bei der frisch eingestellten FX-Serie „Terriers“ – die aus diesem Grund nur wenige Zuschauer fand – handelt sich nicht um eine Tragödie, sondern um eine Farce.

Marx schrieb über die Ereignisse unserer Geschichte, dass sich Dinge zuerst als Tragödie ereignen, um sich später als Farce zu wiederholen. Wir sprechen hier nicht auf politischer, sondern auf rein menschlicher Ebene: „Shameless“ wird warmherzig und liebevoll erzählt und großartig gespielt und gefilmt. Die cinematische Qualität der US-Serie besticht gerade durch ihre Unauffälligkeit. Man wird in die Geschichte der mehrköpfigen Gallagher-Familie hinein gesaugt, ohne es zu merken.„Shameless“ basiert auf der gleichnamigen britischen Serie, kreiert von Paul Abbott. Mit dem als Mitarbeiter an seiner Seite hält sich John Wells, ausführender Produzent der US-Variante, ziemlich getreu an das Original. Das behaupten jedenfalls die Kenner des britischen Shameless, zu welchen ich leider nicht gehöre! Nichtsdestotrotz kann ich die in einem von Chicagos Multi-Kulti-Arbeitervierteln situierte Erzählung durchaus genießen.

Seit „Fargo“ bin ich ein Fan von William H. Macy, und obwohl er im Piloten als Gallagher-Familienoberhaupt nicht viel zu tun bekommt, halte ich ihn für die perfekte Besetzung – zwar verschläft er einen Großteil seiner Screentime betrunken auf dem Fußboden, aber eben sehr überzeugend! Eine ganze Woche lang hat Frank Gallagher einen Job in einem Geflügelverarbeitungsbetrieb gehabt, aber seit einem Unfall mit einem fliegenden kopflosen Huhn ist er, wie er sagt, arbeitsunfähig. Zwar wird das von den Behörden in Frage gestellt, aber Frank kümmert’s nicht: Er trinkt – und schläft auf dem Fußboden.

Ansonsten hören wir am Anfang der Episode sein Voice Over liebevoll von seiner Familie erzählen: von der älteren Tochter Fiona (Emmy Rossum), die die Familie zusammenhält, von den Teenager-Söhnen Lip (Jeremy Allen White) und Ian (Cameron Monaghan) und von den Kleinen – Debbie (Emma Kenney), Carl (Ethan Cutkosky) und Liam. Die sexsüchtigen Nachbarn, Krankenschwester Veronica (Shanola Hampton) und Barmann Kev (Steve Howey), sind im Grunde auch Teil der Gallagher-Familie: immer hilfs- und party-bereit.

Franks Arbeitsunfall bildet eine schöne Metapher über ihn selbst als Kopf der Familie. Kopfloses Huhn – kopflose Familie… Um Franks An/Abwesenheit herum ist das Familienleben aufgebaut – wortwörtlich: der Tag beginnt damit, dass alle um Frank herumgehen, der auf dem Fußboden schläft. Liebevoll legt die kleine Debbie ein Kissen unter Franks Kopf.

Fiona ist diejenige, die den neuen Kopf der Familie bildet. Sie hält sie zusammen und kommt nicht dazu, sich selbst zu bemitleiden. Das Leben muss weiter gelebt werden – und in „Shameless“ bleibt sowieso kaum jemandem Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Wozu auch? Es ist, wie es ist! Im Piloten verliert auch Fiona den Kopf. Aber dafür ist Steve verantwortlich, den sie in der Disco kennen lernt. Wird er der Lichtblick in ihrem Leben sein, der dramatische Höhepunkt? Genau davor hat Fiona Angst…

Wovor wir keine Angst haben müssen: bei „Shameless“ reinzuschauen und enttäuscht zu werden. Am besten legt man sich (mit einem Kissen unter dem Kopf) auf den Fußboden, schaltet ein und genießt das Herz erwärmende und schmunzeln machende Erzählen der neuen Showtime-Serie. Dann nämlich befindet man sich ganz oben auf Vonneguts Skala – wenigstens für eine Stunde!

Shattered: Review der Pilotenepisode (1×01)

Standard

Ist Shattered eine Bereicherung für das Cop-Genre? Die kanadische Produktion wartet mit einer ungewöhnlichen Prämisse auf. 

Anfang des neuen Jahrhunderts kamen die Fernsehsender auf den Procedural-Geschmack, denn Cops, Anwälte und Ärzte schienen Woche für Woche gutes Geld für die Sender einzufahren. Dann wurde das Feld des „Berufsprocedurals“ überbevölkert, und die Fernsehverantwortlichen setzten nach und nach mehr auf serialisierte Handlungselemente in den Procedurals. Es blieb aber die Frage, was man mit den Helden anstellt, damit sie interessant bleiben und sich von der Masse der Kollegen, der anderen Serien-Anwälte, -Cops und -Ärzte, abheben? Was soll ihre Geschichte sein? Die harten Cops der alten Schule, die ziemlich geradeaus zu handeln wussten, machten Platz für die so genannten „troubled detectives“, die von Korruption über Alkohol bis zu Ex-Frauen die komplette Palette der dunklen Emotionen ausspielten.

Die nächste Stufe brachte die Cops mit den übernatürlichen Kräften, die mit Toten sprechen, selbst übernatürliche Wesen sind oder andere ungewöhnliche Methoden anwenden, um Fälle zu lösen. Die kanadische Serie „Shattered“ setzt einen drauf: Die Hauptfigur Detectiv Ben Sullivan (Callum Keith Rennie) leidet unter einer dissoziativen Identitätsstörung (im Volksmund auch multiple Persönlichkeitsstörung genannt). An sich ist das eine sehr interessante Prämisse, die zu einer spannenden Serie jenseits der Grenzen des normalen Cop-Procedurals führen könnte.

Aber nur, wenn die Umsetzung stimmt. Wir erfahren im Piloten zu „Shattered“, dass Bens Krankheit nicht erst jetzt entstanden ist, und seine Frau die einzige ist, die darüber Bescheid weiß. Natürlich macht sie sich Sorgen, warum Bens Probleme jetzt wieder auftreten. Wodurch die Wiederkehr ausgelöst wird, bleibt unklar. Uns wird nur angedeutet, dass Bens Probleme mit seinem Sohn zu tun haben, der allem Anschein nach gestorben ist. Callum Keith Rennie macht seine Sache gut und überspielt diesen Wechsel zwischen den Identitäten nicht. Die Frage bei dieser Serienprämisse ist natürlich, wie der Protagonist mit dem Problem umgeht und wie die anderen Figuren darauf reagieren.

Vielleicht aus diesem Grund konzentriert sich der Pilot mehr auf die Beziehung zwischen Ben und seiner neuen Partnerin Amy Lynch (Camille Sullivan), die beim ersten gemeinsamen Einsatz einen unbewaffneten Menschen erschießt. Bens anderes Ich bringt sie dazu, da es ihr den Befehl zum Schießen erteilt – und dann muss Ben selbst die Sache kaschieren. Natürlich ist es schwer zu verstehen, warum Amy seine Handlungen und Aussetzer, welche wir mehrfach zu sehen bekommen, nicht hinterfragt. Aber da sie selbst als im persönlichen Bereich problembehaftet dargestellt wird, ist ihre Inkonsequenz akzeptierbar.

Dazu kommt eine Serien von grausamen Morden und man kann wieder klischeehaft die Aussage treffen: Die dunkle kanadische Seele. Wie so typisch bei kanadischen Serien (siehe „Durham County“) ist „dunkel“ das Wort, das am besten die Atmosphäre und die Stimmung beschreibt.

Ich denke, wer „Durham County“ gemocht hat, würde vielleicht auch an „Shattered“ Gefallen finden.

NCIS und die Liebe zur Familie

Standard

Keine neuen Hits: Die Kritiker erklären die neue TV-Season zu einer mittleren Katastrophe. Einzig und allein die Kabelsender haben Grund zum Feiern. Aber es liegen noch altbewährte Eisen im Feuer, die manchen Networks einen ruhigen Schlaf bescheren. 

Immer wieder schienen sich die großen Debatten um Fernsehserien letztendlich gegen die Procedural-Welle auszusprechen, während man Serien mit Fortsetzungshandlung befürwortete. Und tatsächlich scheinen die Zuschauerzahlen der Procedurals in den letzten Jahren kontinuierlich zu sinken. Nur eben nicht bei allen! Oft übersieht man die Veränderungen, die innerhalb einiger Serien eintraten und dem Format die Zuschauer raubten. Paradebeispiel: „CSI: Crime Scene Investigation“.Wenn man sich heutzutage umschaut, kann von der alten Procedural-Garde aus den Jahren des großen Booms einzig und allein „NCIS“ die Quotenfackel hoch halten. Warum? Ist NCIS ein einfaches Procedural unter anderen, das rein zufällig noch immer so viele Zuschauer an sich bindet? Eines ist klar: Formate wie CSI und NCIS werden zu immensen Lizenzpreisen ins Ausland verkauft, eignen sich perfekt für Syndication und lassen flexible Programmierung zu. Man sollte zudem nicht vergessen, dass die Werbeindustrie nach der großen Finanzkrise der letzten Jahre nach sicheren Investitionen sucht: und genau die bieten lang laufende Procedurals. Schließlich, ihr wisst schon: You don’t waste good, wie Gibbs sagen würde.

Nach einem, gelinde ausgedrückt, sehr schwachen Seasonstart 2011/12 bleiben den Networks nur ihre alten Produktionen, um ernsthafte Bedrängnis (im Drama-Bereich) abzuwehren. Dabei sticht, wie schon erwähnt, ein Titel besonders hervor: NCIS.

Der CBS-Dauerbrenner, derzeit in der neunten Staffel, hat das Kunststück fertig gebracht, nicht nur über die Jahre hinweg die Quoten aus der Zeit der CSI-Procedural-Welle zu halten, sondern sie auch systematisch auszubauen. Woran liegt das? Wie kommt es, dass die Zuschauer genau diese Serie nicht satt haben? Berechtigte Fragen, vor allem im Hinblick auf den allmählichen Untergang der CSI-Familie. Wobei ich gestehen muss, dass mir persönlich die elfte CSI-Staffel wieder gut gefällt – im Gegensatz zu den beiden vorherigen. Man sieht an diesem Beispiel, was Verschiebungen und Veränderungen im Figurenensemble bewirken können.

Damit sind wir genau beim Thema – und bei der Frage nach der Lust der Zuschauer, auch weiterhin NCIS-Episoden zu sehen. Böse Zungen würden behaupten, dass CBS einfach ein Rentner-Sender bleibt, dessen Zuschauer Vertrautes und die Wiederholung des Immergleichen sehen wollen – aber das sind eher Anschuldigungen denn Erklärungen. Natürlich arbeitet NCIS mit einem dramaturgischen Schema, das auf Wiederholungsmuster setzt. Ebenso offensichtlich schwingen an dieser und jener Stelle etwas zu viel Pathos oder Patriotismus mit. Beides aber lässt sich leicht verschmerzen, wenn man es gegen die Stärken des Formats abwägt.

NCIS hat sich schnell als Familienserie etabliert, sowohl seine Inhalte als auch die Bedienung des Zuschauerbegehrens betreffend. Besonders wichtig: Die Serie hielt ihr Figurenensemble – und die größte Kunst der Autoren tritt zutage, indem noch immer Themen aus dem Leben, der persönlichen Vergangenheit dieser Figuren gefunden und geschickt in die laufenden Fälle eingebunden werden.

Gibbs’ Regeln aus der Serienerzählung bilden eine gute Metapher für das, was die Produktion schuf: gewisse Serienregeln, die zweierlei kombinieren, nämlich das Kreieren und Bedienen von Erwartungshaltungen und das Variieren dieses Konzepts durch den Einfluss von Figurengeschichten. Ich muss gestehen, bei „NCIS“ zu den Späteinsteigern zu gehören. Vor Beginn der siebten Staffel begann ich mit der ersten Staffel – nicht nur, um für meine Dissertation einen Vergleich zwischen CSI und NCIS ziehen zu können, sondern weil mir NCIS von vielen Seiten ans Herz gelegt worden war.

Während ich also die ersten sechs Staffeln und anschließend die siebte „hintereinander weg“ sah, wurde mir überdeutlich, wie geschickt die Autoren das berühmte „NCIS“-Familiengefühl über die Jahre hinweg entstehen ließen, wie viel die Figuren durchmachten, da man sie meist persönlich in einen Staffel übergreifenden Erzählstrang verwickelte, welche Vielfalt an Konflikten und Beziehungen über die Staffeln hinweg getragen, aufgelöst oder aber verkompliziert wurden. Dazu die Leichtigkeit der Erzählung und der Humor, immer exakt dosiert – wie eine selbst gebastelte Bombe, die im Zimmer nur in eine bestimmte Richtung explodieren soll.

Natürlich bleiben, wie in jeder lang laufenden Produktion, gelegentliche Fehlzündungen nicht aus, aber perfektes Erzähl-Timing und Chemie zwischen den Darstellern erheben „NCIS“ regelmäßig zu mehr als nur einem Procedural unter anderen. Die Autoren wissen definitiv, wohin sie mit ihrer Erzählung wollen – und wie sie dorthin kommen. Mit Erzähl-Timing meine ich vor allem den geschickten Wechsel zwischen „persönlichen“ Episoden und solchen mit spektakulären Fällen. Man kann sagen, dass NCIS zwar viel mit Wiederholung spielt, dabei aber häufig den Blickwinkel leicht verschiebt. Langzeit-Zuschauer erkennen das und erlangen dadurch Extra-Genuss an der Handlung. NCIS arbeitete immer schon sehr gekonnt mit den Erinnerungen der Figuren – und dadurch auch mit denen der Zuschauer: Vor dem inneren Auge sehen wir immer mehr, als die Serie gerade zeigt.Ich würde durchaus behaupten, dass man als Zuschauer auch in der neunten NCIS-Staffel dazustoßen und Spaß haben könnte, aber das wirkliche TV-Vergnügen an der Serie bleibt Langzeit-Zuschauern vorbehalten. Denn nur sie gehören zur Familie!

Ich möchte zum Abschluss nicht in die Welt der Wissenschaft und der parasozialen Beziehungen abschweifen, sondern eine kleine Metapher aus der Serie selbst heranziehen, um zu beschreiben, was „NCIS“ mit seiner Erzählung macht. Und ich hole sie direkt aus Gibbs’ Keller: So wie Gibbs immer aufs Neue mit Holz zu arbeiten beginnt, so arbeitet auch die Serie selbst. Sie vollführt dieselben Arbeitsschritte, aber mit den hinzu gewonnenen Erfahrungen stets ein bisschen anders: so wie Gibbs in seinem Keller dem rohen Holz eine neue Form gibt.

17th Precinct: Review der Pilotenepisode

Standard

Die von NBC nicht in Serie gegebene Geschichte aus der Feder Ron Moores brachte es nur auf eine Pilotepisode, die den Zuschauer in eine magische Welt an den Grenzen zwischen Phantasie und Philosophie entführt. Dort klärt die Polizei Verbrechen auf ungewöhnliche Weise auf. 

Wie wäre es mit einer fiktionalen Welt, die ganz anders funktioniert, als wir es von TV-Serien im Bereich des Übernatürlichen kennen? Oft trifft man auf Konstellationen, in welchen das Übernatürliche als Ausnahmezustand und nicht als die Regel dargestellt und empfunden wird. Daraus schöpfen Magie und übernatürliche Kräfte ihre faszinierende Wirkung, sowohl für die TV-Figuren als auch für uns Zuschauer. Was aber, wenn das Übernatürliche sein “Über-“‚ verliert?

Wie wäre es mit einer Welt, die auf Magie und Zauber beruht und die von Visionen und Gefühlen geleitet wird anstatt von Vernunft, von „something they call science“? Macht Logik die Welt leichter oder schwerer zu ertragen? Wann ist man in der Position, darüber zu urteilen? Wenn die Gesellschaft einen in sie erhoben hat? Auf welcher Grundlage aber? Müsste man nicht aus sich herausgehen, um sich selbst und die Welt neutral betrachten zu können? Wenn Magie alle Antworten brächte und die logischen Kausalketten überflüssig machte: wäre das ein Fortschritt oder ein Rückschritt, was unser Denken betrifft?

Kann man überhaupt zwischen Fühlen und Denken eine Grenze ziehen? Machen Gefühle uns blind, oder öffnen sie uns die Augen? Angesichts all dieser Fragen wundert es uns nicht, Ron Moores Unterschrift unter der Produktion zu erblicken. Und etliche „Battlestar Galactica“-Schauspieler machen diesen Piloten vollends zu einer „Battlestar Galactica“-Reunion.

In „17th Precinct“ spürt man schon im Piloten, wie Moore versucht, sich von einer anderen Ausgangsposition aus mit Themen zu befassen, die „Battlestar Galactica“ durch Raum und Zeit begleiteten. Das Voice Over des Deputy Chief Inspector Wilder Blanks (Eamonn Walker, zuletzt großartig in der leider nach einer Season gecancelten FX-Serie „Lights Out“) spricht zu uns in den Eröffnungssekunden: „Oil, electricity, coal: the power that drives modern society. But what if science had never been invented? What if we relied on… magic? What if plants and fire powered our world? And what if the police solved crimes in ways that we can’t imagine? This is 17th Precinct.“ Dann treffen wir auf die Detectives Bosson (James Callis) und Longstreet (Jamie Bamber). Sie untersuchen den Mord an einem Mann im North-Beach-Distrikt der City of Excelsior.Die Tatortarbeit beobachten wir aus der extremen Obersicht, wie von vielen Krimi-Procedurals gewohnt. Aber hier enden auch schon die Ähnlichkeiten, denn in der Welt von 17th Precinct hat auch die Sprache ihr “Über-“‚ verloren: ihr Übernatürliches, ihre bildliche Beschreibungsfunktion von Handlungen. „To take a picture“ wird hier wörtlich ausgeführt: Der Detective greift mit bloßer Hand Richtung Tatort und legt die Hand dann auf ein leeres Blatt. Dort erscheint prompt die Fotografie.

Mit Hilfe magischer Kräfte werden auch Blutspuren analysiert; man folgt dem Blut buchstäblich vom letzten zum ersten Tropfen und damit dem Verlauf des Mordes. An der Stelle, denke ich, hätte die Serie einige Zuschauer verloren, die sich mit dergleichen Zaubertricks nicht anfreunden können! Was in den Augen einiger als cool erscheint, stempeln andere schlicht als lächerlich ab. Aber eine solche Serie muss nicht von der Visualisierung von Magie leben, sondern von der Geschichte, die erzählt wird, und von den Figuren, die darin vorkommen. An nur einer Episode lässt sich allerdings kaum ablesen, mit welcher Gewichtung „17th Precinct“ seine Kombination aus Procedural-Plots und übergreifender Geschichte gestaltet hätte.

Apropos Krimi-Procedurals: „17th Precinct“ nimmt eine von „CSI: Crime Scene Investigation“s Hauptaussagen wörtlich – “Mit den Toten sprechen”. Für diese Rolle hat Moore ein weiteres „Battlestar Galactica“-Mitglied parat, nämlich Tricia Helfer in der Rolle von Dr. Morgana Kurlansky, einer Gerichtsmedizinerin mit pechschwarzen Haaren – oder besser gesagt, einer Nekromantin, wie man sie in dieser Welt wohl nennen könnte. In meinen Augen gehört Tricia Helfer zu den unterschätzten Schauspielerinnen im TV-Geschäft; gerade „Battlestar Galactica“ liefert den Beweis dafür!

Unter den Klängen von Massive Attacks Teardrop (dieser Song dient dann als sich wiederholendes Motiv im Piloten) spricht Morgana für ein paar Sekunden mit dem Toten: Donald Pynchon, Executive Prophet der Stadt. Sie erfährt, dass Rache den Mord motivierte. Aber es scheint mehr dahinter zu stecken. Der Chief des 17th Precinct, Wilder Blanks, wird von Visionen verfolgt, die eine Stimme begleitet: „An old foe has returned to strike at our way of life.

Wie Blanks am Ende der Episode erzählt, handelt es sich um eine Gruppierung, die als The Stoics bekannt ist und diese Welt verändern will: Sie soll von Logik, von rationalem Denken geleitet werden und nicht von Intuitionen, Gefühlen, Visionen und Prophezeiungen.The Stoics wollen Objektivität anstatt Subjektivität. Um der wieder erwachten Gefahr zu begegnen, holt Blanks eine alte Bekannte namens Mira Barkley (Stockard Channing) an Bord, die früher einmal im Morddezenat tätig war. Sie muss mit Neuling James Travers (Matt Long) zusammenarbeiten – unter der Aufsicht von Blanks rechter Hand und Miras alter Flamme Lisa, jetzt Liam Butterfield (Esai Morales): „I’m not Lisa anymore, inside or out.“ Nach der Einführung aller Figuren und einigen Einblicken in das Leben der Stadt (Energieversorgung durch Pflanzen, Autos ohne Lenkrad, das Internet ist buchstäblich zum Greifen nah usw.) begleiten wir beide Detective-Teams, während sie ihre Fälle untersuchen.

Letztendlich werden die Ermittler an denselben Punkt geführt: Jemand scheint die führenden Köpfe der Stadt zu ermorden. Inmitten dieser Erkenntnis steht eine Prophezeiung, die Pynchon vor seinem Tod aussprach und die von derselben Verdammnis handelt, die Blanks in seinen Visionen sah. Es sind aber nicht nur Zukunftsvisionen, sondern auch Erinnerungen an eine Vergangenheit, von denen Wilder Blanks Morgana in den Abschlussminuten erzählt (beide haben ein Verhältnis).

An diesem Punkt kann man den geflügelten BSG-Satz buchstäblich hören: „All this has happened before, and all this will happen again.“ Eine Kugel erreicht immer ihren Bestimmungsort, im metaphorischen und im buchstäblichen Sinne, denn Kugeln sind das Mittel, dessen sich The Stoics hier bedienen. Begleitet von dem schweren Gefühl der Unausweichlichkeit, ist „17th Precinct“ definitiv eine Serie, die eine Geschichte zu erzählen gehabt hätte – nebst passenden Figuren, um sie auszufüllen. Leider wird die Kugel dieses Projekts weiter und in alle Ewigkeit herumirren…

Game of Thrones: The Old Gods and the New (2×06)

Standard

Die alten Götter und die neuen – welche werden die Überhand gewinnen? Vielleicht sind die neuen Götter einfach die alten, die dazugelernt haben? Alte Götter verschwinden nicht, genauso wie  das Begehren nach Macht in einem Menschen. Um an die Macht zu kommen, muss man anderen beweisen, dass man/frau der/die richtige für den “Job” ist, aber vor allem muss man es sich selbst beweisen. Ist ein Mensch bereit den ganzen Weg zu gehen? Falls ja, stellt sich die Frage auf wieviel Menschlichkeit dabei verzichtet und wieviel davon beibehalten wird? In der sechsten Episode der zweiten Game of Thrones-Staffel haben wir eine sehr ausgeprägte Simultanität der Ereignisse, die seit dem roten Kometen in der Staffelpremiere nicht mehr so stark zu spüren war. Wenn ich mich nicht täusche, dann umfasst die Erzählung von The Old Gods an the New die Geschenisse eines kompletten Tages in Westeros, während in den Qarth-Szenen natürlich die Zeitverschiebung berücksichtigt wird, da Qarth auf einem anderen Kontinenten liegt:

In Westeros tobt eine kleine Strasserevolte, während Winterfell von Theon eingenommen wird, Catelyn zu Robb zurückkehrt, Jon und seine Mitstreiter ein paar Wildlinge angreifen, Dany Schiffe für ihre Rückkehr nach Westeros zu bekommen versucht und Arya von ihrem zweiten Wunsch Gebrauch macht.

Die Handlung ist in kleinen Portionen aufgeteilt, in kleinen Häppchen, die nicht sättigen, sondern Appetit nach mehr machen. Vor allem aber ist das verbindende Element der Appetit danach mehr zu sein, als man im Moment ist, auch im Kontext des Frauen-Männer-Machtkampfes betrachtet, über den wir schon mehrmals in den Reviews zu Game of Thrones sprachen. Joffrey sieht sich zum ersten Mal in seiner Machtposition wirklich bedroht, als nach Myrcellas Abscheid Richtung Dorne, Joffrey und sein Gefolge von der unzufriedenen King’s Landing-Bevölkerung angegriffen werden. Joffrey schreit Hinrichtungsbefehle aus, aber keiner kann sie ausführen, da seine Leute in Unterzahl sind und keine Macht über die Situation besitzen. In dem Getummel ist aber nicht Joffrey die wichtige Figur, sondern The Hound, der auf der einen Seite seine Pflicht erfüllt und Joffery in Sicherheit bringt und auf der anderen macht er, was er für richtig hält, nämlich Sansa vor der Vergewaltigung retten. Das gibt ihm, auch wenn es komisch klingt, in diesem Moment zusätzlich zu der physischen auch moralische Überlegenheit.

Macht bedeutet aber auch sich schlau anzustellen. Zwischen “schlau” und “mutig” gibt es einen Unterschied. Während Jon als “brave but stupid” bezeichnet wird, ist seine Halb-Schwester Arya beides – schlau und mutig. Aus diesem Grund scheint Tywin Gefallen an Aryas Präsenz zu finden. Tywin wird hier etwas differenzierter und aus der Nähe “betrachtet”, als in den Büchern. Die Abweichungen von dem Buch sorgen hier nach wie vor für interessante Szenen wie die zwischen Tywin, Littlefinger und Arya, als Arya um jeden Preis versucht, ihr Gesicht vor Littlefinger zu verbergen. Nicht erkannt werden, wer sie ist – darin liegt die Macht ihrer Position und auch einen “Freund” zu haben, der das Töten für sie übernimmt. Das Unvermögen selbst einen tödlichen Schlag zu verpassen, bekämpft sie mit Schlauheit. Übrigens Tom Wlaschiha  und Maisie Williams sind als Jaqen und Arya wieder einmal großartig zusammen in der Szene als sie ihn auffordert und drängelt, an Ort und Stelle Amory Loch zu ermorden. Er kann nur die Augen verdrehen und … den Wunsch erfüllen.

Auch bei Dany handelt es sich um ein momentanes Unvermögen, darum, den Prozeß des Erwachsenwerdens durchzumachen. Erlangen von Macht heißt bei ihr, dass man sie irgendwann als diejenige sieht, die sie ist – eine Targaryen-Königin, DIE Westeros-Königin. Dafür reichen ihre leidenschaftlichen Worte nicht, sie braucht auch das Feuer ihrer Drachen und diese sind weg. Die weitere Abweichung vom Buch wird vermutlich dafür sorgen, dass sich der Handlungsstrang um die Warlocks aus The House of the Undying schnell zuspitzt. Außerdem bekommen die vielen Buchseiten mit Danys innerem Monolog, mit ihren Zweifeln und Träumen, “aktiv” thematisiert zu sehen…

Theon nimmt Winterfell ein und um sich vor seinen Leuten zu beweisen, beschließt er Rodrik zu köpfen, aber schafft es nicht mit einem Schlag, was zu einer abscheulichen Szene führt. Abscheulich ist vor allem Theons Verrat nicht nur an den Menschen in Winterfell, sondern auch an sich selbst. An diesem Punkt ist Theon schon verloren und er scheint es zu realisieren. Ich bin mir nicht sicher, inwieweit die Autoren seiner weiteren Geschichte Raum geben können und wollen, aber sie ist sehr interessant und gleichzeitig tief traurig. Natürlich ist der misslungene erste Schlag die Beschreibung von Theons Gemütszustand und von seiner dem Scheitern geweihten Mission. Während Osha ihre “weibliche” Seite ausnutzt um Bran zu retten, ist sein Half-Bruder Jon hinter einer Frau her.

Auch Jon zeigt ein Unvermögen, was Töten betrifft. Tief in dem Norden, umgeben von atemberaubender Kulisse (nur die kleinen Linsenrichtreflexe wirkten etwas störend), bekommt zunächst Jon Snow eine Lektion von Halfhand, wo die Grenzen von Mut liegen und wo der Verstand ums Überleben zu kämpfen beginnt. Aber es ist eine Frau, die Wildling-Gefangene Ygritte, die zu Jons Lektion werden könnte, nachdem er es nicht fertig bringt, sie zu töten. Man kann sagen, dass seine Reise hier beginnt, allein mit Ygritte im kalten Norden, dort wo die alten Götter die neuen sind!

Fringe: Brave New World – Part 1 (4×21)

Standard

Feuer fangen. Von Innen aus verbrennen. Eine schreckliche Vorstellung und gleichzeitig eine, die sehr genau den Gemütszustand schildert, in dem sich die Fringe-Fans des Öfteren befinden. Man möchte Antworten haben, brennt buchstäblich darauf zu erfahren, was mit den Lieblingsfiguren passieren wird. Dieses Brennen ist aber kein gewöhnliches, sondern ein regelrechtes Fringe-Ereignis.  Wie wird der nächste Vorspann aussehen – blau, rot oder orange? Wann wird die Handlung spielen? Wer wird dabei sein? Wo ist Peter…?

Mit dieser Frage nämlich eröffnete die vierte Staffel und während wir mit dem Suchen und dem Finden von Peter und seiner Beziehung zu Olivia beschäftigt waren, rückten andere mögliche Fragen in den Hintergrund. So sehr, dass wir sie beinahe vergessen haben. Was ist mit William Bell in dieser “neuen” überschriebenen Ziellinie geschehen? Warum ist Jones überhaupt zu einem Ober-Bösewicht geworden? Auch die Aussage der Produzenten verhalfen dazu die Fans Manches vergessen zu machen: Vielleicht schaffen wir es Leonard Nimoy für die fünfte Staffel zu einem Auftritt zu überreden und vielleicht auch nicht – so ähnlich lauteten die Twitter-Meldungen. Dadurch machte man William Bell zu dem Kaninchen in dem Hut, welches man im ersten Teil des Doppelepisoden-Finales ans Tageslicht beförderte.

Dazu muss ich sagen, dass ich die Enthüllung – rein vom Gefühl her (und Finge ist eine Erzählung über Gefühle) – etwas übertrieben und aufgesetzt fand, aber trotzdem gelungen. Uns wurde Jones einfach viel zu lange als Mastermind präsentiert, um ihn plötzlich zu einer einfachen Schachfigur zu machen. Jones, der penibel durchgeplante Aktionen auszuführen vermochte, wird in dieser Episode selbst zu einer penibel durchgeführten Aktion, als in Boston plötzlich Menschen anfangen von Innen aus zu verbrennen.

Für das Fringe-Team wird schnell klar, dass es sich um Jones Tat handelt, als sie ihn sogar auf den Aufnahmen der Überwachungskamera sehen. Ungewöhnlich für ihn, aber gewöhnlich für ein Katz-und-Maus-Spiel. Lustigerweise sind es sowohl Walter & Co. als auch Jones selbst die “Mäuse” in dem Spiel. Die Naniten, die durch die Berührung vom Rolltreppengeländer, in die Körper der Menschen geraten, verursachen das tödliche Erhitzen, stellt Walter fest. Jessica Holt (Rebecca Mader, Lost) ist eine der Betroffenen, für die jeder weitere Schritt tödlich sein kann, denn Bewegung bedeutet Hitze erzeugen.

Es ist aber Olivia und nicht Walter die Jessicas Leben rettet. Natürlich geschieht das dank Olivias “Superkräften” (POWERS), aber trotzdem ist die Szene rührend, denn was wir sehen, ist wie Olivia Jessicas Hand hält. Diese tröstende Geste ist eine eine Art Versicherung, dass man für den anderen da ist. Und im übertragenen Sinne, auf der Gefühlsebene der Fringe-Erzählung, ist diese Versicherung die Rettung für Jessica. “If you ever need help getting to the head of the line in an ER, sagt Jessica zu Olivia, als sie geht – ein Vorwegnehmen kommender Ereignisse?

Dieses Detail führt uns zu einem übergreifenden Thema, zu der Bedrohung für Olivas Leben, über die wir nach wie vor nicht viel wissen. Abgesehen von der Mr.X-Story. Auch Walters Anmerkung über William Bell in der Zukunft legt die Schlussfolgerung nahe, dass William Bell mit Olivias Tod zu tun hat. Wie so typisch für Finge, findet man die Verbindung in einem kleinen Detail, in den Naniten nämlich. Nicht nur stellt Walter fest, dass sie definitiv das Werk von William Bell sind, sondern in meinen Augen tragen sie sogar Bells, nennen wir sie gemäß den Entwicklungen, “tödliche” Signatur – ein X!

Ich will hier nicht übertreiben, aber Finge hat uns schon einmal auf die richtige Fährte mit Hilfe einer Kombination aus visuellen und narrativen Details geschickt. Nehmen wir zum Beispiel noch die Szene, bevor Olivia und Jessica ins Auto gehen – Man sieht im Hintergrund an der Kirche eine Zeichnung mit den Worten “Light of the world” und den Zeichen “X, P, Alpha und Omega”.

Auf die Gesamterzählung bezogen kann man hier etliche Deutungen anbieten, aber es scheint eine Art Konstellationsbezeichnung zu sein: Wie im Moment die Figuren positioniert sind. Alpha und Omega sind der erste und der letzte Buchstabe aus dem griechischen Alphabet – Anfang und Ende. Die Rückkehr zum Anfang oder der Anfang vom Ende? Eine Verbindung zu diesem Gedankengang bietet die Episode mit Hilfe einer visuellen Spiegelung. Als Walter zu St. Claire zurückgeht, um Beweise für den damaligen Besuch von Bell zu finden, sehen wir ihn durch die Türspalte an dem Schreibtisch mit dem Rücken zu uns sitzen, wie damlas in der Pilotenepisode. Anfang und Ende als Kreis oder als Brave New World, als das Katastrophenprinzip, als Neugeburt aus der Asche des Endes?

Die Sonne ist diejenige, die alles zur Asche verbrennen kann und sie wird auch als Light of the World bezeichnet. Bell benutzt hier die Sonnenkraft, um Boston die ultimative Zerstörung anzudrohen, so dass er Peter und Olivia herauslocken kann. Mindestens denkt Jones so, nachdem Bell ihm erklärt, wie Schach funktioniert. Jones ist nur eine Figur von vielen in Bells persönlichem Schachspiel. Klar kommt diese Enthüllung etwas aufgesetzt daher, aber eigentlich ist der Gedanke ein logischer, anzunehmen, Bell würde hinter Noahs Arche stehen. Solche mad scientist-Gotteshand-Pläne würden tatsächlich zu Bell passen, mehr als zu Jones: Don’t confuse a winning move with a winning game. The Art of (War) Chess für Bell ist etwas (eine Figur, “the bishop”), was im Moment eine große Rolle spielt, zu opfern und dann die entstandene Lücke, auszunutzen.

Nun, Jones wurde zu einer wichtigen Figur und wird hier geopfert, da er Bells Aussage mit “the bishop” als direkten Verweis versteht. Der Kampf “per Fernbedienung” zwischen Peter und Jones (“I got it wrong. I was the sacrifice.”) fand ich nicht besonders gelungen, aber er erfüllt den Zweck – Jones “verbrennt” zur Asche. Ist zwar ein schneller Abschied einer wichtigen Figur in dieser Staffel, aber es geht doch hier um das Ganze, um die Welt(en), um Zerstörung und Neugeburt. Sind eine Zerstörung, ein Einschnitt, endgültig oder kann sich das Ganze regenerieren, aus eigener Kraft? Walter demonstriert mit dem Zitronenkuchen wie dank Cortexiphan sich Objekte regenerieren können. Als Spiegelung davon sehe ich eine auf deme rsten Blick unwichtige Szene, als Olivia ihren Finger schneidet. Zwar konnte man erwarten, dass der Finger wieder von alleine heil wird, aber das geschieht nicht, denn Fringe befindet sich wieder auf der metaphorischen Ebene. Olivias Wunde kann nur Peter schließen und beide können vielleicht diejenige dieser Welt schließen? Ich bin persönlich kein Anhänger religiöser Erzählungen, aber hier liegt alles so ziemlich auf der Hand.

Das P an der Kirchenwand kann für Peter stehen, aber auch für Powers, so wie das Glyph in dieser Episode lautet. Mit ihren Kräften rettet Olivia Jessica und vielleicht wird Peters Kraft bzw. die Kraft der Liebe Olivia retten, diese Welt retten? Man braucht nicht weitere Deutungen bemühen, denn die religiösen Konstellationen sind mehr als deutlich, vor allem nachdem man das Schild mit dem Wort EDEN über dem Tor des Lagerhauses, wo Bell seine “Experimente” hütet, zu sehen ist. Dorthin führt die Spur Walter und Astrid (Astrid: Alex? Walter: I’m on the roll!), aber sie werden erwartet. Astrid trift eine Kugel und während sie in Walters Armen liegt, taucht Bell auf mit einem freundlichen: Hallo, old friend.

Bell: Freund oder Feind? Schöpfer oder Zerstörer?

Ob in Fringe solche Fragen überhaupt angemessen gar möglich sind?

To be continued…

Twin Peaks: Die Geschichte

Standard

Wieso  Twin Peaks und wieso David Lynch? Fernsehgeschichtlich betrachtet ist die Tatsache sehr interessant, dass gerade ein Auteur (Autorenfilmer) und vor allem ein Regisseur, einen Umbruch im Denken ¸ber das Medium Fernsehen Anfang der 90er Jahre wenn nicht einläutete, dann zumindest ermöglichte. Denn genau das ist Lynch mit der Serie  Twin Peaks gelungen. Aufgrund der Tradition, die immer den Drehbuchautor in den Mittelpunkt stellt (eine Tradition aus den 50ern und 60ern, als das Fernsehen noch stark an dem Theater orientiert war – die Zeit der Adaptionen), wunderte sich die Branche, was ein Independent-Kinoregisseur beim Drehbuchautorenmedium zu suchen hatte.

Sehr wichtig für Lynchs Entscheidung waren die kreativen Freiräume, die das US-Fernsehen seinen Autoren seit den Tagen der groflen Theater-Anthologieserien wie  Kraft Television Theater oder  Playhouse 90 immer wieder einräumte. Zwar schauten im Prinzip die Regisseure wie blofle Erfüllungsgehilfen aus, aber es war nirgendwo festgeschrieben, dass ein Regisseur nicht die Chefrolle bei einer Produktion übernehmen darf. David Lynch – sein Autorstatus als Regisseur folgte ihm auch auf dem TV-Bildschirm, obwohl Mark Frost ( The Six Million Dollar Man ) für das Drehbuch verantwortlich war und Lynch nur als Co-Autor fungierte.

Insgesamt waren zwölf Regisseure an  Twin Peaks beteiligt, und Lynch selber führte bei nur sechs Episoden Regie. Frost und Lynch reichten 1988 ein Konzept für eine Serie bei ABC ein und bekamen grünes Licht für eine Pilotepisode. Dass ein Independent-Regisseur in einer TV-Produktion nicht auf seinen Stil verzichten muss, dafür hat es in Europa schon etliche Beispiele gegeben: Rainer Werner Fassbinder mit  Berlin Alexanderplatz oder Edgar Reitz mit  Heimat haben die Zuschauer vor den Bildschirmen gefesselt. Auch in Schweden und Groflbritannien gab es Vorbilder für erfolgreiche Arbeit eines Kino-Auteurs im Fernsehen: Ingmar Bergman mit  Fanny und Alexander und Jon Amiel mit  The Singing Detective .

Diese Beispiele haben gezeigt, dass das andere Medium kein Hindernis sein muss, sondern durchaus seine Voreile hat. Das hat sich auch David Lynch von der Arbeit an einer TV-Serie versprochen. Die Länge und dadurch die Möglichkeit, eine Geschichte zu erzählen, befreit von dem Zwang der Spielfilmbegrenzung, reizten den Regisseur. Abgesehen von Michael Manns  Miami Vice und Steven Bochcos  Hill Street Blues , die in den 80ern ästhetisch und inhaltlich einen frischen Wind über die verstaubte amerikanische Serienlandschaft wehen lieflen, gab es damals kaum Durchbrüche in diesem Bereich.Der Arbeitstitel der Lynch/Frost-Serie war zunächst  Northwest Passage und wurde erst im Verlauf der Arbeit in  Twin Peaks abgeändert. Obwohl Lynch beim Piloten Regie führte und am Drehbuch mitschrieb, wird oft vergessen, dass  Twin Peaks nicht nur die Serie des berühmten Regisseurs war, sondern auch zum gleichen Teil von Mark Frost, der ihm als ein serienerfahrener Partner zur Seite stand.

Mark Frost hatte schon einen Writers’ Guild Award für seine dreijährige Arbeit als Autor und Story Editor bei  Hill Street Blues bekommen sowie eine Emmy-Nominierung. Im Mai 1989 fand eine Vorf¸hrung des Piloten (Lynch drehte ihn in nur 21 Tagen ab) vor internationalen Verkäufern statt und sorgte für immenses Interesse. Die Serie wurde schliefllich in 55 Länder verkauft. Und überall war der Claim in der Presse: Wer hat Laura Palmer getötet? Weltweit fieberten die Zuschauer mit – mit Ausnahme von Deutschland, aber die Geschichte kennen wir schon…

In Amerika legte  Twin Peaks einen fulminanten Start hin, nachdem ABC eine ganze Staffel aus sieben Folgen (jede 47 Minuten) in Auftrag gab. Nachdem Lynch und Frost die Figuren und die Dramaturgie der Geschichte festgelegt hatten (zum Beispiel, dass jede Folge die Ereignisse eines Tages und einer Nacht beschreibt), schrieben Harley Peyton und Robert Engels an den weiteren Drehbüchern. Die Presseberichte und die Reaktionen bei den Uraufführungen auf dem Festival in Telluride, Colorado, auf dem Miami Film Festival sowie beim TV-Festival in Monte Carlo waren so positiv, dass die ABC-Verantwortlichen unsicher wurden und den Start zweimal verschoben. Man befürchtete, eine Serie für einen engen Kreis von Kinoliebhabern in Auftrag gegeben zu haben und kein Produkt für die breite Masse.

Dazu kam noch die Unmöglichkeit, die Serie einem bestimmten Genre zuzuordnen: War das eine Seifenoper oder ein Krimi, Mystery oder einfach intelligente Unterhaltung für ein anspruchsvolles Publikum? Am 8. April 1990 startete endlich  Twin Peaks und brachte eine Quote von 33 Prozent – rund 35 Millionen Zuschauer!  Twin Peaks wurde zu einem Medienereignis, und pro Folge blieben konstant 15 Prozent der Zuschauer dabei und genossen eines der ersten Produkte mit dem Label Quality Television, wie wir es heute kennen: ein komplexes Ganzes, ein perfektes Zusammenspiel aus Drehbuch, Musik (komponiert von Angelo Badalamenti und mit musikalischen Themen für einzelne Figuren) und visueller Inszenierung, die die in sich differenzierten Figuren ins Rampenlicht rückten.

Ungewöhnlich war auch die Tatsache, dass insgesamt zweiunddreiflig Charaktere eingeführt wurden, die bis zum Schluss der Serie mit von der Partie waren, darunter hochkarätige Filmschauspieler wie Kyle MacLachlan, Miguel Ferrer, David Duchovny, Kiefer Sutherland – alle spielten FBI-Agents -, Mädchen Amick, Lara Flynn Boyle und sogar Popsänger (David Bowie und Chris Isaak). Sogar Lynch selbst trat als Agent Gordon Cole auf. Rückwirkend betrachtet ist es interessant, dass alle aufgezählten Agentendarsteller später eine Karriere im TV-Bereich gemacht haben und die meisten davon ebenfalls als Agenten: Miguel Ferrer etwa in Crossing Jordan, David Duchovny in  The X-Files oder Kiefer Sutherland, der für seine Rolle des Jack Bauer in  24 einen Golden Globe und einen Emmy bekommen hat.

Zur Popularität der Serie trug natürlich auch Lynchs Filmkarriere bei, die Anfang der 90er ihren Höhepunkt erreichte. Während der Ausstrahlung der ersten  Twin Peaks -Staffel erhielt er die Goldene Palme in Cannes für den besten Film ( Wild at Heart ).  Twin Peaks war für vierzehn Emmys nominiert, zwei Mal gewann die Serie – für den besten Schnitt (Duwayne Dunham) und die besten Kostüme (Patricia Norris). Im Januar 1991 wurde  Twin Peaks mit drei Golden Globes ausgezeichnet: Lynch und Frost als Autoren der besten Dramaserie, Kyle MacLachlan (Agent Cooper) als bester Hauptdarsteller und Piper Laurie als beste Nebendarstellerin (Catherine Martell).

Dann orderte ABC nach den dreizehn Folgen der zweiten Staffel noch neun Folgen. Die 30. Episode, bei der Lynch wieder Regie führte, blieb die letzte. Der Marktanteil sank ab Folge 18 (Ende der Laura-Palmer-Geschichte) auf zehn Prozent und darunter, so dass die Serie nicht noch einmal verlängert wurde. Es wird spekuliert, dass der Sender sich einmischte und den Verlauf der Geschichte beeinflusste.  Twin Peaks jedoch war nicht darauf angelegt, eine Endlosserie zu sein – eigentlich sollte mit der Aufdeckung von Laura Palmers Mörder Schluss sein. Die zweite Staffel war umso verwirrender für das Publikum. Auch die Programmierung war schuld am Quotenrückgang: Die Serie wechselte zuerst vom Donnerstag-Sendeplatz auf Sonntag und dann wieder zurück…

Trotzdem bleibt Twin Peaks ein TV-Ereignis, das die komplette Branche inspiriert und teilweise zu einem gewissen Umdenken geführt hat. Aus diesem Grund werde ich mir jede einzelne Episode vornehmen und … nach Laura Palmers Mürder suchen.

Wilfred: Review der Pilotenepisode

Standard

Nehmen wir einmal das Wort “Happiness”, bei welchem die Lippen an dem “p” hängen bleiben… und das “s” am Ende sich wie eine Schlange windet und einem nach den äußeren Extremitäten trachtet. Der Kabelsender FX hat sich über die Jahre darin spezialisiert, mit menschlichen Extremitäten extrem umzugehen. Grenzwertiges und Grenzen überschreitendes Verhalten vor allem männlicher Protagonisten bildet oft ein zentrales Thema der FX-Serien. Sie untersuchen, wenn man so will, die gefährliche Beschaffenheit des Wortes “Happiness”. Woraus setzt es sich zusammen, welche Schattenseiten weisen seine Rundungen auf?

In diesen Schatten ist die Sch… am Dampfen, und schmerzhafte Schicksalsschläge schleichen die “S”-Windungen entlang. Wie soll man die neue FX-Comedy „Wilfred“ beschreiben? “Sch…” und “dampfen” wären auf jeden Fall Wörter, von welchen man in der Beschreibung Gebrauch machen könnte. Ab da weiß ich, ehrlich gesagt, nicht recht weiter. „Sons of Anarchy“ mit Hund… ? Sitcoms sind nicht wirklich mein Spezialgebiet, aber „Wilfred“ weckte mein Interesse – denn die Serienbeschreibung hört sich so absurd und verrückt an, dass das Ganze letztendlich fast einleuchtend klingt.

Sanity and happiness are an impossible combination“, lautet ein Satz von Mark Twain. Man nehme also das Wort „Happiness“ und packe es in… einen Abschiedsbrief? Von Glück überkommen sehen wir in den ersten Sekunden des „Wilfred“-Piloten den Protagonisten der Serie: Ryan (Elijah Wood) ist ein junger arbeitsloser Anwalt, dessen Gesicht erstrahlt ob der sprachlichen und inhaltlichen Perfektion seines Abschiedsbriefes. Genauer gesagt, der dritten Version desselben: „Suicide Note – Third Revised“.

„Wilfred“ wurde für das US-Fernsehen von David Zuckerman („Family Guy“, „American Dad“) umgesetzt, während das Original aus Australien stammt. Und wer ist nun Wilfred? Der Hund von Ryans hübscher Nachbarin Jenna (Fiona Gubelman). Ryans Selbstmordversuch scheitert, und es sieht danach aus, als bekäme er nicht einmal einen Abgang von dieser Welt auf die Reihe. Am Morgen danach aber bittet ihn Jenna, für einen Tag auf Wilfred aufzupassen. Das Besondere an der Aufgabe: In Ryans (und damit auch unseren) Augen ist Wilfred ein großer Mann im Hundekostüm (Jason Gann, der Co-Creator vom australischen „Wilfred“-Original). Alle anderen scheinen in ihm einen “normalen” Hund zu sehen.Und nun kümmert sich nicht etwa Ryan um Wilfred.

Es ist umgekehrt. Wilfred versucht Ryan beizubringen, wie man(n) sich auf die Hinterbeine stellt und zu sich steht. Wilfreds Methode ist einfach: Ryan in jeden erdenklichen Mist und problematische Situationen hineinmanövrieren, womit er dann fertig werden muss. Es beginnt mit einer unschuldigen Frage nach Matt-Damon-DVDs, geht mit gemeinsamem Kiffen auf dem Sofa weiter und endet mit einem Einbruch beim Pot züchtenden Nachbar, dessen Pflanzen sie entwenden und in dessen Schuhen buchstäblich die Sch… am Dampfen hinterlassen wird. Anschließend hinterlässt Wilfred unbemerkt Ryans Ausweis am “Tatort”.

„Wilfred“ ist definitiv nicht Jedermanns Sache. Mir persönlich hat der Pilot eine Menge Spaß bereitet; nicht nur die kleinen visuellen Späßchen mit unserer und Ryans Wahrnehmung, sondern auch das Zusammenspiel zwischen Wilfred und Ryan, das auf jeder Ebene funktioniert. Wenn man den Anblick eines Mannes im Plüschhund-Kostüm, der hinter einem Motorrad herläuft und „I’ll kill you!“ schreit, amüsant findet, dann ist man hier richtig.

Den Ball holen bzw. die Bälle holen bekommt mit „Wilfred“ auf jeden Fall eine ganz besondere Bedeutung. Ich kann nur sagen: „Try the ball.“ Und: Verfolgt den Abspann aufmerksam…

Castle: Always (4×23)

Standard

Ebbe und Flut. Blau-Grau und Rot-Gelb. Sowohl die Atmosphäre innerhalb dieser vierten Castle-Staffel, als auch die Farbengestaltung der Episoden und vor allem des Finales “Always” spiegeln den Herzschlag der Erzählung wider. Castle (Nathan Fillion) und Beckett bewegen sich zwar die ganze Zeit aufeinander zu, man spürt buchstäblich die Flut kommen, aber Beckett (Stand Katic) ist immer diejenige gewesen, die die Füße vor dem aufsteigenden Wasser zurück zog. “The Wall”, das Damm, das sie um sich gebaut hat und worüber sie mit Castle schon einmal sprach, wies Risse auf, nur Castle schien nicht mehr die Kraft und die Geduld zu haben, weiter zu versuchen. Sein Zurückziehen führte aber dazu, dass die entgegengesetzte Bewegung in Gang kam und Kate den Schritt Richtung Castle machte. Als die beiden, wie man am Anfang dieses Finales sehen kann, gerade dabei sind nicht nur zur Normalität zurückzukehren, sondern auch bereit scheinen sich einander wirklich zu öffnen, bricht ein Hurricane an Ereignissen über sie herein. In Always gibt es buchstäblich keinen Halt mehr und die Frage die sich stellt, lautet, ob diese Erschütterungen die beiden in die Arme des jeweils anderen fallen lassen werden oder nur … fallen?

Wir selbst müssen uns fragen: Wird uns Castle fallen lassen oder unsere Begehren erfüllen? In meinen Augen sind nur die wenigen “ernsten” Episoden von Castle, wenn der Humor verbannt wird, gelungen, aber Always erfüllt definitiv den Zweck auch wenn die Mittel etliche Klischees bedienen. Das ist keine Kritik, denn Castle demonstriert, wie man Altbekanntes spektakulär anwenden kann. Eigentlich geht es nicht wirklich darum, ob Beckett überleben wird, als wir sie in den ersten Minuten vom Dach eines hohen Gebäudes  hängen sehen, sondern wie sie in diese gefährliche Lage kam.

Ein einfacher Mord ist in Castle nie einfach. So steht es auch um ein getötetes Ex-Gangmitglied, der sein letztes Verbrechen … in Captain Montgomerys Haus beging. Obwohl es Castle nicht schmeckt, führt plötzlich alles zu der großen Konspiration hinter dem Mord an Becketts Mutter und Kate ist natürlich außer Rand und Band. Castle versucht zwar verzweifelt, sie an die “Leine” zu halten, aber man weiß ja, wie bissig sie in solchen Situationen wird. Auch Ryan ist gegen überhitze und überstürzte Aktionen, nur Beckett hört auf niemanden und mit Espositos Unterstützung macht sie sich auf die Spur eines Killers. Dieser will anscheinend an die Papiere kommen, die der mysteriöse Freund von Montgomery festhält und damit Kates Leben schützt. Castle kennt aber die Abmachung: Solange Beckett Ruhe gibt, ist sie in Sicherheit. Richard sieht sich gezwungen in einem Augenblick der Wahrheit Kate alles zu erzählen inklusive erneuter Liebesbekenntnis. Man kann die Szene zwischen den beiden als die erste emotionale Welle dieser finalen Flut bezeichnen. Die nächste erfolgt – nachdem Castle sich aus dem Ganzen komplett zurückzieht – als Kate von der Hand des Profi-Killers (Tahmoh Penikett) fast in den Tod fällt.

Nach ihrer Rettung (dank Ryan) wird sie von Gates beurlaubt und entscheidet sich den Schlußstrich zu ziehen – sie kündigt. Die nächsten Minuten sind für Fans und Beckett eine buchstäbliche Wanderung durch das Tal der Tränen. Wir sehen Beckett auf einer Schaukel sitzen, ganz allein im blauen Schimmern des strömenden Regens. Wenn man zynisch sein möchte, kann die Regensszene als ziemlich suggestiv bezeichnet werden. Aber sie funktioniert in dem Castle-Kate-Kontext, denn Beckett entschließt sich letztendlich “naß” zu werden, anstatt sich vor der Liebesflut erneut zurückzuziehen. An Castles Tür klingelt es und Kate “überschwemmt” ihn:

“He got away, and I didn’t care. I almost died, and all I could think about was you.”

Der Rest ist Geschichte, Castle-Kate-Geschichte, Liebesgeschichte…Somit ist die Frage vom Anfang beantwortet: Kate fällt, aber direkt in Castles Arme und wir wissen alle, wie es dazu kam. Wie geht es dann weiter? Beginnt ein neues Kapitel? Frisch verlängert, kann sich die ABC-Serie eine Antwort in dem Sommer überlegen.

Treme: Ein Liebesbrief mit Stockflecken – Staffel 1 / Season 1

Standard

Das Klagelied einer Stadt, die zwischen Melancholie und Hoffnung  die Unausweichlichkeit des Alltags feiert. Willkommen bei Treme, der wenig populären HBO-Serie vom The Wire-Schöpfer David Simon. Die Simon-Produktionen haben, oberflächlich betrachtet, eine heraustechende Gemeinsamkeit: Niedrige Quoten. Dank HBOs Senderpolitik aber und damit der “Erlaubnis”, die Simon bekommt TV-Kunst zu kreieren, dürfen wir in den Genuss von The Wire, Generation Kill und jetzt Treme kommen. Übrigens David Simons Wunsch lautet, Tremes Erzählung mit insgesamt vier Staffeln abzuschließen. HBOs Reaktion darauf? Deal! Wenn man Simons Werke genauer betrachtet, dann wird man sich vor ästhetisch-erzählerischen Gemeinsamkeiten nicht retten können. Trotzdem fällt einem bei der Beschäftigung mit den drei hier aufgezählten Serien ein Unterschied auf und dieser ist in meinen Augen am besten in literarischen Begriffen zu beschreiben.

Man kann behaupten, dass David Simon unter den Fahnen des Pay-TV-Senders mit dem epischen Roman seine Reise began, nämlich mit The Wire, um sich dann der Kurzgeschichte zu widmen, Generation Kill. Mit Treme betreten er und seine Mitstreiter den Bereich der Lyrik und damit des Augenblicklichen. Natürlich ist Treme eine fortlaufende Erzählung, aber sie feiert genau den Moment, in dem das Herz schneller schlägt oder aber einen Schlag aussetzt. Treme ist Emotion pur und damit meine ich nicht Melodram, sondern die Art menschliche Emotionen zu entblößen, bis auf ihre “Knochen”. Sie sind zum Greifen echt, so wie die verwüsteten Viertel in New Orleans nach dem Hurricane Katrina. Was erhält nach so einer Katastrophe die Menschen am Leben? Was treibt sie von einem Augenblick zum nächsten, von einem Herzschlag zum nächsten?Genau wie Katrina New Orleans bis auf die Knochen frei gespült hat, sehen die Beteiligten ihre Geschichten davon schwimmen. Sie müssen nicht nur um ihre Existenz kämpfen, sondern um ihre Seele und um diejenige ihrer Stadt. Wenn man es in cinematographischen Begriffen fassen würde und gleichzeitig den typischen Musikmontagen in nahezu jeder Episode Tribut zollt, ist Treme ein Establishing Shot der Seele als ein Stück Treibholz, das mit tänzerischen Bewegungen nach Zugehörigkeit sucht.

David Simons Serie nimmt die Erzählung drei Monate nach Katrina auf und verschwendet keine Zeit, um uns etliche Figuren zu präsentieren, wie den Posaunenspieler Antoine Batiste (Wendell Pierce, The Wire), der zwischen seiner Leidenschaft für Jazz und den Familienverpflichtungen (zweite Frau und ein Baby) keinen Kompromiss zu finden scheint. Von einem Auftritt zum nächsten lässt er sich von dem Strom unermüdlicher Begeisterung und Lebensfreude tragen. Genauso leicht fließt das Geld aus seiner Tasche. Vielleicht einer der Gründe, warum ihn die Barbesitzerin, seine Ex-Frau. LaDonna Batiste-Williams (Khandi Alexander, CSI: Miami) ihn verlassen hat? Aber ihre Bar und damit ihre Stadt kann sie nicht verlassen, auch wenn ihr zweiter wohlhabender Mann mit den beiden Söhnen in Baton Rouge lebt. Sie pendelt zwischen den beiden Orten und kommt von New Orleans nicht weg, sie kommt von ihren Wurzeln nicht weg.

Die New Orleans Wurzeln, vor allem  von der Naturkatastrophe entblößt, sind nicht immer ein schöner Anblick, wie man anhand zwei Handlungssträngen mitbekommt. Der erste dreht sich um die Rückkehr von Albert Lambreaux (Clarke Peters, The Wire), dem Mardi Gras Indian Chief, nach Hause und seinem hartnäckigen Versuch wieder an alte Traditionen zu knüpfen, sie wiederzubeleben. Aber kann man immer Vergangenheit wiederbeleben? Delmond (Rob Brown), der in New York lebende Jazz-Musiker und Sohn vom Big Chief ist nicht wirklich dieser Meinung. Lambreaux’ Wiederaufnahme der Traditionen beinhaltet gleichzeitg auch eine revolutionäre Haltung gegenüber dem System und dieses hat solche Lücken, wie die Dämme, die das Wasser von New Orleans nicht weghalten konnten. Durch eine solche Lücke scheint auch LaDonnas Bruder weggeschwemmt worden zu sein. LaDonna sucht ihn überall mit Hilfe der Anwältin Toni Bernette (Melissa Leo). Toni dreht jeden Stein um, aber bekannterweise verstecken sich unter Steinen oft Schlangen…

So sieht Tonis Mann, der Literaurprofessor Creighton (John Goodman – grandios im Stile eines Walter Sobchaks “The Big Lebowski”) die New Orleans Behörden, gar die US-Regierung – wie eine mehrköpfige Schlange, auf die man zwar Steine werfen kann, wie er es mit seinen Youtube-Wuttiraden tut, aber letztendlich zusehen muss, wie sie sich einfach darunter versteckt oder davon gleitet. In dieser Auswegslosigkeit, in seiner Verzweiflung über sich selbst und die Welt, gleitet nach und nach Creightons Leben von ihm weg und er sieht nur eine Möglichkeit für sich, nämlich den Selbstmord. In einer schön inszenierten Abschiedsszene werden wir gar nicht Zeugen davon, wie er von der Fähre springt. Für einen Augenblick steht er am Geländer, dann bewegt sich die Kamera um die Ecke, kommt zurück und er ist nicht mehr dort. Ein Augenblick und ein Mensch ist weg. Macht es einen Unterschied, ob er da ist oder nicht? Machte er mit seiner Existenz einen Unterschied? Verrät er mit diesem Abschied vom Leben seine Tochter und seine Frau oder befreit er sie?

Das Wasser, das eigentlich nie Creightons Haus erreichte, wird jetzt zu seinem Zuhause. Die Trauer und die Wut über Ungerechtigkeit, Unfähigkeit und Selbstgefälligkeit sind zwar nicht weggewaschen, aber Simon weiß sie auszubalancieren … mit Liebe. Es sind Liebe und Sorge um das, was beinahe verloren ging und es zu behalten lohnt. I just want my city back, sagt Davis. DJ Davis McAlary (Steve Zahn), der Allround-Musiker und späterer Bürgermeister-Kandidat ist eine der schillerndsten Treme-Figuren und in meinen Augen der Träger dieser Mischung aus hilfloser Wut, Lebensfreude und der Weigerung zu resignieren. In Resignation wird die Restaurantbesitzerin und Davis’ Freundin Janette Desautel (Kim Dickens), nachdem ihr einfach das Geld fehlt, um die Trockenperiode zu überstehen. Dabei ist sie eine Meister-Köchin. Shame, Shame, Shame – der Titel von Davis’ neuem Song beschreibt es am besten.

Als die große Parade trotz Schwierigkeiten triumphierend durch die Straßen zieht – genauso wie die echte aus dem Jahre 2006 – endet alles mit Schüssen und mit Toten. Nicht nur das Gute kehrt nach New Orleans nach der Katastrophe zurück, sondern auch das Schlechte.

Wie vom Winde verweht, sind Tremes Figuren und doch miteinander verbunden, durch ihre Stadt, durch ihre Geschichte und durch ihre Seelen, die nach Schönheit streben, während sie ihrer Misere optimistisch begegnen, zum Beispiel im Vergleich zu den Figuren aus The Wire. Obwohl es ist schwer zwischen Sich-Abfinden und Optimismus zu unterscheiden. Nach einer Katastrophe wie Katrina bleibt den Menschen dieser Stadt auch nichts Anderes übrig, als zu leben.

Davis: “All you want to do is get high, play some trumpet and barbecue in New Orleans your whole damn life?”

Kermit: “That’ll work.”

Wenn man überhaupt eine Aussage der HBO-Serie festhalten kann, dann besteht sie in meinen Augen aus einem hoffnungsvollen Appell, und nicht nur an Amerika. Es geht um die Schimmelflecken, die Besitz von unseren Seelen nach und nach ergreifen. Und daran ist kein Wirbelsturm schuld.

In Treme geht es um das Kreieren eines Augenblicks, eines Moments, wie David Simon sagt. Diese Momente sind voller Schönheit, es sind Übergangspunkte, an welchen diese Schönheit in den Alltag fließt.

Davis: “There are so many beautiful moments here.”
Janette: “They’re just moments. They’re not a life.”

Typisch für David Simons Arbeiten, haben auch in Treme Zuschauer-Touristen nichts verloren – in jedem erdenklichen Sinne. Die Serie erfordert Aufmerksamkeit und schert sich nicht darum, den Zuschauer an die Hand zu nehmen und ihm auch das letzte Stückchen zu erklären. Der Liebesbrief, über den ich schon sprach, wird von Treme zwar vorgetragen, aber man muss die Sprache können und gut zuhören, um in vollen Zügen zu genießen. Genauso wie bei den vorgetragenen Musikstücken nicht darum geht, was gespielt wird, sondern wie es gespielt wird: Einen eigenen Rhythmus kreieren.

Man kann sagen, dass Treme ein Soundtrack ist oder wie ich schon gesagt habe – ein Lyrikband. Die Serie besteht aus Augenblicken, Momenten, die aber dank penibler Recherche seitens Simon & Co. auch einen historischen Hintergund bekommen, was sie noch lebendiger erscheinen lässt. Auch die Musiker, die in Treme auftreten, Elvis Costellos Gastauftritt augenommen, sind aus New Orleans: Dr. John, Tom McDermott, Troy Andrews, Bruce Sunpie Barnes usw. Nicht zu vergessen die Star-Geigenspielerin Lucia Micarelli spielt hier Annie, die Straßenmusikantin, die im Duett mit ihrem Freund Sonny (Michiel Huisman) ihr Geld verdient. Aber das Zusammenleben entwickelt sich nach und nach zu einer Qual und von Duet kann gar nicht die Rede sein. Aber für jedes wegtreibende Boot könnte es irgendwo doch einen Hafen geben:

When Annie met Davis – in New Orleans findet doch jede/r einen Partner, um die Noten des eigenen Lebens in Begleitung vortragen zu können. Tremes Staffel Eröffnet mit einer fröhlichen Parade und schließt mit einer Begräbniszeremonie. Mit “I’ll Fly Away” schließt sich der Kreis der ersten Staffel, aber es ist eigentlich keiner, denn durch die Flashbacks von den Momenten vor Katrina sehen wir wieviel sich seit der Katastrophe für die Beteiligten verändert hat. Also ist Treme keine Erzählung darüber, wie sich nichts ändert, sondern wie plötzlich sich alles ändern kann und wie man damit zurecht kommt … und auch mit sich selbst.

Im Review zur zweiten Staffel und den anschließenden Episodenbesprechungen der kommenden dritten Staffel werde wir erfreulicherweise wieder die Treme-Lyriksammlung aufklappen dürfen und dabie aufpassen, auch wenn manche Seiten Stockflecken haben.

Bis dahin:

Buona sera, signorina, kiss me goodnight!