Alcatraz: Review der Pilotenepisode (1×01)

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Detective Rebecca Madsen sieht sich plötzlich mit einem ungewöhnlichen Fall konfrontiert, der sie zurückführt in die lange Geschichte des US-Gefängnisses Alcatraz und erschreckende Details ans Licht bringt. Ihre eigene Familie ist stärker in die Ereignisse verwickelt, als Madsen vermutet hätte.

Kann man verschwinden? Spurlos ausradiert werden aus Raum und Zeit? Oder ist man dann immer noch da, nur außerhalb einer Welt, so dass man sie außen beobachten, einschätzen, objektiv bewerten kann? Das würde heißen, die eigenen Gefühle und Emotionen ausschalten zu können. Eigentlich ist dies das Problem, mit dem man hadert: Egal, wie weit man durch Raum und Zeit reisen mag – das Herz kann nicht zurückgelassen werden. Es folgt – und ihm wird gefolgt. Die Universen, die J.J. Abrams und seinen Autoren bis jetzt aus der Feder flossen (wobei Abrams, abgesehen vielleicht von einer Initialzündung, meistens nur als Label fungiert), scheinen nicht so sehr Physik zum Kern zu haben, sondern das menschliche Herz.

Das beste und chronologisch passende Beispiel wäre natürlich Fringe: Peters (Joshua Jackson) Verschwinden aus Zeit und Raum, das zum Überschreiben der Zeit führt. Aber Peter kehrt zurück, und diese Rückkehr wirft alles aus dem Gleichgewicht. Obwohl sich Alcatraz auf einer Insel befindet, was sofort Lost in Erinnerung ruft, scheinen die neue FOX-Serie und Fringe auf den ersten Blick Einiges gemeinsam zu haben, vor allem dramaturgisch. Auch Fringe begann als Mischung aus Procedural und mystisch-phantastischen Elementen, um sich nach und nach eine mehrschichtige Mythologie aufzubauen, in der alles mit allem in Verbindung steht, in der nichts wirklich verschwindet und nichts vergessen wird. Ein Wärter betont: No one forgets in Alcatraz. Während wir zum Auftakt der Serie Bilder aus dem Jahr 1963 sehen, erzählt uns eine männliche Stimme, dass das Schließen des berühmten Gefängnisses in diesem Jahr und der Transfer der Gefangenen nicht so ablief, wie es dokumentiert wurde. Not at all! Die 256 Gefangenen und 46 Wärter verschwanden plötzlich.

Aber nur wir Zuschauer werden vorerst mit diesem Mehr-Wissen ausgestattet – und nicht Detective Rebecca Madsen (Sarah Jones, Sons of Anarchy), die 49 Jahre später in San Francisco ihrem Job nachgeht und auf tragische Weise ihren Partner verloren hat, während einer Verfolgungsjagd. Doch die Serie scheint es kaum abwarten zu können, ins mythologische Wasser zu springen und uns in den 44 Minuten Laufzeit des Piloten eine Menge zu erzählen. Ich werde versuchen, in den Reviews zu Alcatraz stets die Zahlen als Nummern zu schreiben, um vielleicht die eine oder andere Assoziation zu provozieren… oder sogar eine versteckte Erzählung innerhalb der Erzählung zu finden? Die nämlich gibt es immer, und das betrifft nicht nur Abrams-Produktionen. Jede Geschichte hat zwei Seiten, wie eine Procedural-Floskel besagt. Nun: auch wenn sich diese zwei Seiten meist als einem Möbiusband zugehörig erweisen und zum selben Ergebnis führen, verändert sich doch der durch die Geschichte Reisende. Man kann behaupten, dass der Alcatraz-Pilot es dem Zuschauer leicht macht, den Ereignissen zu folgen und damit einen Sinn für die Geschichte zu entwickeln. Die Mischung aus Fragen und Antworten ist genau richtig, um die Initialzündung beim Publikum zu erzeugen – FOX könnte also mit dieser neuen Serie endlich die richtigen Zahlen schreiben! Wobei es natürlich ziemlich lustig wäre, wenn die Ratings die Zahl 8 enthielten. Denn die spielt eine prominente Rolle in der Pilotepisode… Aber so weit hat uns die Alcatraz-Fähre noch nicht getragen. Und die Fahrt ist nicht so ungefährlich, wie die Touristen glauben, die den Felsen in der San Francisco Bay besuchen.

Denn auf dem Weg vom Gefängnis in die Stadt sehen wir einen gewissen Jack Sylvane (Jeffrey Pierce), den ein junges Mädchen aus der Touristengruppe in einer Zelle entdeckt. Der scheinbare Obdachlose ist keiner: Er lebt hier rechtmäßig! Der Mann ist ein Gefängnisinsasse, der nach all den Jahren plötzlich auftaucht, nicht gealtert zu sein scheint und… einen Mordzug beginnt. Das erste Opfer: der damalige Gefängnisdirektor-Assistent E.B. Tiller. Den Tatort übernimmt FBI-Agent Emerson Hauser (Sam Neill). Madsen – gemäß ihrer typischen Procedural-Figurenbeschreibung: Cop-Familie, tote Eltern, dunkle Familienvergangenheit, Workaholic, sich an allem die Schuld gebend etc. – lässt sich nicht so leicht abspeisen und fängt eine Untersuchung an, nur um herauszufinden, dass Sylvanes Fingerabdrücke am Tatort zu finden sind: Abdrücke eines Mannes, der vor 30 Jahren gestorben sein soll.

Expertenhilfe holt sich Madsen von dem Alcatraz-Spezialisten und Comicbuchladenbetreiber Dr. Diego “Doc” Soto (Jorge Garcia, Lost). Währenddessen sehen wir in Flashbacks, welche Qualen Tiller Sylvane damals erleiden ließ. Nummer 2024 (Sylvaine) befindet sich auf der Alcatraz-Krankenstation, als ihm Insasse Nummer 2002 – hinter einem Vorhang nur als Silhouette zu sehen – sagt, dass bald etwas Schlimmes geschehen würde. Diese Rückblenden finde ich angemessen, denn nicht nur kreieren sie eine komplizierte Gefühlslage – wir entwickeln Sympathie für Sylvaine, aber seine gegenwärtigen Handlungen stehen dem krass entgegen -, sondern sie liefern stets ein Stück der Geschichte dieser Welt. Madsen und Soto, die als ungleiches Paar aus der Spurensuche sehr gut funktionieren, versuchen Alcatraz’ Archiven mehr Informationen zu entnehmen – nur um zu erfahren, dass das alte Gebäude bei weitem nicht völlig verlassen ist.

Hauser führt dort eine Spezialeinheit, bestehend bisher nur aus Lucy Banerjee (Parminder Nagra), die sich mit den Ereignissen beschäftigt: mit Verschwinden und Zurückkehren, mit Vergessen und Erinnern. Welcome to Alcatraz, sagt Hauser zu Madsen und Soto, aber auch gleichzeitig zu uns Zuschauern. Wir schreiben die 22ste Minute, exakt die Hälfte der Episode. Madsens Ziehvater (Robert Forster), ein ehemaliger Alcatraz-Wärter, rät ihr von der Sache ab. Auch Madsens Großvater war Wärter – zumindest glaubte Madsen das bisher; nun aber findet sie heraus, dass er damals einsaß und für den Tod ihres Partners die Verantwortung trägt. Die Verschollenen kehren also zurück, wie Hauser erklärt, und bringen nicht nur unvergessene Emotionen mit sich, sondern auch einen Auftrag. Sylvaine tötet zwar Tiller aus Hass – aber er tötet dann auch einen gewissen Flynn, der in keinerlei Verbindung zu ihm selbst steht, um einen großen Schlüssel zu holen. Übrigens: die Waffe holt er sich aus einem Schließfach, dessen Schlüssel wiederum die Zahl 8 trägt…

Als Madsen und Houser Sylvaine erwischen, erzählt er, dass die Sache mit Flynn ein Auftrag gewesen sei. Aber von wem? Und wo hielt sich Sylvaine all die Jahre auf? Außerhalb der Zeit? Am Ende sehen wir, wohin er kommt: unter die Erde, in eine Nachbildung des Alcatraz-Zellenblocks tief in den Wäldern, wohin ihn Hauser – ohne das Wissen seines neuen Teams – führt. Welcome home, Jack. E.B. Tiller was my friend… Not to worry, Jack. You won’t be lonesome long. Noch 255 Gefangenen und 46 Wärter werden laut Hauser kommen. Wenn Alcatraz die Mischung weiterhin ausbalancieren kann und die Hauptfiguren die Sympathie der Zuschauer gewinnen, könnte die Serie die nötige Episodenzahl bekommen.

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