Sons of Anarchy – Uneasy Riders: Review der ersten Staffel

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FX, der Sender, der The Shield, Nip/Tuck, Rescue Me und jetzt Sons of Anarchy und Justified auf den TV-Bildschirm brachte, scheint ein gutes Händchen zu haben, was Erzählungen über männliche Identitäten betrifft – und über Frauen, die in einer von männlicher Gewalt überzogenen Welt zurecht kommen.

Als ich damals bei der siebten Folge von Sons of Anarchy angelangt war, habe ich mich richtig darüber geärgert, dass ich diese Serie so lange Zeit  kaum beachtet hatte. Wieso erst bei der siebten Folge? Weil Sons of Anarchy zu den Serien gehört, die eine gehörige Portion Zeit brauchen, um ihr Potential zu entfalten. Das Projekt des damaligen The Shield-Autors Kurt Sutter ist eine Shakespeare-Style-Erzählung über das Leben (und Sterben) der Mitglieder der Motorradgang SAMCRO (die Abbreviatur für Sons of Anarchy Motorcycle Club Redwood Original). SAMCRO herrscht über eine fiktionale nordkalifornische Kleinstadt namens Charming (Bewohneranzahl: 14,679). Ich möchte erst gar nicht mit den Vergleichen zu anderen Serien anfangen, die sich auch mit dem Leben von Verbrecherfamilien etc. beschäftigen (The Sopranos zum Beispiel). Sons of Anarchy hat es verdient, alleiniges Objekt dieses Artikels zu werden.

Der Erfolg der Serie nimmt nicht Wunder. Obwohl man Sons of Anarchy nach den ersten zwei Folgen als stark entwicklungsbedürftig empfindet. Interessanterweise habe ich in einem Interview mit Sutter gelesen, dass „der Schöpfer“ und die Senderverantwortlichen selbst den Anfang der Staffel auch als problematisch bezeichneten. Auf den ersten Blick sagte man sich: Na ja, Sex & Crime ohne Zensur. Im Grunde nichts Neues. Aber nach und nach entfächerte die Serie die Geschichten ihrer Figuren und verwickelte sie in eine Menge Konflikte. Wo es Konflikte gibt, gibt es auch Probleme, und wo es Probleme gibt, wird nach ihrer Lösung gesucht.

Für die Zuschauer heißt das: Spannung. Die Hauptfigur inmitten einer Menge interessanter Figuren ist Jackson “Jax” Teller (Charlie Hunnam), der von Anfang an buchstäblich zwischen Himmel und Hölle der Gefühle schwebt: zwischen dem Gefühl der Zugehörigkeit zur gewalttätigen „Family“ und dem tiefen Empfinden, dass der Weg, den SAMCRO eingeschlagen hat, sich sehr von dem unterscheidet, was sein verstorbener Vater und Gründer des Klubs sich vorstellte und wünschte. Jax erfüllt in Sutters Drama sozusagen Hamlet-Funktion – der Geist seines Vaters  führt ihn (durch das Manuskript und Voice Over des Toten) zur Macht bzw. Machtübernahme. Denn Jax ist der zweite in der Hierarchie hinter seinem Stiefvater Clay (Ron Perlman), dem Anführer von SAMCRO. Jax’ Mutter Gemma (Katey Sagal, im realen Leben Sutters Ehefrau) ist aber diejenige, die im Hintergrund die Fäden in Charming und vor allem im Leben ihrer Männer zu ziehen versucht – was ihr oft auch gelingt. Von Anfang an ist Jax in Dilemmata verfangen. Sein zu früh geborener Sohn (Sopranos’ Drea de Matteo spielt seine drogensüchtige Ex-Frau) verstärkt nicht nur Jax’ Verantwortungsgefühl, sondern bringt ihn (durch die ständigen Krankenhausbesuche) zurück zu seiner alten Flamme Tara (Maggie Siff), die als Kinderärztin wieder nach Charming gezogen ist.

Die restlichen Figuren können jede für sich als Hauptfiguren gelten. Angefangen mit Bobby Munson (Mark Boone Jr.), der sich gut mit Explosiven auskennt, über den in Schottland geborene Chibs Telford (Tommy Flanagan) hin zu Tig Trager (Kim Coates), Clays rechter Hand für schmutzige Aufträge, und Mitch Pileggi (Skinner aus X-Files) als Drogen verkaufender Neonazi und … alle Nebenfiguren wären lobenswert und erwähnenswert.

Das Schöne an Sons of Anarchy ist, dass kein Urteil über die Figuren gefällt wird: Die Art und Weise, wie die Klubmitglieder ihr Leben führen, wird weder glorifiziert noch in die Kritik gezogen. Wir sympathisieren als Zuschauer klar mit Jax, aber die anderen Figuren sind nuanciert genug dargestellt, um unser Interesse für sie wach zu halten.

Ein richtiges Highlight der ersten Staffel war der einige Episoden währende Auftritt des Gaststars Jay Karnes (bekannt als “Dutch” aus The Shield) in der Rolle des Agent Kohn, der eine Obsession für Tara hat und sie bis nach Charming verfolgt (sehr extrem: die Szene, in der Jax mit Tara Sex neben Kohns Leiche hat). Ein anderer grandioser Auftritt war der von Ally Walker (vielen bekannt aus Profiler und Frau vom FX’ Präsidenten John Landgraf) als ATF-Agentin Stahl, die gegen die illegalen Aktivitäten des Klubs vorgeht. Walkers Stahl verfolgt mit solcher Verbissenheit und Selbstgefälligkeit ihre Ziele, dass man sich als Zuschauer nahezu wünscht, dass sie von den Sons erledigt wird. Dazu kommt es beinah: in der sehr brutalen Szene im Gefängnis, als Big Otto (gespielt von Sutton selbst) mehrmals  ihren Kopf auf den Tisch schlägt. Laut Showrunner sah die Originalversion dieser Szene so aus, dass Otto Stahl den Kugelschreiber ins Auge rammt, aber die FX Verantwortlichen sagten: Genug ist genug. Und er gab diese Variante auf.

A propos: Die Frühgeburt seines Sohnes, das Lesen des Manuskripts seines Vaters und der Mord an Donna (der Frau eines der Mitglieder und Freundes von Jax, Opie): diese Stationen markieren Jax’ Transformation bis zu dem Punkt, an dem er sagt: Genug ist genug! Die Abschlusssequenz der Staffel bringt uns diesen (Auf-/Aus-)Bruch vor Augen: Nachdem Jax sich auf dem Friedhof bewusstlos trinkt und vor einer Gruft aufwacht, scheint er einen Entschluss gefasst zu haben. Übrigens lautet der Familienname auf der Gruft: Patmos.

John of Patmos ist der Autor des Book of Revelation. Jax’ Vater hieß auch John. Und der Episodentitel lautet: Revelation. Ist jetzt Jax John (schönes Spielchen, Mr. Sutton), der die Offenbarung erfahren hat? Jax trägt als Einziger bei der Trauerzeremonie Weiß, bevor ihm Tara seine Jacke bringt. Jax sagt nichts, aber sein Blick zu Clay und Tig verrät alles: Time for a change. Die Beziehung zwischen Clay (Ron Perlman), Gemma (Katey Sagal) und Jax (Charlie Hunnam) ist an einem Punkt angelangt, an dem es kein Zurück mehr gibt. Und Jax muss sich entscheiden, was für ein Mann er sein will. Nun, The Book of Revelation ist auch als The Book of Apocalypse bekannt; man kann davon ausgehen, dass auf die Offenbarung ein heftiger Gewaltakt folgen wird, denn angesichts der Verstrickungen von Clay und Tig scheint der Frieden nur durch Gewalt realisierbar zu sein… Es bleibt spannend, und viele Fragen bleiben offen:

Wird Bobby frei gelassen? Kommt die Kronzeugin wieder? Wird Jax die Führung von Clay übernehmen? Was wird passieren, falls die Mitglieder herausfinden, was Clay und Tig getan haben? Wird Tara doch in Charming bleiben? Wird man Kohns Leiche finden? Man könnte eine ganze Seite damit füllen… – Sons of Anarchy hat lange gebraucht, um einen zu fesseln, aber für mich gibt es kein Entkommen mehr!

 

 

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