Paradox: Review der ersten Staffel

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Ist „Paradox“ das bessere „FlashForward“?

Die erste und bis jetzt einzige Staffel der BBC-Serie Paradox steht seit geraumer Zeit auf meiner To-see-Liste, aber der ganz normale alltägliche Serienwahnsinn zieht mich in so etwas wie ein zeitloses Wurmloch und ich verliere die Orientierung hinsichtlich meiner Listen. Genauso wie die Macher von „Paradox“ beim Zusammensetzen ihres durchaus spannenden Konzeptes die Orientierung verloren zu haben scheinen… Ja, ich habe nun doch die Zeit gefunden, „Paradox“’ fünf Episoden zu schauen. Und ja, die Serie handelt von der Zeit, sie handelt von Gegenwart und Zukunft, von möglichen Zeit-Überlappungen und ihren Konsequenzen. In „Paradox“ geht es um den alten menschlichen Wunsch, in die Zukunft zu blicken und sie zu verändern. Dieser Blick jedoch ist wie ein blinder Fleck, der die Sicht des Schauenden betrübt und ihn der Möglichkeit beraubt, eine objektive Kette von Ursache und Wirkung zu konstruieren. Dieser blinde Fleck ist die eigene Präsenz des Betrachters im sichtbaren Feld – oder Bild, ganz wie man will. Aus diesem Grund enthält das Zusammensetzen von Bildern zu einer Geschichte eine starke subjektive Komponente.

Das aufzuzeigen gelingt „Paradox“, aber die Serie scheitert an der Umsetzung: Es gelingt ihr in allen fünf Episoden nicht, ein abgerundetes Ganzes zu kreieren. Man hat das Gefühl, als beobachte man einen Menschen dabei, wie er immer wieder vergeblich versucht, aus seinem Bus auszusteigen und den anderen, an der gegenüberliegenden Haltestelle, zu erwischen. Ich werde nicht weiter um den heißen Brei reden: „Paradox“ verpasst den Zug Richtung erfolgreiche Mystery-oder Sci-Fi-Serie.

Dafür sind nicht so sehr irgendwelche Wurm- oder Plotlöcher verantwortlich, sondern Kleinigkeiten, die aber in ihrer Gesamtanzahl den positiven Eindruck beeinträchtigen. Man muss natürlich immer wieder betonen, dass die erfolgreiche Umsetzung eines Mystery-Projekts eine der schwierigsten Übungen in der TV-Branche darstellt. Es gleicht dem Zusammensetzen eines Puzzles aus mehreren tausend Teilen, während zum Beispiel ein Krimi-Procedural nur ein paar hundert aufwiese. Wie schon erwähnt: das Thema der Zeitreisen und Parallelwelten, bekannt aus mehreren Sci-Fi-Klassikern und ihren filmischen Umsetzungen (wie „Minority Report“, basierend auf Phiip K. Dicks Kurzgeschichte), ist mehr als spannend. Nur gelingt der BBC-Produktion eben keine hinreichende Umsetzung.Was genau ist schief gelaufen? Über den Inhalt der einzelnen Episoden werde ich in diesem Artikel so gut wie nichts erzählen, da wir sowieso schon darüber berichtet haben. Ich werde mich darauf konzentrieren, was mir persönlich in „Paradox“ gefiel und was nicht. Vor dem Hintergrund jahrelangen Hollywood-Mystery-Konsums ist es natürlich gewöhnungsbedürftig, sich nun in Manchester wiederzufinden, wo mysteriöse Ereignisse ihren Lauf nehmen. Ich spreche hier nicht von Glaubwürdigkeit, sondern vom Schaffen einer Kulisse, vom Wiedergeben des pulsierenden Lebens einer Stadt, die vom Unheimlichen heimgesucht wird.

Wir Zuschauer, müssen uns, damit Spannung aufgebaut werden kann, Sorgen um die Beteiligten machen, Sympathien bzw. Antipathien entwickeln. In Manchester sehen wir die Hälfte der Zeit leergefegte Straßen; die wenigen Menschen, die auftauchen – inklusive Hauptfiguren -, scheinen sich durchgehend miserabel zu fühlen und sehen auch so aus, aus welchem Grund auch immer. Zu neunzig Prozent der Zeit ist es dem „Paradox“-Zuschauer egal, was mit den Figuren geschieht; zumindest ging es mir so. Ja, schlimmer noch – sie nerven unheimlich!

Der voyeuristische Astrophysiker Dr. Christian King (Emun Elliott) verbringt seine Zeit mit hartnäckigem Vor-sich-Hinstarren à la “Hier geschieht Unheimliches” und DI Rebecca Flint (Tamzin Outhwaite) schwankt zwischen explosiver Hektik und Hysterie. Der Rest der Besetzung ist kaum einen Satz wert: Rebeccas Team und die Manchester-Polizei sind einfach “an awful mess”. Christians Vorgesetzte wissen nicht, was sie tun und warum sie überhaupt Screentime bekommen. In dem Forschungskonzern – oder was es auch immer ist – arbeiten offenbar nur Christian und die beiden Vorgesetzten. Sonst hält sich in dem riesigen Gebäude keiner auf.

Noch weniger wert ist aber die billige audiovisuelle Umsetzung – den mürrischen Gesichtern der Beteiligten entsprechend, sehen die Sets absolut miserabel aus. Im visuellen Bereich hat man auf den so genannten dokumentarischen Stil gesetzt, aber das Ergebnis ist leider eine Anhäufung von… ja: dokumentarischen Bildern von Manchesters Straßen, bei welchen die Spannung gegen Null geht. Der Soundtrack suggeriert ständig wachsende Bedrohung und unheimliche Spannung, die von den Bildern nicht im Geringsten unterstützt werden. So verrauchen die dunklen Klänge hilflos in Manchesters grauem Himmel.

An die roten digitalen Zahlen möchte ich gar nicht erst denken: schmerzlich erinnerten sie mich an die grandiose Sat.1-Produktion „Deadline“… Bitte, BBC, ihr habt genug gute Sachen produziert: begebt euch nicht auf das Niveau der deutschen Serien! Realismus der Bilder hin oder her: aber hier hat man einfach kein Geld ausgeben wollen oder können. Was das Tempo betrifft, das Einführen von Figuren und ihren Geschichten: Alles viel zu hektisch, viel zu bemüht – mit der Zeit von nur fünf Episoden hat man sich bei so einem Konzept keinen Gefallen getan. Der Versuch, die alltägliche Polizeiarbeit auf den Straßen von Manchester mit mysteriösen Ereignissen zu kombinieren, ist durchaus lobenswert, aber er bleibt Versuch.

Unterm Strich hat „Paradox“ einen so langen Artikel nicht verdient. Aber ich ärgere mich tatsächlich, dass aus BBCs spannender Ankündigung eine so enttäuschende Serie geworden ist. Als Cliffhanger bekommen wir nicht einmal eine interessante Erklärung oder einen Verschwörungshinweis. Dabei könnte man Fragen über Fragen ausbreiten: Hat das Einmischen in den ersten vier Fällen den fünften herbeigeführt? Warum stammen die Bilder vom eigenen Satelliten Prometheus? War alles eine Warnung – oder eine Aufforderung zur Handlung, um eine Wunschzukunft zu erreichen?

„Paradox“ ist, so hoffe ich, definitiv nicht die Wunschzukunft der britischen Serie.

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