Mad Men – Die Serie: I think we need to salute that!

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Es gibt eine Serie, die in den USA als Kritikerliebling gehandelt wird und bei den Emmy-Verleihungen in den letzten Jahren immer die Nase vorn hat.

Im Folgenden werde ich sowohl einen kurzen Rückblick auf Mad Mens Themen und die Ereignisse unter dem Dach der New Yorker Werbeagentur Sterling & Cooper anbieten als auch ein paar Sätze über den beeindruckenden visuellen Stil der Serie verlieren. Und je mehr ich verliere, desto mehr habt ihr hoffentlich davon.

„There is no big lie, there is no system, the universe is indifferent“

Die Geschichte über den Aufstieg, Fall und (vielleicht) Wiederaufstieg der Werbeagentur Sterling & Cooper begann im Jahre 2007 auf AMC, dem Sender, der mit Mad Men und Breaking Bad HBO beerbt und zur Fernsehserie als einem Kunstprodukt steht. Genauso wie Don Draper (Jon Hamm), Mad Mens Hauptfigur und seines Zeichens Creative Director von Sterling & Cooper, Werbung als Geld bringende Kunst sieht, die vom Vertrauen lebt – und vom Missbrauch dieses Vertrauens. Die Erzählung über die Werbebranche und die amerikanische Gesellschaft der 60er Jahre ist gleichzeitig eine Erzählung über Donald Draper, den Mann, der an deren Spitze angelangt ist und sich doch im Nirgendwo befindet. Er erreicht alles im Leben – und steht doch mit leeren Händen vor dem Spiegel. Die Zuschauer begleiten ihn auf seiner Reise zwischen Genialität und Wahnsinn, zwischen dem gutherzigen Vater und dem hemmungslos untreuen Ehemann.

Seine Geheimnisse und seine Vergangenheit holen ihn in der dritten Staffel endgültig ein und stürzen ihn ins Bodenlose: Seine Frau Betty (January Jones) findet heraus, dass sie mit einem Unbekannten namens Dick Whitman verheiratet ist. Aber Mad Men verurteilt nichts und niemanden. Die Serie studiert eine wichtige Epoche amerikanischer Geschichte und seziert mit schmerzvoller Genauigkeit die Schicksale verschiedener Menschen, die in der Suche nach Zufriedenheit und Erfüllung gefangen sind. Genauso wie diese Wörter inhaltlich wenig von einander abweichen, weichen die Zustände und Kontexte, die sich zwischen den Rauchwolken in Mad Mens Bildern einstellen, wenig voneinander ab, aber sie tun es. Sie verschieben sich. Ständige Veränderung ist ein Hauptthema der Mad Men-Erzählung. Der Schöpfer der Serie, Matthew Weiner, konstruiert sie vor dem Hintergrund zeitgenössischer Ereignisse und Zustände: dem Mord an John F. Kennedy, Rassenproblematik, Homosexualität, Frauenrechte etc. Aber nie lenkt dieser Hintergrund die Zuschauer vom Tatsächlichen ab: von der existenziellen Krise des Einzelnen. Mad Men ist eine Erzählung über Veränderung, die sich so schnell ereignet, dass die Figuren sich selbst nicht einholen können. Die Protagonisten in Mad Men werden nicht so sehr dadurch gequält, den eigenen Erwartungen nicht entsprechen zu können, sondern dadurch, dass sich die Grundlage dieser Erwartungen immer wieder entzieht.

In den ersten zwei Staffeln der Serie lernen wir die unterschiedlichen Figuren auf ihren ganz persönlichen Reisen kennen; in der dritten Staffel erst kristallisiert sich das Gefühl heraus, dass manche zueinander gehören und manche nicht. Endgültig. Zwei Staffeln lang erbaute man Stein für Stein, Werbekampagne für Werbekampagne, Wort für Wort, Kuss für Kuss, Zigarette für Zigarette und Schluck für Schluck Whisky eine Unausweichlichkeit, die nach einem Neuanfang schrie. Was in der ersten Staffel als erfolgreiche Werbeagentur einwandfrei zu funktionieren schien, war eigentlich die Apotheose dieser Agentur, genauso wie Dons perfektes Familienleben dem Scheitern geweiht war. Warum? Weil wir am Ende eines Prozesses zugeschaltet haben, der als Spiegelung der kapitalistischen Wegwerfgesellschaft inszeniert wird, wo alles so schnell zu erreichen ist, dass es im Moment der Erreichens seinen Wert schon verloren hat – Jobs, Beziehungen, alles kann von einem Augenblick zum nächsten ins Bodenlose fallen, wie der Vorspann der Serie es so schön verbildlicht. Drapers Ehe liegt genauso in Trümmern wie die Agentur selbst. Aber man darf auf den Wiederaufbau gespannt sein – auf den Neuanfang mit Don Draper (John Hamm), Roger Sterling (John Slattery), Joan Holloway (Christina Hendricks), Peggy Olson (Elisabeth Moss) und Pete Campbell (Vincent Kartheiser): Shut the door. Have a seat. And welcome in Sterling Cooper Draper Pryce.

„You’re looking in the wrong direction“

Die Kamera verweilt – und wir verweilen mit ihr und den Blicken von Don und Roger – bei den verlassenen Räumen von Sterling & Cooper. Ein letzter Schwenk zum Abschied. Die Kamera zieht sich zurück. Da ich in den letzten Wochen in der Kolumne Retrojunkies Reviews über Twin Peaks geschrieben und mich dabei mit dem audiovisuellen Stil jenes Klassikers auseinandergesetzt habe, fällt mir eine gewisse Ähnlichkeit zu Mad Men auf. Viele Episoden – oder zumindest viele neue Szenen innerhalb einer Episode – werden mit einer Nahaufnahme entweder von einem auf dem ersten Blick unwichtigen Gegenstand im Raum oder von einem Körperteil einer Person eröffnet. Danach schwenkt die Kamera weg – meistens nach rechts -, zieht sich ein wenig zurück und gibt den Blick auf die komplette Szene frei.

Diese Aufnahmen dienen nicht so sehr der Informationsübermittlung, sondern mehr dem Erschaffen von Stimmung, von der Atmosphäre, die dann die ganze Szene dominiert. Man kann dieses Verfahren „Vom Detail zum Ganzen“ nennen. Ähnliche Kamerafahrten schließen viele Szenen in Sterling & Cooper ab. Oft wird eine Figur, die entweder auf einer Couch oder hinter dem Schreibtisch sitzt, in Close Up oder Medium Shot gezeigt. Dann entfernt sich die Kamera langsam rückwärts und lässt die Figur allein – klein und einsam, eingerahmt von den Vertikalen der Türen. Das Bild erreicht dadurch eine enorme Tiefe, da oft ein heller Fleck (meist ein Fenster) den Fluchtpunkt bildet, und unterstreicht dadurch das Gefühl der Einsamkeit und Isolation. Mad Men wird prinzipiell mit zwei Kameras gefilmt, wie es generell bei vielen heutigen Produktionen der Fall ist; hier aber wird, laut Produzenten, die Kamera B seltener als gewöhnlich benutzt.

Steadicam und Handkamera werden nie eingesetzt, denn die Mad Men-Produzenten empfinden verwackelte Bilder als unpassend für die visuelle Ästhetik der Zeit, über die erzählt wird. Mad Men fällt durch das häufige Benutzen von Low Angle-Aufnahmen (Untersicht) auf, die die Macht und Dominanz der gezeigten Figuren unterstreichen. Der besondere und sehr klar definierte Gebrauch von Licht ist vermutlich die wichtigste visuelle Waffe, die der Erzählung und den involvierten Figuren zusätzliches Gewicht verleiht. Man sieht, dass in Sterling & Cooper fast ausschließlich fluoreszente Deckenbeleuchtung benutzt wird. (Wenn Nahaufnahmen von Figuren eingesetzt werden, kommt zusätzlich diffuse Seitenbeleuchtung ins Spiel, um deren Gesichtszüge zu betonen.) Der hauptsächliche Grund für diese Beleuchtung liegt darin, dass das saubere – also nicht, wie in vielen heutigen Serien üblich, mit Grün oder Blau gefilterte – weiße, fluoreszente Licht sehr farbgetreu seine Funktion erfüllt und dem Bild Balance verleiht, was typisch für Produktionen der 60er und 70er Jahre ist.

Um diese Balance zu gewährleisten, benutzen die Produzenten sehr oft Vertikalen im Bild, etwa Tür- und Fensterrahmen, die das Bild in zwei gleiche Hälften aufteilen, in welchen sich jeweils eine Figur befindet. Insgesamt gesehen wechselt die Serie von helleren Bildern in der ersten Staffel zu generell dunkleren in der zweiten, wo viele Szenen in geschlossenen Räumen oder nachts spielen und als Beleuchtung nur Steh- oder Wandlampen benutzt werden. Auch das Zuhause der Drapers wird immer dunkler, je nach Entwicklung der Erzählung; die relativ kleinen Räume, die anfangs mit Hilfe kleiner, natürlicher Lichtquellen geschickt „vergrößert“ wurden, scheinen immer enger zu werden: buchstäblich scheint den dort lebenden Figuren „die Decke auf den Kopf zu fallen“.

Die ständige Bewegung der Erzählung, die Verschiebungen und Veränderungen innerhalb des Lebens der Protagonisten werden oft mit Hilfe von Szenen-Überlappungen erreicht, zum Beispiel in der Episode “The New Girl”, für die Kameramann Christopher Manley die Emmy-Nominierung erhielt: In zwei Flashbacks wird gezeigt, was mit Peggy (Elisabeth Moss) passierte seit der Feststellung, dass sie schwanger ist. Die eine Szene geht hier in die nächste über: Peggy geht in ihrer Wohnung den Korridor entlang, öffnet die Tür des Zimmers, kommt herein und schließt sie mit dem Gesicht zu uns; in einer langsamen Überblende verwandelt sich die Vertikale der Tür in die unscharfe Vertikale eines Fensters, das den Platz der Tür im Bild einnimmt.

Wir sehen Peggy liegend und hören eine männliche Stimme (eines Arztes) über ihre Situation reden. Es ist ein Flashback, das uns zwei Jahre zurück versetzt. In einer weiteren Szene, später in der Episode, sitzt sie auf der Couch; die Kamera schwenkt zu einem Stuhl und bewegt sich dann auf der Diagonale nach oben rechts, so dass der Stuhlrücken den Bildschirm verdunkelt – aber die Bewegung setzt sich fort, und am oberen Ende der Diagonale (auf dem Stuhl sitzt ein Mann) taucht Peggy auf, im Bett liegend. Es ist ein weiteres Flashback: Don besucht Peggy im Krankenhaus. Man kann bei Mad Men mit den Beispielen für visuelles Erzählen lange fortfahren – aber … Smoke Gets in My Eyes…

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