Castle: Kill Shot (4×09)

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Blaue Stille. Die Mündung eines Gewehrlaufs. Die Kamera gleitet wie auf einer eisigen Oberfläche die Waffe entlang bis zum Finger am Abzug. Nach einer Sekunde Stillstand wird abgedrückt. Den Schuss hört man nicht wirklich. Nur der dumpfe Verdacht breitet sich aus, dass die Kugel ihr Ziel nicht verfehlt hat. Wer, wo, warum?

ABCs Castle hat bis zu den Sweep-Wochen gewartet, um abzudrücken und die Lawine loszutreten, die man uns seit dem Finale der dritten Staffel fast hat vergessen lassen. Je länger unterdrückt, desto heftiger kommt das Unterdrückte zurück!

Für manche Zuschauer mag es übertrieben gewirkt haben, wie plötzlich alles mit Kate geschieht und wie schnell sie wieder auf die Beine kommt. Aber hinsichtlich der Vergessenheit, in die ihre Erfahrung – natürlich mit Absicht der Autoren! – geriet, lässt sich durchaus wirkungsvoll das Wort sniper benutzen: um das schmerzvolle Chaos zu entschlüsseln, das über Kate (Stana Katic mit hervorragender Leistung!) hereinbricht.

Ab dem Fallen des ersten Schusses und des Wortes sniper interessierte es mich eigentlich nicht mehr, ob eine Person so getriggert werden kann oder nicht und ob man das nachweisen kann. Es geht um die emotionale Wirkung und die Spannung, die hier erreicht werden.
Als Castle-Zuschauer ist man mit dem Herzen mehr als mit dem Kopf und der Logik dabei. Und Kill Shot, Castle gelingt ein Treffer direkt ins Herz, so wie in den ersten Sekunden der Episode eine junge Frau wie aus dem Nichts niedergeschossen wird: von einem Scharfschützen, direkt ins Herz. Es folgen weitere Opfer.

Die Stadt gerät in Panik ob der angeblichen Wahllosigkeit des Schützen: Jede/r kann das nächste Opfer sein. Und Opfer brauchen Hilfe, vor allem die Hilfe anderer, nahe stehender Menschen. Dafür aber muss man diese Anderen helfen lassen…

Kate Beckett freilich sieht sich zunächst nicht in der Rolle des Opfers und stürzt sich in den Fall hinein, was dazu führt, dass die dünnen Wände plötzlich einstürzen, die sie nach dem traumatischen, fast tödlichen Schuss umgaben. Die Welt entgleist. Visuell und vor allem auditiv werden wir buchstäblich in Kate Becketts Haut gezwungen, hineingeworfen – ohne Vorwarnung und ohne Fluchtmöglichkeit.

Als Zuschauer fühlt man sich beinahe hilflos, als wolle man sich selbst die Ohren zuhalten, während man mit den Augen nach einem Ausweg aus den schnell wechselnden chaotischen Bildern sucht; aber das Einzige, was man hört, ist ein dumpfes Klicken, und was man sieht, ist Leere. Kate Beckett scheint wie eine leere Hülse zu fallen, die sich nicht auffangen lässt. Es ist natürlich ein beliebtes dramaturgisches Mittel in Procedurals, den Fall der Woche zu benutzen, um persönliche, emotionale Reaktionen bei einer Figur auszulösen. Mir geht es aber hier um den Effekt, der damit erzielt wird – und nicht so sehr darum, ob die Idee neuartig, originell etc. ist.

Abgesehen von Stana Katics Performance machen die Autoren hier zwei Dinge richtig: nämlich Castle mehr oder weniger in die Rolle des aktiven Beobachters zu manövrieren – und statt dessen Nebenfiguren einzusetzen. Da die Beziehung zwischen Castle und Beckett vermutlich das Wichtigste ist, was Beckett zu einem Schritt nach vorne verhelfen könnte, stellt man sie hier bewusst nicht heraus und verzichtet damit auf dramatische Effekthascherei. Nicht Castle (Nathan Fillion) – zumindest nicht direkt -, sondern Esposito ist derjenige, der Kate mit ihrem Trauma manchmal gnadenlos konfrontiert.

Das passt sehr gut zum Scharfschützen-Fall und zu Espositos (Jon Huertas) Hintergrund. Auch Kates Psychiater ist bereit, ihr zu helfen, aber will Kate das zulassen? Auch wenn mir die Papiermännchen am Tatort als Hinweis auf den nächsten etwas übertrieben und unlogisch scheinen bezüglich der Person, die Jagd auf Unschuldige macht, erzielen sie ihre Wirkung, so wie beispielsweise auch die gleichzeitig klingelnden Telefone auf dem Polizeirevier.

Durch Castles Rückzug von der vordersten Front, wo Beckett und Esposito Posto bezogen haben, und durch seine Erklärung zu den Papiermännchen (dank Alexis’ Hinweis) erreicht man beinahe unauffällig, dass Castle mit Gates zusammen arbeitet und sie seine Mitarbeit akzeptiert.

Am Ende schafft es die Episode sogar wieder einmal, die Lösung des Falls auf Kate und Richard gemeinsam zurückzuführen: Er findet den psychischen Grund für die Taten, das Warum – und sie das Wie, den physischen Hinweis auf den Täter. Und schon wieder steht Kate nicht in ihren Gedanken, nicht in ihren Erinnerungen, sondern in der Gegenwart vor einer Gewehrmündung.

Sie versucht dem Schützen diesen Schuss auszureden, aber scheitert – eine weitere gute Entscheidung! Manche Menschen wollen die Hilfe nicht annehmen, die ihnen angeboten wird. Im letzten Moment wird der Mann von Esposito erschossen. Und Kate entscheidet sich, ihren Finger von dem Abzug zurückzuziehen, an dem er bereits lange Jahre zu liegen schien – seit dem Tod ihrer Mutter. Kann sie das wirklich tun? Wer wird diese Kate Beckett sein, die nicht auf ein Ziel fixiert ist und ihre ganze Energie darein investiert?

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