Sons of Anarchy: Na Triobloidi (2×13)

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Anscheined wollten sich die FX-Leute beim Autofahren nicht nach LKWs mit der Aufschrift „Unser“ umgucken, wie TV-Kritiker Alan Sepinwall scherzte, und haben deshalb die Verlängerung von Sons of Anarchy beschlossen („FX bestellt mehr «Sons of Anarchy» nach Quotenhoch“ – Meldung vom 03.12.2009). Jetzt darf Showrunner Kurt Sutter, der Stoff für fünf Staffeln hätte, die Geschichte erstmal weitererzählen. Wie er in seinem Blog mitteilte, überlegt er bereits, wie die Figuren aus den schweren Situationen herauskommen, in die er sie zum Ende der Staffel gesteckt hat. Interessanterweise graben die Autoren offenbar den Figuren ihre Gruben, ohne einen Plan, wie sie daraus zu befreien sind.

Das Verfassen der Drehbücher verläuft offenbar folgendermaßen: Wir stecken sie in die Sch…, gehen schlafen und gucken nachher, wie es weiter gehen soll. Na ja, Hauptsache, man findet seine Linie und es läuft weiter. Deswegen musste ich schmunzeln, als Unser am Ende Gemma (Katey Sagal) fragt: „Any idea where we’re headed?“ und sie antwortet: „No.“

Damit sind die finalen Gedanken zur zweiten Staffel eingeleitet. Man könnte es bewenden lassen bei: Es war grandios! Das reicht eigentlich. Aber ich weiß, dass „SoA“-Fans die Diskussion ihrer Serie lieben und sich über ein paar Anregungen immer freuen. Außerdem muss „Es war grandios!“ begründet werden. Ich versuche es – und wenn es mir nicht gelingt, dann bleibt der Satz hier trotzdem stehen… Ein kleiner Warnhinweis: Den Versuch als misslungen zu disqualifizieren, hätte LKW-Konsequenzen.

Na Trioblóidi enthält den Cliffhanger, mit dem die Episode endet, schon in seinem Titel, denn der bedeutet in der gälischen Sprache The Troubles. Die Probleme in der amerikanischen Kleinstadtidylle von Charming liefen schon seit geraumer Zeit einem Showdown entgegen – und fanden ihn in dieser Episode, mehr oder weniger jedenfalls. Eins muss man noch vorweg nehmen, bevor wir uns den Ereignissen widmen: Die kinematografische Umsetzung war diesmal um noch einen Tick besser als sonst. Serienschöpfer Sutter, der seinen zweiten Regieeinsatz feierte, und Director of Photography Paul Maibaum boten Bilder, die sich dem Kurzzeitgedächtnis wie mit dem Brenneisen einprägten. Ein Bild mit Ratten, die am Straßenrand einen toten Vogel abnagen, bevor wie in einer Halluzination die Lichter der Samcro und der Polizeiautos in der Dämmerung an uns vorbeirauschen, macht den Anfang und ist zugleich schon metaphorischer Kommentar der Ereignisse: Tod, Verrat (Zoebell ist „a rat“), der Zustand des Clubs (trotz Wiedervereinigung) im Vergleich zu John Tellers Vermächtnis und so weiter. Man kann viel hineininterpretieren; das ist das Schöne an der Arbeit mit kleinen Details. Apropos John Teller und kleine Details: Was hört Otto (Kurt Sutter) in der Bibliothek, bevor er Rache an dem arischen „Genossen“ nimmt? Tellers Manifest als Hörbuch? Und sofort zum Auditiven: Das durch Paul Brady gecoverte „Gimme Shelter“ oder Monster Magnets „Freeze And Pixilate“, als die Clubmitglieder zum Kampf aufbrechen, sind nur zwei prominente Beispiele aus dieser Episode.

Die von den Zuschauern lang ersehnte Rache dominiert die Ereignisse – oder wie Sutter sagt: Manche müssen den Preis bezahlen. Es waren deren drei: Poly, Camerons Sohn und Weston (Henry Rollins). Trotz der Beschaffenheit seiner Figur muss man Henry Rollins ein Kompliment für seine Darstellung aussprechen; in den letzten Episoden und vor allem im Finale gelingt es ihm überdies, der Figur Gewicht zu verleihen, sie für den Zuschauer „begreiflich“ (nicht: entschuldbar!) zu machen. Ich fand die Entscheidung der Autoren sehr gelungen, ihn sich freiwillig von Jax hinrichten zu lassen anstatt im Zuge eines Kampfs. Er tritt seinem dramaturgisch verdienten Tod entgegen. Und hier haben wir das nächste einprägsame Bild. Bevor die Kamera die Toilette verlässt, schwenkt sie nach unten und bleibt stehen: zwei Nazi-Stiefel mit einer sich bildenden Blutlache dazwischen. Heftige Bildsprache, Herr Sutter. Zum Glück läuft „SoA“ auf einem Kabelsender, wo die Serien die Zeit bekommen, um eine Geschichte ordentlich zu erzählen – wie in diesem einstündigen Finale. Sonst wäre kaum Platz und Zeit für gewisse Momente mit geradezu epischer musikalischer Untermalung gewesen, etwa den Toast auf Westons Tod im Club, Clays (Ron Perlman) mehrdeutigen Satz: „You’re a good son“, die Verfolgungsjagd auf der Straße, als die Sons die Myans mit Hilfe von Unsers LKW auseinandernehmen, oder die Sergio-Leone-artigen Showdown-Bilder auf Charmings Hauptstraße. Hier kann sich [quotme=SoA] richtig auspowern… und den Zuschauern Lust auf mehr machen!

Dramaturgisch problematische Punkte: Wieso entwischt Zoebell doch noch – mit kaputtem Reifen? Warum liebt Poly plötzlich Camerons Sohn so sehr? Dafür dramaturgische Geniestreiche: Ausgerechnet mit Hilfe von Stahls (Ally Walker) Figur werden der Cliffhanger und der Konflikt für die dritte Staffel in Bewegung gesetzt.

Über all der Action und den Rachegelüsten vergaß Na Trioblóidi nicht die stillen emotionalen Szenen: Taras (Maggie Siff) sprachloses Entsetzen über Abels Entführung, Clays verlorenen Blick, als Cameron entwischt. Man spürt, dass ihm (wie auch ganz Charming und Samcro) die Sache irgendwie aus den Händen rutscht. Sutter hat in der nächsten Staffel ohnehin vor, Samcro über die Grenzen von Charming hinaus auftreten zu lassen, in einer Welt, wo sie kein Oberwasser haben. Außerdem werden wir mehr über Tellers Familiengeschichte erfahren.

Nach so einem Versprechen muss man beherrscht zusammenfassen (bevor man vor Vorfreude komplett ausrastet): Zweierlei hat „SoA“ mit diesem Finale erreicht. Erstens: eine vorübergehende Lösung für manche Probleme und Genugtuung für den Zuschauer. Natürlich ist es problematisch, eine gewalttätige, tödlich endende Lösung als Genugtuung zu bezeichnen oder zu empfinden, aber man konnte nicht mehr erwarten, dass zum Beispiel Weston plötzlich bekehrt wird und Jax (Charlie Hunnam) die Hand schüttelt. Auge um Auge, heißt das Prinzip, nach dem das Leben in „SoA“s fiktionaler Welt funktioniert – und nicht Halt die andere Wange hin. Zur Gewaltproblematik bei „SoA“ und den anderen zwei der drei derzeit besten Serien im TV, Breaking Bad und Dexter, kommt übrigens noch ein Special-Artikel.

Zurück zum zweiten Punkt: „SoA“ knüpft in diesem Finale geschickt die narrativen roten Fäden für die dritte Staffel an, schiebt alle Figuren auf dem Schachbrett in neue Startpositionen und macht bereits den ersten einleitenden Schachzug, Abels Entführung.

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