Alice: Review des SyFy-Films

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Eine Liebesgeschichte, ein Ring, freier Wille, ein Stückchen Literaturgeschichte, all das gemischt mit der Suche nach dem abwesenden Vater: das beschreibt heutzutage viele audiovisuelle Erzählungen. 

Zwei Sachen vorab: Der Alice’s Adventures in Wonderland-Neuauflage auf SyFy kann man so oder so begegnen. Die Puristen würden sich die Haare weiß färben und die SyFy-Verantwortlichen entführen, die TV-Nebenbei-Bügler würden kein Kleidungsstück vor Faszination verbrennen und die Unvoreingenommenen oder die, die Lewis Carrolls Original nicht kennen, würden sich über diese verwirrende, lari-fari-romantische Fantasy-Komödie aufregen. Ein gutes Wort? Ich übernehme den Part bei diesem emotionalen Mischmasch:

Twinkle, twinkle, little bat!

How I wonder what you’re at!

Up above the world you fly,

Like a teatray in the sky.

Twinkle, twinkle, little bat!

How I wonder what you’re at!

Ich liebe Carrolls Bücher! Das Zuschauen von Alice erweckte ein angenehmes, vergessen geglaubtes Gefühl, in dessen Besitz ich damals war, als ich die Bücher las. Schlussfolgerung: Für mich hat es die Mini-Serie geschafft! Genauso könnte man das Umgekehrte sagen und etliche Unzulänglichkeiten herauspicken. Subjektive Meinung nennt sich das. Es ist sogar eher ein subjektives Gefühl als eine Meinung. Und da mir leider das geistige Unvermögen anhaftet, objektive Distanz zum betrachteten Gegenstand halten zu können, folge ich einfach so, subjektiv und leidenschaftlich, Alice durch den Spiegel.

Ihre Reise stellt eine streckenweise sehr ironische, aber auch sehr pointierte Spielerei mit Problemen unserer realen Welt und der Parallelwelt in unseren Köpfen dar. Diese Spielerei hat eine Ping-Pong-Spiegelwirkung. Keine Sorge – oder wie Heisenberg (in Breaking Bad) sagt: Relax; es beginnt hier keine psychoanalytische Deutung der Bilder, obwohl sie es verdient hätten. Ich halte das Ganze eher im Rumsdideldumsdidel-Style. Ab in den SyFy-Kaninchenbau – oder wie man beim Poker sagt: Shuffle Up and Deal! Obwohl Alice-Autor und -Regisseur Nick Willing die Karten neu gemischt hat, bleibt Wonderland ein Kartenhaus der inszenierten bzw. erschaffenen Glückseligkeit, nur das Verfahren ist anders und … Alice selbst ist anders. Der Anfang der Serie dürfte nicht nur Puristen und Remakegegner ihrer Glückseligkeit beraubt haben, sondern auch so manchen „normalen“ und friedfertigen Zuschauer. Alice startet schnell, aber langsam. Die erste halbe Stunde könnte nicht nur Verwirrung stiften, sondern viele vom Weiterschauen abhalten. Aber sie beantwortet die Frage:

Who the F*** is Alice?

Die Einführung in Alices Welt und ihre persönliche Sphäre verläuft durchaus rasant und entspricht sehr der Natur der Heldin, die wir nach und nach kennen lernen. Die neue Alice (brillant dargestellt von Caterina Scorsone) ist anders als die aus den Büchern. Sie ist nicht unschuldig, brünett und nicht blond, kein Kind mehr bzw. ein kleines Mädchen nur für den abwesenden Vater – und sie kann anderen Menschen locker einen Tritt in den Allerwertesten verpassen. Denn Alice ist Judo-Lehrerin. Ein sich etwas plump anstellender Schüler mit englischem Akzent ist ihr Freund Jack (Philip Winchester).

An dieser Stelle schon ein rätselhafter Hinweis auf den Freund: Hätte Phil Ivey die Jacks (JJ) am Final Table der World Series of Poker (2010) bloß nicht weggelegt! Genug verraten – und schnell wie ein Hase zurück zu Alice. Sie ist verletzlich, aber gleichzeitig stark und energisch, je nach Situation. Sie ist klug, aber nicht so klug, dass sie alle Schachzüge oder jeden Bluff des Gegners durchschauen kann. Sie hat, wie viele Serienheldinnen, Bindungsängste und sucht immer noch nach ihrem seit 15 Jahren vermissten Vater. Oder wie sie ein US-Kritiker nannte: She’s a first-rate heroine, timeless and contemporary. Oh, und da wir bei der Zeitperspektive sind: Alice war nie im Wonderland! Oder vielleicht doch? Die Queen of Hearts (Kathy Bates) und andere Wonderland-Bewohner reden von Alice of Legends, einer anderen Alice, die vor 160 Jahren schon da war und das Kartenhaus zusammenbrechen ließ. Lustigerweise heißt Alices Mutter Carol und Lewis Carrolls Buch „Alice’s Adventures in Wonderland“ ist auch mehrmals im Bild zu sehen. Dafür die grinsende Katze für meinen Geschmack zu selten… Ich liebe diese Katze! Nun: das Kartenhaus wurde neu errichtet und heißt jetzt Casino Happy Hearts. Also:

Alice doesn’t live here anymore?

Da kommt sie schon durch den Spiegel: im freien Fall der bunten (Alp-)Träume. Nachdem Jack wie aus dem Nichts versucht, einen Ring auf ihren Finger zu stecken – ganz falsch bei Frauen, die „daddy issues“ haben – und sie ablehnt, versteckt er ihn doch in ihrer Tasche; und als sie hinter ihm her rennt, um seine Hartnäckigkeit zu bestrafen, sieht Alice, wie er geschlagen und entführt wird. Übrigens – zum Ring: der ist nicht einfach nur ein Ring. Nicht nur, weil die Mini-Serie von Kay Jewelers gesponsert wurde (nicht zu vergessen auch die Ikea-Einrichtung in Alices Haus und die JVC-Monitore in Wonderland), sondern weil für diesen wie auch für andere „filmische“ Ringe der Satz gilt: „Ein Ring sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden!“

Der Ring ist hier der Schlüssel für den Spiegel als Übergang zwischen unserer Welt und Wonderland. Und die Menschen, die, wie wir schnell erfahren, aus der „normalen“ Welt entführt werden – an diesem Punkt nimmt die Handlung Fahrt auf -, werden durchaus nicht ins Dunkel getrieben, sondern ins helle Licht der Spielautomaten, der Black Jack-Tische und der inszenierten Glückseligkeit. Die Herrscherin von Wonderland, The Queen of Hearts (Kathy Bates), die ein Inbegriff der ironischen und gleichzeitig der ernsten Seite der ganzen Serie ist (“I’m the most powerful woman in the history of literature!”) lässt die Menschen entführen (von White Rabbit). Sie werden “oysters” genannt, willenlos gemacht und in das Casino gesteckt, wo man sie gewinnen lässt – und über ihre an den Casino-Fußboden „geklebten“, gefesselten Füße entleert man ihre positiven Emotionen, um für die Wonderland-Bevölkerung Drogenextrakte namens “Bliss”, “Lust”, “Innocence” etc. zuzubereiten.

Ein gelungener Kommentar zu den parasitären wirtschaftlichen Strukturen der Entertainment– und Glücksspielindustrie: das inszenierte Glück der Anderen als Garant für das eigene Wohlbefinden und gleichzeitig als Ware. Man denke an das von Hutter betriebene Tea House. Sehr gelungen fand ich die Architektur von Wonderland mit ihren in Dämmerlicht getauchten bleichen, verlassenen, terrassenartigen Gebäuden, die die Metapher von Alices Fall durch den Spiegel und ihre Höhenangst durchgehend aufrecht erhalten. Alice versucht ihren Freund Jack zu finden und zurückzubringen. Anstatt nur in eine Reihe surrealer Abenteuer zu geraten, findet sie sich mitten in einem ernsten Drama wieder. Alices Suche verwandelt sich in eine nach dem eigenen Glück, in den Versuch, ein Kapitel ihres Lebens – kleines Mädchen ohne Vater – abzuschließen und ein neues anzufangen. Sie erfährt, dass ihr Vater vor 15 Jahren ebenfalls entführt wurde und für die Queen arbeitet, ohne sich an sein vorheriges Leben erinnern zu können.

Außerdem existiert auch in Wonderland Widerstand, der von Caterpillar (Harry Dean Stanton) angeführt wird. Aber viel wichtiger ist nicht die relativ magere Unterstützung durch diesen Widerstand, sondern die Hilfe, die Alice durch den Tea House-Betreiber Hatter (Andrew-Lee Potts, Primeval) erfährt. Ja, es ist Mad Hatter aus den Büchern, er ist zwar weniger mad, aber die Liebe zu seinem Hut besteht. Der erste Teil seines Namens hat sich auf den Auftragsmörder der Queen übertragen, den Hasen-Mann Mad March, der mich stark an den überdimensionalen Hasen aus Donny Darko erinnerte.

Hasenpfote ist ständig auf der Spur von Hutter, Alice und The White Knight (Matt Frewer). Ja, es gibt einen Dritten im Bunde: The White Knight bringt ein episch-romantisches Element in die Serie, das für Situationskomik sorgt: Don Quichotte eben. Aber statt Rosinante gibt es hier die einmalige „flying flamingo aircraft“ oder den Flamingo Sky Vespa, wie man möchte. Auf diesen Flamingos liefert man sich wilde Verfolgungsjagden. Weniger involviert ist Jack of Hearts, der Sohn der Queen, den wir in den ersten Minuten als Alices Freund Jack kennen lernten. Aber sein Ziel ist, dem Widerstand zu helfen, seine Mutter zu entthronen, um selbst King of Hearts zu werden. Als Zuschauer ist man regelrecht und Hutter wählt … und er sie. Die Chemie zwischen Hutter (eine Art Überlebenskünstler mit Herz) und Alice ist von der ersten Sekunde da. Und ich nehme ihnen die Romanze absolut ab. Obwohl die Serie ihre Längen hat, hält Alice die Erzählung ziemlich straight, ohne die Spannung zu verlieren; anstatt sich in Sci-Fi-Elemente oder CGI zu verwickeln, legt man Wert auf die Figuren. Alice ist darauf erpicht, uns zu amüsieren und auch ein wenig unsere Imagination anzukurbeln. Auf jeden Fall macht der Zweiteiler Spaß .

Würde ich meinen VW gegen einen Flamingo-Scooter tauschen um ins Kino zu fahren? Ja!

 

 

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