The Killing: Review der Staffelpremiere (1×01 und 1×02)

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Sarah Linden will ihren Job bei der Mordkomission in Seattle an den Nagel hängen und mit ihrem Sohn und ihrem Verlobten in den Sonnenschein von Kalifornien ziehen. Aber ein Mordfall hält sie auf. 

It’s not TV. It’s AMC. Nach dem „Rise and Fall“ des grandiosen Rubicon äußerten manche Branchenkenner Besorgnis, dass AMC in der nächsten Zeit die Finger von ähnlichen Projekten lassen würde, nachdem man sie sich derart verbrannt hätte. Mit dem Start der neuen, auf dem dänischen Erfolgskrimi Forbrydelsen (The Crime) basierenden Serie The Killing wurde man eines Besseren belehrt.

Von welchen Projekten ist hier überhaupt die Rede? Von solchen, die unser Begehren nach Kunst voraussetzen – und es befriedigen wollen. Diese Befriedigung hat ihren Preis: denn der geneigte Zuschauer möchte nicht nur von A nach B geführt werden, sondern er möchte auf dem verregneten Weg das melancholische Grün der Grashalme betrachten und diese Melancholie den eigenen Rücken hoch kriechen lassen. Nur so nämlich kommt er zu einem Ergebnis, das zugleich Einsicht und Gefühl ist: wie leicht ein Grashalm zu brechen ist – und wie gut es tut, sich die Zeit für diese Erkenntnis, ihre Erfahrung und ihre Folgen zu nehmen.

Wer diese Art des Erzählens nicht mag, braucht an dieser Stelle nicht weiterzulesen, denn das Folgende ist eine Ode an The Killing, das sechs von fünf Sternen verdient hat. Leider kenne ich das Original nicht und kann hier deswegen keine Vergleiche ziehen, aber was die ausführende Produzentin und Autorin Veena Sud (Cold Case) und ihr Team geschafft haben, ist brillant und erschütternd. The Killings erste Staffel wird aus dreizehn Episoden bestehen, die sich mit der Frage beschäftigen: Who killed Rosie Larsen? Jede Episode stellt einen Tag der Untersuchung dar. Abgesehen von Vergleichen mit dem Original, drängen sich während der Eröffnungsepisode andere Assoziationen auf, nämlich mit David Lynchs Twin Peaks und der Suche nach Laura Palmers Mörder oder aber mit der kanadischen Erzählung über dunkle Seelen, Durham County. Letzteres schon deswegen, weil Michelle Forbes (True Blood), die in Durham Countys zweiter Staffel eine Hauptrolle spielte, zu The Killings Cast gehört.

Obwohl thematisch und in der kunstvollen Ausführung der kanadischen Produktion ähnlich, entfaltet The Killing eine ganze andere, schwer zu beschreibende Atmosphäre. Die Serie hat nichts Humorvolles oder aber Surreales an sich. Sie wirkt zu real. Und sie schöpft diese Wirkung nicht aus der direkten und bildgewaltigen Konfrontation mit menschlichen Abgründen, sondern sie ist die Trauer darüber. Sie inszeniert das halluzinatorische Verharren in den eigenen Gedanken, voller Furcht und Geheimnisse. The Killing setzt in meinen Augen nicht so sehr auf die Lösung von Rätseln oder darauf, den Mörder zu finden, sondern auf das, was der Dauerregen in Seattle nicht weg waschen kann. Es geht bei der AMC-Serie nicht darum, Geduld zu haben, um am Ende belohnt zu werden, sondern sich von diesem fast poetischen Fluss der Gesamtinszenierung mitnehmen zu lassen: ganz egal, ob er schnell oder langsam fließt.

The Killing ist unwiderstehlich. Der Zuschauer wird mit den unaufhörlichen Regenfluten in die Serie hinein gespült. Man meint darin zu ertrinken, aber greift nach keinem Rettungsring. Nicht, dass The Killing einen anböte: Die AMC-Produktion verspricht dem Zuschauer rein gar nichts – außer ihn erfahren zu lassen, was Trauer und Schmerz bedeuten. Obwohl die Serie nicht im Geringsten den visuellen Horror von Krimi-Procedurals erreicht, ist sie schonungslos und zutiefst erschütternd.

Heutige Krimis lassen die Gewalt im schönen Schein ihrer spektakulären Inszenierungen verschwinden, machen ihn zum Gegenstand eines „normalen“ Alltagsjobs – und das mit Leichtigkeit, ja manchmal Humor. Wie ein US-Kritiker anmerkte, wollen solche Serien nicht nur unterhalten, sondern auch den Zuschauer vor Alpträumen bewahren, indem sie letztlich die heile Welt bewahren. In The Killing ist der Horror nicht Gegenstand, sondern unausweichliches Ergebnis, Erfahrung, bei der einem der Atem stockt. Die Serie philosophiert nicht darüber, dass die Welt gebrochen sei oder Ähnliches, sondern geht vor die Tür und nimmt sie so, wie sie ist; meistens ohne Regenschirm. Die Szenen entfalten eine Art intimen Horror, einen Horror, den sich in wohl nur Eltern wirklich vorstellen können.

In seiner ersten Episode zeigt The Killing eine Aufnahme, die genau dem Verlauf der Handlung entspricht: Als Rosies Leiche auf dem Autopsietisch liegt, bekommen wir keinen Blick auf sie. Die Kamera befindet sich auf der Höhe des Fußbodens und hält bei einer kleinen Lache inne. Tropfendes Wasser macht die Lache immer größer. Die Kamera verfolgt den Weg der Tropfen rückwärts, von unten nach oben, bis sie die dunklen, nassen Haare des toten Mädchens erreicht, die vom Autopsietisch herab hängen. Es geht mir bei dieser Beschreibung nicht nur um die in der Serie omnipräsente Wassermetaphorik – die übrigens immer wieder, vor allem mit dem nassen dunklen Haar, weniger an „The Ring“ als an Hideo Nakatas japanische Originalversion von „Dark Water“ (2002) erinnert, einen Film, der von einer ganz ähnlichen Traurigkeit erzählt. Hier geht es vor allem darum, wie The Killing seine Erzählung im Piloten entfaltet. Zwei Mal wird mit dem Zuschauerblick gespielt: das erste Mal, als Sarah beim Joggen ein totes Tier am Ufer entdeckt, und ein zweites Mal in der Szene, als ihre Kollegen einen „Abschiedstatort“ für sie inszenieren.

Es dauert sehr lange, bis wir mit Rosies Leiche konfrontiert werden. Die Spannung wird hier rückwärts aufgebaut, wie die Kamera zu Rosies tropfendem Haar zurück wandert. Die Serie beginnt den Tod des Mädchens zu betrauern, bevor Rosie gefunden wurde und Gewissheit herrscht. Nicht nur die Figuren, sondern auch wir Zuschauer empfinden die beinahe erdrückende Unausweichlichkeit, mit der man sich dieser Gewissheit nähert. Die Serie versetzt uns in die Rolle des Tropfens, der den Halt in Rosies Haaren verloren hat und hinab fallen muss.

Darüber scheint auch die allein erziehende Mutter Detective Sarah Linden (Mireille Enos) nachzudenken, die eigentlich schon ihren Weg hinaus begonnen hat: hinaus aus ihrem bisherigen Leben und aus dem regnerischen Seattle. Sie will mit ihrem Verlobten (Chad Willett, Battlestar Galactica) und ihrem Sohn Jack (Liam James) nach Kalifornien umziehen. Genau wie in Breaking Bad mit Bryan Cranstons Walter White oder in Rubicon mit James Badge Dales Will Travers verbringen die AMC-Produktionen auch hier eine Menge Zeit damit, die Figuren beim Denken zu zeigen: Wir wünschen uns zu erfahren, woran sie denken, während unser Blick auf ihnen ruht. Diese Figuren – auch Sarah in The Killing – machen das Verharren, das einfach-nur-an-etwas-Denken, das Blicken auf etwas faszinierend, ohne ein Wort zu verlieren.

Sarahs Figur, im Strickpulli, scheint in der heutigen TV-Welt mit ihren exzentrischen, hyperintelligenten Ermittlern fast deplatziert und teilweise zu ‚normal’.  Aber Sarah Linden kommt ohne den Genie-Bonus aus, und die Performance von Mireille Enos ist überragend. Vor allem das Zusammenspiel mit Joel Kinnaman (aka Sarahs Nachfolger, Detective Stephen Holder) sorgt dafür, dass wir Zuschauer nicht für eine Sekunde die Augen von den beiden lassen können und wollen. Enos und Kinnaman spielen ihre Figuren mit einer seltsamen Unberechenbarkeit, zurückhaltend und gleichzeitig sehr emotional. Der schwedische Schauspieler Kinnaman feiert mit The Killing ein mehr als überzeugendes Debüt auf den US-Bildschirmen. Michelle Forbes und Brent Sexton spielen Rosies Eltern herzzerreißend, und auch Billy Campbell in der Rolle des Anwärters auf den Bürgermeistersitz passt perfekt ins Ensemble und lässt den Zuschauer rätseln, was seine Figur wirklich will und was sie zu verbergen hat. Übrigens haben nicht nur die Vorlage und ein Schauspieler mit Skandinavien zu tun, sondern auch der Score: Frans Bak, der die Musik für das Original schrieb, ist auch bei The Killing am Werke.

Die neue AMC-Serie ist schon nach zwei Episoden ein Kunstwerk, das sich wie ein nasser Grashalm auf der Haut anfühlt: leicht und kühl – und seine unausweichliche, echte Nässe lässt uns unausweichlich schaudern.

 

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