Sons of Anarchy: Albification (2×01)

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Ehrlich gesagt, habe ich nichts anderes erwartet, als dass Sons of Anarchy genau an dem Punkt einsteigt, an dem das Finale der ersten Staffel aufhörte. Damit ist ein Höhepunkt gemeint. Im Laufe der ersten Staffel nahmen Sutter und seine Co-Autoren einige Korrekturen vor. Das Ergebnis ist ein rundes, fertiges Produkt. Ein Produkt, das dem Zuschauer Schweißperlen auf die Stirn treibt und ihn mit Magenschmerzen zurücklässt – ungeduldig der nächsten Episode harrend.

SoA feurt aus allen Rohren! Buchstäblich und metaphorisch – wie man will. Die Eröffnungssequenz zeigt, wie die Sons ihre neue Waffenlieferung testen. Die Kamera schwenkt langsam von links nach rechts und zeigt uns die Clubmitglieder, wie sie auf Pappenziele feuern. Die Episode Albification (der Titel bedeutet „the act or process of making white“) ist genau das, was SoA ausmacht – Konflikte produzieren, die zu noch mehr Konflikten führen. Bei SoA geht, gleich einer explosiven Kettenreaktion, eine Zelle nach der nächsten hoch.

Genauso wie bei The Sopranos oder The Shield bringt die neue Saison einen neuen Opponenten für die Antihelden. Der gehört diesmal der ganz abscheulichen Sorte an: Ethan Zobelle und seine Leute stellen eine Neonazigruppierung dar (Henry Rollins in der Rolle von Ethans rechter Hand), die eine Art Säuberungstour durch die Kleinstädte unternimmt. Sie fordert SoA auf, ihren Waffenhandel einzustellen (also keine Waffen für Farbige), sonst würde es schlimme Konsequenzen geben. Wie schlimm kann es für die SoA noch werden, die von internen Konflikten und Geheimnissen erschüttert werden?

Ich verrate es: Schlimmer! Und für den grausamen Akt, mit dem die Episode endet, muss ausgerechnet Gemma (Katey Sagal) hinhalten, die Ehefrau vom Autor Sutter! Nicht vergessen – auch für die Szene mit David Aceveda bei The Shield war Sutter als Autor verantwortlich. Gemmas Entführung und Vergewaltigung geschieht grausamerweise genau nachdem sie ein ernsthaftes Gespräch mit Tara (Maggie Siff) geführt hatte, in dem sie zu ihr sagt, mit Jax (Charlie Hunnam) eine Beziehung zu führen, bedeute, auch das schlimmste Detail aus seinem Leben zu kennen: „You love the man, you learn to love the Club!“ Grausame Ironie!

SoA schafft es innerhalb einer Stunde tatsächlich, jedem Subplot und jedem, auch dem kleinsten, Konflikt Screentime zu geben. Wie zum Beispiel dem Chief Wayne Unser (Dayton Callie), der nicht nur pensioniert wird, sondern auch todkrank ist.

Neben der neuen Bedrohung wird in dieser ersten Episode der neuen Staffel der Geschichte um Opies (Ryan Hurst) Frau nachgegangen und detailiert die komplizierte Situation geschildert, in der sich alle befinden. Sehr interessant auch das Treffen zwischen Darby (Mitch Pileggi) und den „neuen“ Neonazis, bei dem durch Darbys eher praktische Einstellung zur Ideologie gezeigt wird, dass die LAN (The League of American Nationalists) definitiv SS-Profil besitzt.

Einerseits könnte man meinen, dass durch die Einführung solch abscheulicher Gegenspieler versucht würde, den Club moralisch auf eine andere Stufe zu stellen, nobler zu machen – aber andererseits: wie kann die Entscheidung moralisch vertretbar sein, einen (an diesem einen Verbrechen) unschuldigen Mayan wie ein Wild zu jagen und brutal zu ermorden? (Hier hielten es Autor Sutter und Regisseur Guy Ferland nicht für nötig, noch einmal zu filmen, da Blut auf die Kameralinse spritzte.) Oder soll man denken, dass der Mayan es sowieso verdient hat – als Drogenhändler und Mörder? Welche Entscheidung ist vertretbar und welche nicht? Kann man Brutalität und Lügen abstufen?

Um den Kreis zu schließen: Sons of Anarchy feuert aus allen dramaturgischen Rohren und lässt uns Interesse an Figuren entwickeln, die man eigentlich nicht sehen will. Das heißt nicht, dass wir diese Figuren lieb haben. Wir werden, dank großartiger Drehbücher und Inszenierungen, in ihre Welt, in ihr Leben hineingezogen – mit Magenschmerzen.

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