Castle: Last Call (3×10)

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Wenn Last Call, Castle eine Bones-Episode wäre, würde sie “The Story in the Story” heißen. Nachdem Castle die Fans zwei Wochen lang ohne neue Episode in Vorweihnachts-Katastrophenstimmung hängen ließ, beschert die ABC-Serie ihren Zuschauern nun doch noch eine letzte Episode für dieses Jahr.

Derzeit sind Castles Charme und gewitzte Leichtigkeit innerhalb der TV-Landschaft kaum zu übertreffen. Böse Internet-Zungen monieren natürlich, dass die Fälle der US-Serie unglaubwürdig wirken, dass die Nebendarsteller ihre Rollen klischeehaft gestalten, dass der Nebenplot mit Alexis auf Immergleiches hinausläuft und dass es immer ein Happy-End gibt. Natürlich haben diese Zungen nicht Unrecht… wenn es um die Oberfläche geht!

Es verhält sich mit solchen Zungen wie mit Eis und einer Eisenstange. Lasst mich das erklären: Wer den Film Dumb and Dumber mit Jim Carrey kennt, erinnert sich bestimmt an die Szene mit dem Ski-Lift. Wenn man versucht, das Eis von einer Eisenstange abzulecken, kann es sein, dass die Zunge kleben bleibt. Dasselbe gilt für Castle: Betrachtet man die Serie mit Abstand – unter dem mit Luft gefüllten Stichwort “objektiv” -, bleibt die böse Zunge kleben! Nicht alles, was Eis ist, kann man ablecken.

Damit soll nicht gesagt sein, dass Castle irgendwelche tiefsinnigen Enthüllungen über Gott und die Welt biete und deswegen analysiert, dekonstruiert und auf andere Arten misshandelt werden müsse. Castle muss subjektiv gesehen werden: dann lässt sich das Wiederholungsschema genießen! Mit Gefühl muss man die b=ABC-Produktion sehen, mit Gefühl für Humor, für Geschichten und für die Liebe zu dieser speziellen Geschichte.

Mit Geschichte ist hier… eben Geschichte gemeint: auf jede erdenkliche Art und Weise, sei es TV-Geschichte, Literaturgeschichte, Liebesgeschichte oder Krimi-Geschichte. Kann sein, dass die Fälle nicht mit neuester Technologie und in Windeseile gelöst werden (solche Auflösungen haben auch ihren Charme!), aber sie bringen irgendwie einen Hauch der Agatha Christie-Zeit mit. Last Call, Castle kommt passend: nicht nur zum Finale von HBOs Boardwalk Empire, sondern auch als Beschreibung der eigenen Beschaffenheit.

Die neue Episode nämlich handelt von einem Mord, der vor einem geschichtlichen Hintergrund begangen wurde. Ein Barbesitzer hat ein altes Lager aus der Prohibitionszeit aufgetan, voller Whiskey-Flaschen, deren Wert und Inhalt Castles (Nathan Fillion) Augenbrauen in die Höhe treiben. Man muss Geschichte und Inhalte aus früheren Zeiten zu schätzen wissen! Heutzutage hat man den Kontakt zur Geschichte ja beinah verloren – jedenfalls materiell: die eigenen Wurzeln, den romantischen Charme des Alten kennen wir bestenfalls noch virtuell, nicht mehr als taktilen Reiz.

Oder eben olfaktorisches: Eine Jahrzehnte alte Scotch-Flasche enthält nicht nur guten Whiskey, sondern eine gute Geschichte, sie enthält Gefühl, romantische Erinnerung an die Zeit, als es noch Schätze gab und die Kindermärchen sich um echte Schatzsuche drehten.

In der Welt der Internet-Kindermillionäre gibt es keine Schätze mehr, wie wir im Laufe von Kates (Stana Katic) und Richards Untersuchung erfahren: Was man braucht, kauft man sich eben – und schmeißt es dann weg. Wirklich gekostet hat man es nicht: weil die Zunge das ableckt, was die Augen sehen, nicht das, was das Herz sieht… Beckett und Castle finden den Mörder, das geheime Lager und einen Weg für Castle, sich eine der Whiskey-Flaschen zu besorgen. Währenddessen hat er sich entschieden, (die) Geschichte selbst in die Hände zu nehmen – und die alte Bar “The Old Haunt” zu kaufen.

Die Episode könnte nicht besser enden als mit dem Bild der Beteiligten (Castle, Kate, Ryan, Esposito und der Chief), die sich singend auf den Weg in die Bar machen. Ich weiß, ich habe es wieder einmal vermasselt, den Verlauf der kriminalistischen Untersuchung detailliert zu beschreiben und auf den Alexis-Nebenplot um ihre Freundin aus den Kindertagen einzugehen. Aber was soll ich sagen – sie waren wie immer: zum Genießen.

Und die Moral von der Geschichte: Ist es nicht merkwürdig, dass wir eine TV-Serie schauen müssen, um über visuell-virtuelle Reize an Gefühl und Geschmack erinnert zu werden? Und wenn das dann auch noch gelingt: bedeutet das nicht eine Qualität, die sich ganz entspannt behaupten kann gegen jegliche Objektivität? Zum Wohl!

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