Grimm: Review zur Pilotenepisode (1×01)

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Wenn Märchen nie Märchen waren, bedeutet das: Die Welt steckt voller übernatürlicher Geschöpfe, und nicht alle sind friedfertig. Detektiv Nick Burkhardt hat einen grausamen Fall zu untersuchen, während sich Erschreckendes über seine eigene Familie enthüllt. 

Der TV-Zuschauer scheint unersättlichen Appetit auf das Übernatürliche zu verspüren, denn die Bildschirme werden heutzutage von allen möglichen und unmöglichen Wesen bevölkert. Soll heißen: Die Winchester-Brüder stehen längst nicht mehr allein im Kampf gegen Kreaturen, die wir aus Gruselgeschichten und Märchen kennen. Was uns das US-Fernsehen lehrt, ist auch Prämisse der neuen NBC-Serie „Grimm“: Sie sind unter uns! Übernatürliche Wesen gibt es nicht nur im Märchen, sondern sie waren immer schon da, Teil dieser Welt; sie machen sich, teils bzw. streckenweise in menschlicher Gestalt, “unsere” Welt zu Nutze.

Mit der Frage danach, wie solche Geschöpfe zu bekämpfen sind, aber auch mit Erwachsenwerden, mit Identitätskrisen, mit Liebesgeschichten, mit Apokalypsen heutiger Gesellschaften, mit “natürlich” vs. “über- bzw. nicht-natürlich” und vielen anderen Themen beschäftigen sich Serien wie „Supernatural“, „True Blood“, „The Vampire Diaries“, „The Secret Circle“, „Teen Wolf“, „The Walking Dead“, „American Horror Story“, „Once Upon a Time“ usw. Jetzt kommt mit „Grimm“ eine weitere Serie dazu. Übernatürliche Geschichten bieten unendlich viel Raum für jede nur erdenkliche Story; meist ist es eine Frage der Ausführung, der Atmosphäre, der Chemie zwischen dem Natürlichen und dem Übernatürlichen, ob das Ergebnis funktioniert oder nicht.

Wie wäre es also mit einem übernatürlichen Krimi-Procedural? Wir werden in „Grimm“s Teaser gleich Zeugen eines grausamen Verbrechens, dessen sich dann Detective Nick Burkhardt (David Giuntoli) und sein Partner Hank (Russell Hornsby) annehmen. Oh, übrigens: Nick wird seiner Freundin bald einen Antrag machen. Außerdem sieht er plötzlich, dass die Gesichter mancher Menschen für kurze Zeit monströse Form annehmen. Nein, es sind keine Halluzinationen. Und ja, es hat plötzlich angefangen.

„Grimm“ vergeudet keine Zeit und versucht möglichst viel zu erzählen. Die Erklärung für Nicks Zustand kommt schnell, sogar zu schnell: Nicks Tante Marie (Kate Burton) wird bald sterben und hat ihm etwas Wichtiges mitzuteilen. Er sei der letzte Grimm! Er brauche zwar keine Geschichten zu schreiben, aber er sei einfach dazu verdammt, gegen die Gestalten aus Grimms Geschichten anzutreten: denn diese Geschichten seien keine Märchen, sondern Dokumentationen tatsächlicher Ereignisse.So ist denn der böse Wolf noch immer hinter Rotkäppchen her bzw. hinter Mädchen, die Rot tragen. Dank der neuen Kenntnisse, die Nick durch seine Tante erwarb, kann er ein kleines Mädchen retten. Nicht ohne Hilfe freilich, denn es gibt auch gute Wölfe – solche, die den Rotkäppchen-Entzug geschafft haben, wie Monroe (gespielt von Silas Weir Mitchell, „Prison Break“), dessen Rezept lautet: „strict regimen of diet, drugs and Pilates.

Seine Figur soll eindeutig die nötige Prise Humor in die „Grimm“-Mischung bringen, aber wie auch der Rest wirkt alles sehr erzwungen: Wir erleben weder Humor noch Spannung. Denn für Letztere wird hauptsächlich der Soundtrack eingesetzt – mehr aber auch nicht. „Grimm“ bemüht sich sehr, die Krimi-Seite mit der mystischen zu verbinden, um schon im Piloten klare Verhältnisse zu schaffen und beide Fan-Gemeinden anzulocken. Man will offenkundig eine bedrohliche, dunkle Atmosphäre kreieren. Aber die Dunkelheit ergibt sich nur aus den nächtlichen Aufnahmen und dem ständig auf Gefahr beharrenden Soundtrack.

Wie sich die mystisch-mythische Seite entwickeln wird, kann man noch nicht mit Gewissheit sagen; als Krimi jedenfalls versagt die Episode auf der ganzen Linie. In meinen Augen fühlt sich die „Grimm“-Welt in dieser ersten Episode wie eine Kulisse an, in der trotz der schnellen Entwicklung umrisslose Figuren herumgeistern, so dass man sich kaum die Gesichter merken kann. Weder der Horror funktioniert noch die Krimielemente – und schon gar nicht die Kombination aus beidem.

Nun, über die Aussichten für die neue NBC-Serie gibt bereits der Titel des Piloten Aufschluss. Ironie beiseite: Ich weiß, dass die Herzen vieler unserer Leser für übernatürliche Serien schlagen. Meins tut das eigentlich auch, aber dieser Auftakt von „Grimm“ dümpelt, gelinde gesagt, am unteren Rande des Durchschnitts herum – nicht nur wegen der schwachen Inszenierung. Allerdings würde ich mich nach diesem im Dramabereich katastrophalen Seasonstart nur zu gern eines Besseren belehren lassen…

Robert Greenblatt gehörte zu den Leuten, die hinter „The X-Files“ standen, als die Serie freitags auf FOX Erfolge feierte. Jetzt, als Kopf von NBC Entertainment, scheint Greenblatt ähnliche Freitagspläne zu schmieden. Gut: wie viel „Grimm“ mit „The X-Files“ gemeinsam hat, kann man nach nur einer Eisode schwer sagen.

 

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